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Beilage zu Nr. 295 der „Fuldaer Zeitung".

_________________Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda. Druck und Berlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).

Sonntag, den 21. Dezember 1890. ~ "

Die Industrie also können und dürfen wir nicht todtschlagen, selbst wenn sie uns unangenehm wird, und deßhalb können wir auch die Zusammenziehung von Bevölkerungsmassen, welche die jetzigen Betriebs- Verhältnisse in der Industrie herbeiführen, nicht durch ä ußerliche Mittel, wie Beschränkung der Freizügig­keit oder bergt, beseitigen. Eine Heilung der krank­haften Erscheinungen ist nur möglich von innen heraus.

Die Decentralisation der Industrie hängt ab: 1) von einer solchen Ausgestaltung der B erkeh r s ver­hält n i s s e, daß die Industrie für die Anfuhr ihrer Rohstoffe, Kohlen und sonstigen Materialien, sowie für die Abfuhr ihrer Produkte nicht wesentlich mehr aufzuwenden hat, als bei der Lage in der Großstadt, und 2) von der Ermöglichung einer Kraf'terzeug- u n g für kleinere Betriebe ohne unverhältnißmäßige Anlage- und Betriebskosten. Von der Entwickelung der Technik der Kraftvertheilung auf dem elektrischen oder dem Preßluft-Wege hat man vielfach schon die Hoffnung herleiten zu können geglaubt, daß die Zeit der Riesenwerkstätten ihr Ende erreichen und die Haus­industrie in den Händen der Meister wieder aufblühen werde. Eine solche Einschränkung der Herrschaft des Großkapitals und Hebung der wirthschaftlichen Selb­ständigkeit des Mittelstandes hätte gewiß höchst erfreu­liche Folgen. Aber wenn auch die Kleinmotoren noch so gut, sicher und billig arbeiten, so wird doch immer eine Zusammenhäufung der Betriebe an gewissen Orten bestehen bleiben, so lange nicht Eisenbahnen und Wasserwege eine viel weitere Ausdehnung gewonnen und eine geschmeidigere Tarifpolitik angenommen haben. Uebrigens erfordert die billige Versorgung von Klein­motoren eine centrale Anlage mit einer größeren Zahl Abnehmer, die sich in einem idyllischen Land­dorfe nicht leicht zusammenfinden. Wo sie sich finden, da haben wir dann gleich eine Industriestadt mit den Gefahren, welche das Zusammenwohnen industrieller Arbeiter mit sich bringen. Es würde also der Belze- bub der Großstadt durch mehrere klein- und mittel­städtische Teufel verdrängt. Ob die Sittlichkeit und Ordnung dabei sehr viel profitiren würden, ist nicht so leicht zu sagen. Wir haben ja jetzt schon hier und da Fabriken, die in die Mitte einer landwirthschaft- lichen Bevölkerung hineingeschneit sind; sie bringen „Geld ins Dorf", sagen ihre Freunde, aber sie schaffen auch ein Proletariat in sittlicher und wirthschaftlicher Beziehung, wie es der Pfarrer und der Armen-Kom- missar früher nicht gekannt hat. Die vortheilhafteste Seite der erwähnten Neuerung wäre offenbar die Er­möglichung einer christlichen Familienz ucht in den kleineren Werkstätten, die unter der unmittelbaren und alleinigen Leitung eines tüchtigen Meisters stehen. Aber daß die Kleinheit der Gemeinde immer vortheilhaft wäre für die Aufrechthaltung von Sitte und Ordnung, kann man nicht unbedingt behaupten. Die Großstadt hat größere und schwerere Aufgaben, aber auch unverhältnißmäßig größere Mittel

In zwei wichtigen Punkten bleibt freilich die Groß­stadt in der Regel hinter ihren wachsenden Aufgaben zurück. Zunächst in den seelsorglichen Einrich- tun gen. Die Errichtung von neuen Kirchen und Seelsorgestellen erfordert so viel Verhandlungen, Kosten, Arbeit und Zeit, daß sie mit der schnellen Bolksver- mehrung nicht gleichen Schritt zu halten vermag. Daher die himmelschreiende Seelsorgenoth in Berlin, die auf katholischer Seite noch schlimmer ist, als auf protestantischer. Die Resultate der Volkszählung müssen aufs Neue Allen Instanzen, welche die Verant- Wörtlichkeit tragen, und allen Privaten, welche in der Lage find zu helfen, aufs Neue das Gewissen schärfen, daß in der religiösen Fürsorge für die Groß- städte endlich nachgeholt werden muß, was zur Schande des christlichen Namens und zum Schaden für Kirche und Staat so lange versäumt worden ist.

Die zweite dringlichste Aufgabe ist die Linderung der W ohnungsn o th in den Großstädten. Da man die Leute nun einmal nicht hindern kann, in die Stadt zu ziehen, so muß man sie wenigstens hindern, sich in Wohnungen locken zu lassen, die an Leib und Seele sie ruiniren. Es ist das ein großes Kapitel für sich, welches an dieser Stelle nicht eingehend abgehandelt werden kann. Aber zweifellos ist hier der Punkt, wo die Gemeindeleitung, die Polizei, die gemeinnützigen Vereine und die Leitung des Verkehrswesens mit ver- einten Kräften einsetzen sollte, um dem Zug in die Städte eine seiner schlimmsten Folgen zu entziehen.

Wenn die konservativen Blätter über den Zug in die Städte so lebhaft klagen, so dürfen sie nicht ver­gessen, daß eine der gepriesensten Einrichtungen, die sogen. „Schule der Nation", der allgemeine Mili- tärdienst bedeutende Mitschuld an dieser Strömung hat. Die jungen Leute, welche ihren Militärdienst leisten, werden ihrem einfachen ländlichen Leben ent­fremdet, an städtische Einrichtungen und städtische Ver­gnügungen gewöhnt, mit viel Selbstgefühl und Unter­nehmungslust ausgestattet. Was Wunder, daß die meisten von ihnen nach ihrer Entlassung sich zu Höherem berufen glauben, als Knecht auf dem Lande zu sein. Ja, wenn Jedem ein schöner Bauernhof geschenkt würde, auf dem er im Unteroffiziertone kommandiren könnte, dann ließe er sich das Landleben allenfalls gefallen. Aber da nicht an jeder Wiege ein Landgut hing und namentlich im großgrundbesitzigen Osten viel mehr dienende als herrschende Leute gebraucht werden, so geht der stolze Refervemann lieber in die Stadt, wo er erstens mehr Geld zu verdienen und zweitens mehr Freiheit im Genuß zu haben hofft.

Den Militärdienst können wir nicht abschaffen, wenigstens vorläufig nicht, so lange der internationale Friedensvertrag noch ein schöner Traum ist. Aber so lange müssen die Konservativen auch dessen Konsequen­zen mit weiser Geduld ertragen und nicht dafür Ein­richtungen verantwortlich machen, die viel unschuldiger in dieser Hinsicht sind, als z. B. das Bischen Preß­freiheit, was wir besitzen. Zur Erschütterung der Frömmigkeit und der Einfachheit der Sitte auf dem Lande tragen zweifellos die Worte und Beispiele der „Ausgedienten" mehr bei, als der Einfluß der städti­schen Zeitungen.

Noch ein Gesichtspunkt verdient Erwähnung. Nach­dem mal Stadt und Land in so innige Berührung und gegenseitige Einwirkung getreten sind, ist ein Aufschwung des Gemeinde lebens in den ländlichen Bezirken sehr am Platze. Man muß dem guten Beispiele der Städte zu folgen suchen, alle Kräfte zur Förderung der Gemeinde-Interessen hcranziehen, das G em e i n d e - Wahlrecht erweitern, dem Handwerkerstande und den sonstigen Gewerbetreibenden im Orte möglichst Förderung angedeihen lassen, überhaupt nicht mit Klage­liedern und dem Ruf nach Zwang die Sache abgethan glauben, sondern zu T h a t e n greifen, um die Gemeinde zu heben und den Insassen ein auskömmliches und be­hagliches Dasein zu sichern, damit nicht gar zu Mele fortlaufen.

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xi Der Zug in die Städte*).

Hinter jede Volkszählung kommt erfahrungsgemäß die Erörterung des riesigen Wachsthums der Städte. Auch jetzt ist schon aus Grund der ersten vorläufigen Resultate die Zeitungsdebatte über diese Angelegenheit im Gange. Auf der einen Seite wird geklagt über die Wasserkopf-Entwicklung, welche das Land veröde und in den Städten eine für Körper und Geist ver­derbliche Ueberfüllung Hervorrufe; auf der andern Seite wird die Städtebildung als Kulturblüthe ange­priesen. Die Einen freuen sich über die zunehmende Dicke der städtischen Adreßbücher, die Andern suchen nach Heilmitteln gegen dieses wirthschaftliche und soziale Hebel. Die Freizügigkeit, die Gewerbefreiheit, die Preßfreiheit, die Aktienfreiheit, das Kapital, die Börse und sogar das — Judenthum im Besonderen zeiht man der Schuld an der „Entvölkerung des platten Landes." Betrachten wir in aller Ruhe, ohne Vor- urtheil- und Tendenz, daS fragliche Zeichen der Zeit!

Deutschland hat eine sehr starke, natürliche Volks- vermehrnng. Wenn die neue Generation die Lücken der alten ausgefüllt hat, so bleibt immer noch ein be­deutender Rest, der Arbeit und Brod sucht. Die beiden großen Erwerbszweige, bei welchen die Masse ihre ivirlhschafttiche Unterkunft findet, sind die Landwirth- schaft und die Industrie. Zwischen den beiden besteht ein großer Unterschied in Bezug auf die Ausdehnungs­fähigkeit. Die Zahl und den Umfang der Fabriken kann man immerfort vermehren, wenn man Absatz für die Produkte hat oder zu finden hofft. Aber die Landwirthschaft muß sich nach der Decke des Acker­landes strecken, die der hebe Gott ihr zugeschnitten hat. Wenn sie auch doppelt und dreimal soviel landwirth- schaftliche Produkte absetzeu könnte, sie vermag sie nicht hervorzubriugen, weil die Maschine des Landwirths, der Ackerboden, nicht in einer beliebigen Anzahl von Exemplaren, wie Spindeln und Webstühle, verschrieben werden kann. Allerdings gibt cs noch Landflächen, die nicht bebaut sind und sich vielleichtnutzbar machen ließen; aber die Kosten sind zu groß, die Aussichten zu schlecht. Einen starken Waldbestand müssen wir erhalten, sowohl wegen der Holzgewinnung, als wegen der Einwirkung der Wälder auf Gesundheit, Wetter und Wasserstand. Und würde auch mit Aufbietung aller Kunst- und Geldmittel das letzte Fleckchen pro­duktionsfähiger Erde ausgenutzt, so würden wir doch nach einiger Zeit gerade so weit sein, wie jetzt; „die an der Landwirthschaft betheiligte Bevöl­kerung vermehrt sich stärker als die land- wirthschaftlichen Brodstellen. Daraus folgt, daß ein Theil der Nachkommenschaft der landwirth- schaftlichen Bevölkerung fortwährend zu der großen industriellen Armee überlaufen muß.

Und wo sitzt die Jndnstrie? Hauptsächlich in den Städten. Ob Mahomet zum Berge kommt, oder der Berg zu Mahomet, bleibt sich schließlich gleich. Wo sich eine lebhafte Industrie entwickelt, da gibt es eine Stadt, und wo sich eine Stadt mit guten Verkehrs- uud sonstigen günstigen Produktionsverhältnissen be- findet, da entfaltet sich die Industrie immer mehr. Die Industrie wird im Allgemeinen von einer Centri- petalkrnft beherrscht, während die Landwirthschaft een« trifugal geartet ist. Der Unternehmer, welcher die Zahl der Anlagen in einer übervölkerten Gegend noch vermehrt, handelt nicht aus Launen oder Bequemlich­keit oder Haß gegen das platte Land, sondern aus kaufmännischer Berechnung; er siedelt sich dort an, wo er am Erfolgreichsten sein Geschäft betreiben zu können glaubt. Wenn sich mitten in der Lüneburger Heide günstige Produktionsbedingungen offenbarten, so würden sich unter den eingefleischten Reichshauptstädt- lern sofort mehr als genug Unternehmer finden, bei denen der Zug in die Heide den Zug in die Stadt überwände.

Wer die Industrie haben will, der muß sie so ' nehmen, wie sie ihrer Natur nach ist. Und wir | brauchen die Industrie, sogar eine stetige Ausdehnung j

*) Nachdruck nicht gestattet.

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Kircher-Makorn,

Näh Maschinen FlorianPult,Fulda

der Industrie, denn die Landwirthschaft allein kann I zur Erfüllung der kommunalen, polizeilichen bvaieni- das starkbevölkerte Deutschland nicht erhalten. Wie 1 scheu Aufgaben. ‘ M S

der Ertrag der Getreidezölle und die Fleischtheuerung I e*- r .-». , „

handgreiflich beweisen, kann die deutsche Landwirth­schaft nicht einmal die nöthigen Nahrungsstoffe für die Einwohner Deutschlands liefern. Nicht bloß Luxus­sachen, sondern auch ein Theil des Unentbehrlichen, müssen wir vom Auslande kaufen. Um diese Einfuhr bezahlen zu können, müssen wir industrielle Erzeugnisse an das Ausland verlausen. Was liegt nun für ein Sinn darin, wenn der .Reichsbote ausruft: die Städte verzehren bloß, das platte Land ernährt! Gewiß, Berlin z. B. verzehrt riesig viel, aber die Landwirthe, welche ihr Prodnckt nach Berlin liefern, vom kleinen Milchhändler bis zum großen Viehzüchter, sind garnicht unglücklich über den Appetit der großen Stadt. Berlin bezahlt, was es ißt und trinkt, und das Geld dazu nimmt es keineswegs bloß aus den Taschen der ein­heimischen Landbevölkerung, sondern es zieht Millionen über Millionen aus den Taschen des Auslandes, die der gesammteu Nation zu Gute kommen.