JV 299
Sonntag, den 28, Dezember 1890.
17. Jahrgang
Für öie Redaktion verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
Di« .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen.
Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 1b Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).
Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage,Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.
Cal
Deutsches Keich.
der Reichspartei angehörte, gehört augenblicklich gar keiner Fraktion an.
Cenrrum sie trotz des Widerspruchs der Regierung wieder aufnahm Dorr hochconservaüv und centrunis- freundlich — hier haltlos und eartellbrüderlich! Man kann den Verdacht nicht abweifen, daß der confer« vativen Fraetion die Interessen des Großgrundbesitzes mehr am Herzen liegen, als die Rechte der Kirche und die Interessen der Religion. Ob der Verdacht gerechtfertigt ist, wird sich ja zeigen müssen, wenn das Plenum des Hauses über die Wiudt- horst'scheu Anträge zum Schulgesetz zu entscheiden hat. Vorläufig liegt die Sache so, daß der Cul tus- m in ist er in der Commission äußerlich Sieger bleibt, wenn auch die innere Schwäche seiner Stellung immer stärker hervortritt. Letzteres ist dem außerordentlich geschickten Vorgehen Windt horst's zu verdanken. Bei der ersten Hauptfrage, den c o n f e s s i o n e l l e n Charakter der Schule betreffend, wußte er die Gelegenheit zu benutzen, um einen Antrag, der von conservativer Seite gestellt, aber zurückgezogen war, zum Kern der Fragestellung j zu machen und dadurch festzustellen, daß die Regierung sogar diejenige Bürgschaft für die konfessionelle Mmderheit ablehnt, welche man eonfervativerfeits fordern zu müssen glaubte. In einem andern Hauptpunkt, betreffend die kirchliche Kontra le des Relrg ionsunterrichts, wußte der Abgeordnete Windthorst die Ausflüchte aus allerhand Nebensächlich- keiren so erfolgreich abzufchneiden, daß schließlich I
standen: Darf der Staat ein Kind zwingen zum Besuche eines Religionsunterrichts, den die Kirch- als nicht der Confession entsprechend bezeichnet hat? Es fand sich freilich vorläufig eine Kommissions- Mehrheit, welche diese unnatürliche Ausschreitung des Schulzwanges zu billigen wagte. Aber es war weder dem Minister noch den Conservativeu dabei wohl zu Muthe.
bn der L a n d g e m e i n d e - Kommission, wo es zum regelrechten Krach kam, hat der Minister des Innern m emem gewundenen Ausdruck mit Auflösung des Abgeordnetenhauses und Neuwahl gedroht. Die Blätter der Linken greifen diesen Bissen mit großer Gier auf. «re erhoffen von der Auflösung eine solche Schwächung der Konservativen, daß eine uationalliberal- sr en innige Mehrheit zu Stande kommt. Kann aber ft Tur die Regierung so sehr verlockend
sem? Wned sie etwa mit & Carolalh hat sA?A^L Landrat h in'Guben
j Um so weniger, al» Herr Finanzminister Miguel doch i 3ern leine Steuergesetze heimholen möchte, welche j die besten Aussichten auf das Zustandekommen haben. - Auch wir können Herrn Miquel diesen Erfolg nur ! wünschen, denn die Kommission hat die Gesetze, na- mentlich durch Herabsetzung der Sätze für die mittleren
i und kleineren Einkommen und durch Erhöhung des ; Prozentsatzes für die ganz großen Einkommen (von 100,000 Mk. an) von 3 auf 4 Prozent, in erfreu« kicher Weife verbessert.
Diese Woche ist ungeheuer reich an unpolitischen Ereignissen; aber sie gehören nicht dem öffentlichen, sondern deut privaten Bereich an. Die Lichter der Ehristbäume leuchten freilich manchmal durch das fyeiifter hinaus auf die Straße, und der Wanderer I hört gelegentlich die Klänge frommer Lieder und das I Jubeln froher Kinder; aber das find nur kleine Brosamen von dem reichen Tisch, der für Die Familie Ein gedeckt wurde. Eine richtige, „gemüthliche" Weih- nachtsseler erfordert den Ausschluß der Oeffcntlichkeit- es muß ein Familienfest fein. Darum kann ich die „öffentlichen" Bescheerungcn nicht recht leiden. Je me.-r fremde Augen auf den Kindern ruhen, desto schwerer thaut ihr Gemüth auf.
In den Gegenden, wo die Weihnachtsbefcheerung so recht in Blüthe steht, haben die gewöhnlichen Fragen nach dem „Befinden" in den Tagen nach den Festen | erhöhte Bedeutung. Nach all' den vorfestlichen Anstrengungen und festlichen Genüssen ist das allm- ; meine Wohlbefinden längst nicht fo selbstverständlich wie sonst. Besonders bezüglich der lieben Kinder, die nicht selten einen verdorbenen Magen aus der Festwoche heunbringen, wofür die Eltern Züchtigung verdienten. Wer eine gründliche Geschichte der modernen Erziehung schreiben will, der darf nicht vergeffen, die ! Mißgriffe zu schildern, welche zu Weihnachten und an den Geburtstagen der Kutdor gegangen werden. Auch die Sitte der Geburtstagsfeier scheint mir vielfach, namentlich in den protestantischen Gegenden, die keinen Namenstag mehr kennen, in Ueberschwenglichkeilen aus- zuarteu, welche nicht bloß dem Biagen, sondern auch dem Charakter der Kinder gefährlich werden. Da wird schon für den kleinsten „Guck in die Welt" zweimal lm Jahre „aufgebaut", so daß sich der Knirps ungeheuer wichtig vorkommt und alle Kleinen zum Größenwahn sich üppig entwickeln. Nicht minder die zur Had- und Genußsucht. Die Begriffe „Fest" und „Geschenke" kommen ihm gleichbedeutend vor. Daß zu Weihnachten das Christkindchen geboren ist, erscheint ihm höchst ’ nebensächlich, aber daß es zu Weihnachten eine „Masse" üoh Eß-, Spiel- oder gar Schmuckjachen gibt, das beherrscht sein Gedanke und Gefühle. Wenn der Namenstag vernünftig begangen wird, so schöpft das Kind erne Anregung zum Guten daraus: Der Heilige, dessen Namen es trägt, tritt in den Vordergrund und lü» sein Beispiel auf die junge Seele wirken. Dadurch werden freilich die Kleinen nicht gleich zu Heiligen gemacht, aber es wirkt doch zur Begründung eines
Ausillnd.
* Im Mittelpunkt des englischen Interesses stand in der abgelaufenen Woche der Wahlkampf in Kilkermy, i stw sich Parnelliten und Antiparnelliten gegenüber« j standen. Es war ein heftiger. Kampf, der nicht nur mit Worten, sondern auch mit den Fäusten geführt wurde. Parnell selbst war dabei bekanntlich in Gefahr gekommen, sein Augenlicht zu verlieren, indem ihm eine Düte Kalk ins Gesicht geworfen worden war Er beabsichtigt nunmehr, nachdem die Wahlschlacht geschlagen, nach Paris zu geben, um einen Augenarzt zu konsultiren. Die Wahl in Kilkermy ist zu Gunsten der Aiitiparnelliten ausgefallen, für welche "die katholische Geistlichkeit kräftig eingetreten war.
* Unter den Eifenbahnbeamten in Siidschottland ist ein großer Ausstand ausgebrocheu, infolge defsen der Eisenbahnverkehr mehr und mehr ins Stocken ge- räth. Die Nordbritische Eisenbahngesellschaft macht bekannt, daß sie keine Güter zur Beförderung mehr aunehmen kann. Zu Ruhestörungen ist es bisher anläßlich des «treib» noch nicht gekommen, doch durften solche schwerlich ausbleiben, wenn es nicht gelingt, zu einer Verständigung zu kommen.
* Der Zudiaueraufstand in den Vereinigten Staaten von Nordamerika ist mit dem Tode Sitting Bulls noch nicht vollständig beendet, dürfte aber schwerlich längere Zeit andauern. Neuerdings hat die amerikanische Polizei auch den „Messias" der Indianer verhaftet, nachdem ihr dessen Mutter bereits vor einiger . Zelt, m Lje,.Hän^. gefallen,„wax. '.
Berlin, 26. Dezember.
i Zu dem neuerdings durch die Blätter gegangenen Mlttheüuugen über die Verftmillichung des Koch'scherr Heilmittels wird offiziös berichtet: Zwischen den Ministern des Unterrichts und der Finanzen einerseits und dem Geheimrath Professor Koch und seinen Mitarbeitern andererseits ist wegen Ueberlaffung der Herstellung und der Bertheilung des Koch'schen Mittels verhandelt und eine Vereinbarung erzielt. Letztere unterliegt z. Zt. der Prüfung des Staatsministerinms. Mlttheilungen über die Einzelheiten sind mit großer Vorsicht aufzuiköhmen. Für die finanzielle Seite der Angetegenhelt ist die Mitwirkung des Landtages zu Letztes. »ßstcht fMfr.sm.-fefefk--------
* Eine unangenehme Meldung, die wir berejts vor | ewigen Tagen kurz erwähnten, ist aus Ostafrika ein« getroffen. Emin Pascha, der bekanntlich nach dem Seengebiete abgezogen ist, steht nicht mehr im Einklang imt dem Reichskommissar v. Wißmaim. Letzterer be- Häupter, daß Emin die erhaltenen Befehle nicht beachte. Die Sachlage läßt sich bei dem Mangel eingehender amtlicher Berichte noch nicht recht beurtheilen An Einzelheiten theilte der .Reichs-Anzeiger' nur mit, daß ! Emin den Wunsch ausgesprochen habe, das bedeutende Tabora zu besetzell und daß der Reichskommissar diesem Wunsche widersprochen hat, weil er die vorhandenen Kräfte für die Besetzung Taboras unzureichend hält. Emin soll bloß die ihm aufgetragene -Ltatlonsgründuiig am V i e t v r i a f e e sichern und dann zurückkehren. Ob er diesem Befehle folgen kann und will, bleibt abzvivarten. In der Presse werden ihm, ans Grund von Andeutungen in seinen Privatbriefen' weit ausgreifende Pläne in Betreff eines zwischen den Seeen zu gründenden großen Reichs oder gar 'Gelüste aus Rückkehr in seine alte (jetzt dem englischen Einflüße vorbehaltene) Provinz zugeschrieben. Die Auf- tmrmlg bleibt abzuwarten. Es scheint, daß vor der ; Ubret)e Emin's die nöthige Klarstellung über das Programm der Expedition und die Rechte und Pflichten j der Personen nicht in genügender Weise erfolgt ist. Ein Mann von der Vergangenheit Emin's hat natür- lia) dw Neigung, nicht bloß die Befehle von Vorgesetzten Regierung und Kommission' "vor 'der 'nacktes Frage I SÄ'wfiÄT “re ®rteSe nad) ber standen: Darf der Staat ein Kind nuimv/J,, I ^p?fn9JnJ ,^ rb9 ssaßen. Wollte ober konnte man ihm diese Selbständigkeit nicht lassen so hätte man lieber einen Andern in das dunkle Innere schicken sollen. Jedenfalls muß nun die Regierung bald > volle Klarheit , verschaffen; denn die Zukunft Oftafrika's ist für die M i s s lo n s- und Antisklaverei - Bestre- b un gen von so gewaltiger Bedeutung, 'daß man unsere Kolomalpolif.k nicht längere Zeit schutzlos den spöttischen Angriffen der Gegner anssetzen darf. \
* 8ür bie Angelegenheiten der JuvaliditutS- und i AlterSversicheruug ist im Reichsverficherungsamt eine besondere Abtheiluug errichtet worden, deren Per- fügungen und Entscheidungen unter der Bezeichnung -das Relchsyersicherungsamt, Abtheilung für Jnvali- drtäts- und Altersversicherung" ergehen. Ten Vor- I sttzenden dieier Abtheilung ernennt der Kaiser.
* Der Reichstagsabgeordnete Prinz v. «chsnaick- i
fie hoffen könnte, daß das Centrum die Kosten der Neuwahl tragen würde, so ließe sich eher an die Aus-
* Den liolitlidicn WtihUOditsliEtrndjtlillÜtll > Ehrung der Drohung denken. Aber das Centrum s , m .. ' , ! wird, wie ^eder weiß, ungeschwächt wiederkehren und
de» ,-ivrstsalischeu Bolt» - Blattes entnehmen wir < würde nach einem Bankerott der Rechten erst recht die u. a. Folgendes: Wenn e» uns wenigstens gelänge, ! einflußreiche Stellung behaupten. Also gar so heiß die drohende schlimmste Friedensstörung in unferm ; wird die Auflöfungsfuppe wohl nicht gegessen werden Vaterlande, den Ausbruch eines neuen Cullur- 1 —-— — <=-......- - --- - - •'
kamp f es aus Anlaß der Schu lge setzg e b ung zu verhindern! Aber leider haben 'die Bitten und Mahnungen und das Entgegenkommen des Centr unis in der Volksschulfrage noch keine Würdigung seitens der Regierung und der andern Parteien gefunden.
Eine vesoiiderc Klage müssen wir gegen die Vertreter der conservativeu Partei tu der Volksschul- kommission erheben. Zwischen dem Verhalten der Conservativen in der Schul- und in der Landgemeinde-Kommission ist ein ganz auffallender Unterschied zu bemerken. Bei der Berathung der Landgemeinde-Ordnung treten sie mit der größten Entschlossenheit gegen die Regierung und die Nationalliberalen auf. In Folge dessen hat sogar der Minister des Innern m der Schlußsitzung vor den Ferien die Ruhe ^verloren und den Conser- vativeit eine drohende Standrede gehalten. In der Landgemeinde-Commission konnten die Conservativen nicht eifrig genug die Unterstützung der Centrums- mitglieber nachsuchen und ausnutzen. Aber in ber Schul-Commission — da war von dem Zusammengehen mit dem Centrum keine Rede, da vermochten sich die Conservativeu nicht einmal zur Unterstützung ber bescheidensten, zweifellos berechtigten Forderungen des Centrums aufzuschwingen und ließen i