<7. Jahrgang
Freitag, den 19. Dezember 1890
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Sonnenried.
Roman von M a r g a B r e ch t e n.
(41. Fortsetzung.)
XIX.
Die beiden Damen saßen auf dem kleinen Sopha des hübschen Zimmers, und wie damals übte dessen köstliche Reinlichkeit und Frische, verbunden mit der anheimelnden Farbe des Bodens und der weißgrünen Wände, einen beruhigenden Eindruck auf Felicitas aus. Wirklich vergaß sie bei Fräulein Adelheid's Gespräch bald Alles, was sie bedrückte.
„Ich kann nicht weit ausholen", begann die Erzählerin, „und will heute nur der Zeit gedenken, da wir allein und verlassen in der Welt standen. Wir waren vier Geschwister. Reinhard, der Jüngste, war schon als ganz kleiner Knabe auf unsere Hülfe angewiesen. Mährend Viktor sich auf den geistlichen Stand vorbereitete, nahm ich, fast selbst noch ein Kind, die verschiedensten Stellungen an. Ich fand immer gute Menschen, welche mir erlaubten, meinen kleinen Bruder bei mir zu behalten. Manchmal fiel es mir recht schwer, aber das Bewußtsein, für ihn wie eine Mutter sorgen zu müssen und zu dürfen, stärkte mich. Rach und nach stellte ich keine Vergleiche mehr an und dachte nicht mehr daran, daß andere Mädchen meines Alters es so viel besser hätten als ich. Die Sehnsucht
Deutsches Deich.
Berlin, 17. Dezember.
* In der heutigen Schlußsitzung der Schulkaufereuz hielt der Kaiser eine längere Ansprache, deren Wortlaut morgen veröffentlicht werden soll. Der Schluß der Konferenz erfolgte mittelst nachstehender Kabinets- ordre, welche Geheimrath von Lucanus verlas:
„Es hat Mich mit Freude und Genugthuung erfüllt, Zeuge gewejen zu sein des Ernstes und der Hingebung, mit welcher alle Mitglieder der zur Erörterung der Schulfrage einberufenen Konferenz beigetragen haben, um diese, für unsere Nation so hochwichtige und Mir besonders am Herzen liegende Angelegenheit zu fördern. Ich kann es Mir deßhalb nicht versagen, allen Mitgliedern Meine volle Anerkennung und Meinen Königlichen Dank auszusprechen. Insbesondere gebührt Ihnen für die ebenso geschickte wie kräftige Leitung der Verhandlungen Mein voller Dank, und Ich freue Mich es aussprechen zu können, daß die Hoffnungen, weiche ich bei Beginn der Berathungen hegte, durch die Ergebnisse derselben ihrer Erfüllung wesentlich näher gerückt sind. Um nun auf Grund des gewonnenen, reichen und werthvollen Materials möglichst bald bestimmte Entschließungen zur Durchführung des Reformwerks fassen zu können, fordere Ich Sie auf, Mir baldigst Vorschläge wegen Bildung eines Ausschusses von etwa 5 bis 7 Männern zu unterbreiten, welchen die Aufgabe zu stellen sein wird: 1) das Material zu sichten und zu prüfen und darüber in möglichst kurzer Zeit zu berichten, und 2) einzelne, als besonders tüchtig bekannte Anstalten sowohl Preußens als auch der übrigen Bundesstaaten zu besichtigen, um das gewonnene Material auch nach der prakttschen Seite hin zu vervollständigen. Ich gebe Mich der Hoffnung hin, daß es Ihnen auf Grund dieser Vorarbeiten möglich sein wird, einen Plan für die wichtigen Reformen des höheren Unterrichtswesens, auch im Hinblick auf die nothwendigen finanziellen Maßnahmen,
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Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckcrei (A. Dillmann).
so zeitig auszustellen und Mir vorzulegen, daß die Einführung des neuen Planes mit dem 1. April 1892 erfolgen kann. Ich erwarte, daß Sic über den Fortgang der Angelegenheit Mir von Monat zu Monat Bericht erstatten. Noch liegt Mir am terzen, einen Punkt zu berühren. Ich verkenne nicht, daß bei urchführung der neuen Reformpläne erhebliche Mehrforderungen an die Leistungen der gejammten Lehrerschaft gestellt werden müßen. Ich vertraue aber ebenso ihrem Pflichtgefühle, wie ihrem Patriotismus, daß sie sich den neuen Aufgaben mit Treue und Hingebung widmen werden. Demgegenüber. erachte ich es aber auch für unerläßlich, daß die äußeren Verhältnisse des Lehrerstandes, wie dessen Rang- und Gehaltsverhältnisse, eme entsprechende Regelung erfahren, und Ich wünsche, daß Sie diesen Punkt besonders im Auge behalten und darüber an Mich berichten. Gegeben zu Berlin, im Schloß, den 17. Dez. 1890. gez. Wilhelm K." ,
Die Schulkonferenz hat in Bezug aus dar Berechtigungswesen beschlossen: Das von einem Gymnasium ausgestellte Reifezeugniß berechtigt zu sämmtlichen Fakultäts-Studien und zur Zulassung zu den diese Studien voraussetzenden Prüfungen für Aemter im Staats- und Kirchendienst, einschließlich des medizinischen Berufs, sowie zum höheren Berg-Bau-Maschinen-Schiffsbau, Post- und Forstfach. Das von einer auf 9 Jahreskurse berechneten Schule realistischen Charakters ausgestellte Reifezeugniß berechtigt zum Studium an technischen Hochschulen und zum Universitätsstudium der Mathematik und Naturwissenschaften, sowie zum höheren Bergbau, Maschinenbau, Post- und Forstfach. Für die Fakultätsstudien und Prüfungen ist das von einer auf 8 Jahreskurse berechneten Schule realistischen Charakters ausgestellte Reifezeugniß zu ergänzen durch den Nachweis hinreichender Bildung in alten Sprachen. Das von einer 6-klassigen höhnen Schule ausgestellte Reifezeugniß berechtigt zum Eintritt in den gesummten Subalterndienft. Die Berechtigung zum einjährig-frei- willigen Heeresdienst gewähren die Reifezeugnisse der 6-stusigen, sowie eine mit Erfolg bestandene Prüfung am Schluffe de II b der 9-stufigen Anstalten.
* Die letzte Volkszählung hat wiederum gezeigt, daß die städtische Bevölkerung in einem weit größeren Maße zunimmt, als die Bevölkerung auf dem platten Lande. Es ist das darauf zurückzuführen, daß die ländliche Bevölkerung, namentlich die Arbeiterbevölkerung nach den Städten drängt, wo sie höhere Löhne, größere Bequemlichkeit und Freiheit erwartet. Diese Thatsache ist nicht erfreulich, es muß mit derselben aber gerechnet werden. Wenn darüber geklagt wird, daß die Löhne, welche die Landwirthschaft gewährt, ungleich niederer seien, als die, welche im Allgemeinen die Industrie gewähren kann und wenn in demselben Athem die Aufhebung derjenigen Maßnahmen gefordert wird, welche der landwirthschaftlichen Produttion einigen Schutz gegenüber der auswärtigen Konkurrenz gewähren, so ist das unverständlich. Es ist dringend wünschens- werth, daß die Landwirthschaft Löhne gewähre, welche nach den Spielen der Kindheit und den Vergnügungen der Jugend verminderte sich, und ich ward mit vierzehn Jahren so ernst und fleißig, wie es andere kaum mit achtzehn sind."
„Du lieber Gott, in diesem zarten Alter haben Sie schon arbeiten, verdienen müssen?" rief Felicitas überrascht aus.
„Ja, ich mußte, aber es ging, Gott half: denn sehen Sie, der Eltern Segen war mit uns Dreien. Wir erfuhren dies schon früh, trotz eines furchtbar harten Schicksalsschlages, welcher uns gleich nach der Eltern Tod traf. Unsere älteste verheirathete Schwester hatte uns zwei jüngeren Geschwister zu sich genommen. Sie starb nach einem Jahre und bald darauf auch ihr Mann, der Schwager, in dessen Haus wir eine Hei- math gesunden. Da standen wir denn allein, und ich lernte in Folge dessen sehr früh die vielsagenden Worte: Arbeit und Sorge, kennen. Doch, wie ich schon erklärt habe, es ging. Tags über erfüllte ich meine Pflichten und des Abends suchte ich meinen Keinen Bruder zu unterrichten, welcher inzwischen 6 Jahre alt geworden war. Sie lächeln — das Hingt Ihnen bekannt?"
„Ach ja, bitte, fahren Sie fort! Sie erzählen so schön, ich könnte Ihnen immer znhören."
„Run wohl, ich lehrte ihn, so gut eS eben gehen wollte; erst lesen und ein wenig schreiben, dann inh-
auf die Fuldaer Zeitung' für das am 1. Januar k. I. beglnnende
L Guartal 1891
wolle man nicht bis auf die letzten Tage des laufenden Monats verschieben, sondern möglichst bald dem nächste« Postamte zustetten, damit uns dieselben rechtzeitig übermittelt werden können und prompte Zusendung ermöglicht wird.
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denen der Industrie entsprechen. Wenn man aber diesen Wunsch ernstlich hat, dann muß man auch das ©einige dazu beitragen, daß die Landwirthschaft in die Lage versetzt werde, mit der Industrie in Bezug auf die Löhne wetteifern zu können. Voraussetzung hierfür ist, daß die Landwirthschaft für ihre Produkte entsprechende Preise erzielt. Der unausgesetzie Abgang landwirth- schaftlicher Arbeiter nach den Jndustriedezirken muß mit Nothwendigkeit dazu fiihren, daß die Löhne der landwirthschaftlichen Arbeiter in die Höhe gehen, wenn überhaupt für den landwirthschaftlichen Betrieb Arbeitskräfte verfügbar bleiben sollen. Oder unsere Landwirth- schaft muß allmählich aufhören, sie muß nach und nach verschwinden, wenn sie hinsichtlich der Arbeitslöhne mit der Industrie nicht konkurriren kann. Es ist schwer zu sagen, ob die deutsche Landwirthschaft unter den heutigen Verhältnissen die Arbeitslöhne heraufsetzen könnte. Das ist aber wahr, daß sie schon die Löhne in der jetzigen Höhe nicht aufrecht erhalten könnte, wenn man den inländischen Markt für die ausländischen landwirthschaftlichen Erzeugnisse ohne Weiteres völlig freigeben würde. Im Reichstage ist gesagt worden, die ländlichen Arbeiter hätten von den landwirthschaftlichen Zöllen keinerlei Nutzen gehabt und ihre Lage sei durchweg eine elende. Wie wäre es denn aber gewesen, wenn die deutsche Landwirthschaft unter dem Drucke der russischen, amerikanischen und indischen Konkurrenz zu Grunde gegangen wäre? Würden die landwirthschaftlichen Arbeiter davon nicht in allererster Linie betroffen worden sein! Wenn ihre Lage heute keine glänzende ist-, so existiren sie Loch, so habeu sie doch Lohn und Brod. Unsere Industrie erweitert sich ja erfreulicher Weise mehr und mehr, aber das liegt doch wohl auf der Hand, daß sie die durch den etwaigen Untergang der Landwirthschaft frei werdenden Kräfte — und es handelt sich hier um viele Millionen von Händen — nicht ohne Weiteres nnterbringen könnte. Wir haben also keine Ursache, Erwerbsquellen, aus denen Millionen unserer Landsleute ihre Existenzbedingungen schöpfen, zu verstopfen. Wir sollen sie vielmehr pflegen und bemüht sein, sie womöglich noch reichlicher fließen zu lassen.
* Der Budget-Kommission des Reichstages ist eine Denkschrift über denBaudesNordostsee-Kanals zugegangen. Dieselbe konstatirt, daß der für Herstellung des Kanals erforderliche Grund und Boden erworben ist. Es ist indeß nicht ausgeschlossen, daß sich nachträglich die Nothwendigkeit des Zukaufs einzelner Grundstücke ergibt. Bis zum 1. Oktober d. I. sind von den im Ganzen zu fördernden 77 Millionen Kubikmeter Erde rund 23 Millionen gefördert worden. Am 1. Oktober waren beim Kanal-Bau 7074 Arbeiter beschäftigt; davon waren in 35 Baracken derKanal-Bau- nen. Es dauerte fast ein Jahr, bis wir die Anfangsgründe bewältigt hatten. Die kleinen Gebete behielt er gut, auch das Rechnen faßte er leicht, dagegen hatten wir viele Mühe mit dem Lesen. Gewiß war meine Methode auch nicht die richtige, und wir fühlten uns Beide zur Abendzeit recht müde und abgespannt; so konnten die Fortschritte nur gering sein. Reinhard war ein ernstes, geduldiges Kind. Meist kränkelnd, saß er still in einer Ecke mit seiner Fibel oder einem abgenutzten Spielzeug, das ihm die Kinder des Hauses geschenkt hatten. Wenn ich ab und zu eine freie Minute erübrigen konnte, flog ich nach meinem Kämmerlein, steckte ihm ein von meinem Antheil abgespartes Stückchen Brod oder Obst zu und streichelte ihm die blasse Wange. Dann huschte es wie ein Sonnenblick über sein armer, häßliches Gesicht, und ich kehrte wieder muthiger zu meinen Geschäften zurück. Ich glaube, das Kind hat damals, so jung e§ war, doch schwer unter dem Drucke der Verhältnisse gelitten."
„Und zu denken, daß dies Kind jetzt derselbe große und starke Mann ist, der unter uns weilt. O Fräulein Adelheid, ich sehe Sie nun mit ganz anderen Augen an! Sie h wen w hübe mit der Roth des Lebens ge» kämpit und sich Ihr Schicksal aus eigener Kraft gestaltet.. Ich weiß NUN, warum Sie eile Drei so ganz ungeroignlidi, so viel vollkommener sind als andere Menschen. Ob dies der Grund war, daß ich immer
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Fiir die Redaction verantwortlich : Ludwig Deibel in Fulda