M
17. Jahrgang
Dienstag, den 30. Dezember 1890.
Für die Redaetion verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
t i
«ierteljährlicher AbonnementSprei« ohne Bringer« lohn und Bestellgew mit der belletristischen Sonntagsbeilage /Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.
XXXIII.
Das alte Schloß in der Haide mochte wohl selten eine so glänzende Menge in seinen Mauern versammelt gesehen haben als an diesem Abende. In den erleuchteten Sälen bewegte sich die volle Zahl der Geladenen. Seidene Roben und luftige Tüllwolken wogten über das Parkett; Fächer schwirrten und Juwelen blitzten, schöner noch als all' das Leuchten der Perlen und edlen Steine aber schimmerten die strahlenden Frauen.
Es war ein herrlicher Damenflor; da sah man die Komtessen von Neuberg in reizenden Gaze-Kleidern, auch Käthe von Welfingen war da, srisch und niedlich, wenn auch nicht so vornehm aussehend, wie Bertha van der Lohe, welche in einer weißen, kostbaren Spitzenrobe am Arme ihres Vaters in den Saal trat. Jetzt erklangen die ersten Töne einer Pol»naise und die Paare traten an. Baronin Felicitas eröffnete mit dem Grafen von Neuberg den Ball, dann folgte der Baron selbst in seiner reich gestickten Generalsuniform, eine Dame des höchsten Adels führend. Bei dem dritten Paare ging ein Laut der Bewunderung durch den Saal. Wer war die königliche Gestalt in der cremefarbenen Atlasrobe am Arme des Marinaren ?
Illa Eltmann hörte das Flüstern um sie her. Ein stolzes Lächeln schwellte ihren purpurrothen Mund, sie warf den Kopf zurück, welcher die Fülle der schweren
Deutsches Keich.
Berlin, 27. Dezember.
* Dem preußischen Landtage soll eine neue Tperr- geldervorlage zugchen, die von der ,Köln. Volkszeitung' als für das Centrum annehmbar bezeichnet wird. Auch eine Vorlage, betreffend die Suecur- falpsarren foll zu erwarten fein.
* Am heutigen Tage wird in London für Rechnung des Sultans von Sansibar die Summe von 4 Millionen Mark als Abfindung für die Abtretung der Küste der deutschen Interessensphäre in Lst- afrika gezahlt. Der Reichskommissar für Ostafrika ist angewiesen worden, die nachstehende Verordnung zu erlassen:
„Vom' L MMär IS»! at> Surren MükMr og uer deatsty- ostasrikamschen Küste an anderen Stellen als an den unten bezeichneten Häfen weder ein- noch ausgefchifft werden. Diese Häsen sind: Tanga, Pangani, Saadani, Bagamoyo, Darcs - Salaam, Kilwa, Lindi und Mikindam. Zuwiderhandelnde werden auf das Strengste bestraft und äBaaren, welche an anderen als den vorgenannten Orten zur Ein- oder Ausschiffung gelangen, in Beschlag genommen werden. Vom 1. Januar ab erfolgt die Zollerhebung an der Küste für Rechnung der Kaiserlichen Regierung. Die bisherigen Zollbeamten gelten bis auf Weiteres als Beamte der kaiserlichen Regierung. Zuwiderhandlungen gegen Anordnungen derselben werden auf das Strengste geahndet werden.
Selbstverständlich ist, fügt der .Reichsanzeiger' hinzu, daß, sobald der Küstenstrich rechtlich unter deutsche Herrschaft gestellt ist, Maaren, welche von der Insel Sansibar nach der Küste eingeführt werden, als aus dem Ausland kommend dem Einfuhrzoll unterworfen sind. Hiervon kann auch für diejenigen Maaren keine Ausnahme gemacht werden, welche bereits auf der Insel Sansibar einen Zoll entrichtet haben. Es wird sich daher empfehlen, solche Maaren, welche nach dem deutsch-ostastikanischen Gebiet bestimmt sind, nicht nach Sansibar, sondern direkt nach den deutsch-ostafrikanischen Zollhäfen zu senden.
Sonnenried.
Roman von Marga Brechten.
(48. Fortsetzung.)
Auf dm entfernten Gängen wurden Stimmen laut. Die Zeit mußte vorgeschritten und der Beginn des Festes nahe sein. Felicitas wandte sich mit einer hastigen Bewegung nach der Seite, aber Jhno trat näher.
„Noch Eins, ein einziges Wort, ehe dieser kostbare Augenblick verloren ist! Sagemir, wenn Dein so fein eingefädelter Plan gelänge, wenn die Schönheit mich bethören und ich für das Leben der Bahn des Kometen folgte, nein, ich will mich klarer ausdrücken, in dieser Minute wenigstens ganz wahr und offen sein, — wenn ich Deine Schwester heirathete, was würdest Du empfinden?"
Eine Sekunde lang herrschte Todtenstille, dann ließ Felicitas das Thürschloß fahren, faltete die Hände so fest in einander, daß die blitzenden Spangen zusammenschlugen, und sagte hell und deutlich:
„Ich würde jubeln wie erlöst — selbst sterbend würde ich meines Gatten Knie umfaffeu und zu ihm flehen: Halte mich an Deinem Herzen, denn ich bin Dein!"
Ihre Stimme hatte so eigenthümlich schrill, ge-
* Die Kückberusung Gmin Paschas.
Die Enthüllung des Reichsanzeigers über die A b- berusung 6mm Paschas aus dem Seengebiet har begreiflicherweise allgemeines Erstaunen und bei unseren englischen Konkurrenten hämisches Frohlocken hervorgerufen. Einstweilen ist die Angelegenheit noch nicht soweit geklärt, daß sich übersehen läßt, auf welcher Seite die Schuld allem oder vorzugsweise liegt. Der aus der Heimlehr begriffene Frhr. v. Soden, der die Dinge an Ort mrd Stelle geprüft, wird ja wohl nähere Informationen mit- drrngen: von diesen scheint auch die Reichsregierung ihre Stellung zu der Frage, ob Herr e. Wißmann recht gehandelt hat, abhängig zu machen; denn daß sie die einseitigen Berichte des Reichskommissars nicht zur Grundlage chres Urthells machen will, beweist mehr noch als die Auslassung des Reichskanzlers der Umstand, daß sie die Rückberufung erst 14 Tage nach erhaltener Meldung in die Oeffentlichkeit bringt. War- sie von der Nothwendigkeit des Vorgehens des Reichskommifsars so fest überzeugt, so würde sie die ihr bereits am 5. Dezember zugegangene Meldung sicherlich dem damals versammeUen Reichstage nicht vorenchalten haben. Es fragt sich, ob sie nicht besser gethan hätte, wenn sie trotzdem ihre Wissenschaft der Oeffentlichkeit übergeben hätte.
Jndeß, wenn auch ein abschließendes Urtheil zur Zeit nicht möglich ist, so wollen wir doch jetzt schon auf mehrere auffällige Punkte Hinweisen. Zunächst befremden, daß die Regierungihre Verantwortlichkeit unter Berufung auf das Gesetz vom 2. Februar 1889 in Abrede stellt. Es ist darin zwar ausdrücklich bestimmt, daß die Ausführung der zur Unterdrückung des Sklavenhandels und zum Schutz der deutschen Interessen in Ostafrika erforderlichen Maßregeln einem Reichskommissar übertragen wird. Dieser Reichskommissar ist aber doch nur der Beauftragte der Reichsregierung, der nach ihren Anweisungen zu handeln hat und für dessen Handlungen sie deshalb auch die Verantwortung trägt. Es fragt sich hierbei: hat die Reichsregierung das Verhalten ihres Kommissars gebilligt und überläßt sie chm das weitere Vorgehen gegen Emin? Würde das Letzterere. der Fall sein, dann wäre damit ausgesprochen, daß Emin weiter nichts ist als ein Privatbeamter Wißmanns. Allerdings scheint schon aus der amtlichen Darstellung hervorzugehen, daß Emin nicht im unmittelbaren Reichsdienst steht, sondern in seinem Thun wie in seinen Mitteln direkt vom Reichskommissar abhängig ist. Bisher hat man allgemein angenommen, daß Emin als Beaufttagter des Reichs zwar mit einer bestimmten Aufgabe, aber doch mit einer den Verhältnissen angemessenen Bewegungsfreiheit seine Ex-
Sic ,5*«tr Bettung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen.
Inserate losten die einspaltige Zeile oder deren Raum 16 Ps., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
b. - —----------—------
Nachricht überrascht werben, Emin sei nach seinem alten Reich Wadelai ausgebrochen. Wir glauben, daß Emin vor die Frage, ob ec dem Befehl Wchmannns gehorchen soll oder nicht, überhaupt nicht gestellt werden wird, daß vielmehr die Reichsregierung Veranlassung genommen hat, Wißmann zur einstwelligen Sistirung seines Befehles aufzufordern. Erst wenn der bestimmte Nachweis geführt ist, daß Emin weittragende und gefährliche Pläne verfolgt, die mit unserer vorsichtigen und bedächtigen Kolonialpolitik nicht zu vereinbaren sind — erst dann wird der Augenblick gekommen sein, in dem das Reich ihn durch eine so strenge Maßregel desavouirk, wie es die Rückberufung ist. Andernfalls würde die Auffassung schwerlich verstummen, daß er der Mißgunst eines Nebenbuhlers zum Opfer gefallen. Jedenfalls thut baldige Aufklärung notd.
pedition unternommen hat. Wenn sich jetzt herausstellt, baß die Ziele und Absichten Emin's sich mit denen der Kolonialverwaltung nicht decken, ja sich in den Rahmen unserer gegenwärtigen Kolonialpolitik überhaupt nicht einsügen lassen, bann läßt sich der Vorwurf nicht unterdrücken, daß man die ganze Emin-Expedition wohl etwas zu voreilig und zu unüberlegt in dem Bestreben, diesen Mann den Engländern vvrwegzunehmen, in's Werk gesetzt hat. Die Unklarheit in der Stellung Emin's ist der einfachste Erklärungsgrund dafür, daß Emin, wie Herr v. Wißmann ihn beschuldlgt, „jeden Befehl mißachtet".
Emin sollte im Seengebiet dauernde Einrichtungen schaffen, um eine engere Verbindung mit_ den Eingeborenen herzustellen. Es liegt auf, der Hand, und Herr v. Wißmann wußte das auf Grund seiner eigenen Erfahrungen sehr wohl, daß sich solche Dinge nicht vom grünen Tische aus regeln lassen, ja daß sogar die ganz allgemein gehaltenen Anweisungen an Ort und Stelle vor dem Stand der thatsächlichen Verhältnisse versagen und beim besten Willen nicht befolgt werden können. Es ist in keiner Weise bewiesen, daß die Pläne, welche Emin nach seinem Abmarsch und nach seiner Ankunft im Seengebiet entwickelt hat, unausführbar find und den dortigen Verhältnissen gegenüber als Utopien oder bedenkliche politische Engagements bettachtet werden müssen. Das jedoch steht fest, daß die Vorschläge Emins den eigenen Plänen des Herrn von Wißmann in die Quere gekommen sind.
Der auffälligste Punkt in der ganzen Angelegenheit ifi^jedbch der Umstand, L auch nicht em-vmzigrl Bericht von Emin an die amtliche Centtalstelle gelangt ist. Sie scheinen sämmtlich beim Reichs-Kommissariat angehalten zu sein, an welches sie ja allerdings zunächst gerichtet sein mußten. Sollte der stellvertretende Reichskommissar Schmidt sich für berufen gehalten haben, über Emins Vorschläge und Wünsche allein zu entscheiden? Nach einer Andeutung des Frhr. v. Graven- reulh über das Verhältniß zwischen Emin und Schmidt scheint das der Fall zu sein. Persönliche Eifersüchteleien sind aber hier, wo es sich um so schwerwiegende Interessen des Reiches handelt, nicht am Platz; es ist die Pflicht der Reichsregierung, so bald als möglich die Gewißheit zu geben, daß nur sachliche Gründe, nicht aber etwa persönliche Unzufriedenheit den Gang der Dinge in Ostafrika regeln.
Inzwischen wird nun in manchen Kreisen die Frage aufgeworfen, ob Emin dem Befehle Wißmanns zur Rückkehr entsprechen wird, oder ob er diesen Befehl ebenso mißachten wird, wie die ihm 1886 seitens der ägyptischen Regierung ertheilte Anweisung, daß die Aequatorprovinz aufzugeben sei. Manche Leute halten es sogar für wahrscheinlich, daß wir bald durch die klungen, und als die Astern-Bracelets an einander klirrten, machte es ihm den Eindruck, als ob sie in Ketten läge.
Ihren Worten folgte dieselbe lautlose Stille wie vorhin. Dann sagte der Kapitän:
„Nun da Du Alles weißt, wirst Du mir auch nicht einen Strohhalm von Hoffnung reichen, nicht ein freundliches Wort schenken, um den Streit zu versüßen?"
„Nein", saate sie fest.
„Wenn sich die Paare unten im wilden Tanze drehen, wenn bald Alle vm uns her ein Freudentaumel erfaßt, wirst Du mir bann auch das nicht geben, was Du Fremden gern gewährst? Soll fein Tanz, auch nicht die leifeste Berührung mein sein?"
Sie schüttelte das Haupt.
„Nun denn," lachte er auf, wild, zornig und rauh, „Dein Beispiel muß mich aufrecht halten. Sieh' Du zu — aber glaube nie, daß Kälte die Lohe zu ersticken vermag; Du hast mit Allem gerechnet, aber nicht mit meinem starken, treuen Sinn."
Lichter kamen näher, da fiel die Thür ins Schloß. Felicitas wankte, bann raffte sie sich empor, faßte die Schleppe ihres Kleides und fchritt fest und sicher die Stufen hinauf.