Samstag, den 6. Dezember 1890.
17. Jahrgang
282.
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Fuldaer Zeitung
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Deutsches Keich.
Berlin, 4. Dezember.
* Der Kaiser nahm heute im Kultusministerium an der Hröffmmg der Schulkonferenz Theil und entsprach nach Beendigung der Sitzung einer Einladung des Kultusministers v. Goßler zur Frühstückstafel.
* Der Centrumsantrag zur Aufhebung des Jesuitengesetzes liegt jetzt dem Reichstage vor. Erster Antragsteller ist der Abg. Windthorst.
* Der Bundesrath stimmte in heutiger Sitzung den Anträgen Sachsens und Bayerns betreffend die Einfuhr von Rindvieh aus Oesterreich-Ungarn zu, ebenso dem Entwürfe einer Verordnung wegen Aufhebung deS Verbotes der Einfuhr von Schweinen, Schweinefleisch, Würsten dänischen, schwedischen und norwegischen Ursprungs.
* Zur Goßler'schen Schulvarlage schreibt die,Köl. Bztg.': Am Freitag dieser Woche wird die erste Lesung des Schulgesetzes beginnen und mindestens zwei Tage in Anspruch nehmen. Die Centrums-Fraktion beschäftigte sich bereits eingehend mit den Grundzügen dieses Gesetz-Entwurfs, für welchen mehrere Referenten bestellt waren. Je tiefer man in den Geist und die Einzelheiten der Vorlage eindringt, um so ungünstiger wird das Urtheil, während auf den ersten Blick einzelne Bestimmungen zu blenden geeignet waren. Die Goßler'sche Vorlage ist ohne Zweifel der unannehmbarste von allen bisherigen Entwürfen zu einem Uuterrichtsgesetz. Sie stellt als eine gruno- stürzende in so fern sich dar, ais sie um das Bestehende wenig sich kümmert, und als eine freihoitsfeindliche, weil sie alle Gewalt in der Hand des Ministers vereinigt. Durch die ganze Vorlage geht der Zug der Staatsallmacht ober richtiger der M inister-Omni- psotenz. Wer nicht den Absolutismus der Unter» ricbtsverwaltung will, muß diesen Entwurf bekämpfen und verwerfen, mag er im Uebrigen vom Standpunkte des Centrums noch so weit entfernt sein. Für letzteres ist die Vorlage unannehmbar aus einer ganzen Reihe von Gründen. Der konfessionelle Charakter der Volksschule erscheint in keiner Weise gesichert, wenn auch der Satz der Verfassungs-Urkunde: „Die konfessionellen Verhältnisse sind bei der Errichtung der Volksschule möglichst zu berücksichtigen" wörtlich an- gezogen ist. In der Verfassung. soll dieser Satz eine allgemeine Norm sein für die künftige Schulgesetzgebun^: in der Goßler'schen Vorlage bezieht er sich wesentlich Mr aus den Religions-Unterricht. Welcher Konfession der Lehrer angehören muß, steht nirgendwo; verschiedene Einzelbestimmuugen neigen sogar nach der Richtung allmäliger Einführung konfessionsloser Schulen. Die Gemeinden sind in ihrer Stellung zur Schule lahmgelegt. Bei der Anstellung der Lehrer haben sie lediglich ein Borschlagsrecht; ein Besetzungsrecht der
Sonnenried.
Roman von Marga Brechten.
(30. Fortsetzung.)
Felicitas senkte das Haupt. Sie ergänzte im Stillen, was der Sprechende dachte, aber nicht laut hinzufügen wollte. Welchen vernünftigen Grund hätte sie auch ihrem Gatten für diese Verspätung anführen können? Die an sich geringfügige Begebenheit würde eben dadurch in seinen Augen eine vielsagende Bedeutung gewinnen. Jhno hatte Recht; Schweigen war jedenfalls das Beste, schon deshalb, weil es ihr eine kleine Beschämung vor dem Gatten ersparte. In diesem Augenblicke erinnerte sie sich eines Lieblingsausspruches ihres Vaters: „Willst Du von zweien Dingen wissen, welches das Rechte? Nimmer ist es das Bequeme! Was Dir am meisten Mühe macht, das ist es! — Das würde Dir's sogar, denn Du besiegst dadurch der Trägheit Quelle, Du besiegst Dein eigen Herz !" — Und sie erwog in ihrem Innern, ob sie der leise mahnenden Stimme gehorchen sollte, und fragte sich, warum sie sich durch die Rede ihres Sttstsohnes verletzt und gedemüthigt fühle.
Der junge Mann deutete ihr langes Schweigen richttg.
Gemeinden oder sonstiger Faktoren, auch wo es auf Stiftungen beruht, wird nicht anerkannt. Die Vorlage geht in diesem Punkte noch über das Schulaufsichtsgesetz von 1872 hinaus. Dazu kommt die Konfiskation des gesammten jetzt vorhandenen Schulvermögens; es ist nicht einmal Bürgschaft dafür gegeben, daß das Vermögen für die Schulzwecke derselben Konfession, für die er bestimmt war, dauernd verwendet wird. Die Entscheidung der Selbstverwaltungsbehörden über Anforderungen an die Schulgemeinden ist kasiirtj; auch hier entscheidet die Schulbureaukratie. Alle bestehenden Schul-Societäten sind gestrichen; an ihre Stelle tritt allgemein die bürgerliche Gemeinde. Was den Religions-Unterricht anlangt, so kommt die verfassungsmäßige „Leitung" in keiner Weise zu ihrem Recht. Jede kirchliche Sicherung nach der Seite der Qualifikation des Lehrers fehlt; der Einfluß der Kirche bezüglich der zu benutzenden Lehrbücher ist nur ein beschränkt negativer. Endlich enthält der Entwurf keinerlei Bestimmungen über den freien (P rivat-) Unterricht, der doch nach der Verfafsung eine Kontrole des Staatsschulmonopols sein soll; auch hier ist das Ermessen des Ministers in letzter Instanz entscheidend. DaL Centrum kann sich daher diesem Entwurf gegenüber nur durchaus ablehnend verhalten. Im Verlauf der Debatte werden voraussichtlich zunächst die Abgg. Reichensperger, Bruel und Windthorst den Standpunkt der Centrums-Fraktion darlegen.
* Vor ziemlich teeren Bänken berieth heute das Abgeordnetenhaus den Antrag Konrad auf Annahme eines Wildschaden-Gesetzes und den Antrag Strutz auf Annahme einer Novelle zum Jagdpolizei-Gesetz. Der Antrag Konrad deckt sich mit den Beschlüssen der vorjährigen Kommission. Die zweite Berathung des Konrad'schen Entwurfs wird sofort im Plenum statt- finden. Morgen beginnt die erste Lesung des VolkS- schul-Gesetzes.
* Die ,Freis. Ztg.' behauptet, daß die Sozialdemokraten das vebel'sche Buch über die Fra«, das ihnen jetzt unbequem wird, bei Seite zu schaffen suchen. Sie schreibt: Seltsamer Weise ist das Buch Bebel's, obwohl noch vor Kurzem von sozialistischen Buchhandlungen angezeigt, jetzt im Buchhandel nirgends mehr zu haben. Bald nach der polizeilichen Freigebuug des Buches scheint die Partei selbst für gut befunden zu haben, dasselbe zu unterdrücken."
* Der sozialdemokratische Parteivorstand beabsichtigt, wie er heute mittheilt, von nun ab wöchentlich alle im Zusammenhänge mit der sozialdemokratischen Bewegung erfolgten Verurtheilungen und Verfolgungen zu registriren. Um hierüber ein genaues und erschöpfendes Verzeichniß führen zu können, sollen alle „Genossen", die solche Verurtheilungen oder Verfolgungen erleiden (oder falls sie durch Verhaftung rc.
daran gehindert sind, die Vertrauensmänner der betr. Orte) ungesäumt die Parteileitung hiervon unter Angabe von Ort, Datum und Art der Anklage direkt durch Postkarte oder Brief in Kenntniß setzen. „Vorläufig" bringt das ,Volksblatt' eine aus der Tagespreise geschöpfte Zusammenstellung von Strafen, die seit dem 1. Oktober erkannt sind u. s. w. Diese Liste umfaßt u. A. 28 Verurtheilungen, 6 Konfiskationen, 6 Verhaftungen.
* Ueber die sozialistische Parteipresse veröffentlicht der Parteivorstand im ,Berl. Volksbl.' eine Uebersicht. Daraus ergibt sich, daß erscheinen: täglich 25 Blätter, dreimal wöchentlich 11 Blätter, zweimal wöchentlich 3 Blätter, einmal wöchentlich 10 Blätter; dazu 2 Witzblätter, 1 illuftrirtes Unterhaltungsblatt und eine sogenannte .Wissenschaftliche Revue', im Ganzen also 53 Zeitungen. Der sozialistischen Presse zuzurechnen ist außerdem die Gewerkschaftspresse, über welche gleichfalls eine Uebersicht veröffentlicht wird. Dieselbe ergibt 12 Blätter, welche wöchentlich erscheinen , 1 Blatt, welches dreimal wöchentlich erscheint, 11 Blätter, welche alle 14 Tage erscheinen, und 3 Monatsblätter, also zusammen 27 Blätter. Eine Anzahl Blätter scheinen nicht zu wünschen, daß chr sozialdemokratischer Charakter bekannt wird, denn der Patteivorstand beklagt bei Mittheilungen dieser Uebersicht, daß dieselbe nicht vollständig sei, weil eine Anzahl von sozialdemokratischen Expeditionen der Aufforderung, Titel und Erscheinungsweise ihrer bezüglichen Organe einzusenden, keine Folge geleistet haben.
* Als Bittsteller ist die Presse noch niemals vor den Reichsboten erschienen. Jetzt ober ist in ihren weitausgedehnten Kreisen eine Bewegung im Gange, welche in eine Massenpetition auslaufen und einen Uebelstand beseitigen soll, unter dem das gesummte Zeitungswesen Deutschlands zur Zeit schwer zu leiden hat. In allen andern Kulturländern genießt die Preffe seitens der Telegraph en-Verwaltungen besondere Vergünstigungen; dieselben wurden ihr gewähtt in der richtigen Erkenntniß, daß jede wohlwollende Konzession gegenüber der Presse zugleich eine dem großen Publikum schuldige Mcksicht und in letzter Folge stets auch einen materiellen Selbsterfolg einschließe. So gelangten unsere Nachbarstaaten zu Ausnahmetarifen für die ZeitungS- Drahtberichte, welche ein Drittel, ein Viertel, ja ein Sechstel der Taxe ausmachen, welche wir in Deutschland zu erlegen haben. Wir zahlen für jedes Wort sechs Pfennige! Dagegen zahlt man in Frankreich ... 2 Pfg.
Ungarn ... 2 „
Belgien .... Via „ England . . . . I1/» bis 1 Pfg.
Diese außerordentlich niedrigen Preise ermöglichen in England und Belgien selbst kleinen Blättern, sich über jedes einigermaßen wichtige Tagesereigniß in
„Verzeihen Sie mir," begann er mit freundlichem Ernste, „der rauhe Seemann hat die anmuthige Form der Rede längst verlernt und gibt seinen Gedanken in vielleicht all zu gerader Weise Ausdruck. Der Verkehr mit der Herrin dieses Hauses möge in liebenswürdiger Nachsicht ausgleichen, was Jenem fehlt, und Sie manche schroffe Kante meines Wesens gütigst übersehen."
Felicitas unterbrach ihn kalt:
„Es bedarf keiner Entschuldigung, denn Sie erfüllten nur meinen Wunsch. Ich werde Ihrer Entscheidung folgen, weil ich es selbst so für am besten halte. Im Uebrigen wollen wir Beide nicht mehr eines längst vergangenen Tages gedenken, dessen Erinnerung wenigstens für mich durch manche damit verknüpften Umstände nicht besonders angenehm ist." Sie dachte in diesem Momente an chr unbeholfenes Benehmen, an ihre Thränen und vor Allem an ihren dürftigen, verblichenen Anzug. Das Einst mit dem Jetzt vergleichend, sagte sie sich: dies Alles verdanke ich seinem Vater, und er, der künftige Eigenthümex meiner gegenwärtigen Heimath, denkt auch daran, er erinnert mich in taktloser Weise an meine einfache Vergangenheit und deutet an, daß er mich für unaufrichtig hält. Auch er ist an jenem Tage unaufrichtig gewesen, schien er
doch Alles eher zu sein, als der Sohn eines Barons. Wie hätte ich mich sonst so albern benehmen können? Und ganz durchdrungen vom Gefühl verletzten Stolzes fuhr sie in herbem Tone fort:
„Wir waren uns damals fremd und sind es noch, und während Ihres Hierseins werden uns die gesellschaftlichen Pflichten wohl zu wenig Muße lasten, um uns in thörichten Erinnerungen zu ergehen."
„Leben Sie wohl," versetzte der Kapitän nach dem Fenster schauend, von welchem aus man die Landstraße übersehen konnte. „Ich bemerke dort hinten den Wagen mit meinem Diener und dem Gepäck ankommen; vergeben Sie mir und schenken Sie später meinem kleinen Schützling Ihre Gunst."
Er verbeugte sich und wandte sich nach der Thüre. Unter derselben warf er noch einen Blick zurück: Felicitas sah vor sich nieder und beschäftigte sich angelegentlich mit ihrem Geschenke, dessen einzelne Theile sie spielend zwischen den Fingern drehte. Ihr Gesicht sah unbeweglich, fast steinern aus.
Arme Felicitas! Du glaubtest so klug zu handeln und ahntest nicht, daß das kleine Geheimniß, zu dessen alleinigem Mitwisser du Jhno verurtheilteft, ein gar gefährliches Bindeglied zwischen dir und deinem Stiefsohne bilden würde! Du betrogst dich selber, als du