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JW 294

Samstag, den 20. Dezember 1890.

k 7. Jahrgang

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Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).

Fuldaer

Fär die Redaktion verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda -

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* Die Ansprache des Kaisers^

we«it die Schulkonferenz vorgestern geschlossen wurde, liegt setzt im Wortlaut vor. Der Kaiser spricht darin der Konferenz vollste Anerkennung dafür aus, daß sie in redlichster Arbeit und offenem Meinungs- und Ge­dankenaustausch dahin gekommen sei, wohin er ihr den SSeg gezeigt, und daß sie sich das zu Eigen gemacht, und die Gedanken verfolgt habe, die er ihr angedeutet. Wenn er in seiner Eröffnungsansprache die Religion nicht erwähnt, so sei er der Ansicht gewesen, daß seine Ideen und Gedanken über Religion, d. h. über das Verhältniß eines jeden Menschen zu Gott, welche sie seien und wie heilig und hoch sic ibm seien, so sonnen­klar vor Aller Blicken darliegen, daß Jederrnann im Volke sie kannte. „Ich werde selbstverständlich als Preußischer König, wie als Summus episcopus Meiner Kirche es Meine heiligst. Pflicht sein lassen, dafür zu sorgen, daß das religiöse Gefühl und der Funke christ­lichen Geistes in der Schule gepflegt und genährt werde. Möge die Schule die Kirche achten und ehren und möge die Kirche ihrerseits der Schule beistehen und ihr bei ihren Ausgaben weiter wirken helfen; dann werden Wir zusammen im Stande sein, die Jugend zu den Anforderungen unseres modernen Staatslebens herauzubilden." Der Kaiser spricht dann zu Allem, was beschlossen worden, seine volle Beistimmung aus; nur die Frage der Reifeprüfung sei noch nicht ganz klar. Dann fuhr der Kaiser fort: „Wir befinden uns in einem Zeitpunkt des Durchgangs und Vorwärtsschreitens in ein neues Jahr­

hundert und es ist von jeher das Vorrecht Meines Hauses gewesen. Ich meine, von jeher haben Meine Vorfahren bewiesen, daß Sie, den Puls der Zeit füh­lend, voraus erspähten, was da kommen würde. Dann sind Sie an der Spitze der Bewegung geblieben, die Sie zu leiten und zu neuen Zielen zu führen ent­schlossen waren. Ich glaube, erkannt zu haben, wohin der neue Geist und wohin das zu Ende gehende Jahr­hundert zielen und Ich bin entschlossen, sowie Ich es bei dem Anfassen der sozialen Reform gewesen bin, so auch hier in Bezug auf die Heranbildung unseres jun­gen Geschlechtes die neuen Bahnen zu beschreiten, die wir unbedingt beschreiten müssen; denn thäten wir es nicht, so würden wir in 20 Jahren dazu gezwungen werden. Deshalb wird es Ihnen Allen ein besonderes Gefühl der Genugthuung und ein Gefühl der Freude sein, daß Sie Diejenigen gewesen sind, die ausgesucht waren, die ersten grundlegenden Prinzipien zu unseren neuen Bahnen festzustellen, mit Mir zu arbeiten und mit Mir die neuen Wegen zu erschließen, die wir un­sere Jugend dereinst führen wollen/' Der Kaiser ver­las dann einen Artikel des ,Hann. Kourier', von dem er sagte, daß er in jeder Weise wiedergebe, was Er,

Sonnenried.

Ronum von Marg« Brechten.

. (43. Fortsetzung.)

„Weiß Gott, an was wir Alles dachten, was wir befürchteten und welche verkehrten Mittel wir an- wcmdten, um ihm zu Kräften zu helfen! Ich meinte, die so hart verlebte Kindheit habe einen zu nachhaltigen Eindruck auf ihn gemacht, dessen Folgen eine Trübung seines Geistes sein werde. Zu dieser irrigen Meinung wurde ich durch sein trauriges Wesen veranlaßt. Er war immer verschlossen gegen mich gewesen, aber niemals unfreundlich. Jetzt wies er jedoch alle Beweise Von Theilnahme, jede Bequemlichkeit und Pflege, die ich ihm angedeihen ließ, fast schroff zurück.

„Eines Morgens trat mein Bruder Victor zu mir. „Adelheid", sagte er, „ich habe Reinhard diese Nacht bitterlich weinen hören. Nun ist Alles gut, denn ich glaube, wir werden ihm helfen können. Warte noch einen Tag, _ ich werde mir heute Abend Klarheit zu verschaffen suchen und morgen sollst Du hören- ob es mir gelungen ist." Sie können sich meine Unruhe denken, gnädige Frau! Ich sah namentlich nicht ein, warum denn nun mehr Hoffnung auf Besserung sei, denn wenn Reinhard weinte, so war dies doch der klarste Beweis, daß es recht schlimm mit ihm aussah.

der Kaiser, in seiner Eröffnungsrede, gesagt. Schließ­lich wies der Kaiser auf den Grundsatz seines Hauses hin: „Suum euique, das heißt: Jedem das Seine, und nicht: Allen dasselbe. Und das verfolgen wir auch gerade hier in dieser Versammlung und mit- dem, was Sie heute beschlossen haben. Bisherhat der Weg, wenn Ich so sagen soll, von den Termopylen über Cannä nach Roßbach und Viouville geführt; Ich führe die Jugend von Sedan und Gravelotte über Leuthen und Roßbach zurück nach Mantinea und nach den Ter­mopylen. Ich glaube, das ist der richtige Weg, und den müssen wir mit unserer Jugend wandeln."

Deutsches Keich.

Berlin, 18. Dezember.

* Unserem Kaiserpaar ist am gestrigen Abend 8'/« Uhr ein Sahn geschenkt worden.' Die Besucher der gestrigen Vorstellung im Opernhause waren die Ersten, welche von dem freudigen Ereignist in der faiferl. Familie Nachricht erhielten. Der Kaiser hatte dem Anfang der Opernvorstellung beigewohnt, war aber während des 1. Aktes abgerufen worden. Nach dem Schluß des 2. Aktes aber wurde dem Publikum von der Bühne aus die erfteuliche Mittheilung, daß S.M. der Kaiser dem Publikum sagen ließe, etwa 10 Min. nach 8 Uhr sei ihm ein Prinz geboren worden. Das Publikum erhob sich unter Hochrufen und verlangte nach der Volkshymne, welche alsbald vom Orchester angestimmt- und von Allen stehend dtttgesungeu wurde. — 72 Kanonenschüsse verkündeten heute (Donnerstag) Mittag der Reichshauptstadt die Geburt eines kaiser­lichen Prinzen. ES ist der Sechste in der Reihe und Alle sind frisch und gesund. - Heber das Befinden der Kaiserin ist heute folgendes Bulletin ausgegeben: „Nach einer leidlich verbrachten Nacht befinden Sich Ihre Majestät heute recht wohl. Auch das Befinden des Prinzen ist normal. Berlin, den 18. Dezbr. 1890. Dr. Ohlshausen. Dr. Zunker."

* Der Kaiser hat dem Kultusminister v. Goßler sein lebensgroßes Bildniß mit der eigenhändigen Unter­schrift; Sic volo sic jubeo (also will ich's, also be­fehl ich's) zum Geschenk gemacht.

* Windthorst stellte in der Schulkommisfion eine Reihe von Anträgen zur Wahrung der kirchlichen Rechte und Grundsätze.

* Gegenwärtig, wo die Reform des höheren Schul­wesens weite Kreise in hohem Maße beschäftigt, dürfte es an der Zeit sein, die Aufmerksamkeit der Fachwelt auf das im Jahr 1883 im Verlage der Bonifaciusdruckerei zu Paderborn erschienene Werk „Die Reform unserer Gymnasien" von G. M. Pachtler, S. J. zu lenken. P. Pachtler behandelt darin mit großer Umsicht und dem ihm eigenen Scharfblick alle einschlägigen Fragen, Am Abend legte ich mich angekleidet auf's Bett; bei meiner Aufregung war ja doch nicht an schlafen zu denken. Ich hörte die Beiden bis nach Mitternacht unten im Studirzimmer sprechen. Victor's eindring­liche, weiche, Reinhard's schwächere, mehr flehende Stimme drang deutlich nach oben. Endlich kam Rein­hard herauf in sein Zimmer. Denken Sie, bitte, wegen dem, was ich jetzt that, nicht zu schlimm von mir und vergessen Sie nicht, daß ich meinen jüngsten Bruder mit fast mütterlicher Zärtlichkeit liebte, hatte ich allein ihn doch erzogen. Die Sorge ließ mir keine Ruhe. Ich stand auf und ging an seine Thüre, dort hörte ich deutlich, wie er sich auf den Boden niederwarf. Heftiges Weinen drang zu mir heraus, aber auch einzelne, ab­gerissene Worte und diese sagten mir, daß das da Drinnen nicht Kummer sei.

„Der Morgen kam und nach der hl. Messe das Frühstück; dann endlich, ach, viel zu spät für meine Ungeduld, das erste ungestörte Zusammensein mit dem Bruder.

„Victor", rief ich, sobald Reinhard in den Garten gegangen und die das Geschirr abtragende Susanne hinter der Thüre verschwunden war, „was ist es?"

„Nichts weiter, als daß wir wieder einmal recht thörichte Menschen waren und an Alles dachten, nur nicht an das Naheliegende, da? ist es, Adelheid."

sodaß seine Arbeit, der große Uederstchtlichkeit zur be­tontem Empfehlung gereicht, allen denen, welche eine wahre Reform des höhern Schulwesens anstreben, will­kommene Dienste leisten wird.

* Unter Vorsitz des Prinzen Cacolat von der großen Landesloge Royal Dork, tagte hier die vom Deutschen Großlogentag gewählte Kommission zur Be- rathung des von 16 rheinisch-westfälischen Freimaurer­logen gestellten Antrags auf Errichtung eines allge­meinen deutschen Freimaurertages (Freimaurerparla­ments). — Das mag ja sehr interessant werden, wenn die Brüder aus ganz Deutschland sich einmal vereinigt dem Publikum zeigen. Wir werden da ohne Zweifel viele Gesichter wieder sehen, die uns aus den Zeiten des Kulturkampfes und bei andern Gelegenheiten, wo es eine Hetze gegen die Katholiken galt, bekannt geworden sind. »

* Der .Reichsanzeiger' publizirt das Gesetz betr. die Vereinigung Helgolands mit Deutschland. Dasselbe ist vom Kaiser am 15. d. Mts. sanktionirt worden.

* Professor Virchow erklärte dem Korrespondenten des ,Newyorker Herald' gegenüber, er habe kein Unheil, warum Kochs Lymphe von Bacillen bewohnte Gewebe angreist, so lange Koch die Zusammensetzung seines Mittels nicht angebe. Die Lymphe sei sehr gefährlich für Kinder und hochgradig Schwindsüchtige. Ob das Mittel Heilkraft besitze, könne erst durch zwei- bis dreijährige Experimente erwiesen werden. Er könne nicht zugeben, daß die Lymphe eine vollkommene Diag­nose für alle Tuberkelprozesse-ermögliche. — Der ,Kvl. Ztg.' telegraphirt man: „Aus Dr. Libbert's Privat­praxis wird jetzt ein neuer Todesfall nach der Behandlung mit Koch'scher Lymphe bekannt. Der Sohn des Herrn Simons aus Elberfeld, welcher vom Abg. Dr. Graf (Elberfeld) Koch zugeführt worden war, wurde von Koch und Libbert gemeinsam behandelt. Nach wenigen Injektionen trat der Tod unter so eigen­artigen Erscheinungen ein, daß Koch selbst erklärte, hier sei der erste Fall, wo mit Sicherheit anzunehmen sei, daß die Injektionen den Tod veranlaßt hätten.

* Auf Veranlassung des Kriegsministers finden Ermittelungen darüber statt, wie viel liefernngsfähiger Roggen zu 35,5 Kg. in diesem Jahre geerntet ist und wie groß die Roggenernte gewesen ist.

* Köln, 17. Dez. Infolge des Beschlusses deS rheinischen Provinziallandtages vom 11. d. M., durch den die Entscheidung über Art und Ort des für Wilhelm 1. zu errichtenden Provinzial-Denkmalsder Ent­scheidung des regierenden Kaisers anheimgestellt wird, wendet sich der Vorstand des Vereins zur Rettung des Siebengebirges mit einem Aufruf an die Rheinländer, dieselben auffordernd, eine Petition an den Kaiser zu richten, mit der Bitte, das Denkmal in Gottes freier

„O Victor, keine Umschweife," bat ich, „sage es auf einmal!"

„Es ist aber gar nichts so Besonderes," antwortete er, „nur eine ganz gewöhnliche Art des Kummers, unter welcher Reinhard doppelt litt, weil er sich Niemand entdeckte. Willst Du die Sache auf einmal ! wissen, oder Alles „von vornean", wie Du's nennst?"

„Natürlich von vorne an, aber möglichst rasch," drängte ich.

„Freilich, ihr Frauen liebt die Ausführlichkeit und seid dabei doch immer ungeduldig. Nun also, nach einem innigen Gebet rief ich Reinhard, dem ich be­fohlen hatte, die späte Abendstunde bei mir zuzu­bringen und nicht wie sonst auf sein Zimmer zu gehen. Und bann sagte ich ihm ganz einfach, daß Gott nicht wolle, daß die Menschen unglücklich seien, daß man im Gegentheil trachten müsse, so glücklich zu werden, als man eben könne, schon deßhalb, weil ein kummer­voller, niedergedrückter Geist nichts leisten und seine Pflichten nur schlecht erfüllen werde. Ohne cs zu wollen, hatte ich die wunde Stelle berührt," fuhr mein Bruder fort, „denn nun kam es heraus, sein Ge- ständniß, erst zögernd, dann unaufhaltsam, zuweilen bitter und vorwurfsvoll: „Ich habe keine Pflichten ich kann nichts leisten, erdrückt mich nicht mit de Sorge für meinen Körper, während Ihr den Gei