Einzelbild herunterladen
 

■

&

N

JV 283. Sonntag, den 7. Dezember 1890.

17. Jahrgang

Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringer- lohn und Bestellgeld mit der

belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen" in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

Druck u. Verlag der Fuldaer Acttenorucrerei (Ä.

Tillmann).

Die .Fuldaer Zeitung" erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen.

Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Psg., bei Wiederholungen e-wvr-chender Rabatt.

na

3NF Zweites Blatt. "WC

Die Katastrophe in Karlsbad.

Die Katastrophe, die vor Kurzem über den be­deutendsten Kurort der Erde, über Karlsbad, herein- gebrochen, ist die schrecklichste, welche dieses an ver­derbenbringenden Elementarschäden so reiche Jahr auf­zuweisen hat. und spottet jeder Beschreibung. Wenn auch der Sprudel und alle übrigen Quellen in un­veränderter Weise ihre heilbringenden Wässer heute wie ehedem zu Tage fördern und zum Segen der leidenden Menschheit erhalten bleiben, wenn auch die Bade-Anstalten und kurörtlichen Einrichtungen intakt sind und das liebliche Teplthal mit seinen von den herrlichsten Nadelwaldungen dicht bedeckten Hügel- und Felsenketten nichts an seiner ursprünglichen Naturschön­heit eingebüßt und stets einer der bezaubernsten Flecke des Erdballes sein wird, so haben die heranstürmenden Fluthen doch einen großen Theil dessen verheert und für immer zerstört, was Menschenhand geschaffen. Der Ansturm der Wassermassen war ein so gewaltiger und das Anwachsen derselben ein so rapides, daß binnen wenigen Minuten die niedriger gelegenen Theile der Stadt einem vom wüthendsten Sturme durchpeitschten See glichen. Zum Retten der in den zahlreichen Ver­kaufsläden der Alten Wiese, der Neuen Wiese, des Marktplatzes, der Mühlbadgasse, Sprudelgasse, Kreuz- gasie und der Egerstraße aufgestapelten Waarenvor- räthe, der Mobilien und sonstigen beweglichen Güter war keine Zeit und nichts konnte mehr in Sicherheit gebracht werden. Tausende schwebten in Lebensgefahr, und nur der aufopfernden Rettungsthätigkeit der gc- sammten Bürgerschaft ist es zu danken, daß, soweit be- kannt, der Verlust keines Menschenlebens zu beklagen ist. Das Wasser reichte bis zum zweiten Stockwerke der Häuser, und die Bewohner mußten in vielen Fällen durch die Dächer herausgeholt werden. Die Hilferufe und das Jammergeschrei der Bedrängten übertönten selbst die brausenden Wogen, welche ein Durcheinander von Balken, Bäumen, Fenstern, Thüren, Wagen, Mö­beln, Brücken und selbst eisernen Kasten durch die Eng­pässe der Stadt in toller Hast führten und überall fürchterliche Zerstörung anrichteten. Der Anblick war herzzerreißend und die mannigfaltigsten Scenen der Todesnoth und Verzweiflung waren so ergreifender Natur, daß man gerne darauf verzichtet, die Ereignisse in ihren Einzelheiten zu schildern. Der für Karlsbad so hochverdiente Bürgermeister Eduard Knoll wurde in der Ausübung seines Amtes, im Momente der höchsten Gefahr, während er in aufreibender Weise

Sonnenried.

Roman von Marga Brechten.

(31. Fortsetzung.)

„Ei, Du wirst meiner Felicitas, doch nicht eine jener prächtigen Waffen, ein Tigerfell oder gar ein türkisches Nargileh zugedacht haben?" scherzte der Baron.

„Nein, neifi, ganz so schlimm ist's nicht," lächelte Jener und setzte eine kleine Pfeife an den Mund, deren schriller Ton bis in den Hof drang. Sofort löste sich die Gruppe der Diener, welche den fremden Matrosen neugierig umstand. Ein flinker Negerknabe benutzte den freigegedenen Weg, flog die Stufen hinan und stand in der Halle vor dem erstaunten und doch belustigten Baron. Er war von dem seiner Ratze eigenen, ge­schmeidigen Gliederbau und besaß eine ziemlich hübsche Gesichtsbildung; bei dem Anblicke seines daneben stehenden Herrn blitzte sein dunkles Auge freudig auf.

„Diesen Knaben," sagte Kapitän Jhno, „fand ich vor einigen Jahren in einer chinesischen Hafenstadt. Er lag halb verschmachtet im Sande und vermochte keiner­lei Auskunft über sich zu geben. Auch später brachte ich nichts Rechtes aus ihm heraus. Da unser Schiff zur Abfahrt bereit lag, ließ ich ihn dorthin transpor- tiren und verpflegen. Nach längerer Zeit erholte er sich, wurde getauft und unterrichtet. Er lernte Eng­lisch und etwas Deutsch, aber zum Schiffsjungen taugt er nicht. Seine Konstitution ist dem stets wechselnden

und mit Verachtung des eigenen Lebens die Rettungs­arbeiten leitete, vor Entsetzen über das Schicksal zweier Bürger, welche dem Ertrinken nahe waren, vom Schlage gerührt und fiel entseelt in die Arme der Uin- stehenden. Es war dies der Höhepunkt der von den Elementen in Scene gesetzten Tragödie. In Knoll ver­liert Karlsbad einen Mann, dessen Wirken für den Kurort nicht hoch genug geschätzt werden kann und für den kaum ein Ersatz zu finden sein wird. Erst am Nachmittage, nachdem sich die Wassermassen verlaufen hatten, wurde der ganze Schaden, den Karlsbad und dessen Einwohnerschaft erlitten, sichtbar, und es unter­liegt keinem Zweifel, daß der Gesammtverlust dem Be­trage von drei Millionen Gulden gleichkommt. Die Verwüstungen, die das Wasser angerichtet, sind grauenhaft, das Elend ist namenlos. Die Brücken neuester Eisenkonstruktion, und so zahlreich sie auch waren, sind verschwunden, die Ufermauern weggewaschen, die Straßen ausgehölt und zerklüftet, Gas- und Wasser- leitungsrohre bloßgelegt, drei Stock hohe Häuser ein­gestürzt, andere dem Einstürze nahe ober derart unter« ntinirt, daß sie abgetragen werden mußten, kleinere Baulichkeiten gänzlich demolirt, Bäume entwurzelt und Parkanlagen verheert — ein Bild der Zerstörung, wie es düsterer nicht gedacht werden kann. Hunderte der Bewohner, welche vermögend und in den besten Ver­hältnissen waren, haben ihr Alles verloren und sind am Rande der Verzweiflung. Ein trostbringender Ge­danke wohnt in Aller Herzen: Karlsbad und seine Be­wohner erfreuen sich allgemein der größten Sym­pathien in allen Kreisen aller Nationen, und jeder Verehrer des WellkUrortes wird es als seine Pflicht erachten, zur Milderung der Nothlage beizutragen und als Anwalt für Hilfsmaßregeln aufzutreten. Berechtigte Hoffnung baut man auf den Wohlthätigkeitssinn Oester­reichs und auf eifrige Mitwirkung und Hilfe der Re­gierung.

Vermischtes.

* üeber das Gleichgewicht zwilchen geistiger und körper­licher Arbeit hat der kürzlich verstorbene berühmte Münchener Professor Nußbaum in der ,Tägl. Rundschau" eine Reihe der beherzigenswerthesten Winke ertheilt. Er schrieb: Wenn ich meine ärztliche Erfahrung überdenke, so habe ich nur wenige Kranke ui die Hände bekommen, welche durch Ueberanstrengung ihrer Knochen und Muskeln krank geworden waren; viele Hunderte sehr ernst leidende hingegen beobachtete ich, welche durch anhaltende g e i st i g e Arbeit krank geworden waren, und es war oft recht schwer, wieder vollständige Genesung zu bringen. Es wurde mir der ganz bestimmte Eindruck, daß des Menschen Körperbau nicht für den Studiertisch, sondern für körperliche Ar­beiten geschaffen ist. Am gesundesten und heitersten sah ich jene bleiben, welche Felder und Gärten bearbeiteten und sich den

" 'M"1

Klima, den kalten Strömungen der Meere, in denen wir kreuzen, nicht gewachsen. Vielleicht vergönnt ihm Felicitas den Platz eines kleinen Pagen, er könnte ihre Blumen pflegen und dergleichen Dienste verrichten, bis er zum Groom herangewachsen ist"

„Ich bin überzeugt, daß Du ihr nicht leicht eine größere Freude mit etwas machen könntest, als gerade mit dem Heinen Niger da," erwiderte Freidorf. „Er oll einen niedlichen Pagen-Anzug haben und wird in dem großen Haushalte des Schlosses Unterkommen und Beschäftigung finden, wärmer und wohliger gewiß, als )raußen auf der kalten See. Sieh', wie er friert, trotz einer hübschen Flanell-Blonse."

Jhrw lächelte dem Knaben zu. „Well, my boy, io w are you?“

„Gold/ Sir, always cold,“ sagte Bill Fonndling und zeigte grinsend die weißen Zähne.

* * *

*

Kurze Zeit nach der Ankunft seines Sohnes trat Baron Freidorf eines Morgens in das Bibliothekzim­mer. Seine Gattin saß an ihrem Arbeitsische und war mit Malen beschäftigt. Vor ihr stand ein geschmack­voll geordneter Strauß Feldblumen.

Das Wetter war prachtvoll, und die geöffneten Fenster ließen manchen Sonnenstrahl ungehindert ans Felicitas' Haar und ihr hübsches, blauweißes Morgen­kleid fallen. Sie arbeitete emsig, hielt zuweilen das

größten Theil des Tages in frischer Luft bewegten. Wie ganz anders findet man das körperliche Befinden bei Beamten, Ge­lehrten und Künstlern; oft haben diese einen heißen Kopf und kalte Füße, oft träge Verdauung, unthätigen Darm. Wenige gibt cs unter ihnen, welche nicht über fortwährende Nervener­regung klagen. Wir wissen, daß jedes Organ, welches benutzt wird, blutreicher wird, daß sich seine Adern erweitern. Das Gleiche gilt beim Gehirn. Wird dies blutreicher, so kann dies nur auf Kosten anderer Organe geschehen; deßhalb werden Arme und Füße blutarm, wenn das Gehirn vom Blute strotzt. Je früher solche Mißverhältnisse im menschlichen Körper auftreten je jünger das Individuum ist, desto verderblicher sind die Folgen solch mangelnden Gleichgewichts. Ich muß behaupten, daß die ganze Zukunft eines Menschen eine unbehagliche werden kann wenn sich die angedeuteten Ueberreizungen schon im kindlichen Alter enibürgerten. Es ist durch und durch eine fehlerhafte Beobachtung, wenn man glaubt, daß ein neunjähriges Kind in sieben bis acht Stunden täglich mehr lernt als in vier bis fünf Stunden. Kinder gehören nach 9 Uhr in das Bett, und vor 5 Uhr lasse man sie ja nicht aufstehen, sonst ruht ihr Gehirn nicht genügend aus. Ich halte das gegenwärtige Prinzip, ein Kind den ganzen Tag zu beschäftigen, für ein recht gutes; allein ein großer Theil der Zeit sei der körperlichen Ausbildung gewidmet; wenn möglich tn frischer Luft. Es war ein guter Anfang, das Turnen obligatorisch zu machen; allein ich möchte die gegen­wärtige Dosis dieser herrlichen Arznei eine nahezu Homöopatische nennen, die nur Weniges nützen dürfte. Ich bin fest überzeugt, daß die Zukunft lehren wird, daß man täglich Stunden lang körperliche Uebung mit geistiger Arbeit wechseln muß. Wenn ein Kind gejund bleiben soll. Ich bin ebenso überzeugt, daß das Lernen viel leichter geht, wenn der Körper mehr gekräftigt wird, wenn die geistige Spannung nicht so viele Stunden beträgt, wie jetzt fast in allen Lehranstalten. Mit Ausnahme einzelner her­vorragend begabter Kinder tritt bei den meisten jetzt oft schon Nachmittags, aber fast immer Abends eine stumpfe, müde Hirn- sunktion ein, womit sie nur wenig mehr fassen, höchstens nach langer Marter mechanisch einlernen, ohne den Sinn zu über­denken. Ich ziehe also aus meinen Erfahrungen den Schluß, daß die Zukunft den Körper der Kinder durch Spiele und Ar­beiten im Freien zum Lernen vorbereiten und während des Lernens die Ausbildung des Körpers energisch fördern wird, damit die Belastung des Gehirns, welche bei Tausenden zur Ur­sache ihres unbehuglichen Empfindens wird, verhindert werden kann. Trotz dieser Zeitopfer darf man aber keine geringen Lern- begrche befürchten. Hingegen wird das Lernen, das jetzt vielen Kindern eine Marter ist, den meisten Freude machen, und es wird nicht schon in der Kindheit der Grundstein zu dieser jetzt so sehr überhandnchmenden und unglücklich machenden Nervener­regung gelegt werden.

* Bestrafte Eitelkeit. Eine junge Dame in Ohio ge­brauchte zur Verschönerung ihrer »esichtshaut eine Mischung aus Arsenik und Silbernität. Sie ging dann an die White- Schwefelquellen und nahm dort Bäder. Der Schwefel zersetzte die Silbersalze in ihrer Haut und machte sie so schwarz, daß sie sich vom gesellschaftlichen Leben zurückziehen mußte und vor Ablauf eines Jahres nicht wieder auf der Bildfläche erscheinen durfte.

* Durch's Feuer. Frau A.: „Richt wahr, lieber Arthur Du holst mir ein Billet.fiir daS Conzert." Herr A: „Mag nicht! Geh' nicht zur Thür hinaus bei diesem abscheulichen Wetter." Frau A.: „Du hast mir doch einst geschworen, Du gehst für mich durchs Feuer." Herr A.: „Maa sein: aber nicht durch den Schmutz."

Blatt prüfend von sich und verglich, ob der leuchtende Mohn und die weiße Sternblume ihren lebenden Schwe- ftern auch getreu nachgebildet seien. Ein Schritt hinter ihr machte sie anfsehen.

„Herbert, Du?" rief sie freudig und streckte dem Gatten die freie Linke entgegen. „Wie hübsch, daß Du mich besuchen kommst!"

„Schon so fleißig, meine kleine Felicitas? Zu einer Stunde, wo die anderen Damen Deines Standes noch nicht an ihre Morgen-Toilette denken, trifft man Dich schon an der Arbeit."

„Ja, siehst Du, das ist unerläßlich, wenn man auch nur das Geringste fertig bringen will. Seit Jhno hier ist, haben wir fo vielen Besuch, daß die Tage wie im Fluge vergehen; man findet kaum Zeit zur Beantwor­tung der nothwendigsten Briefe."

Baron Freidorf nickte. „Das empfand ich auch schon und bin froh, daß ich wenigstens die geschäftliche Korrespondenz meinem Inspektor überlassen kann. Aber wie schön Du malst! Wie wundervoll sind die Gräser ausgeführt und die zarten Blätter der Kornblume!"

„Bill hat den Strauß so wirkungsvoll gebunden," entgegnete Felicitas, sein Lob bescheiden von sich ab­lenkend.

„Und diese schöne Arbeit soll Lydia von der Lohe haben?"

„Ja, aber ich muß sehr eifrig sein, wenn ich damit