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Sonntag, den 7. Dezember 1890.
Für die Redaction verantwortlich: Ludwig
Druck u. Verlag der Fuldaer Acnenorucrcrei,'A.
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2. Um den Sozialdemokraten mit ihren eigenen Waffen zu begegnen oder thunlichst schon zuvorzukommen, wollen die Herren Geistlichen dort, wo nicht etwa besondere Verhältnisse oder Rücksichten davon ab- rathen sollten, die Verbreitung klargefaßter und gemein- verständlicher Flugschriften über denselben Gegenstand sich angelegen sein lassen. In dieser Hinsicht empfehlen wir von den bisher erschienenen Volksschriften ganz besonders: „Der Sozialdemokrat kommt! Ein Warnungsruf an unser katholisches Landvolk von einem alten Dorfpfarrer. Fünfte neu dnrchgesehene Auflage." (Freiburg i. B., bei Herder). Von dieser Schrift, welche für 15 Pfennig und in größeren Partien billiger zu beziehen ist, lassen wir für jeden Herrn Pfarrer ein Exemplar diesem Erlasse beifügen. Hoffentlich dürfte es überall gelingen, von gut situirten Gliedern der Gemeinde die Kosten zum Bezüge größerer Partien zu erlangen, um die Exemplare verschenken zu können.
3. Sollte in einer Pfarrgemeinde die Abhaltung einer öffentlichen Versammlung von sozialdemokratischen Sendboten angekündigt werden, so wollen die Herren Geistlichen, wo es irgend angeht, selbst diese Versammlungen besuchen, und darauf hinzuwirken suchen, daß ein möglichst zahlreicher Besuch auch seitens der gutgesinnten Gemeinde-Eingesessenen und namentlich solcher stattfinde, die den Vortrügen der Anstifter in klaren Widerlegungen zu erwidern vermögen. Zudem wollen sie es zu erreichen trachten, daß einem recht ruhigen, umsichtigen und klardenkenden Manne von de» Versammelten die Leitung der Verhandlungen aufgetragen werde.
Weitere Maßnahmen behalten wir uns vor, falls in der That in unseren Landgemeinden die angedrohten Wühlereien verwirklicht werden sollten.
Münster, den 22. Nov. 1890.
Der Bischof von Münster: gez. f Hermann.
Deutsches Keich.
Berlin, 5. Dezember.
* 3U der heutigen ersten Berathung des Volksschulgesetzes im Abgeordueteuhause hatten sich die Mitglieder keineswegs so zahlreich eingefunden, wie man bei der Wichtigkeit des Gegenstandes hätte erwarten sollen. Auch die Tribünen waren nur mäßig besetzt. Die Debatte wurde eröffnet mit einer einftündigen nichts weniger als hochbedeutsamen Rede des Kultusministers. Derselbe bemühte sich zur Begründung des Entwurfes den Beweis zu führen, daß das neue Gesetz den Rechten der Gemeinden und der Kirche keinen Abbruch thue. Er hofft auf eine Verständigung in der Kommission. Bruel erwidert, die Vorlage bewege sich auf revolutionärem Boden; weder die Rechte der Kirche noch der Gemeinde seien genügend gewahrt. Im Grunde
alles von der Willkür der Aufsichtsbehörde und der Minister abhängig. Seyffardt begrüßt den Volksschulgesetz-Entwurf Ramens der Rational-Liberalen,' be- sonders die durch den Entwurf gewährleistete Möq- lichkelt der Erhaltung des Simultanschulwesens. Er halt aber die Zugeständnisse an die Geistlichen für zu weitgehend. Abg. Dr. Reichensperger führt den Nachweis, daß die Bestimmungen über die Leitung des Religionsunterrlchts der Verfassung nicht entsprechen, und daß die Verfassungsbestimmung über die Unter» richtsfrechelt nicht erfüllt ist. Die Abgg. Wessel (freikons.) und Friedberg (natlib.) sprachen sich unter manchen Ausstellungen im Einzelnen für die Vorlage aus, der Letztere jedoch nur unter der Voraussetzung, daß das Prinzip der Konfessionalität der Schulen nicht
sistgelegt werde. Auch der freisinnige Abg Klle gab seiner Schwärmerei für die Simultanschulen Ausdruck. Die Vorlage selbst ist für ihn unannehmbar wegen der Verkümmerung der Gemeinderechte und des Überwucherns der Bureaukratie. Morgen wird die Berathung fortgesetzt.
* Der Reichstag nahm gestern die Vorlage betr die Verewigung von Helgoland mit dem deutschen Reiche in 2. Lesung unverändert an. Abg. Stadthagen 0"z-) hatte beantragt, die Bestimmung, wonach Helgoland Preußen ewveileibt werden soll, zu streichen und
Die Bekämpfung sozialdemokratischer Wühlereien.
* Unter diesem Titel veröffentlicht das Münster'sche Kirchl. Amtsblatt nachstehenden Erlaß des Hochwürdigsten Herrn Bischofs von Münster:
Die Sozialdemokraten rüsten sich allerwärts zu weiterem Vordringen. Mit ihren Flugschriften überschwemmen sie Stadt und Land, und ihre Wanderredner gehen darauf aus, in ihren öffentlichen Versammlungen die großen Massen für sich zu gewinnen. Nachdem sie in den größeren Städten und in den vorwiegend industriellen Gegenden von Jahr zu Jahr zahlreichere Anhänger um ihre Fahne gesammelt haben, sprachen sich ihre Führer in den letzten Partei- Versammlungen dahin aus, daß es ihre nächste yaupt- sächlichste Aufgabe bilden müsse, nunmehr auch die ländliche Bevölkerung für ihre Sache zu bearbeiten. Und da haben sie an erster Stelle unsere katholischen Landbewohner ins Auge gefaßt.
Hieraus erwächst dem bei Weitem zahlreichsten Theste unserer Diözesan-Angehörigen eine Gefahr, welche nic^t unterfchätzt werden darf. Denn die Sozialdemokraten erstreben nichts Geringeres, als die gänzliche Auflösung der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung, den, Umsturz der Throne und die Ausrottung des Christenthums mit allen seinen Einrichtungen und Schöpfungen; sie fordern die Beseitigung der Ehe, die Aufhebung des Eigenthums und zwar jedes Eiuzel- und Privatbesitzes, — die Einführung der sozialen Rcpubllk ; - Gottesleugnung und Unglaube sollen nach ihren Absichten zur allgemeinen und ganz durchgreifenden Herrschaft gebracht werden.
Dürfen wir nun auch — Gott sei dafür gedankt!
JC^te tt/kerjeugung hegen, daß unsere in dem katholischen Glauben tief begründeten und der heiligen Kirche mit so aufrichtiger und warmer Liebe ergebenen Diözesanen weit davon entfernt seien, ja es im innersten Grunde verabscheuen werden, so wahnwitzigen und frevelhaften Ideen, so gottlosen Bestrebungen zuzu- stlmmen oder gar bei uns Eingang zu verstatten; dürfen wir insbesondere zu unseren biederen Landbewohnern das vollste Zutrauen hegen, daß sie sich den auf solche Dinge hinzielenden Wühlereien gegenüber unerschütterlich fest bewähren werden wie ihre Eichbaume im Sturme; — so bleibt deßungeachtet die Gefahr bestehen, daß durch Unkenntniß und Unerfahrenheit oder durch leidenschaftliche Verblendung Ein- zelne den Versuchungen nicht widerstehen, daß sie die Wölfe in den Schafskleidern nicht erkennen und durch die Borsplegelungen der Verführer sich bethören lassen. Zudem bewährt sich auch überall und immer aus's Neue, was unser göttlicher Heiland sagte, daß, wenn die Lmte schlafen, der Feind kommt und Unkraut unter den Weizen säet.
Daher erachten wir es als unsere besondere Obliegenheit, dem beabsichtigten Andringen der Sozialdemokraten gegenüber alle Seelsorger des Bisthums zu einer ganz ausnehmenden Wachsamkeit und zu gesteigerter Vorsicht zu ermahnen und aufzurufen. Und indem wir dies mit allem Nachdrucke thun, empfehlen wir unseren Mitbrüdern im seelsorglichen Amte vorerst em Dreifaches ins Auge zu nehmen.
1. Alle Herren Geistlichen wollen schon jetzt über ras sogenannte System oder das planmäßige Vorhaben der Sozialisten und Sozialdemokraten, sowie über die bezeichnendsten Auslassungen der Führer derselben sich möglichst eingehend zu unterrichten suchen, so daß sie jederzeit rrn Stande sind, die wahren Ziele ihrer Agi- tanon ebenso klar wie bestimmt darzulegen und den Widerstreit ihrer Forderungen mit den christlichen Glaubens- und Sittenlehren, sowie die Undurchführ- barkelt derselben zu beleuchten. Zu diesem Zwecke machen wir aus die Schrift: „Der Sozialismus. Eine Untersuchung seiner Grundlagen und Undurchsührbar- eit von Viktor Cathrein, 8. J." (Freiburg im Breis- gau, bei Herder. Preis 1 Mark 20 Pfq.) aufmerksam und empfehlen angelegentlich ein eifriges Studium derselben.
verlangt, daß man die Helgoländer über die Frage shrer Staatsangehörigkeit selbst entscheiden lassen solle. Helgoland werde vielleicht besser an Hamburg angegliedert. Staatssekretär v. Boetticher und Abg. Dr. Baumbach (frs.) widersprachen dem Anträge Stadthagen. Dann wurde in die 1. Berathung der Patentgesetzno ve lle eingetreten. Staatssekretär v. Boet- tlcher begründete die Vorlage und insbesondere die Beibehaltung der Vorprüfung. Abg. Goldschmidt (frs.) kritisirie die Bestimmungen über die Wirkungen des Patents und über die Organisation des Patentamts und beantragte kommissarische Vorberathung. Abg. Freiherr v. Buol(Etr.) stand in allen wichtigen Fragen auf dem Boden des Entwurfs; über eine Reihe von Einzelheiten, wie Kollision von Patenten, Fristbestim- mungeri, Nichtigkeitsklage u. s. w. werde sich in der Kommission reden lassen. Für eine andere Reihe von Bestimmungen sei nothwendige Voraussetzung bas Zustandekommen der Musterschutzvorlage. 'Die Herabsetzung der Gebühren führe möglicherweise dazu, daß Patente nur der Reklame wegen nachgesucht würden. Abg. Dr. Hammacher (utl.) wünscht Anschluß an die internationale Union zum Schutze des gewerblichen Eigenthums, ohne die entgegeiistehenden Schwierigkeiten zu verkennen. Abg. v. Münch wendet sich gegen das Vvrprüfungsverfahren. Die Vorlage wird an eine 21 er Kommission verwiesen.—Der Reichstag genehmigte heute die Einstellung des gegen den Abg. Wurm (Soz.) in Hannover schwebenden Strafverfahrens während der Dauer der Session und überwies den Entwurf eines Gebrauchsmusterschutzes nach kurzer Debatte, in der namentlich billigere Gebühren verlangt wurden, an die für die Patentgesetznovelle eingesetzte 21.er Kommission. Dann begründete Staatssekretär v. Boetticher die Novelle zum Krankenkassengesetz und suchte dabei die verbündeten Regierungen gegen den Vorwurf zu verwahren, daß sie mit der Vorlage den freien Hilfskassen zu Leibe wollten. Abg. Schumacher (soz.) und Dr. Hirsch (frs.) bekämpften die Bestimmungen, welche den freien Hilfskassen dieselben Verpflichtungen hinsichtlich der Gewährung von freier ärztlicher Behandlung u. s. w. auferlegen, welche den Zwangskassen auferlegt sind. Abq. Merbach (Reichs- Porter) trat für die Vorlage ein. Reg.-Kommiss. Geh. Reg. Rath Lohmann betont, daß die Vorlage nur die sich herausgestellt habenden Unklarheiten des Gesetzes beseitigen wolle; es soll die freie Wahl der Kassen durch die Arbeiter nicht besckwänkt werden; die Abgg. Hitze (Str.) und Möller (ntl.) stimmen dem zu. Abg' Wlsser (wild liberal) hält den Kampf gegen die freien Hilfskassen als schädigend für das Familienleben. Abg. Frhr. von Manteuffel zkons.) findet es begreiflich, daß Dr. Hirsch die Vorlage bekämpft, die allerdings den freien Kassen Nachtheile bringen wird (hört! hört!) Abg. Geißler (Soz.) spricht sich gegen die Vorlage aus. — Es wird die Vorlage au eine 28er Sommission verwiesen Schließlich wird ein Antrag Auer (Soz.), ein gegen dm Abg. Stadthagen (soz.) schwebendes Strafverfahren auszufetzen, angenommen. — Nächste Sitzung: Dienstag: Helgolandvorlage — Etat. —
* 3n Berlin tagt gegenwärtig der internationale Verein der Gasthofsbesitzer. Der Verein, der feinen Sitz in Köln hat und circa 600 Mitglieder zählt, bezweckt Förderung der Interessen der Hotelbesitzer, Fürsorge für die Angestellten und Hebung der Hotels im Interesse der Gäste.
* Dem Bundesrath ist ein Gesetzentwurf, betreffend die kaiserliche Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika nebst Begrüdung ^gegangen. Es handelt sich darin um die formelle Uebernahme der bis jetzt auf den Namen Wißmauns angeworbenen Schutztrüppe in den Dienst des Reiches.
* Das Bebel'sche Buch „Die Frau", welches zur Zeit vergriffen ist, soll demnächst in neuer umgear- beiteter Form erscheinen, und zwar in einer Auslage von zwanzigtausend Exemplaren. Die Umarbeitung wird man schon kontroliren.
* Pose», 4. Dezember. Der Dziennik Poznanski meldet gerüchtweise aus Danzig, der Divisionspfarrer von Mieczkowski, ein Pole, sei zum Posener Erzbischof ausersehen. Es dürften bald noch verschie-