Sonntag, den 14. Dezember 1890.
17. Jahrgang
Für die Redaction verantwortlich: Subrot g Deibel in Fulda.
Druck u. Verlag der
Fuldaer Actiendruckerci (91. Dillmann).
Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringer- lohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage.Sterne undBlnmen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.
Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen
Inserate kosten die einspaltige Zeile oder Seren Raum
15 Ps., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
MM" Erstes Blatt.
Gin freisinniges Urtheil über die Jesuitenhetze.
Die .Frankfurter Zeitung' bringt einenLeit- «rtikel über die Jesuitenhetze, der neben einigen schiefen Auffassungen über die Jesuiten selbst und ihr Wirken manche sehr zutreffende Ausführungen enthält. Das demokratische Orgau schreibt u. A.: „Sagt, wer ist der steife Mann? Er geht mit stolzen Schritten. Er schnobert, was er schnobern kann; Er spürt nach Jesuiten." Der Geist des Jesuitenriechers, dem Goethe im Walpurgisnachttraum diesen Denkjpruch widmete, spukt wieder einmal in deutschen Landen. In der Pfalz, in Baden, in Württemberg, in Hessen werden Versammlungen abgehalten, die Widerspruch gegen die Rückkehr der Jesuiten erheben, als eine Antwort auf die Bewegung, die in den ultramontanen Kreisen in den letzten Monaten zu Gunsten der Rückberufung des Ordens um sich gegriffen hat.
Es ist hier nicht der Ort, die Frage zu untersuchen, ob der Ultramontanismus gut daran gethan hat, gerade jetzt die Jesuiten-Angelegenheit zur Erörterung zu bringen .... Für unser Urtheil muß entscheidend sein die Rechtsfrage. Und da wir jedes Ausnahmegesetz verwerfen, gleichviel welcher Art es sei und gegen wen es sich richte, so halten wir auch die Aufhebung des Jesuitengesetzes für geboten.
Der Staat soll keine Meinung ächten und keine Gesinnung verfehmen. Der Jesuit, der sich eines Vergehens schuldig macht, soll gestraft werden wie jeder andere Bürger, aber für Handlungen, nicht für Lehrmeinungen. Man deckt jetzt — zum hunderttausendsten Male — den Topf der (angeblichen) Jesuitenmoral auf und beweist aus verschimmelten Folianten, wie gefährlich der Orden für den modernen Staat und die heutige Gesellschaft sei. Aber sind Staat und Gesellschaft wehrlos? Haben wir nicht ein Strafgesetzbuch, das von der leisesten Uebertretung an jede Verfehlung rächt? Haben wir nicht Staatsanwälte und Richter, die darüber wachen, daß dem Rechte Genüge geschehe? Sind die Lehren und Grundsätze der Gesellschaft Jesu unsittlich und gefährlich, so bekämpfen wir sie mit geistigen Mitteln; aber erst, wenn sie in gesetz- widrigen Thaten ihren praktischen Ausdruck finden, erwächst dem Staate das Recht und die Pflicht des Einschreitens und auch dann nur auf dem Boden des für Alle geltenden Rechtes. Die Logik, daß der Jesui- tismus als eine kultur- und freiheitsfeindliche Macht nach anderen Grundsätzen zu behandeln sei, besticht uns nicht; sie ist die Logik jedes Ausnahmegesetzes. Schmählich hat sie den Sozialisten gegenüber Schiffbruch gelitten, nachdem sie zwölf Jahre geherrscht hatte. Mutatis mutandis waren es dieselben Phrasen, die uns entgegentönten, wenn wir für Aufhebung des Sozialistengesetzes eintraten, daß die Sozialdemokratie Kaiser und Reich nicht wolle, daß sie die Staats- und Gesellschaftsordnung untergrabe u. s. f.
Von diesem Gesichtspunkte aus haben wir die Jesuiten- und Antijesuitenbewegung zu betrachten, die gegenwärtig hauptsächlich in Süddeutschland einander gegenüberstehen. Wir wissen uns von jeglicher Sympathie für die Jesuiten frei, aber ebenso frei auch von kulturkämpferischer Gesinnung. Diese aber ist es, die sich in den antijesuitischen Versammlungen bis zur Widerwärtigkeit breit macht. Luther und Hutten werden heraufbeschworen, das ganze Arsenal verrosteter Kulturkampfswaffen wird ausgeräumt und ein Kriegsgeschrei wird erhoben, als sei die evangelische Freiheit in Gefahr. Was soll aber die lächerliche Kuttenangst in einer Zeit, wo die Kirche Niemandem ein Haar krümmen darf, der sich ihrer Jurisdiktion nicht unterwirft? Werden die paar hundert Jesuiten Deutschland auf den Kopf stellen und den evangelischen Glauben ausrotten? Dann wäre es mit letzterem doch recht schlecht bestellt....
Den Frieden der Konfessionen sollen die Jesuiten stören, weil die Intoleranz ihr Grundsatz ist, weil sie den Papst zum Herrn der Welt machen und die evan
gelische Kirche vernichten möchten. In Preußen ist notorisch der Zuwachs, den die evangelischen Kirchen durch den Uebertritt von Katholiken gewinnen, größer, als die Einbuße, die sie erleiden. Auch die evangelischen Kirchen verzichten nicht auf das Proselytenmachen und in denselben Blättern, die heute über die Seelenfängerei der Papisten klagen, finden sich zuweilen begeisterte Berichte über die Fortschritte der Evangelisirung Spaniens und Italiens. Was aber die Intoleranz betrifft, so fehlt sie leider auch nicht auf protestantischer Seite; sie geht zuweilen so weit — wie kürzlich in einer pfälzischen Stadt — daß sie barmherzigen Schwestern den Zulaß verweigert aus angeblichen Gründen des konfessionellen Friedens. Und sind die Stöcker, die Thümmel und Genossen etwa duldsamer als die Jesuiten? ....
Eine richige und nüchterne Erwägung der That- sacheu muß uns daher die Erkenntniß aufdrängen, daß die von den Katholiken geforderte Rückkehr des Jesuitenordens eine Forderung der po litis chen Gerechtigkeit ist, daß wir aber zugleich auch von dem Wiederauftauchen der Gesellschaft Jesu auf deutschem Boden Nichts zu fürchten haben. Die Sonne des geistigen Fortschritts auf allen Gebieten, (an welchem die Jesuiten nicht geringen Antheil haben, wie ein Jeder zugeben wird, der ihre großartigen Leistungen in der neueren Literatur, auch auf dem Gebiete der Naturwissenschaften, kennt), scheint so hell, daß kein Jesuit mit der Kutte sie verhängen kann und kein Polizeibüttel mit Spieß und Schwert sie zu schützen braucht."
Deutsches Keich.
Berlin, 12. Dezember.
* Die durch die Blätter gehende Nachricht, daß die Regierung fest beabsichtige, die landwirthschaftlichen Zölle auf die Höhe herabzusetzen, die sie 1887 hatten, wird im .Reichsanzeiger' als jeder Begründung entbehrend bezeichnet.
* Die Berathungen der Konferenz für dos höhere Schulwesen rücken langsam vorwärts. Bisher haben noch keine materiellen Abstimmungen stattgefunden. Dagegen ist es für nöthig befunden worden, die Redezeit für die einzelnen Redner zu sixiren. Wenn auch die Konferenz zu einem imposanten Resultat nicht gelangen sollte, so ist doch angesichts des entschiedenen Eintretens des Kaisers mit Sicherheit vorauszusetzen, daß die Angelegenheit nicht im Sande verlaufen wird. Die Berathungen werden spätestens am 18.ds. geschlossen.
* Graf Frankenberg hat beim Herrenhause beantragt, die Regierung zu ersuchen, die Bildung einer Behörde zu erwägen, welcher alle Interessen der Wasserwirrhschaft in Bezug auf die Landeskultur, auf Abwendung der Hochwassergefahren und bessere Ausnutzung für Schifffahrt und Gewerbe unterstellt werden.
* Die Gewerbesteuerkammission des Abgeordnetenhauses genehmigte heute die Bestimmung, daß Gewerbe mit jährlichem Betriebsertrag von unter 1500 Mk. steuerfrei bleiben.
* Der Abg. Richter hat im Abgeordnetenhanse mit Unterstützung der freisinnigen Partei folgenden Antrag eingebracht : „Das Haus der Abgeordneten wolle beschließen: die königliche Staatsregierung zu ersuchen, Auskunft zu ertheilen 1) über die Zahl, den Geldwerth und das Areal der seit 1867 in den einzelnen Provinzen Preußens begründeten oder erweiterten Fideikommißstiftungen, 2) über den Betrag, der nach dem Stempelsatz vom 7. März 1882 bei Der Bestätigung der Fideikommißstiftungen aufgekommenen Stempelgebühren, 3) darüber, ob und in welchen einzelnen Fällen, sowie auf Grund welcher gesetzlichen Bestimmungen ein Erlaß der gesetzlich vorgeschriebenen Stempelgebühr von drei Prozent des Werthes der Fideikommißstiftungen stattgefunden hat.
* Der Bundesrath stimmte gestern dem deutsch, türkischen Handelsvertrag, der heure bereits vom Reichstage angenommen ist, zu; ebenso der Verlängerung des Banknotenprivilegiums der Städtischen Bank zu Breslau. Der Entwurf einer Verordnung wegen Verbots von Maschinen zur Herstellung künstlicher
Kaffeeb oh nen wurde den zuständigen Ausschüssen überwiesen.
* Der Reichstag nahm heute den deutsch-türkischen Handelsvertrag in 1. und 2. Lesung an, nachdem Abg. Dr. Siemens (frs.) seine Genugthuung über das Zustandekommen desselben unter Hinweis auf die That- sache ausgesprochen hatte, daß sich in neuerer Zeit deutsches Kapital an Unternehmungen im Orient führend betheilige. Daun wurde die 1. Berathuug des Zuckersteuergesetzes vorgenommen. Der Staatssekretair des Reichsschatzamts Frhr. v. Maltzahn-Gültz begründete und empfahl die Annahme der Vorlage im Interesse der Reichsfinanzen sowohl, als wie im Interesse der Zuckerindustrie selbst. Die Aufrechterhaltung des bisherigen Besteuerungs- und Prämiensystems sei auf die Dauer so wie so unmöglich, heute aber sei es noch angängig, den Uebergang zum neuen System der bloßen Verbrauchssteuer zu erleichtern. Die Vorlage sichere der Industrie das inländische Absatzgebiet und ebenso Steuerfreiheit für cxpordirten Zucker, während sie die Konsumenten nicht über das heutige Maaß hinaus belaste. Abg. Dr. Witte (frs.) verlangte gleichfalls Beseitigung der Materialsteuer und der ■ Zuckerprämien, erklärte sich aber doch gegen die Vorlage, welche durch die Höhe der Verbrauchsabgabe eine neue Belastung bringe und in Folge der Uebergangs- bestimmungen nicht entschieden genug vorgehe. Abg. Graf von Stolberg-Wernigerode (kons.) betonte die Wichtigkeit der deutschen Zuckerindustrie, welche ihre dominirende Stellung auf dem Weltmärkte auf der Grundlage des heutigen Steuersystems gewonnen habe und wies auf die Gefahren hin, welche der sprunghafte Uebergang zu einem anderen System im Gefolge haben werde. Abg. Oechelhäuser (ntl.) findet das fiskalische Moment in der Vorlage zu sehr betont und die Interessen der Zuckerindustrie zurückgesetzt. Staatssekretair von Maltzahn-Gültz weist darauf hin, daß Frankreich ebenfalls eine erhebliche Herabsetzung der Prämien vorgenommen habe. Abg. v. Kardorff (Reichspartei) wendet sich gegen die Vorlage; brauche man neue Steuern, so solle man an Kattun und Eisen denken, vielleicht auch an eine Jnseratensteuer, aber die Landwirthschaft sollte man in Ruhe lassen. Abg. Heine (soz.) erklärt die Lage der Arbeiter in der Zuckerindustrie für eine elende; ihnen seien die reichen Zuwendungen an die Zuckerindustrie nicht zu Gute gekommen. Abg. Dr. Buhl (ntl.) spricht Namens seiner Fraktion im Allgemeinen für die Vorlage. Nachdem noch Abg. Dr. Barth (frs.) für sofortige Beseitigung der Prämien eingetreten, wurde die Vorlage an eine 28-r Kommission verwiesen. Bald darauf fand noch eine Sitzung statt, in welcher der deutschtürkische Handelsvertrag in 3. Lesung genehmigt wurde. Nächste Sitzung am 13. Januar: Anträge auf Aufhebung der Lebensmittelzölle.
* Die Wiederbesetzung des erzbischöflichen Stuhles von^Posen-Gnrsen und die des bischöflichen Stuhles zu Straßburg dürfte binnen Kurzem erfolgen. Die Ernennung des Divisionspfarrers Dr. von Niecz- k o w s k i zum Erzbischof von Posen und des Gymnasial- Studienrektors Dr. Fritzen zum Bischof von Straßburg wird übereinstimmend als gesichert bezeichnet.
* Düsseldorf, 11. Dez. Der Provinziallandtag gab dem Kaiser die Entscheidung über den Ort der Errichtung des Kaiser Wilhelm - Denkmals für die Rheinprovinz anheim.
* Aus München, 11. Dez. schreibt man dem ,Fränk. Volksbl': Nunmehr beginnen die liberalen Jesuitenfresser auch bei uns in Bayern mit direkten Kundgebungen gegen die Aufhebung des letzten Kulturkampfgesetzes. So fand in Augsburg eine vorzugsweise von Protestantenvereinlern besuchte liberale Parteiversammlung statt, in der nach den üblichen Phrasen, in welchen gegen die Jesuiten gedonnert wurde, eine Petition an den Reichstag zur Annahme gelangte, des Inhalts, das Jesuitengesetz nicht aufzuheben. Es ist kein Zweifel, daß dieses Beispiel auch in anderen überwiegend protestantischen Orten Nachahmung findet und die Liberalen in ihrer Weise Sturm lausen werden, nachdem ja die Furcht vor der Kutte bei ihnen geradezu zur Idiosynkrasie geworden ist. Die Liberalen in