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Mittwoch, den 17. Lezember.

1890.

doch dann schüt-

winterlichen Grün des Waldes gewundenen Kran darum zu befestigen.

Sie war allein in dem Gemach, das ein kleines, noch seines Schmuckes harrendes Tannenbäumchen bereits mit weihnachtlichem Duft durchzog.

Susanna war es gelungen, die Gräfin, welche in den letzten Nächten, in der That wenig Schlaf ge­funden, zu einem kurzen Schlummerstündchen zu über­reden, und ganz stolz ob ihrer gelungenen Kriegslist hatte sie dieselbe in deren Schlafgemach geleitet. Das junge Mädchen war daher bei ihrem frommen Liebeswerk ganz ungestört; während sie mit zitternder Hand den Kranz befestigte, sprach sie zu dem Bilde leise zärtliche Worte, als ob das gemalte Antlitz, zu dem sie feuchten Auges emporsah, das eines Le­benden sei.

„Nimm ihn hin, den Kranz, du lieber Papa", klang es in leisem Flüstern durch die geheimnißvolle Stille, „er sei mein Weihnachtsgeschenk für Dich, — ich habe mein Wünschen und Hoffen als Opfergabe hineingeflochten. Ich weiß, Dein Segen wird mit mir sein, auf dem dornenvollen Pfade, der nun vor mir liegt. Nicht umsonst sollst Du mir ahnungsvoll noch kurz vor dem Scheiden die Sorge für die von Dir so zärtlich geliebte Mama ans Herz gelegt haben — sie wieder heiter zu machen, sei fortan meines Lebens höchstes Ziel.

die Aufgabe, die sie mit mühsam

Sie war fertig. Gewaltsam' wehrte sie den auf­steigenden Thränen. Wenn ihre Bescheerung die beab­sichtigte Wirkung hervorbringen sollte, durfte ja das Christkind keine verweinten Augen haben.

Sie mußte ihr Leid in der Stille durchkämpfen — auch Susanna durfte es nicht theilen.

Welche Anstrengungen hatte es sie vorhin gekostet, nach jener Begegnung, die ihre mühesam erkämpfte Resignation auf's neue so schwer erschüttert hatte, der treuen Seele ihren Schmerz zu verbergen und den Freudenausbruch derselben beim Anblick der von ihr gemachten Einkäufe mit heiterer Miene anzuhören.

Es war ihr gleichwohl gelungen, wenn auch Susanne über die auffallende Blässe ihres Comtess'chens sich sehr besorgt gezeigt und nicht eher geruht hatte, bis Ellen sich ein Glas Wein von ihr aufnöthigen ließ.

Mit geschickter Hand begann sie jetzt mit dem Schmuck des Bäumchens. Sie verwandte dazu nur einige Streifen Watte, die sie auseinanderzog und den draußen lagernden Schnee nachahmend, über die Zweige breitete. Als es fertig und mit weißen Kerzchen be­steckt aus seinem Platz unter dem Bilde stand, war der Anblick trotzdem ein äußerst poetischer.

Ein wehmüthiges Lächeln umzuckte Ellen's Lippen, als sie die Geschenke für ihre Mutter darunter auf­baute und sich dabei der Freude erinnerte, die sie noch vor wenigen Tagen beim Ausdenken dieses Momentes empfunden; als sie dann aber ihr vollendetes Werk beschaute, zog doch etwas wie stiller Frieden in ihr Herz: Die alte Wahrheit, daß Geben seliger ist als Nehmen, begann auch an ihr seine Kraft zu üben. —

Sie gewahrte es nicht, daß schon eine geraume Zeit die Thür hinter ihr sich geöffnet und Susanne den mit steifgestärkter Festhaube geschmückten Kopf hindurch ge­steckt hatte. Endlich vermochte dieselbe jedoch nicht sich an zu halten.

„Wie schön, nein, wie schön Comteß'chen das ge­macht haben!" flüsterte sie, indem sie vollends eintrat. „Und wissen Sie, was ich dachte, als ich Sie hier von der Thür aus das Bäumchen putzen sah? Daß Sie selbst wie ein leibhaftiger Weihnachtsengel dabei auS- sähen."

„Aber Susanne, welch' arge Schmeichlerin Du bist! Geh' lieber jetzt und wecke die Mama. Ich zünde in­zwischen die Kerzen an. Wenn Du mich das Weih­nachtslied anstimmen hörst, magst Du sie hereinführen."

„Ich werde meine Sache schon gut machen; Com­teß'chen können sich ganz auf mich verlassen." Damit verschwand sie im Nebenzimmer. (Forts.im 2. Blatt)

Mnter'm Tannenbaum.

Erzählung von A. Brüning. (Nachdr. »erb.)

Mit tiefem Athemzug sog er den leisen Dust ein, der denselben auch jetzt noch entströmte, und der ihm m der verflossenen Zeit oftmals die süße Gestalt vorgezaubert, der die welken Blätter einst zum Schmuck gedient.

Leise, als ob er ein Heiligthum berühre, streifte er dieselben mit seinen Lippen.

„Vorbei," flüsterte er, „fei denn die Ehre fortan der einzige Leitstern meines Lebens. Meiner Liebe Durfte ich nicht folgen, doch die Erinnerung an sie mH- mir Ä'raft geben, die einmal übernommene Pflicht zu erfüllen und ihrer so immer würdig zu bleiben." 0

Er barg die Brieftasche sorgfältig wieder an seiner I Brust und schlug langsam denselben Weg ein, den auch Ellen vorhin geschritten.

Unwillkürlich forschte er nach der Spur ihrer Heinen Fuße, docy der immer dichter fallende Schnee hatte I ste bereits verwischt.

! Er dachte darüber nach, wie seltsam es war, daß sie so gar nichts von einander wußten, und das Wo­her und Wohin mit keinem Wort zwischen Ihnen er­wähnt worden war. Ob diese Gegend ihre Heimath war? Er mußte es wohl annehmen — vielleicht wohnte sie sogar in der Nähe derjenigen, zu der sein gegebenes Wort ihn rief.

Nein Gott sei Dank, das wenigstens hatte er nicht ju fürchten, es war ihm ja gesagt worden, daß das Haus, welches das Ziel seiner Wanderung bildete, ganz einsam gelegen sei.

Es war gut, daß auch sie nicht seinen Namen wußte. Der Gedanke, daß sie denselben in Verbin­dung mit einem andern würde nennen hören, wäre ihm unerträglich gewesen.---

Eine Stunde später stand Ellen in dem gemein­schaftlichen Wohnzimmer vor dem Bilde ihres Vaters und war beschäftigt, einen eben vollendeten, aus dem

Sie schwankte einen Augenblick; feite sie leise das Haupt.

„Ich glaube, es ist besser für wir beide zu erfüllen haben," sagte ___

beherrschter Stimme, „wenn wir hier scheiden. Zür­nen Sie mir daher nicht, wenn ich Ihnen jetzt Lebe­wohl sage."

(Schluß.)

„Vergeben Sie mir, mein Fräulein", sagte er mit jenem tiefen, dunklen Stimmklang, der stets das Zeichen einer mächtigen inneren Erregung ist, „ich bin nicht mehr berechtigt zu der Sprache, zu der ich mich durch diese plötzliche Begegnung hinreißen ließ. Nach Mem Abenteuer, als mein, einem Freunde gegebenes SJort mich wieder zurück in weite Ferne führte, aus der ich damals nur für ganz kurze Zeit in die Hei- an- ^urückgekehrt war, habe ich oft von einem solchen Wiedersehen geträumt und kühne Wünsche und Hoff­nungen daran geknüpft. Seit dem ist aber eine große Ve^nderung in mein Leben getreten, die mir das weptber freien Selbstbestimmung genommen hat, und diese Begegnung die ich einst voll Ungeduld herbei- gesehnt sie dient jetzt nur dazu, mir die Erfüllung

schweren Pflicht noch schwerer zu machen. Das Schichal ist- unverdient, grausam gegen mich: es zeigt Ar auf meinem W.ge zauberisch lockend eine holde Blüthe, während es zugleich meine Hand, die sich be­gehrend danach ausstrecken möchte, mit dem stärksten Bande — dem der Ehre gefesselt hält.---—

Doch ich fühle, daß ich in Räthseln zu Ihnen spreche", setzte er nach einer Pause in verändertem Ton hinzu „Sie werden mich nicht verstehen."

Ellen erhob den gesenkten Kopf — leichter Purpur brannte auf ihren Wangen, aber mit einem freien, grpfjen Blick sahen die braunen Augen zu ihm empor.

„Vielleicht besser als Sie denken", erwiderte sie mit leicht schwankender jedoch allmälig fester werden­den Stimme. „Wir werden uns ja, wenn hier unsere Wege scheiden, kaum jemals Wiedersehen, so darf ich denn wohl, über konventionelle Schranken mich hin­wegsetzend, in dieser Stunde volle Offenheit walten lassen, trotzdem wir einander äußerlich so fremd gegen« überstehen — fremd bis selbst auf den Namen, denn auch ich kenne den Ihren nicht, da ich die Karte, die mich darüber aufklären sollte, damals verlor. — So wissen Sie denn, daß es ein gleiches Loos ist, was mir das Verständniß für ihre Worte gibt: auch ich habe eine Pflicht zu erfüllen, der ich mein Herz zum Opfer bringen muß."

Sie ahnte nicht wie schön sie war in diesem Augen­blicke mit dem feuchten Glanz in den schönen braunen Augen und dem Adel eines hochherzigen Entschlus es auf den kindlich weichen Zeichen.

Sie schwiegen Beide. Nach einer kleinen Weile fragte er:

„Gestatten Sie, daß ich Ihnen durch den Wald das Geleit gebe?"

Wie selbstvergessen hingen die Blicke des Mannes an ihrem Bilde, während er den süßen Worten lauschte . die ein Geständniß enthielten, die ihn unter anderen Umständen mit namenloser Seligkeit erfüllt haben würde.

„Verloren also — zweifach verloren"--ent­

schlüpfte es unwillkürlich seinen Lippen, als sie geen- ort. $ Dann wie sich bestimmend wandte er sich feurig

©ie sind ein Engel an Großmuth, ich danke Ihnen tausend, tausendmal! Ihre Mittheilung ist dennoch eine Wohlthat für mich: wird doch der Gedanke, daß nicht meine Bande allein es sind, die mich von einem heiß ersehnten Ziele trennen, es mir leichter machen, dieselben zu ertragen. Und nun — noch eine Bitte ... es ist ja Christabend heute! wollen Sie mir versprechen auch ferner meiner freundlich zu gedenken, auch wenn ich m Ihrer Erinnerung bleiben möchte, was ich bisher gewesen — ein Namenloser?"

^re Lippen glitt ein eigenes, wehes Lächeln. I

„Das will ich nicht nur, das muß ich sogar: wie könnt ich meines einstigen Beschützers wohl jemals anders als dankbar gedenken? Der Bitte hätte es nicht bedurft — sie war schon gewährt.." 1

„Ich ehre Ihren Willen."

Mit einer fast ehrfurchtsvollen Geberde neigte er sich über die ihm dargereichte schmale Mädchenhand.

Als er sich wieder aufrichtete, war sein Antlitz fahl trotz der dunklen Hautfarbe. Noch einmal tauch­ten die zwei Augenpaare in einander mit einem langen, beredten Blick der Alles ausdrückte, was un- gesprochen zwischen ihnen lag, dann trat er zurück und ließ sie vorübergehen.

Regungslos stand er da und folgte mit den Augen der schlanken Gestalt, deren dunkles Gewand sich scharf von dem weißen Schneehintergrund abhob, so lange ihr wehender Schleier sichtbar hlieb,

„So schön, so anmuthsvoll und mein ihr Herz," murmelte er vor sich hin, „wie unsagbar hart, ihr nach dieser Erkenntniß noch zu entsagen. War denn m der Erinnerung an dieses holde Geschöpf mein Opfer noch nicht schwer genug, daß mir ein höh­nisches Geschick auf dem Wege zu der Braut, die ich erwählen muß, noch einmal den ganzen Liebreiz der- jenigen zeigt, die ich verlor?"

Und dennoch muß es fein.

Er richtete sich hoch auf, feine Lippen preßten sich zusammen wie in unerschütterlichem Entschluß.

Noch einmal zog er die Brieftasche hervor und schlug das Blatt auf, das die getrockneten Veilchen enthielt. ’