so fuhr er fort, „war es mir, als ob
sprach.
Einmal"
als sonst.
„Ich danke Dir," stammelte sie verwirt und wollte gehen, aber sie konnte nicht, ihr Fuß hing am Boden und die juwelengeschmückte Hand, welche noch auf der Klinke lag, zitterte. Das Blut stieß ihr heiß zum Herzen — was kam nur über sie?
Jhno betrachtete sie mit ernstem, wehmüthigen Blicke. Plötzlich sagte er in einem Anfluge von wildem Trotz, mit unterdrückter, aber heftig bewegter Stimme:
„Felicitas, ich bin mir in diesem Augenblicke bewußt, ein großes Unrecht gegen zwei Menschen zu begehen, die mir die theuersten sind. Ich benutze Deine augenblickliche Schwäche, um Dir die meinige aufzudecken. Verzeihe mir, wenn Du kannst, — aber gib mir Antwort auf meine Frage: Warum fliehst Du vor mir, — warum dieses jähe Erschrecken, wenn Du mich siehst? Sieh', Du verweilst ruhig in der Gegenwart unseres geringsten Dieners, Du sprichst ihn freundlich an, aber wenn ich komme, nimmt Dein liebliches Gesicht einen strengen, fast harten Zug an."
Es war, als ob er einen Feuerbrand in ihre Seele geschleudert hätte mit diesem halben Bekenntniß. Jetzt wußte sie, daß es auch in seinem Herzen keimte, daß auch dort die sündige Liebe erwacht sei. Nun ward der Kampf noch schwerer, sie hätte hinstürzen und ihm ihre Kälte, ihr unfreundliches Wesen abbitten mögen, aber sie durfte es nicht. Mitten in all' ihrer Verwirrung stand der eine Gedanke klar vor ihrer Seele: Jhno durfte nicht ahnen, daß feine Gefühle erwidert wurden. Und wieder versuchte sie, sich zu entfernen, aber ihre Glieder waren kalt wie Eis und ihre Kniee zitterten. Hinter ihren Schläfen hämmerte es wild, halb vorgeneigt lauschte sie mit klopfendem Herzen dem, was der schöne Mann vor ihr fast flüsternd
Du anziehen?"
„O, liebe Illa, ich meinte nicht die Toiletten! Da sei ohne Sorge, die kommen zuletzt in Frage. Ich werde indeß bei Zeiten an Dich denken, meinen eigenen Anzug richte ich gern nach Herbert's Geschmack ein."
„Wird Jhno auch ganz gewiß vorher zurück sein?" fragte Illa plötzlich, „ohne ihn kann ich mir den Ball gar nicht denken."
„Er versprach es," antwortete Felicitas ruhig, jedoch sichtlich unangenehm berührt „Aber so höre doch auf, im Zimmer herumzutanzen, Du derangirst Dich ja ganz. Glückliches Wesen, das sich noch so auf einen Ball freuen kann!"
„Du nicht auch?"
„O ja, aber nicht in dem Maße, wie Du. Ich würde es kaum bedauern, wenn das Fest durch irgend ein Ereigniß unterbliebe."
„O, Felicitas, scherze nicht! Du machst mir bange."
„Nein, sei ruhig, es wird gehalten werden, ich meinte nur so. Ich freue mich, wenn ich unsere Bekannten heiter bei uns sehe, auch sind dieses Mal viele junge Mädchen dabei."
„Wirklich? Ein Grund mehr, um recht geschmackvolle Toilette zu wählen. Sieh' her, einen Haupt- Bestandtheil besitze ich schon!"
„Ah! Haben die Steine Deinen Beifall gefunden?" sagte Felicitas, den Schmuck betrachtend. „Mein Mann zeigte mir dieselben vorhin Doch auch ich bin nicht leer ausgcgangcn," ein neben dem Bouquet liegendes Etui ergreifend, hielt sie es Illa hin.
„Wie herrlich!" rief diese entzückt, nur zwei Dinge, aber wie kostbar!"
Es war ein aus Diamanten und Rubinen gebil-
Sonnenried.
Roman von Marga Brechten.
(47. Fortsetzung.)
„Meine kleine Felicitas, mein herzliebstes Schwesterlein!" rief Illa oben und fiel der Baronin lachend und jubelnd um den Hals. ,",Jst es auch ganz gewiß wahr, was mir Dein Mann eben sagte?"
„Was denn, Liebe?"
„Nun, daß wir in der nächsten Woche einen Ball, einen sehr großen Ball hier haben werden."
„Ja, das ist wahr. Der Gedanke kam mir heute Morgen, und Herbert war sofort dafür eingenommen. Wir gaben sonst alljährlich wenigstens ein sehr großes Fest, aber das genügt diesmal nicht. Wir haben selbst mehr Einladungen angenommen als früher, und dann hat sich auch unser Familienkreis erweitert; Jhno ist da und nun auch Du, und Dir ist gewiß ein Ball das liebste Vergnügen."
„Herzensschwester, das unterliegt keinem Zweifel. Jage, wird eine große Anzahl Gäste geladen werden?"
„Jedenfalls; ich denke, daß alle unsere Bekannten aus der Stadt und diejenigen, welche noch auf dem Lande wohnen, kommen werden."
„Du Glückliche brauchst nur zu wünschen und dann w'.rd ein Ball arrangirt!"
„Da irrst Du, ich habe doch mehr dabei zu thun, als eben nur zu wünschen. Es gibt da eine Menge Berathungen, bei denen Du mir übrigens diesmal gewiß gerne helfen wirst."
„Von Herzen gern, wir haben nicht mehr viele Zeit. Also wollen mir zuerst von Dir sprechen. Was wirst
Z Dom Thristlündlein.
Ein Weihnachtsklang für Jung und Alt von Maria Lucas.
Im Morgenland, nahe der Wiege der Menschheit, dort wo das Paradies den Menschen verloren ging, sollte auch der alte Paradiesesfluch von der sündigen Welt genommen werden; so hatten eS die Propheten geweissagt, so hatte das auserwählte Volk Gottes durch Jahrhunderte, durch Jahrtausende hindurch nach der Stätte geschaut, von der das Licht zur Erleuchtung der Heiden ausgehen mußte. Und es kam die Zeit der Erfüllung und mit ihr jene hochgebenedeite Nacht, in der die himmlischen Heerschaaren hernieder steigen, der kampfesmüden Erde die Ankunft des Friedensfürsten zu verkünden. Keine Phantasie kann einen schöneren Gruß ersinnen als: „Fürchtet Euch nicht, steh' ich verkündige Euch eine große Freude", keine Dichtung einen herrlicheren Gesang als: „Ehr sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind! —
Nahezu 2000 Jahre sind vergangen, seit daS Gloria in excellsi« deo den Engeln in don Lüften verklungen ist; im Lauf der Zeiten find Blut und Thränen in Menge gefloffen, getrocknet und vergesfen worden, Völker find erstanden und Völker dahin gesunken — kaum daß ein Blatt der Weltchronik flüchtige Kunde gibt von dem, was sie einst errungen, erhofft und beweint. Alles ath sich gewandelt in 2 Jahrtausenden; nur Eins ist ewig jung und ewig neu geblieben: das ist die stille, die heilige Nacht, wenn sie alljährlich umwoben von unsagbarem Zauber und herbeigesehnt von all' den Millionen Christen, die da athmen auf dem weiten Erdenrund, über die schlummernde Welt dahinzieht. Es ist jene wundersame Nacht, die Sage und Legende mit tausend Blumen und Blüthen schmücken, fast als wären für daS Ereigniß von Bethlehem die Worte zu schlicht und zu kurz, die das Evangelium uns darüber berichtet. —
Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt worden; Herrscherwürde ruht auf seinen Schultern, sein Name wird sein der größte Friedensbote. — Armen Hirten war es vergönnt, zuerst die Knie zu beugen vor diesem großen Friedensboten und den anzubeten, den die Propheten des alten Bundes den Führer des Hauses Israel, den Sproß aus der Wurzel Jesse, den wahren Emanuel der Völker genannt hatten. Unendlich lieblich klingt die fromme Sage, die uns berichtet, wie die Hirten dereinst den Weg zum Christkindlein suchten und fanden. —
Der Frieden der geweihten Nacht, so erzählt die Sage, lag über Berg und Thal, in naher, fast greifbarer Ferne standen Mond und Sterne am tiefblauen Himmel und beleuchteten die Heerden, welche friedlich in ihren Hürden ruhten und schauten hernieder auf die Hirten, die schlaftrunken an den hohen Oel- bäumen lehnten. Da kam es auf einmal wie in leisen, süßen Klangeswellen über die schlummernde Ebene und verlor sich hinsterbend an den Hügeln, wo Mandelbäume und Akazien und Myrrhen dufteten, wo schattige Sykomoren sich auf murmelnde Quellen neigten. Und abermals rauschte es süßer und voller I und herzbezwingender, daß die Hirten erwachten aus ihrem Schlafe und sehnsuchtsvoll den überirdischen Klängen lauschten.
I Und aus flatternden Nebelstreifen heraus erbrauste ein herrliches I Lied, das wie weiche, sonnenwarme Wogen die Herzen der I Hirten umfluthete und sich mit seinen Zauberklängen in ihre I Seelen hineinsang. Und alsogleich schwebte Eine aus der Menge I der himmlischen Heerschaaren, welche Gott lobten, hernieder und I verkündete ihnen, daß in der Stadt Davids der Heiland geboren I war, welcher-Christus, der Herr ist. Gebieterisch nach Osten I deutend, entschwand er aus den Blicken der Hirten und diese traten der Bahn, die der Engel gedeutet folgend, den Weg gen' Bethlehem an. Aber es waren der Pfade ihrer Viele nach Osten und das Ziel ihrer Sehnsucht lag noch meilenweit von ihnen. Berath schlagend, wie sie am schnellsten die Stadt Davids erreichten, standen sie in der Nähe eines Brunnens, als es neben
1 ihnen im Gebüsche raschelte. Da sie eines der Raubthiere ver- I mutheten, die Nachts ost großen Schaden unter ihren Heerden anrichteten, beschleunigten sie ihre Schritte als ihnen plötzlich aus dem Gebüsche ein Hirsch entgegentrat. Er war weiß von Gestalt und trug über seinem mächtigen Geweih ein sunkelndes Licht in einem den Hirten fremden Zeichen. Er ging ihnen I voraus und wohin der Hirfch sich wandte, da spriesten Blumen aus den blühenden Triften, da duftete die Rose von Jericho, die nie welkt, da leuchtete, funkelte und gleiste selbst das tobte I Gestein. Die Welt stand in Blüthen, die Erde bekleidete sich mit ihrem schönsten Schmuck in jener Nacht als der Herr des 1 Himmels und der Erde zu ihr herniederstieg, wie sie dereinst
detes Asterstläußchen nebst einem eben solchen Armband. „Einmal", so 1»^ " »‘y1**- v~ ’ ""
„Ja, es ist schön," stimmte Felicitas bei, „aber I auch in Deiner Brust etwas wie Liebe zu mir wohne.
rQ'o wärest du erkoren
Und wurdest arm und bloß Oo Du Heiland uns geboren
Aus reinster Jungfrau Schooß.
So oft ich Dein gedenke, Mach' mich der Erde los. Daß ich mich ganz versenke In dies Geheimniß groß.
O, welcher Liebe Größe, O Heiland, welche Huld Schau ich in deiner Blöße! Welch' Größe meiner Schuld!
O süßer Gottesknabe Du weißt, wie arm ich bin, Mein Herz leg' ich als Gabe Zu deinen Füßen hin.
Ein Herz voll Lieb und Treue,
Voll tiefem, tiefem Schmerz, Ein Herz voll Qual und Reue, Ein armes Menschenherz.
Sieh' wie in deinen Armen
In Liebe sich's verzehrt;
O mach es aus Erbarmen Doch deiner Liebe werth!
Und so von dir umfangen, Du theurer Heiland mein, Blieb'ihm nur ein Verlangen: Aus ewig dein zu sein. Sch.
Da aber thatest Du einen so klugen, kalt berechneten Zug: Du griffst nach dem Kometen und wolltest mich durch seine Schönheit verlocken, meinen einsam funkelnden Stern zu vergessen. Ich sage einsam, denn das bist Du trotz all' Deinen hohen Begriffen von Gattentreue und Pflicht. Du hast mit Allem gerechnet, nur nicht mit meinem Herzen, und das bleibt Dir treu, das schaut bewundernd zu seinem Sterne empor, der sich im muthigen Kampf auf seiner stolzen Bahn zu halten sucht."
Felicitas wollte sprechen, wollte ihm Einhalt gebieten, aber ein erstickender Krampf schnürte ihr die Kehle zu. Sie hob die Hand zum Halse herauf und griff unwillkürlich an den zwischen den Spitzen befestigten Schmuck, — Herbert's Geschenk! Diese Erinnerung löste ihre Zunge.
„Jhno," rief sie flehend, „denke an Demen Vater!
„Ob ich an ihn denke?" sagte er erregt. „Meinst Du, ich hätte sonst die Kraft gehabt, so Tag und Nacht zu ringen zwischen der SohneSpflicht und der Liebe zu Dir? Ich habe Dich gekannt vor ihm, auch Dich geliebt vor ihm, und doch besitze ich kein Recht an Dich; ja, meine glühende Neigung ist Sünde sogar! O, daß ich im Herbste gegangen wäre! Vielleicht, daß ein barmherziger Sturm gekommen, mich über Bord geworfen und die Wellen sich über meinem Haupte geschloffen hätten! Im frühen Tode den Frevel sühnend, wäre ich gestorben mit dem Gedanken an Dich. Nein, zittere nicht so — das Schicksal hat es weniger gut mit mir gemeint. Ich bleibe auf dem Kampfplatze, doch Du' mein lichter Engel, bete für mich, auf daß ich nicht unterliege." (Fortf. folgt.)
Donnerstag, den 25. Dezember 1890. noch schöner erscheinen mir Herbert's Worte, welche er in Form einer kleinen Widmung beigefügt hat. Sie lauten: „Wie die freundliche Aster uns für die entblätterten Rosen des schwindenden Sommers entschädigen will, so bist Du gekommen, sreundlich und milde und hast mir den Herbst meines Lebens versüßt.""
XXXII.
Schloß Freidorf war sehr dazu geeignet, ein so großes Fest, mieden geplanten Ball, in seinen Räumen zu arrangiren. Als daher der festgesetzte Tag herannahte, hatten Reichthum, Fleiß und Geschmack sich vereinigt, um den Abend zu einem wirklich glänzenden zu machen. Das weit geöffnete Portal zeigte die mit jungen Fichten und Blumen gefchmückte Halle, aus welcher die mit Teppichen belegte Treppe in das erste Stockwerk führte. Oben in den prachtvoll bekrittelt Sälen hingen mächtige Kandelaber von den Plafonds herab, beginnt, bald dort Tageshelle zu verbreiten und die herrlichen Freskomalereien der Wände, das reiche Silbergeräth der Tafel und der harrenden Buffets in einer Fluth von Licht erstrahlen zu lassen.
Es war ungefähr eine halbe Stunde vor der Ankunft der Gäste, als die Baronin von Freidorf den nach dem Seitenflügel führenden Korridor betrat. Man hatte dort eine Reihe von Fremdenzimmern für diejenigen Familien in Stand gesetzt, welche bis zum nächsten Tage bleiben würden; aus einem derselben wollte Felicitas ein am Nachmittage vergessenes Buch holen. Der Gang war nur matt erhellt, aber selbst bei noch stärkerer Dämmerung würde man ihre Gestalt in der Ball-Toilette erkannt haben. Ehe sie an das betreffende Zimmer kam, bemerkte si«, daß eine andere Thür am Ende des Ganges halb offen stand. Unwillig über die Nachlässigkeit der Dienerschaft trat sie darauf zu und faßte die Klinke, um sie in's Schloß zu legen. In demselben Augenblicke hörte sie eine weiche, ihr nur zu wohlbekannte Stimme ihren Namen rufen. Sie I schrak zusammen, öffnete wieder und erblickte Kapitän Jhno, welcher in die schöne Uniform der Marine gekleidet, in der Mitte des hell erleuchteten Zimmers stand.
So hatte ihnFelttitaS noch nie gesehen, auch nicht geahnt, daß seine große männliche Schönheit in dieser I Tracht so sehr hervortreten würde. Sie verweilte wie gebannt auf der Schwelle, ihm gerade gegenüber. Sein Auge ruhte auf ihrer lichten Erscheinung, die sich scharf und glänzend von dem dunklen Hintergründe abhob. Wie war sie lieblich in dem weißen Tüllkleide mit den Astern im Haar und dem funkelnden Geschmeide an Hals und Armen!
„Felicitas!" rief er leise. Das brachte sie zu sich.
„Jhno, Du hier? Ich glaubte, dies Zimmer für unsere Freunde reservirt zu haben."
„Verzeihe die Aenderung. Als ich am Nachmittage ankam, hörte ich, daß man noch zwei große Räume benöthigte. Ich trat deßhalb meine Zimmer für van der Lohe's, diese Dir liebsten Gäste, ab und wollte Dich kurz vor dem Balle von dem Tausche benachrichtigen."
Er sagte es ruhig, vielleicht ein wenig inniger
Beilage zu Nr. 298 der „Fuldaer Zeitung V , . . .. , . ~ Druck und Verlag der Fuldaer Acliendruckerei (A. Dillmann).
Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda. _ _ 2___ - _