3. Mittwoch, den 10. Dezember. 1890.
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ZWM" Zweites Blatt. "UNE
Unter'm Eannenbamn.
Erzählung von 91. Brüning. (Nachdr. Verb.) (Fortsetzung aus dem ersten Blatt.)
In Ellen's Gedanken spielte dasselbe jedoch fortdauernd eine um so größere Rolle, wenngleich eine seltsam.- ihr sonst fremde Scheu sie abhielt, davon zu reden, selbst ihrer Mutter gegenüber, der sie sonst jeden geheimsten Gedanken zu offenbaren Pflegte.
Nur des Nachts unter ihrem seidenen Betthimmel oder draußen auf ihren Streifereien durch Wald und Feld beschäftigte sie sich mit dem romantischen kleinen Erlebniß, dessen Held in ihrer Phantasie mehr und mehr zu einem Ritter ohne Furcht und Tadel emporwuchs.
All' die Heldengestalten aus Dichtung und Sage, die ihre Lektüre an ihrem Geiste vorüberführte, standen vor ihrer Seele mit seiner Gestalt, seinen Zügen, sahen sie an mit jenen unvergessenen Augen, die damals solch' lodernde Blitze auf die feigen Buben geschleudert und dann beim Abschied sich mit so weichem Ausdruck in die ihren gesenkt hatten.
Wie hatte sie sich gefreut auf den Winter, den sie in der Residenz verleben sollte — —; hauptsächlich in der Hoffnung, auf den dort in Aussicht stehenden Bällen und Gesellschaften vielleicht einmal dem Gegenstand ihres verschwiegenen Herzenstraumes zu begegnen, wenngleich sie sich selbst diese Ursache nicht eingestand.
Mit dem Tode des Vaters und der daraus folgenden trostlosen Umgestaltung ihres jungen Daseins war auch diese Hoffnung zerronnen. Die Enttäuschung darüber hatte in dem „gewaltigen Schmerz" um den geliebten Todten untergehen müssen — aber jetzt, wo sie ganz und für immer mit jener Erinnerung brechen sollte, um einem fremden ungeliebten Manne ihr Jawort zu geben, jetzt flammte dieselbe plötzlich mächtig wieder auf in ihrer Brust, und mit Schrecken ward sie sich zum ersten Male bewußt, welch' tiefe Wurzeln sie darin geschlagen.
Und dennoch durfte sie nicht schwanken; um ihrer Mutter willen mußte sie das Opfer bringen, durch das alle Entbehrungen beendigt und sie in ihre Rechte wieder eingesetzt werden würden.
Welch ein Trost würde es für die Gräfin sein, in die lieben durch tausend Erinnerungen geheiligten Räume von Tarnfels wieder einziehen zu dürfen. — Sie würde dieselbe dort hegen und pflegen und mit all dem gewohnten, bitter entbehrten Comfort -umgeben können — nein sie hatte kein Recht, um eines fremden ManneS willen, der vjelleicht mit keinem Gedanken ihrer mehr gedachte, diese trostvolle Aussicht abzuweisen. Ellen sagte es sich wieder und wieder, während große Thränen sich von ihren Wimpern lösten und langsam auf ihre über dem Fensterbrett verschlungenen Hände fielen, bis sie zuletzt niederknieend den Kopf darauf legte und, ihrem Schmerz nicht länger gebietend, in heißes Schluchzen au-brach.
Als sie am andern Morgen an das Lager ihrer Mutter trat, waren die Thränenspuren sorgfältig von ihrem Antlitz getilgt, das wenn auch nur ein wenig bleich so doch heiter und lächelnd aussah.
„Ich hab eS mir überlegt, Mütterchen", sagte sie, sich wie die Gräfin es liebte, auf den Bettrand niedersetzend und die beiden Hände derselben zärtlich in die ihren nehmend; „ich will Graf Roland kennen lernen und ihm, wenn seine Persönlichkeit im Stande ist, mir Vertrauen und Achtung einzuflößen — mehr verlange ich nicht — mein Jawort geben. Der Gedanke, mit Dir wieder auf unser geliebtes TarnfelS zurückkehren dort, in alter, trauter Weise leben und vereint die Erinnerung an unsern theuren Todten pflegen zu
können besiegt all meine Bedenken! Nun? bist Du zufrieden mit meinem Entschluß?"
Die Gräfin zog das goldumflimmerte Köpfchen zu sich herab und küßte innig die schöne weiße Stirn.
„Ja, Kind, ich segne ihn um Deinet- und auch um meinetwillen; das Zukunftsbild, das Du soeben geschildert, hat auch mir geholfen, den Stolz, den ich noch gestern für unüberwindlich hielt, zu besiegen. Wenn Graf Roland den günstigen Eindruck feines gestrigen Briefes verwirklicht, so darf ich überdies hoffen, daß Dein Loos an seiner Seite kein unbefriedigendes sein wird, und wer weiß — vielleicht wird Dein Herz, das ja glücklicher Weise noch kein anderes Bild beherbergt, einst noch mehr als „Vertrauen und Achtung" für ihn fühlen lernen."
Ellens Lippen zuckten. Sie war froh, ihr erglühendes Antlitz an der Mutter Brust verbergen zu können.
„Nein, nein, das wird wohl nie geschehen," stammelte sie halb erstickt, „aber darum sorge Dich nicht: Deine Ellen verlangt keine andere Liebe, als die sie in Deinen Armen findet, Du süße, einzige Mama."
Die Gräfin lächelte und sagte nichts weiter. Am selben Nachmittag noch ging ihre Antwort an den Grafen ab. Ellen selbst war es, die sie zur Post trug.
Seitdem waren einige Tage vergangen. In weiße Nebelschleier gehüllt dämmerte mählig schon der heilige Abend herauf. —
Durch den verschneiten, weihnachtlichen Wald schritt, aus dem jenseits desselben gelegenen Städtchen kommend, eiligen Fußes eine schlanke Mädchengestalt. Ellen hatte die so voll freudigen Eifers mit Susanne geplanten Einkäufe beendet und strebte nun, mit mancherlei großen und kleinen Päckchen beladen, ihrem Heim zu.
Es hatte seit Kurzem wieder zu schneien begonnen. Dicht und dichter fielen die weichen, weißen Flocken und bildeten einen seltsamen Kontrast zu des Mädchens schwarzer Trauerkleidung, auf der sie mehr nnd mehr haften blieben. Immer tiefer versank ihr Fuß in der sich schnell verdickenden Schneeschicht des Bodens; es war ein mühsames Vorwärtsschreiten, doch nicht das war es, was den feinen Zügen diesen müden, resig- nirten Ausdruck gab — der Gedanke an die nun stündlich zu erwartende Ankunft des Grafen Roland beschwerte ihr den sonst so leichtbeschwingten Sinn und wollte die rings um sie her in der Natur webende Weihnachtsstimmung in ihrem Herzen nicht auskommen lassen.
Wie hatte sie sich noch vor Kurzem auf diesen Weihnachtsgang gefreut, wenn sie, wie sie Susanne gegenüber scherzend gemeint, so als Christkind durch den Wald wandeln würde — und nun empfand sie so gar nichts von der erhofften Vorfreude; wohin sie sah, meinte sie in ein paar vorwurfsvoll auf sie gerichtete stahlgraue Augen zu schauen, bis sie zuletzt den umflorten Blick beharrlich zu Boden senkte, als ob sie die seltsame aufregende Vision dadurch bannen wollte. Ihr selber unbewußt rannen dabei einzelne schwere Thränen unter ihrem Kreppschleier hervor und rollten langsam zu ihren Füßen in den Schnee.
Plötzlich fühlte sie sich durch ein ihr selbst unerklärliches Etwas gezwungen, den Blick zu erheben. Erbleichend hemmte sie den Fuß —: dort an der Wegmündung, wenige Schritte vor ihr sah sie unter einer mächtigen Tanne die hohe Gestalt desjenigen, an den sie soeben noch schmerzvoll gedacht — klar und scharf Umrissen zeichnete sich in dem weißen Schneelicht jede Linie des stolzen bronzefarbenen Männerkopfes . . . .
War es möglich! konnten die überreizten Nerven eine solche Sinnestäuschung Hervorrufen? oder durfte sie an die Wirklichkeit dessen glauben, was ihre Augen ihr so greifbar deutlich zeigten?
Aber nur einen Augenblick währte diese Ungewißheit; im nächsten Augenblick stand er vor ihr, und der unvergessene Klang seiner Stimme verscheuchte den letzten Zweifel an seiner Identität.
„Mein Fräulein, welche Ueberraschung! an eine solche Begegnung hier im Schnee, im einsamen Walde hätte ich am allerwenigsten gedacht! Aber mir scheint — mein plötzliches Auftauchen aus dem Seitenwege dort hat sie erschreckt? Daran ist der Schnee Schuld, der das Geräusch der nahenden Schritte verschlungen hat —
Ellens blasse Lippen versuchten ein Lächeln.
„Ach, verzeihen Sie, ich werde Ihnen wohl 'recht thöricht und kindisch erscheinen. Ich war so in Gedanken — wie hätte mich sonst der Anblick meines ritterlichen Beschützers von dazumal erschrecken können."
„So haben Sie mich also gleich erkannt?" Ein feines Roth stieg bei der der stürmischen. Frage in Ellens Wangen.
„Wie sollt' ich nicht? die Umstände, unter denen unsere erste Begegnung statt fand, waren, dünkt mich, wohl geeignet, dieselbe dem Gedächtniß einzuprägen."
„Freilich, auch ich habe Sie trotz deS Schleiers auf den ersten Blick wiedererkannt, wenngleich Sie — ein warmer Blick streifte ihr schwarzes Gewand und das blasse, ernste Gesichtchen — nicht ganz mehr dieselbe sind —.
„Diese zwei Jahre haben Ihnen wohl Trübes gebracht? . . . Sie tragen Trauer . .
„Um einen zärtlich geliebten Vater ..." Ihre Lippen zuckten, sie vermochte nicht weiter zu sprechen, ein unnennbares Weh drohte sie zu ersticken.
„Verzeihen Sie, wenn ich unvorsichtig eine noch blutende Wunde berührt, begann der Fremde nach einer Pause auf's Neue, während ein Strahl heißer Zärtlichkeit aus seinen ausdrucksvollen grauen Augen auf ihr gesenktes Köpfchen fiel. „Es geschah nur, um Sie meiner innigen Antheilnahme zu versichern."
„Ich danke Ihnen —" halb unbewußt streckte sie ihm ihre kleine Hand hin, aber erschrocken über den leidenschaftlichen Druck der seinen zog sie dieselbe schnell — wieder zurück.
„Wie gern möchte ich Ihnen etwas Tröstliches sagen können," fuhr er zögernd fort unbesetzte dann hastig hinzu:
„Wenn eines Menschen Wünsche die Kraft besäßen, das Glück zu zwingen — so hätten Sie er in diesen zwei Jahren stets auf ihrem Wege finden müssen . . ."
Eine mühsam unterdrückte Bewegung klang durch seine Stimme; es war, als thue er sich Gewalt an, um nicht mehr zu sagen.
Ellen hob unsicher den thränenschweren Blick zu seinem Antlitz empor. War es denn möglich? War die Deutung nicht falsch, die ihres Herzens beschleunigter Schlag seinen Worten gab? Dann wäre eS also dennoch Wahrheit, was sie ahnungsvoll manchmal gehofft und doch immer wieder als vermessen von sich gewiesen — er hätte in diesen zwei Jahren an sie gedacht, wie sie an ihn, oft und mit heißem Gefühl? . . .
Sie vermocht es nicht zu fassen, nicht zu glauben und vielleicht las er das in ihren Augen, denn mit ungestümer Bewegung griff er unter den pelzverbrämten Mantel und zog eine Brieftasche hervor, die er mit den in tiefster Innigkeit vibrirenden Worten au»- einanderschlug:
„Sie zweifeln . . . nun so sehen Sie, wie ich Ihr Andenken in Ehren hielt!"
Durch Ellen'S Glieder zuckte ein süßer Schreck bi» hinein in ihr heftig klopfendes Herz. Da lag sorgfältig gepreßt und zwischen Seidenpapier gebettet, jene» kleine Veilchensträußchen, das er damals beim Abschied von ihr erbeten hatte.
Mit zitternder Hand schlug sie den Schleier zurück, unter dem eS ihr plötzlich zu heiß wurde.
Sie sahen einander in's Auge, einen Augenblick nur, aber wie ein magnetischer Rapport ging dieser eine Blick von Seele zu Seele; sie wußten e» nun beide, daß jene Begegnung über ihre Herzen entschieden hatte.