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* Zum Todestage Kolpings,
des Stifters der katholischen Gesellenvereme.
Am 4. Dezember 1865 legte Kolping sein müdes Haupt zur ewigen Ruhe nieder. Dieser Kolping ist einer der größten Wohlthäter der Menschheit, er ist ein Apostel des Handwerks, darum seien seinem Gedächtnisse hier einige Worte geweiht.
Kolping ist am 8. Dezember 1813 in Kerpen bei Köln von armen und christlichen Eltern geboren. Ein tüchtiger Lehrer wußte die Lernbegierde des Knaben anzufeuern, insbesondere durch die Erzählung der Lebens- geschichte großer Männer. Volle zehn Jahre mußte Kolping in der Schusterwerkstätte arbeiten, vom 13. bis zum 23. Jahre. Acht Jahre lang wanderte er von einer Stadt zur andern, arbeitete in mancher Werkstätte, lernte viele Menschen kennen, sah sich das Leben von der guten und bösen Seite an. Er hatte sich eine ideale Anschauung vom Leben und insbesondere vorn Handwerk gebildet, aber er fand, freilich nicht überall, jedoch so häufig unter den Gesellen rohe Gemächer, meist schon in ihrem tiefsten Innern verdorben, die sich der Sittenlosigkeit nicht schämten. Das Bewußtsein, auch in der Zukunft so enge, wie es eben das Handwerk bedingt, mit dergleichen Leute zusammenleben zu müssen, flößte dem edel angelegten Manne Grauen eia. Der Drang nach höherer Bildung ließ ihm keine Ruhe, aber wie das Unternehmen beginnen? Köln's erste Werkstatt hatte er erreicht, aber sein Inneres erbebte später noch,' wenn er an die schrecklichen Tage dachte, die er dort mitten unter der Versunkenheit von Deutschlands Handwerks-Gesellen zugebracht hatte. Angestrengte Arbeiten,' Nachtwachen und ein ruheloser Gemüths- zustand warfen unfern Kolping im Jahre 1836 auf das Krankenlager. Von diesem erholte er sich wieder mit dem festen Entschlüsse, Priester zu werden. Unter unsäglicher Mühe, gleichsam wie ein Schmuggler, eignete sich Kolping, 23 Jahre alt, während der freien Stunden der Arbeit und bei Nacht die nöthigen Vorkenntnisse zur Aufnahme in das Gymnasium an. Wer in kaum 4 Jahren erreicht hat, was der 8jährige Kursus des Gymnasiums verlangt, was wird der wohl in den vier Jahren akademischen Studiums sich angeeignet haben? Kolping hätte wohl Aussicht gehabt, weiterhin auf dem Wege der Wissenschaft Auszeichnungen zu erringen. Doch seine Gedanken gingen nicht etwa auf den Universitätskatheder, ihm lag allein das Wohl desVolkes am Herzen.
Kolping war in der tiefsten Seele ein ächter Volksmann, wie er sein soll. Es war ihm klar, daß jede ächte Volksverbesserung von unten herauf beginnen soll. Nur wenn sich recht viele Einzelne bessern
Sonnenried.
gioman von Marga Brechten.
(32. Fortsetzung.)
Es war so, wie Felicitas gesagt hatte. Seit Kapitän Jhno's Ankunft im Schlosse gaben sich, wie man zu sagen pflegt, die Besucher die Thüre in die Hand. Bald darauf folgten Einladungen von allen Seiten, und es begann ein Leben so bewegt und geräuschvoll, daß es schien, als wolle man die Bewohner des alten Stammsitzes plötzlich für alle mehr einsam verlebten Jahre entschädigen. Diese trösteten sich mit der Aussicht auf den kommenden Herbst, einer Zeit, welche sie mancher geselligen Verpflichtungen mehr und mehr entheben mußte.
Dem Barone schien das gegenwärtige Leben noch am meisten zuzusagen. Im Kreise heiterer Freunde, mitten in der lebhaftesten Unterhaltung sah er zu seiner schönen, jugendlichen Gattin hinüber, wie sie entweder, anmuthig die Honneurs machend, durch die Gäste schritt, oder von den Damen der angesehensten Familien umringt war. Er bemerkte auch mit Vergnügen, daß sie sich liebenswürdiger gegen seinen Sohn zeigte, allerdings auf eine Art, welche deutlich bewies, daß sie es nur that, weil er es von ihr begehrt hatte.
Felicitas ihrerseits wunderte sich, daß sich ihr nun trotz des großen gesellschaftlichen Verkehrs, so viele Gelegenheiten boten, um eben diesem Wunsche ihres
und heben, heilen die Uebel und hebt sich das Volk. Wer arbeitet also wahrhaft am Heile des Volkes? Wer Brandreden hält? Nein, nur der, welcher die Einzelnen zu bewahren, zu beschützen, und wenn sie gesunken sind, zu bessern und zu heben sucht und dabei mit jener Geduld und Einsicht verfährt, die der göttliche Meister uns vorgemacht hat. Das Kaiserwort vom 4. Februar d. I. ist nur zu wahr: „Der freien Liebesthätigkeit der Kirche und Schule verbleibt ein weites Feld segensreicher Entfaltung, durch welche die gesetzlichen Anordnungen unterstützt und befruchtet werden müssen, um zu voller Wirksamkeit zu gelangen." Dem Priesterthume wohnt jener Geist inne, der in der Arbeit für das Volk nichts sucht, als nur das Wohl des Volkes allein, nicht Eigennutz und eitlen Ruhm.
Im Jahre 1845 erhielt Kolping seine erste Anstellung als Kaplan in der frisch aufstrebenden Industriestadt Elberfeld. Hier nahm er sich sofort feiner ehemaligen Kameraden, der Gesellen an und gründete den katholischen Gesellenverein. Dort ließ es ihn aber nicht, fein Augenmerk war auf Köln gerichtet, die rheinische Metropole. Manche hielten den Gesellenvater für einen Sonderling, der nicht wisse, wie er feine Zeit todtfchlagen solle. Allerdings! Kolpings Beginnen war ganz neu. Der Stand der Handwerksgesellen, „meist sittlich verwahrlost, von den höheren Klaffen verachtet, von der Polizei verfolgt," wurde betrachtet und behandelt wie eine Art Parias. Und doch soll aus diesen Parias der Mittelstand, das Mark des Volkes hervorgehen. Kolping war indeß nicht der Mann, den Schwierigkeiten schreckten, im Gegentheil, diese stärkten nur sein unerschütterliches Gottvertrauen.
Aus dem Senfkörnlein seines ersten Gesellenvereins ist ein mächtiger Baum geworden, der seine Aeste über Deutschland, Oesterreich, die angrenzenden Länder, bis nach Rom, Egypten, Kleinasien und über den atlantischen Ozean ausbreitet. Nach hunderttausenden zählt der Verein nunmehr seine Mitglieder. Von seiner materiellen Wirksamkeit mag die eine Thatsache uns ein Bild geben, daß das Kölner Gesellenhospiz allein von 1853 bis 1890 63,600 Gesellen verpflegt hat. Ein unsterbliches Band der Liebe hat darum auch den Dahingeschiedenen mit Tausenden verbunden. Wohl.selten hat ein Mann auf Erden gelebt, der so das Volk zu gewinnen wußte. So lange es aber auch opferwillige Priester gibt und wackere Gesellen, wird Kolpings Werk nicht verschwinden.
Soviel über den Gesellenvater und sein Werk. Die innere Geschichte des Gesellenvereins läßt sich nicht beschreiben, sie ist so eigenartig wie das Familienleben, aber himmelweit entfernt von dem Thun
Gemahls nackzukommen. Sie benutzte dieselben, wenn auch anfänglich mit einigem Widerstreben; als sie aber doch seine heitere Miene bemerkte und manchen Dankes- blick und manchen Händedruck nach solchem Bemühen empfangen hatte,^da schrecktejsie nicht mehr zurück vor den immer häufiger eintretenden Anlässen, welche ein gemeinsames Handeln mit dem Stiessohne herbeiführten.
Wozu auch? Wie thöricht war sie doch gewesen! Konnte eine müßige Stunde anregender verfließen, als wenn sie der geistvollen Unterhaltung Jhno's lauschte? Gewiß nicht. In eingebildeter Klugheit hatte sie sich selbst beraubt und des Gatten Unwillen erregt. Was Herbert wünschte und sogar von ihr verlangte, das konnte kein Unrecht sein.
Und wie tattvoll benahm sich Jhno jetzt! Er war achtungsvoll, fast ehrerbietig gegen sie, ohne jede Spur von lästiger Galanterie und beleidigender Verttaulich- keit. Auf den Morgenritten erzählte er von seinen Erlebnissen, mit stets wechselndem Ausdrucke und glühenden Farben schildernd, und doch klar und in feiner Weise belehrend. Ihr war das lieb; sie brauchte nicht selbst zu sprechen und empfand zugleich einen höheren Genuß, als wenn sie das interessanteste Buch gelesen hätte. Auch Herbert meinte mit väterlichem Stolze, Niemand könne je müde werden, seinem Sohne zuzuhören; und wenn er die Beiden dann und wann begleitete, bedauerte auch er immer, wenn der Rückweg i angetreten werden mußte. Mit dem Musiciren ging
und Treiben jenes Widerparts, der Sozialdemokratie, die schon durch den Namen ferugehalten wird: katholischer Gesellenverein.
Deutsches Keich.
Berlin, 6. Dezember.
* Ueber die Antisklaverei-Bestrebungen richtete der hl. Baier ein Schreiten an sämmtliche Bischöfe, in welchem er dieselben daran erinnert, daß die Kirche sich zu Gunsten der Sklavenbefreiung verwendete, und die diesbezüglichen Thaten früherer Päpste, sowie sein Schreiben an die Bischöfe Brasiliens au- führt. Der Papst sei von den Erzählungen über die Leiden der Sklaven in Centralafrika so ergriffen worden, daß er den Kardinal Lavigerie beauftragt habe, die größten Städte Europas zu besuchen und die Souveräne und Völker aufzufordern, für die Abschaffung der Sklaverei einzutreten. Der Papst spendet dm Souveränen Europas Lob und Dank für die Abhaltung der Antisklavei-Kongresse in Brüssel und Paris und empfiehlt, mit der Verkündigung des Evangeliums in Afrika fortzufahren. Zu diesem Behufe werde er eine jährlich am Dreikönigstage zu veranstaltende Kollekte anordnen.
* Der Bundesrath hat über die weitere Behandlung des Gesetzentwürfe eines Bürgerlichen Gesetzbuchs für bas deutsche Reich in der Plenarsitzung am Donnerstag Beschluß gefaßt. Der Entwurf soll einer 2. Lesung unterzogen werden. Zu diesem Zwecke ist eine Kommission von 22 Mitgliedern — theils Juristen theils Vertreter der verschiedenen wirthschaftlichen Interessen — eingesetzt worden. Die Mitglieder sind theils ständige, theils nichtständige; die letzteren sind, unbeschadet ihres Rechts, an sämmtliche Sitzungen theilzunehmen, zum Erscheinen nur in so weit verpflichtet, als der Vorsitzende der Kommission dies in Bettacht der zur Berathnng gelangenden Rechtsmaterie für erforderlich hält. Der Reichskanzler und die einzelnen Bundesregierungen können zu den Berathungen Kommissare entsenden, welche nach näherer Bestimmung der Geschäftsordnung berechtigt sind, das Wort zu ergreifen und Anträge zu stellen. Die sachlichen Berathungen werden am 1. April 1891 beginnen.
* Der Buubesrath hat gestern die vom Reichstage beschlossene Resolution abgelehnt, nach welcher Einjährig-Freiwillige, welche sich dem Studium der Theologie einer mit Korporationsrechten innerhalb des Deutschen Reiches bestehenden Kirche ober Relionsgemeinschaft widmen, in Friedenszeiten auf ihren Antrag nach halbjährigem Dienste mit der Waffe das zweite Halbjahr in der Krankenpflege sollen dienen es weniger gut. Sie bewunderte Jhno's ttaftvollen, schmelzenden Tenor, aber sie war zu schüchtern, um ein Duett mit ihm zu versuchen. Wenn seine (stimme in dem Saale erklungen, fand sie nicht den Muth, eines ihrer kleinen, unbedeutenden Lieder folgen zu lafsen. Ihr Gatte lachte dann und neckte sie wegen der unbequemen Röthe, welche die Verlegenheit in ihre Mangen trieb.
„So spiele, mein Herz," meinte er gutrnüthig; „in der Technik bist Du ihm über. Die kräftigen Hände des Marinars taugen nicht zum Pianoforte- spiel. Wähle irgend eine Sonate oder ein Notturno; solch' zarte Akkorde, so sehnsüchtige Melodien können nur Deine weichen Finger hervorbringen."
Sie lehnte den Kopf an feine Schulter und fühlte sich da so geborgen, so sicher ruhend, wie ein Kind an des Vaters Herzen. Jhno stand am Klavier, mit seinen großen, ernsten Augen wie in weite Ferne blickend. Wenn sie sich dem Instrumente näherte, nahm er einen Sessel an des Vaters Seite, denn er wußte, daß sie gewohnt war, sich selbst die Blätter umzwen- den, und dergleichen kleinen Dienste von fremder Hand überhaupt nicht liebte. Er saß weit von ihr, und dennoch jitterten ihre Finger; sie konnte das begonnene Musikstück nur mit Mühe zu Ende bringen. Darum zog sie es vor, mit einer Handarbeit in die weichen Divanpolster geschmiegt, den Stimmen der beiden Männer zu lauschen. Waren die Zeitungen gelesen und