Einzelbild herunterladen
 

1890.

W

MF Erstes Blatt,

Unter'm Hannenbaum.

Erzählung von A. Brüning. (Rachdr. verb.) (Fortsetzung.)

«Sv hast Da Deine Ansicht über ihn geändert, Mama?

«Wenigstens kann ich der offenen loyalen Art snnn jetzigen Werbung und dem ritterlichen Zartsinn, der sich darin offenbart, meine Anerkennung nicht ver­sagen, ebensowenig, wie ich mich den Gründen ver­schließe, die er dafür anführt."

Ellen hob den Kopf von der Gräfin Schultern. .«So weiß ich genug, um mir die Antwort, die Du mir vorhin verweigertest, nun selbst geben zu können," lächelte sie mit blaffen Lippen. «EL ist Dem Wunsch, daß wir den Grafen kommen lassen."

„Nicht doch, Kind, dar wäre zum Mindesten eine übereilte Schlußfolgerung. Daß es mich mit freudiger Genuathuung erfüllen würde, Dich al« Herrin in Tarufels wieder elnziehen zu sehen, im ungeschmälerten Besitz all der Rechte, die das Schicksal uuS so grau- sam genommen, gebe ich zu Die Sorge um Deine Zukunft, mein armes Kind, für die bei der Einsam- kett und Dürftigkeit unseres jetzigen Lebens kaum gemals eine andere günstige Wendung zu hoffen, wäre dann mit einem Schlage von mir genommen. Anderer- seltS würde der Entschluß, in eine Verbindung zwischen Dir und dem Grafen Roland zu willigen, meinem Stolze fern geringe» Opfer auferlegen, daS zu bringen rch rndeß um Deinetwillen nicht zögern würde, wenn Deine Entscheidung in diesem Sinne fallen sollte.

__ ich Dir Alles gesagt, was meine

Mutterpflicht erheischt — Du magst nun bis morgen m der Stille mit Dir selbst zu Rathe gehen; solange können wir füglich mit der Antwort an den Grafen warten.

Gräfin Helene drückte die schlanke Mädchengestalt noch einmal innig an sich, ehe sie sie aus ihren Armen ließ.

Unmfttelbar darauf steckte Susanne den Kopf zur Thür herein und fragte, ob sie dar Abendbrot serviren dürfte.

Während desselben, das wie immer nur aus den allereinfachsten Gerichten bestand, mußte Ellen immer­fort denken, daß es nur von ihr abhängen würde, künftig allen Entbehrungen für ihre Mutter ein Ende zu machen. Sie war kaum noch im Zweifel, welchen Entschluß ihre Kindespflicht erheischte.

Früher als sonst zog die Gräfin sich heute 'mit Susanne, welche nach wie vor bei ihr daS Amt einer Kammerfrau bekleidete, in ihr Schlafgemach zurück; sie mochte es ihrer Tochter ansehen, daß diese sich sehnte, mit ihren Gedanken allein zu sein.

Dankbar küßte Ellen zur Gute Nacht der Mutter blaffe Wange, und eilte dann aufathmend die Treppe zu dem kleinen Dachstübchen hinan, das sie scherzend ihr „Boudoir" zu nennen pflegte.

Dort stand sie lange hinter den von Susanne zu Ehren des bevorstehenden Festes ftisch gewaschenen und geplätteten Mullvorhängen an dem niedern Fenster und blickte, die Stirn gegen die Scheiben gedrückt, regungslos zu dem winterlichen Nachthimmel auf, durch deffen zerrissenes Schneegewölk wie tröstend einige matte Sterne flimmerten.

. mit dem gedämpften Licht, das sie in das Aeme Mädchenstübchen herabsandten, kam leise die Er­innerung geflogen, — die Erinnerung an ein Erlebniß, einfach und alltäglich an sich und doch von Ellen zwei lange ^ahre hindurch wie ein süßes Geheimniß be­wahrt, um nur im nächtlichen Sternenschein heimlich davon zu träumen.---

@8 war ein Nichts, eine flüchtige Begegnung nur von dem andern Theil vielleicht längst vergessen

EllenS Herz aber llopfte jedesmal wie ein Hammer wenn sie daran dachte.

Ja der Residenz war er gewesen, wo sie — kaum erwachsen — unmittelbar vor Weihnachten eine Zeit­lang zum Besuch einer dort wohnenden Tante geweilt, am Borabend ihrer Abreise.

Sie hatte für die Dorfkinder daheim noch schnell einige Einkäufe machen wollen, und war zu diesem Zweck, von der Zofe ihrer Tante begleitet, aus den Weihnachtsmarkt gegangen.

Das ihr so neue, lebhafte Getriebe dort fesselte sie länger als sie beabsichtigt; auch waren ihre Einkäufe nicht allzurosch von Statten gegangen, da ihr die Sicherheit fehlte, sich zu dem ihr fremden Terrain in dem Gedränge überall Geltung zu verschaffen. So war, ohne daß sie es gemerkt, die Dunkelheit hereingebrochen, und plötzlich sah sie sich durch einen neu herzufiuthen- den Menschenstrom von ihrer Begleiterin getrennt und in eine ihr unbekannte, ziemlich einsame Straße ge- schoben. Sie hätte nun wohl leicht umkehren und das Mädchen wieder aufsuchen können, aber unglücklicher Weise bemerkte sie jetzt in ihrer Nähe einige sehr unternehmend aussehende junge Leute, augenscheinlich nicht der besten Gesellschaft angehörend, welche schon mehrmals ihren Weg gekreuzt und sie mit ziemlich unverschämter Dreistigkeit augestarrt hatten.

Sie sah sich von denselben beobachtet, und in ihrer Verwirrung und Angst beging sie die Unklugheit, an­statt einfach auf den belebten Markt zurückzukehren, d,e einsame fremde Sttaße hinabzueilen. Sofort schickten dre Herren sich an, ihr zu folgen; sie hörte hinter sich Lachen und hastige Schritte. AthemloS, mehr laufend als gehend, durcheilte sie planlos mehrere Straßen, nur in dem instinktiven Bestreben, ihren Verfolgern zu entrinnen. Endlich waren dieselben ihr dicht auf den Fersen; die Gegend war mittlerweile immer ein­samer geworden.

„Hollah, warum denn so eilig, schönes Kind?" rief es jetzt dicht hinter ihr. „Es ist unsere Pflicht, allein umherstreifenden Damen unfern Schutz anzu- bieten!"

, Zugleich fühlte sie sich am Kleide ergriffen — mit einem Angstschrei wollte sie sich losreißen.

„Bah, wer wird denn so spröde fein, Kleine?" lachte ein Zweiter und legte dreister als fein Genosse ben Arm um ihre bebende Gestalt, aber im selben Augenblick wurde er von kräftiger Faust zurückgeriffen und ziemlich unsanft gegen die Straßenfront ge­schleudert.

„Zurück!" donnerte eine metallische Stimme. Eine hohe, gebietende Männergestalt stand plötzlich wie auS der Erde gewachsen, neben der Bedrohten und hielt schützend den mit einem kunstvoll gearbeiteten Kugel- stock bewehrten Arm vor ihr ausgestreckt."

„Buben, die sich nicht entblöden, wehrlose Damen zu überfallen," zürnte er, „augenblicklich gebt den Weg ftei, oder ich werde Euch Lebensan lehren!"

. Blick und Geberde waren so drohend, die ganze Erichemung des vornehm aussehenden Fremden so voll impomrender Kraft, daß keiner der eben noch so über» müthigen Gesellen Lust verspüren mochte, dieselbe au sich zu erproben. Mit merkwürdiger Schnelligkeit ver­schwand einer nach dem anderen in einer gerade hier ausmündenden Seitenstraße; in der nächsten Minute befand sich die halb ohnmächtige Ellen mit ihrem Be­schützer allein.

„O mein Herr, wie soll ich Ihnen danken?" stam- titelte sie mit zitternden Lippen.

„Vor Allem geftatten Sie, mein Fräulein, daß ich Ihnen meinen Arm anbiete," bat der Fremde, der wohl sehen mochte, wie sie sich kaum mehr auf den Füßen hielt.

„So, und nun bitte, beruhigen Sie sich! Sie haben wirküch nichts mehr zu fürchten, solches Gesin­del —" ein verächtlicher Blitz entsprühte seinen präch­tigen stahlfarbenen Augen — „pflegt ebenso feige als

unverschämt zu sei», weshalb Sie auch den Dienst, den ich so glücklich war, Ihnen leisten zu können, nicht allzu hoch anschlagen dürfen. Aber wohin wünschen Sie, daß ich Sie führe?"

Ellen stotterte eine verworrene Erklärung über den Zusammenhan'-» bei Geschehenen.

„Ah, da m üßten wir wohl zunächst Ihre Beglei­terin aufsuchen! gehen wir also zurück," entschied der Fremde mit schnellem Verständniß.

Mit einem eigenthümlich wohlthuenden Gefühle des GeborgenseinS durchschritt Ella dann an seinem Arm die Straßen, die sie zuvor in solch' bebender Herzens­angst durchmessen. Ihr war gewesen, als könnte sie so bis in alle Ewigkeit dahinwandeln und bem weichen Klang der sonoren Stimme lauschen, die so freundlich beruhigend auf sie einsprach.

Fast bedauertes sie es, als schon, ehe sie den Markt erreicht hatten, die Zofe ihnen entgegenkam und mit einem Freudenrufe den ihr anoertrauten jungen Gast ihrer Herrin begrüßte.

„Nein, was man doch nicht Alles erleben kann," wunderte dieselbe sich, als sie Ellens Abenteuer erfah­ren hatte. „Gut, daß ich schon für alle Fälle eine Droschke gemiethct habe; gnädiges Fräulein sind ja noch ganz blaß und zittern wie Espenlaub. Der Kutscher ist angewiesen, dort an der Sttaßenecke zu warten, bis ich Sie gefunden haben würde, ich eile, ihn zu holen."

Sie lief nach der bezeichneten Richtung. Der Fremde, dessen Beschützeramt nun zu Ende ging, zog seine Karte hervor, die er mit einer Verbeugung Ellen überreichte.

Im selben Augenblicke löste sich daS Veilchensträuß­chen, das sie getrogen und fiel zur Erde. Er bückte sich rasch und hob es auf. „Darf ich eS behalten — zum Andenken?" fragte er lächelnd.

Sie nickte erröthend und schob die von ihm empfan­gene Karte in die Tasche, vor Verlegenheit nicht wagend, einen Blick darauf zu werfen. Aus demselben Grunde unterließ sie es auch, ihm, wie er erwartet haben mochte, nun auch ihrerseits ihren Namen zu nennen. Gleich darauf hielt der Wagen, um sie aufzunehmen.

Mit einem beinah schmerzlichen Gefühl bot sie dem Fremden zum Lebewohl ihre kleine Hand.

„Nehmen Sie noch einmal innigen Dank mein Herr", klang es stammelnd von ihren Lippen. Sie hätte so gern mehr gesagt, die Bitte hinzugefügt, ihre Verwandten aufzusuchen, damit auch diese ihm ihren Dank ausbrücken könnten, aber eine imbesiegliche Schüchternheit schloß ihren Munb.

Wie im Traum fühlte sie seinen warmen Hände­druck, hörte die Abschiedsworte, in denen er ihr ver­sicherte, daß das kleine Abenteuer ihm stets eine ange­nehme Erinnerung sein würde — dann saß sie, ehe sie noch recht zur Besinnung gekommen war, im Wagen, wo die Zofe, welche den Kutscher zur Eile drängte, ihr gegenüber auf dem Rücksitz Platz nahm.

Der Fremde schloß selbst den Schlag und stand dann, den Hut in der Hand, bis die Pferde angezogen und das Gefährt sich in Bewegung setzte. Noch ein­mal neigte er grüßend das dunkelhaarige Haupt mit den kühngeschnittenen, gebräunten Zügen — dann trat er zurück und der Wagen bog um die Straßenecke.

Ellen erinnerte sich nun der Karte, die sie von ihm empfangen; hastig wollte sie dieselbe hervorziehen, voll Spannung, den Namen ihres Beschützers zu er­fahren. Aber o weh: das Kärtchen war verschwunden — sie mußte es in ihrer Aufregung nicht genügend tief in die Tasche geschoben und es bann vielleicht beim Einsteigen verloren haben. Sie suchte vergebens danach, voll bitterer Enttäuschung, nun nicht einmal den Namen desjenigen kennen zu sollen, den wieder­zusehen sie ohnedies nur geringe Aussicht hatte. —

Am nächsten Morgen war sie, wie bestimmt, schon früh abgereift, um noch zu Weihnacht wieder daheim bei den Ihren zu fein, und damit hatte naturgemäß das kleine Abenteuer feinen Abschluß gefunden.

(Fortsetzung im zweiten Blatt.)