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Weiland Dom- und Hofprediger Stöcker über die jeweiligen Zustände beider Kirchen.
Bekanntlich ist, oder sollten wir vielleicht schon sagen, war der jüngst gegangene Hofprediger Stöcker der entschiedendste Vorkämpfer für die Selbständigkeit der protestantischen Kirche und deren Befreiung auS i staatsbureaukratischer Bevormundung. In der Aera : Bikmarck hatten Stöcker's und seiner Freunde hochkirchliche Bestrebungen auf keine Förderung zu rechnen. Nach der Entlassung des Fürsten Bismarck aus seinen Aemtern brachte die .Deutsche Ev. Kirchenzta.' eine Serie von Artikeln, welche die Ueberschrift führten: „am Wendepunkt". In jedem Satze kannte man den Stil Stöckers heraus. Der Autor hatte sich vorgenommen, die ministerielle Thätigkeit B i s m a r ck' s namentlich auf kirchlichem Gebiete zu zeichnen. Er ließ dabei durchblicken, daß es im Plane des Reichskanzlers gelegen war, durch Besiegung der beiden katholischen europäischen Großmächte nach außen und durch Verstaatlichung der katholischen Kirche nach innen den Katholizismus in Deutschland mit dem Protestantismus zu einer deutschen National-Kirche umzubilden. Nach der Ansicht des Verfassers wäre der erste Theil dieses Programmes nicht nur mechanisch gelungen, sondern es wäre damit auch der Realisirung des zweiten Theilcs wirksam vorgearbeitet worden. „Es muß als ein völliger Umschwung der deutschen Geschichte angesehen werden", sagte er, „daß schon im Jahre 1866, wenn auch nicht ohne Widerstreben und noch mehr im Jahre 1870, und zwar dann in voller Einmüthigkeit, die deutschen Katholiken mit den deutschen Protestanten zusammenwirkten, um der katholischen Hegemonie in Deutschland und Europa ein Ende zu machen." Es wird nicht nöthig sein, hierzu einen ernsthaften Kommentar zu schreiben, um so weniger, als sich der Verfasser selbst sogleich aus dem Gebiete seiner Phantasie in das der rauhen Wirklichkeit begibt, denn er fährt unmittelbar darauf fort: „Hätte diese Verbrüderung, die auf dem Schlachtfeld geschloffen und besiegelt war, in der Friedenszeit erstarken können, vermuthlich würden unsere innere Gefühle einen anderen Verlauf genommen haben. Die Herausbildung der katholischen Partei in der gegenwärtigen Stärke wäre unmöglich, das Zusammmwachsen von Elsaß-Lothringen mit dem alten Mutterlande wäre gewiß gewesen. Unter diesen Gesichtspunkten war der Kulturkampf ein unseliges Verhängniß. Er rief den katholischen Geist zu ungeheurem Widerstande aus, er schlug den katholischen Widerspruch gegen den vatikanischen Größenwahn nieder, (worin dieser vatikanische Größenwahn besteht, gegen den sich der angebliche durch den Kulturkampf wieder niedergeschlagene katholische Wider
spruch erhob, sagt uns freilich Stöcker nicht;) er riß die Katholiken Deutschlands aus der eben errungenen Gemeinschaft los, (die aber keineswegs eine Gemeinschaft des Strebens nach Etablirung einer deutschen Nationalkirche, sondern lediglich eine Gemeinschaft der Waffe zur Vertheidigung des gemeinsamen deutschen Vaterlandes war). .Kundige sagten voraus, daß jener Kampf mit dem Siege Roms endigen müsse. Und so ist es geschehen. Niemals seit den Tagen Luthers hat der katholische Geist in Deutschland eine s olche Macht entfaltung gezeigt. Die Katholiken stehen im Ganzen und Großen treu zum Papst. Der Gedanke der katholischen Kirche erfüllt sie und treibt zu einer starken Propaganda. In Kunst und Wissenschaft, im sozialen wie im politischen Leben stehen sie für sich und schließen sich eng zusammen. Die Wiedertaufe der Protestanten ist ebenso wie die Versagung der katholischen Trauung, wenn diese evangelisch eingesegnet ist, eine Kündigung jeder kirchlichen Gemeinschaft ein Zerschneiden des Tischtuches. Diese Entwicklung hat sich vollzogen, während die evangelische Kirche ihre Glieder vielfach au eine falsche Philosophie, an einen rohen Materialismus, an die religiöse Gleichgiltigkeit verlor. Während Rom seine Schaaren zur energischen Wirksamkeit um sich sammelte, zersplitterte sich der Protestantismus noch mehr; nicht einmal auf dem kirchlichen Gebiete vermochte er sich geltend zu machen; im öffentlichen und sozialen Leben erlitt er eine Niederlage nach der andern. Und weil die evangelische Kirche ohnmächtig, die katholische Kirche mächtig war, wurde diese erhoben, jene gemißachtet. Seit dem Aufhören des Kulturkampfes, etwa feit zehn Jahren, ist die römische Macht bei uns im Aufsteigen begriffen; die Ehre, welche man dem Papst und den Bischöfen bewies, die Bedeutung, welche der katholischen Sozialpolitik beigelegt wird, die Ueberschätzung der katholischen Missionsthätigkeit: da? Alles geht auf dieselbe Quelle zurück, auf die Anerkennung des katholischen Einfluffes bei gleichzeitiger Geringschätzung protestantischer Hilflosigkeit. Das päpstliche Schiedsgericht in der Karolinenfrage, die Heranziehung der Kurie zur Bewerkstelligung der Septennatswahlen, die Ernennung Bischof Kopp's zur internationalen Arbeiterschutzkonferenz sind die Höhepunkte dieses falschen Systems in der auswärtigen, der inneren und sozialen Politik. . Es ist unläugbar, daß die Siege über zwei katholische Großmächte die Besiegten des Schlachtfeldes zu Siegern im Volksleben gemacht haben."
So das Organ des Herrn Stöcker oder vielmehr Stöcker selber. Wie man sieht, hat bisher noch kein katholischer Schriftsteller die Erfolge, welche ein Theil der streitenden Kirche im abgelaufenen Jahrzehnt er
rungen hat, mit so lebhaften Farben geschildert, als es hier von Seiten des „zweiten Luther" geschehen ist. Aber er ist mit seinen Erörterungen noch nicht zu Ende. Nunmehr schildert er erst die Misere, an welcher der Protestantismus laborirt: daß das so nicht weiter gehen kann, ist gewiß; aber wie der Fortschritt Roms aufgehalten werden soll, ist durchaus ungewiß. Einiges ist im Werden. In dem Evangelischen Bunde haben sich die verschiedenen Richtungen unserer Kirche zur Abwehr der römischen Uebergriffe in dem evangelisch - sozialen Kongreß zur Pflege der sozialen Angelegenheiten verbunden. Der dogmatische Streit wird zurückgestellt, die Arbeit des praktischen Christenthums steht im Vordergründe. Die evangelische Gemeinde, als würde sie eben erst entdeckt, soll belebt und ausgebaut werden. Eine beachtenswerthe Stimme fordert auf, einen Kirchenbund zu begründen, der den deutschen Protestantismus zu einer gemeinsamen Aktion fähig macht. Wir heißen alle diese Segnungen der Besserung willkommen; auch wo sie widerspruchsvoll auftreten, wollen wir von ihrer Klärung und Ausreifung Gutes erwarten. Daß aber viel Grund zur Hoffnung wäre, können wir leider nicht behaupten; die völlige Beherrschung durch den Staat läßt die evangelische Kirche nicht einmal dazu kommen, sich über ihre Mißstände klar zu werden, geschweige denn sie zu überwinden. Doch tröstet sich schließlich Stöcker: „Mit Bismarck's Abtreten ist die Bahn frei geworden. Wer gibt nun die Losung für den neuen Tag?"
Inzwischen ist auf die Entlassung Bismarck's auch die Stöcker's gefolgt. Stöcker mußte sich durch die stffortige Genehmigung seines Entlassungsgesuches überzeugen, daß er sich über das Maß seines Einflusses an der entscheidenden Stelle getäuscht habe, daß es eine Illusion gewesen fei, wenn er sich seit dem Regierungs-Antritt Wilhelm's II. für den Herrn der Situation gehalten hat. Wer gibt nun aber jetzt die Losung für den neuen Tag? Wird der „neue Luther" und sein Anhang die von ihnen in den denkbar schärfsten Ausdrücken als unablässig bezeichnete „Kirchen- Reformation" nunmehr aus eigener Kraft betreiben wollen? E.
Deutsches Keich.
Berlin, 11. Dezember.
* Wie verlautet, wird sich der Reichstag vom Samstag den 13. ds. bis zum 8. Januar 1891 vertagen.
* Dem Vernehmen nach wird die nächste Plenarsitzung des preußischen Abgeordnetenhaasks am Donnerstag den 8. Januar stattfinden.
Sonneuried.
Roman von Marga Brechten.
(36. Fortsetzung.)
„Ich wünsche es, und bitte Dich inständigst, Dich zu schonen. Weißt Du nichts, was Dir gut thun könnte? Soll ich den Sanitätsrath B. kommen lassen?"
„Nein, Herbert, um Alles nicht! Ich bin ja nicht krank, und sein Besuch würde mich nur mmöthig auf- regen. Aber ich weiß etwas Anderes, was mit gut thun würde. Ich glaube, wenn ich irgend eine kleine Zerstreuung, eine Abwechslung hätte, — vielleicht, wenn meine Schwester Illa eine Zeitlang zu uns käme. Sie ist heiter und lebhaft und könnte mich, roenn ich ermüdet wäre, manchmal bei den Gästen vertreten."
„Welch' prächtiger Gedanke, mein Engel! Eine bessere Pflege und liebenswürdigere Gesellschaft als die Deiner eigenen Schwester kann es ja nicht für Dich geben, wenn ich auch mitunter etwas eifersüchtig auf dieselbe sein werde. Denkst Du nicht, daß Dein Vater und Tante Josephe mitkommen würden? Das wäre doch schön."
„Zu schön, um wirklich einzutreffeu. Der Vater trennt sich nicht von seinem Wirkungskreise, so lange er noch thätig sein kann. Seit er die Mittel zur alljährlichen Badereise hat, ist er nach seinen Briefen viel kräftiger. In zwei Jahren ist seine Dienstzeit ab
gelaufen, dann geht vielleicht unser gegenseitiger Wunsch in Erfüllung. Illa kann jedoch jedenfalls abkommen. Wenn ich wieder wohler bin, will ich einen Brief an sie absenden." >
„Nein, mein Herz, was Dir von Nutzen fein könnte, darf nicht aufgeschoben werden " sagte Baron Freidorf, sich erhebend. „Ich selbst werde noch in dieser Stunde an sie schreiben und hoffe nur, daß meine schöne Schwägerin bald eintrifft und nicht wie die meisten Damen allzu viele Zeit mit Reisevorbereitungen verliert. Als ich damals in B. war, schien sie mir in Bezug auf Toilette-Angelegenheiten etwas umständlich."
„Das ist sie in der That," lächelte Felicitas und reichte ihm die Hand. Nach kurzer Zeit eilte ein reiten« ' der Bote nach der nächsten Poststation mit einem i Briefe, welcher Illa Eltmann in nicht geringe, höchst i angenehme Auflegung versetzte.
12. Kapitel.
?in äugtnbtraum wacht auf.
Nach den bunten Schmetterlingen Jagd und huscht dahin das Kind, Doch die dunklen, doch die lichten Flügel gar zu flüchtig sind.
Schmetterlingen, bunten Träumen Folget nicht allein das Kind; Schmetterlinge, flücht'ge Träume, Dieser Erde Sorgen find.
I Fr. Älsred Muth.
XXVIII.
„Da bin ich, mein herziges Schwesterlein, meine einzige Felicitas, und bringe eine ganze Ladung Grüße mit von Daheim!"
Mit diesen fröhlichen Worten flog die Erwartete acht Tage später in die Arme ihrer Schwester. Baron Freidorf, welcher sie bis zur Thüre geleitet hatte, zog sich zurück, während Felicitas, unter Thränen lächelnd, die Angekommene begrüßte.
„Illa, liebe Illa, kommst Du endlich! Wie floh war ich, als des Vaters Telegramm uns Deine Ankunft anzeigte, — ich hatte dich eigentlich schon gestern erwartet. Komm', mache Dir's bequem. So, nun setze Dich hier in diesen Fauteuil, damit ich Dich ansehen kann, während Du erzählst. Dorette mag uns hier oben serviren."
Die beiden Damen «saßen in dem kleinen Salon der Baronin. Die Zofe rollte einen höchst einladend gedeckten Tisch zwischen die Sessel am Erckerfenster und bald mischte sich der verlockende Duft der heißen Chocolade mit dem des köstlich frischen Backwerks in zierlichen Silberkörbchen. Als die chinesischen Taffen gefüllt waren, schob Dorette Zucker und Sahne näher und steckte dann die Hände in die Taschen ihrer weißen Latzschürze.
„Es ist gut", winkte ihre Herrin; „ich werde klingeln, roenn wir etwas bedürfen." Dorette ver-