Einzelbild herunterladen
 

17. Jahrgang

Donnerstag, den 25. Dezember 1890

Fuldaer Zeitung

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (L. Dillmann).

Für die Kebaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

KW- Hierzu eine Beilage.

a»sr Die nächste Rümmer d. Bl. erscheint am Samstag, den 27. d. M.

Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringer­lohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage.Sterne undBlumeu' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

Sic .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen.

Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum UW, bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

großer Dinge in wenig Worte zu kleiden. Weihnachten • umfaßt die Welt, der Raum einer Zeitung nur einen Bogen Papier, und nicht einmal dieser Bogen Papier sicht uns zu Gebote, sondern nur der Raum, den man einem Artikel widmen kann. Das sei der Eingang, und neben unserer Schwäche die Entschuldigung der Unvollständigkeit.

Das Reich der Natur und das Reich der Gnade stehen, von derselben Hand geschaffen, im engsten Zu­sammenhang, nnd man kann das eine nicht begreifen, ohne das andere zu Hilfe zu nehmen. Wenn der Geolog die Geschichte der Erde erforscht, wenn der Naturforscher die Thiere nach ihren Zähnen, die Pflan­zen nach ihren Staubfäden klassifizirt, so trägt er da­mit Kenntnisse zusammen, für welche der nüchrerne Verstand im Grunde kein Interesse besitzt. Was liegt mir daran, ob vor dreimalhunderttausend Jahren der Basalt geschmolzen war, oder nicht? Was liegt mir an den Zähnen des Löwen, an den Staubfäden der Kartoffel? Erst dadurch, daß ich in all'diesen natür­lichen Vorgängen die Hand Gottes erkenne, welcher das geschaffen hat zu einem auch mich berührenden Zwecke, gewinne ich der Natur Interesse ab, und ich frage mich: was soll das, in welcher Beziehung steht das zu mir? Welches ist seine höhere Bedeutung?

In wahrhaft wunderbarer Weise tritt dieser Zu­sammenhang im Kirchenjahre hervor. Ja bei näherer Anschauung fühlt man sich versucht zu behaupten, daß das Kirchenjahr die Tendenz habe, die Brücke zwischen Zeit und Ewigkeit zu schlagen und dem Menschen die Bedeutung zeitlicher Dinge für die Ewigkeit zu offen­baren.

Weihnachten erscheint am 25. Dezember, nachdem die vier Wochen, oder vier Sonntage des Advents das­selbe vorbereitet. So sagt uns die heilige Geschichte, daß viertausend Jahre der Ankunft des Erlösers voran­gegangen. Aber nicht nur diese Vierzahl, sondern auch die äußere Erscheinung läuft parallel.

Diese vier Wochen sind die schlimmsten des ganzen Jahres. Der November hat ja feine — auch vorbe­deutungsvolle — trübselige Witterung; aber so kurz sind die Tage noch nicht, so pflegt sich noch nicht Schnee und Eis mit Sturm und Schlossen zu paaren und die Erde unwohnlich zu machen.

So zeichnete sich auch die Zeit vor der Geburt Christi durch eine stetige Verschlechterung aus. Das Licht nahm ab! Welch' geheimnißvoller Zusammen- hang! Während wir im Anfänge der Zeiten noch

*) Nachdruck nicht gestattet.

Dürftigen und theilt ihnen die Gaben des Christkindes aus. Das leichte Völkchen der Bühne, das seine eigene Religion hat, wird an diesem Tage christlich, und der Maschinist errichtet auf der Bühne den Christbaum; in der Kaserne flammt er, nnd ist an diesem Tage kein Vorgesetzter und kein Untergebener! Ja selbst das Zuchthaus gestattet seinen trübseligen Insassen die freudige Erinnerung daran, daß dies Kind auch für sie geboren wurde und seine Händchen jedem entaeaenstreckt, der darnach greift!

Wir beklagen tief den materialistischen Zug der Zeit, der das Weihnachtsfest seiner duftigen Blüthen entkleidet; geschähe dies um der Wahrheit willen, so würden wir uns trauernd in die Nothwendigkeit fügen; aber daß es geschehen soll, um der Eitelkeit eines Dutzend Gelehrter zu gefallen, die ihre Feindschaft gegen die Religion Christi als einzigen Leitfaden ihrer Forschungen haben, das braucht sich die Menschheit nicht bieten zu lassen. Wir haben wahrlich der Tage, die uns daran erinnern, daß wir Kinder eines Gottes, Brüder einer Familie sind, nicht zu viel. Das Leben reißt uns auseinander, und das Ringen um das Dasein stellt uns täglich zum Kampfe unfern Brüdern gegen­über. Da werden wir uns von gewissenlosen Händen den Engel nicht nehmen lassen, der von Himmelshöhen herab uns zuruft:

„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden."

Deutsches Keich.

B erlin, 2.3. Dezember.

* Der .Köln. Bolksztg.' wird aus Rom ge­schrieben: „Der heilige Vater erhielt von einer hohen kirchlichen Persönlichkeit in Bayern einen ein­gehenden Bericht über das Schicksal des Zesuile»- gesetzes. In demselben wird betont, daß der Reichstag die Aufhebung wohl annehmen wird, daß jedoch der Bundesrath dem Beschlüsse des Reichstages mit Sicher­heit nicht beitreten werde. Namentlich sei es die bayerische Regierung, welche sich zur Rückkehr der Orden durchaus ablehnend verhalte. Die übrigen Re­gierungen hätten sich um so leichter zu einem ab­lehnenden Beschluß bestimmen lassen, nachdem sie ge­sehen, daß die katholische Macht Bayern sich gegen die religiösen Orden sperre. „Wohlthaten werden nicht aufgedrängt!" Damit decke man sich. Diese Darlegungen, auf die man übrigens an der Kurie nicht ganz unvor­bereitet war, haben dem hl. Vater tiefen Schmerz verurfacht. Er hat sich über diese Vorgänge in'scharfen Worten geäußert. Bei verschiedenen Audienzen nahm er Veranlassung, mit den erschienenen Prälaten über diese ihn tiefbewegende Frage zu reden. Bon Bayern habe man ein solches Vorgehen nicht erwartet, nament­lich nach den Versicherungen der Regierung in der Ab­geordnetenkammer , als sie für die Rückberufung der Redemptoristen zu wirken versprach."

* Betreffs der Verstaatlichung des Aoch'schen Heil­mittels wird dem ,Hamb. Korr.' mitgetheilt, daß Koch für sich eine Entschädigung von 1 Million Mark, für seine Assistenten eine solche von einer halben Million Mark erhält; außerdem wird ihm ein erheblicher An- theil von dem auf jährlich 4 Millionen Mark berech­neten Ueberschuß aus den Vertrieb des Mittels zu Theil.

* Der Staatssekretair des Reichspostamts hat in Verfolg des zum 1. Januar bevorstehenden Inkraft­tretens der Jnvaliditäts- und Altersversicherung eine Verfügung über Aenderungen in dem Tienstverhältniß und der Dienstbezeichnung von Beamten, Nnterdramtrn und Arbeitern der Reichs-Post- und Telegraphenver- waltung erlassen, wonach die im Fernsprechdienst be- schäftigtm Hülfsarbeiterinnen vom 1. Januar ab die Dienstbezeichnung als Fernfprechgehülfinnen, die Hülfs- schreiber (Hülfsarbeiter) im Fernsprechdienst und im Post- und Telegraphenbetriebsdienst die Bezeichnungen Fernsprechgehülfen und Posthülfsbeamte erhalten. Diese 3 Kategorien werden zu den Beamten gerechnet. Da­gegen heißen die im Kanzleidienste der Oberpostdirek­tionen vorübergehend beschäftigten Hülfsschreiber, Lohn­schreiber und haben nicht die Eigenschaft als Beamte. Postboten und Privat-Postunterbeamte werden künftig

Bestellungen "AMT

auf die

Fuldaer Zeitung'

für das am 1. Januar k. I. beginnende

1. Guartal 1891

wolle man schleunigst dem nächsten Postamte zustellen, damit uns dieselben rechtzeitig übermittelt werden können und prompte Zusendung ermöglicht wird.

Der Post-Abonnementspreis auf die , Fulda er Zeitung' mit der illustrirteu Sonntagsbeilage = Sterne und Minnen = beträgt pro Quartal nur 1 Mk. 50 Pfg. exel. Be­stellgeld.

Reu zugehende Abonnenteu erhalten die Zeitung nebst der Sonntagsbeilage gegen Einsen­dung der Post-Quittung bis Ende Dezember gratis.

einen gewissermaßen reinen und einfachen Kult finden — wir verweisen auf Abraham und Melchifedech, — finden wir am Ende nur noch bei den Einen eine thörichte Leichtgläubigkeit, bei den Andern einen grasten - Unglauben, bet allen aber einen verrückten Aberglauben.

Dieselben Leute, welche der Götter in den Gymnasien spotteten, schlachteten daheim einen Sklaven, um sich aus dessen Blut die Zukunft prophezeien zu lassen. So tief war die Dunkelheit, so tief die Barbarei.

Und als die Sonne am tiefsten stand, so tief, daß nach den Ueberlieferungen der nordischen Göttersage die Völker fürchteten, sie gehe vollständig unter, um nicht mehr zu erscheinen, da wurde in Bethlehem das Kind geboren. Ist das Zufall? Und wenn es Zufall ist, warum grade denn in Bethlehem, das schon durch seine Wortbedentuiig „Stadt des Brodes" auf die wichtigste That des Erlösers hindeutete? Ist das auch Zufall? Und daß der Kaiser um diese Zeit die Volks­zählung ausschrieb, durch welche Maria und Joseph gezwungen wurden, dorthin zu gehen: ist das auch Zu­fall? Und daß man diesem Orte, der doch früher Ephrata geheißen, diesen Namen gab: ist das auch Zufall? Und daß endlich siebenhundert Jahre vor Christi Geburt der Prophet Micha auf den Gedanken kam, auszurufen: „aber du Bethlehem Ephrata, aus dir wird hervorgehen der Herrscher in Israel, dessen Ausgang von Anbeginn ist, von Ewigkeit her!" ist das auch Zufall? Ist eines dieser Dinge kein Zufall, dann stehen sie alle in einem tief innerlichen Zusammenhänge, dann findet die sittliche Welt ihre Ergänzung, ihre Analogie, wir möchten sagen,, ihren Schatten in der natürlichen.

Jetzt verstehen wir, warum das Christfest überall gefeiert wurde, wohin auch der Name Christi nicht drang, auch in Zeiten, da man noch in der Erwar­tung seiner Ankunft war. Das natürliche Jahr, in welchem sich von jeher das Gnadenjahr abspiegelte, das, wie wir oben bemerkt, der Schatten des Gnaden­jahres ist, hat die Völker auch die Zunahme des phy­sischen Lichtes freudig begrüßen lassen. Und wenn Baldurs Fest um diese Zeit gefeiert wurde, dessen Sage die auffallendsten Beziehungen zur Geschichte Christi hat, so darf man wohl sagen, daß dahinein alte Traditionen geklungen haben, um dies Zusammen­treffen zu veranlassen. Baldur war der Sohn Odins, des höchsten Gottes, die Personifikation der Sonne, der Gott des Friedens, starb eines gewaltsamen Todes, blieb aber nicht im Grabe, sondern ging wieder sieg­reich ans demselben hervor. Dessen Fest feierte man auf Weihnachten, und daraus will die Wissenschaft schließen, daß unser Weihnachtsfest eigentlich eine heid­nische Bedeutung, keine christliche hätte! Wir glauben sicherer zu greifen, wenn wir diesen Vorgängen geradezu eine providentielle Bedeutung beilegen; wenn wir in ihnen die Diener erkennen, welche vor und neben dem Herrn hergehen, um die Welt auf seine Ankunft vor­zubereiten.

In dem Kirchenjahre schließt sich an Weihnachten die eigentliche freudenreiche Zeit, und diesen Charakter hat diese Zeit auch überall im bürgerlichen Leben be­halten. Auch in jenen Kreisen, in welchen der Glaube erstorben ist, zündet man noch die Lichter des Christ- baums an, man gibt sich Geschenke, welche durch Kost­barkeit ersetzen sollen, was ihnen an innerer heiliger Beziehung abgeht. Das Christenthum hat aus dem Weihnachtsfeste den Tag der Verbrüderung der Mensch­heit gemacht. Die ganze Menschheit feiert den Ge­burtstag ihres göttlichen Bruders, des Erstgeborenen unter den Todten. Da ist kein Unterschied des Alters, des Geschlechtes, der sozialen Stellung mehr. Greife und Kinder, Männer und Frauen, Herrschaften und Dienstboten reihen sich um denselben Baum, über dem ein Engel schwebt, verkündend Ehre Gott und Frieden den Menschen. Da naht das Kind mit der Gabe, die seine noch schwachen Hände gefertigt, der Dienstbote naht mit dem, was er an seinem Lohne erdarbt, und beschenkt die Herrschaft, und man vergilt ihnen zehn­fach wieder. Da steigt der Reiche in die Hütte des Armen, damit er wenigstens an dem Tage der höchsten Erdenfteude über die kleinlichen Sorgen des Lebens sich hinaushebe; da sammelt man die Waisen, die

>