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J\i 4. Mittwoch, den 17. Dezember. 1890.

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MM- Zweites Blatt. "WK»

Unterm Hannenbaum.

Erzählung von A. Brüning. (Nachdr. Verb.) (Fortsetzung aus dem ersten Blatt.)

Wenige Minuten später erfüllten die Weihnachts­lichter mit ihrem Duft und Schimmer das schlichte Gemach. Einen Augenblick stand Ellen mit übergehen­den Augen in den von tausend süßen Kindheits-Erin­nerungen durchwobenen Lichtglanz hinein schauend, dann schritt sie zu ihrem Instrument, dem einzigen kostbaren Stück in der einfachen Einrichtung — es stammte noch aus Schloß Tarnfels — und schlug den reich mit Perl­mutter eingelegten Deckel zurück.

Das Klavier stand so, daß, als sie sich davor nie­derließ, die Tannenzweige ihre Gestalt versteckten. In kurzem Präludium ließ sie die Finger über die lange nicht berührten Tasten gleiten — es war das erste Mal heut' seit ihres Vaters Tod — dann als sie im Nebenzimmer nahende Schritte hörte, ging sie über in eine süße, feierliche Melodie und von ihren Lippen er­tönten gleich einer himmlischen Verkündigung-die Worte des alten Weihnachtsliedes:

„O, selige Nacht „In himmlischer Pracht „Erscheint auf der Haide „Ein Bote der Freude j „Dem Hirten, der nächtlich

„Die Heerde bewacht.

„Wie tröstlich er spricht! „O, fürchtet Euch nicht! „Ihr wäret verloren „Heut' ist Euch geboren, „Der Heiland, der Allen „Das Leben verspricht:

Klar, voll und weich zogen die Töne der herr­lichen Mädchenstimme hinaus in den schweigenden Wald: sie schwebten tröstend und verheißend zu dem dort unweit des Hauses an einer der beschneiten Tannen lehnenden Manne, in dessen aufgeregte Seele der Gesang eine wunderbare Beruhigung goß.

Drinnen aber hatte sich schon bei den ersten Akkor­den die Thüre geöffnet, und auf Susanne gestützt, war Gräfin Helene eingetreten.

Ellen hörte sie kommen, ohne jedoch ihren Gesang zu unterbrechen, sie wollte zartsinnig ihrer Mutter dadurch Zeit lassen, die erste unvermeidliche Gemüths- erschütterung zu überwinden. — Wie Sphärenklang umrauschten dieselbe die süßen Töne des Liedes, die, da die junge Sängerin unsichtbar blieb, gleichsam aus den lichtgeschmückten Tannenzweigen herabzuschweben schienen.

Als sie geendet, erhob sich Ellen und kam zögern­den Schrittes aus ihrem grünen Versteck hervor.

Da stand die Gräfin mit gefalteten Händen und thränenden Augen; aber aus diesen Augen leuchtete es wie Verklärungsglanz, als sie jetzt der zaghaft zu ihr aufblickenden Tochter begegneten. Sie breitete die Arme aus:

„Ellen, Kind, wie dank ich Dir für diese Freude."

Das Mädchen legte still den goldigen Kopf an ihre Brust; fest und innig schlangen sich die zarten Arme um ihren Hals.

„Zu des Todten Gedächtniß, Mama," flüsterte es an ihrem Ohr.

Susanne stand daneben und weinte verstohlen in ihr Tuch, sie wußte selbst nicht, ob Wehmuths- oder Freudenthränen.

Als die ersten Minuten des Ergriffenseins vorüber waren und Ellen eben ihre Gaben, bei denen auch Susanne nicht leer ausging, vertheilt hatte, wurde plötzlich die Hausglocke gezogen.

Ueberrascht und beinah erschrocken ob solch unge- wohntm Ereignisses ging die Alte hinaus, um als­

bald ganz konsternirt und mit hochrothem Kopfe wieder­zukehren.

In der Hand trug sie einen in Seidenpapier ge­hüllten Strauß prächtiger, weißer Christrosen, an dem eine beschriebene Visitenkarte befestigt war.

Ein fremder, vornehm aussehender Herr sei da, meldete sie, der ihr denselben für die Comtesse ge­geben hatte.

Mit zitternder Hand nahm Ellen die Karte; Graf Roland von Tarnfels, stand darauf.

Wie ein elektrischer Schlag durchzuckte der Name sie. Vor ihren Augen schwand Alles, sie vermochte die darunter geschriebenen Worte nicht zu entziffern.

„Lies Du, Mama," bat sie mit erstickter Stimme.

„Graf Roland von Tarnfels sendet der gnädigsten Comtesse beifolgenden Gruß aus der Heimath; hoffend, daß die Blüthen dem ungebetenen zur Christfeier er­scheinenden Gast eine nachsichtige Aufnahme erwirken werden," las die Gräfin.

„Eine hübsche, sinnige Idee," sagte sie, den Strauß in Ellens herabhängenden Händen betrachtend. „Der Tarnfelser Gärtner wird ihm verrathen haben, wie Du gerade diese Blumen stets besonders gepflegt und geliebt hast. — Aber Kind, was ist S)ir?4 Du bist ja bleich wie eine Statue! Erschreckt Dich die Ankunft des Grafen denn so sehr?"

„Nein, nein, es ist nichts Mama, nur die Ueber- raschung ..." rang es sich mit Anstrengung von Ellens Lippen.

„So geh, Susanne, und führe den Grafen herein."

Es verflossen einige peinliche Sekunden des Wartens. Ellen stand neben dem Weihnachtstisch, auf den sie, unwillkürlich feinen Halt suchend, sich stützte. Ihr Gesicht war noch immer weiß, wie die Blüthen in ihrer Hand. Starr und weit geöffnet hingen ihre Augen an der Thür.

Jetzt ward dieselbe geöffnet. Durch des Mädchens schlanke Glieder flög ein krampfhaftes Leben, aber im nächsten Augenblick wandelte sich der qualvoll gespannte Ausdruck ihrer Züge in staunendes, sprachloses Ent­zücken :

„Was war das? Wer trat dort herein? . . . . Wessen Augen waren es, die den ihren begegneten mit einem Blick, als ob sich plötzlich der Himmel aufge- than und das hehre Christwunder sich vor ihnen ent­schleiert hätt.

Sie konnte nichts denken, nichts begreifen, das eine nur wußte sie, daß nun alles Leid, alles Grämen ein Ende habe, und damit war plötzlich die Kraft ihrer Selbstbeherrschung zu Ende, sie legte die Hände über die Augen, aus denen die Thränen, die sie bisher so tapfer zurückgedrängt, nun unaufhaltsam hervorbrachen.

Aber schon in der nächsten Minute fühlte sie ihre Finger sanft ergriffen und herabgezogen.

„Ellen, Comtesse — wie darf ich mir diese Thränen deuten?" fragte bebend vor Erregung eine wohlbe­kannte, klangvolle Männerstimme.

Da sah sie auf und schaute mit seelenvollem Blick in die geliebten, grauen Augen.

„Daß es die seligsten meines Lebens sind," flüsterte sie, rosig erglühend, und dann — sie wußte selbst nicht, wie es gekommen — lag sie plötzlich an seiner Brust, von seinen Armen umfangen und fühlte er­schauernd seine Lippen auf ihrem Scheitel.

In fassungslosem Staunen standen die Gräfin und Susanne und blickten verständnißlos auf die Gruppe dort unter dem Weihnachtsbaum.

Endlich schienen die beiden glücklichen Menschen­kinder sich ihrer zu erinnern.

Aus Gras Rolands Armen in denen Ellen wie ein Geschenk des Himmels so plötzlich den still Geliebten gefunden, flog sie in die der Mutter.

Unter Lachen und Weinen sprudelten ihre Lippen die Erklärung des Zusammenhangs hervor.

„ES ist wie ein Wunder, Mama," schloß sie end­

lich ihren Bericht. „Ich kann es noch immer nicht fassen, das hohe, unbegreifliche Glück, das gewiß der Papa uns droben erfleht hat! — O, nicht wahr? Du freust Dich mit Deiner Ellen?"

Die Gräfin, die erst allmählig von ihrem Staunen sich erholte und znm Vollbewußtsein der eingetretenen freudevollen Wendung kam, drückte ihr bräutliches Kind voll stolzer Mutterfrende ans Herz.

Dann richtete ihr Auge sich auf die schöne ritter­liche Gestalt des Grafen Roland, der auch hinzuge­treten war und in edler Haltung vor ihr stand.

„Darf ich als holdes Friedenspfand heut am Fest des Friedens und der Liebe Ihre Tochter von Ihnen erbitten, Frau Gräfin? und wollen Sie gestatten, daß der bisherige Eindringling sich von nun ab in einen Sohn verwandelt, der Sie lieben und ehren wird als diejenige, der er das Glück und die Krone seines Lebens verdankt?" fragte er, ihr mit offener Herzlichkeit die Hand entgegenstreckend.

„Von ganzem Herzen" erwiderte sie, indem sie ohne Zögern die ihrige hineinlegte.

„Ich weiß, auch mein Gatte würde diesen Bund segnen," fügte sie, zu dem-hellbeleuchteten Bilde, hin­überblickend, hinzu, „durch den endlich die feindlichen Stämme versöhnt und die alten Zwistigkeiten begraben werden in Liebe."

„Wer hätte das gedacht!" flüsterte Ellen, den Kopf an des Grafen Schultern lehnend, „als wir vor einer Stunde ein so trauriges Lebewohl tauschten?"

„Nun weißt Du doch auch endlich meinen Namen" gab er scherzend zurück. „Sprich, mein Lieb, wie ge­füllt er Dir?"

„Er ist wie geschaffen für Dich," lächelte sie, „als Held und Retter bist Du mir ja zuerst erschienen uno also habe ich Dein Bild seitdem stets im Herzen ge­tragen."

„Meine süße Ellen!" er küßte feurig die schönen Aurikelaugen, die jetzt wieder im alten sonnigen Glanze erstrahlten, und fuhr dann auf den Strauß, den sie noch in der Hand hielt, deutend, bewegten Tones fort:

„Sind die Blumen hier nicht fast wie ein Symbol unseres Glückes? Wie sie aus Schnee und Eis, so ist jenes aus Opfer und Entsagung emporgeblüht. Komm, laß sie Dir als bräutlichen Schmuck ins Haar flechten, Du selber, meine liebliche Christrose!"

Er nahm die reinen weißen Blüthen und schob sie ihr unter die schimmernde Haarkrone.

„So, und nun sing mir noch einmal das Lied" bat er, „das ich vorhin draußen mit angehört, ohne Ahnung, wessen Lippen es waren, denen die wunder­baren Töne entströmten und doch von ihnen wie mit Zauberbanden zu der unbekannten Sängerin hinge­zogen. Willst Du mir den Wunsch erfüllen, mein Lieb?"

Sie nickte und ließ sich von ihm zu dem Klavier führen, neben dem er stehen blieb und voll unendlicher Zärtlichkeit seinen Blick auf ihrem wie öerftärt leuchten­den Antlitz ruhen ließ.

Und dann sang sie, während die letzten Flämmchen an dem Weihnachtsbäuurchen knisternd verglühten und ihre Mutter und die ganz in Seligkeit vergehende Susanne mit gefalteten Händen lauschten, noch einmal mit jubelnder Innigkeit.

„O, selige Nacht!

In himmlischer Pracht Erscheint auf der Haide, Ein Bote der Freude Dem Hirten, der nächtlich die Heerde bewacht.

Wie tröstlich er spricht: O, fürchtet Euch nicht! Ihr wäret verloren. Heut ist Euch geboren, Der Heiland, der Allen daS Leben verspricht!“