~.7V 280. Donnerstag, den 4. Dezember 1890. 17. Jahrgang
Fuldaer Zeitung!
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W* Hierzu der Weihnachtsauzeiger Rr. 2.
Deutsches Keich.
Berlin, 2. Dezember.
* Die allgemeinen Erörterungen im Preußischen Abgeordnetenhause über die Steuer-Barlagen der Regierung — Einkommensteuer, Erbschaftssteuer und Gewerbesteuer — sind zu Ende; alle Vorlagen, auch diejenige betreffend die Erbschaftssteuer, sind der Kommis sio ns b er at hu ng überwiesen worden. Aus der Debatte über die Einkommensteuer ist an das große Rede-Duell zwischen dem Abg. Richter und dem Finanzminister zu erinnern. Die vielseitigen Ausführungen des genannten Abgeordneten faßten alles zusammen, was nur an Ausstellungen und Zweifeln über die Vorlage und ihre Brauchbarkeit vorzubringen war. Nach der Erwiderung des Finanzministers, welcher eine hervorragende dialektische Gabe besitzt, war der von dm meisten Abgeordneten empfangene Eindruck der, daß der Minister in diesem Wortkampfe den Sieg davongetragen habe. Die wiederholten Angriffe auf die offiziöse Presse veranlaßten den Finanzminister zu der mehrmaligen Erklärung, es gebe keine offiziöse Presse; wer aber etwas von der Regierung erfahren wolle, der erhalte schon, soweit es angängig sei, Auskunft, die auch dem Abg. Richter nicht versagt worden sein würde. Nach deutsch-frei- sinniger Anschauung ist nicht so sehr durch die jetzt von der Regierung vorgeschlagene Steuer-Reform als durch eine Amderung^ der Zollgesetzgebung die uöthige Entlastung der Steuerzahler herbei',uführen. Daher auch die diesmaligen Angriffe der Partei auf die Viehzölle und die Getreidezölle. Da die Deutsch- Freisinnigen die eigentlichen Träger der Opposition gegen die Steuer-Vorlagen sind, ist es auch von Belang zu wissm, wie sie sich selbst im Einzelnen eine Reform denkm. Abg. Richter hat nun einige positive Programmpunkte verlauten lassm. Nach ihm ist die Einkommensteuer als Staatssteuer beizubehalten; aber in sehr mäßiger Höhe, die Tarifsätze für den Mittelstand müßten viel niedriger sein als bisher. Ferner ist er gegen die Ausbildung der Gewerbesteuer, so lange sie eine preußische Staatssteuer ist, und meint, man müsse das Kommunalsteuersystem reformiren auf der Grundlage von Leistung und Gegenleistung. Man solle die Steuern in den Kommunen mehr anpassen den Vortheilen, die der einzelne Steuerpflichtige von den kommunalen Einrichtungen habe. Nicht nur von deutsch-freisinniger Seite wurde der Vorschlag bekämpft, den Landrath zum Vorsitzenden der Einschätzungs-Kommission zu machen; selbst aus der Mitte der ehemaligen Kartellgenossen wurde unverblümt erklärt, daß der Landrath seine Stellung mißbrauchen könne, um politischen Gegnern sein Uebel- wollen zu bezeigen. Die Debatte über die Erbschafts-
Sonnenried,
Roman von Marga Brechten.
(28. Fortsetzung.)
War jene Felicitas und die zweite Frau seines Vaters wirklich eine und dieselbe Person? Wahrscheinlich, denn der Name stimmte, und er wußte aus des Vaters Briefen, daß dieser eine Erzieherin gehei- rathet hatte. Demnach war ihr der Rath des Fremden zum Glücksstern geworden, sie hatte gar bald den Hafen gefunden, und war nun die Herrin in seiner eigenen Heimath. Welch seltsame Laune des Schick- sals! Dasselbe Wesen, das einst im Vaterhause ein überlästigter Zweig gewesen, nahm jetzt die Stelle seiner verstorbenen Mutter ein. Niemand hatte ihm jemals von der theueren Todten erzählt, aber er ehrte ihr Gedächtniß und dachte, daß ihr Haupt gerade so an *>e§ Vaters Schulter und ihre Hand in der seinen geruht haben möge.
Ja, Felicitas hatte den besten, sichersten Hafen gefunden; warum freute er sich also nich: darüber? Sie schön, so glücklich aus, so ganz anders, als das Mädchen in dem verblichenen Sommerkleide, mit dem zerzausten Haar und den verweinten Augen. Die
steuer war bei weitem kürzer als diejenige über die Einkommensteuer; aufrichtige Freunde hat die betr. Vorlage wenig, und so beschränkte sich der Minister auf die resignirte Bitte, ihr wenigstens die Gnade der Kommissionsberathung zu erweisen. Auch die Gewerbesteuer-Vorlage wurde nach vergleichsweise kurzer Erörterung an eine Kommission verwiesen. Mit der Tendenz, Gerechtigkeit für frühere unverhältnißmäßige Begünstigung der großen Betriebe zu fordern und diese jetzt im Interesse der kleinen Gewerbetreibenden stärker zu belasten, zeigten sich die Deutsch-Freisinnigen und ein Sprecher der National-Liberalen, der auf die Interessen des Großbetriebes eingeschworene Abg. von Eynern nicht ganz einverstanden. Letzterem wurde aber — und das schien ihm recht unbequem zu sein — vor dem versammelten Hause bedeutet, daß er innerhalb der Fraktion allein stehe. Finanzminister Miquel konnte zur Rechtfertigung der Vorlage erklären, daß die in verschiedenen Gegenden nach dem Vorschlag der Regierung angestellten Probeveranlagungen und ihr Er- gebniß überall, auch bei den Großindustriellen, Beifall gefunden hätten. Das ist auch geeignet, dem Jammer, welcher im Hause über das harte Schicksal der Aktien- Gesellschaften angestimmt wurde, das Beileid mehr oder weniger zu versagen. (Köl. Vztg.)
* Geheimrath Prof. Dr. Koch hat, wie verlautet, eine ihm angebotene Datatio« bestimmt abgelehnt.
* Von den nach Oesterreich-Ungarn zur Untersuchung des Seuchenstandes entsandten Thierärzten sind, wie ein parlamentarischer Berichterstatter meldet, eingehende Berichte hierher gelangt. Dieselben sind derart,- daß nunmehr aus eine Annahme des bayrisch-sächsischen Antrages auf Aufhebung der Biehfperre gegen Oesterreich- Ungarn im Bundesrathe mit Sicherheit zu rechnen ist. Gleichzeitig sind im Schooße der preußischen Regierung Erwägungen angestellt worden über die Oeffnung der russischen Grenzen. Diese Erwägungen sind, wie verlautet, dem Abschlüsse nahe. Man erwartet mit Bestimmtheit, daß Preußen sich für den Fall der Annahme des Antrages auf Oeffnung der österreichischen Grenze die Oeffnung der russischen Grenze für die direkte Einfuhr russischen Viehes in die deutschen Schlachthäuser Vorbehalten und dieselbe alsbald durchführen wird.
* Der Reichstag nahm heute seine Sitzungen wieder auf. Da es sich nicht um die Neueröffnung einer Session handelte, fielen Eröffnungsakt und Thronrede weg. Präsident v. Levetzow machte Mittheilung von der Seitens des Präsidiums im Namen des Reichstags dem Kaiser, sowie der Kaiserin Friedrich anläßlich der Vermählung der Prinzessin Viktoria und dem Grafen Moltke, anläßlich seines neunzigsten, dem Reichsgerichtspräsidenten v. Simson anläßlich seines achtzigsten Geburtstags übermittelten Glückwünschen. Dann wurde die 1. Berathung der Vorlage über die Bereinigung Helgolands mit Deutschland vorgenommen. Staats- Todtenblässe war längst von ihrem Antlitz verschwunden; ihre Wangen wetteiferten mit der rosigen Farbe der Robe, und die Hand, die den Buchenzweig hastig vom Aste gerissen, lag weiß und weich wie ein Lilienblatt auf dem dunklen Polster. Was war sie ihm? Nichts, als das Mädchen, an das er oft gedacht, weil er fürchtete, unheilvoll in ihr Schicksal eingegriffen zu haben. Wohl sie konnten Beide mit den Folgen seines Rathes zuftieden sein, und sein Vater würde sich über das kleine Abenteuer im Rindenhäuschen gefreut, vielleicht herzlich gelacht haben. Warum hat sie es ihm nicht mitgetheilt, oder warum that sie es jetzt nicht? — Weil Alles an ihr verändert war, weil ihr die kindliche Offenheit, welche ihn damals so entzückt hatte, fehlte. Er blickte nach ihr hin, sollte er es thun? Nein, denn vielleicht irrte er sich in seiner Voraussetzung; es gab ja viele Felicitas' auf der Welt.
In diesem Augenblicke wandte sich die Betreffende mit der Frage an den Baron, wie es wohl komme, daß sie den Namen seines Sohnes nicht gewußt habe?
Baron Herbert konnte ein Lächeln nicht unter- irücken und sagte endlich in ftoher Laune:
„Nun bin ich der Schuldige, der Dich um Vergebung bitten muß. Verzeih', mein Liebling, daß ich
sekretär v. Bötticher leitete die Berathung ein und begründete die Vorlage. Abg. v. Benda (ntl.) sprach für dieselbe; Dr. Windhorst empfahl Schonung der Eigenthümlichkeiten der Bevölkerunq der Insel und sprach seine Genugthuung uver die Erwerbung derselben aus. Abg. Richter (frs.) meinte, es wäre gut, wenn sich noch irgendwo ein Inselchen sände, gegen das wir unsere Schutzgebiete mit Anstand loswerden könnten. Abg. Stadthagen (soz.) verlangte Prüfung der staatsrechtlichen Grundlagen des Abtretungsvertrags. Man hätte die Bevölkerung Helgolands darüber abstimmen lassen sollen, ob sie zu Deutschland gehören wolle. Staatssekretär v. Bötticher erklärte eine solche Abstimmung für nicht geboten, den Helgoländern sei es überlassen, ob sie sür England operiren wollen.
— Verweisung der Vorlage an eine Commission wurde » gegen die Stimmen der Sozialdemokraten abgelehnt. — Die Einzelberathung findet demnächst im Plenum statt. — Morgen Rechnungssachen und Wahlprüfungen.
* München, 30. Nov. Auch in außerbayerischen katholischen Blättern wird mehrfach der Verwunderung Raum gegeben, daß das im Jahre 1873 von Minister Lutz für bayerische Theologie st udirende erlassene Verbot des Besuches des Collegium Germanicum in Rom noch immer in Kraft steht und mit Recht haben hervorragende Centrumsorgane dies als ein sehr geringes Zeichen von Versöhnlichkeit der Regierung bezeichnet. Denn im gegebenen Falle handelt es sich um kein Gesetz, sondern um eine einfache Ministerialver- fügung, die jeden Augenblick, wenn nur ein wenig guter Wille vorhanden ist, rebteffirt werden kann, allein an diesem guten Willen scheint eS in den maßgebenden Kreisen leider noch immer zu fehlen. Man wünscht von oben herab, daß die Katholiken sich recht ruhig verhalten, daß sie nicht klagen und ja keine Opposition erheben, allein es geschieht nichts, um den Katholiken wirklich Ursache zur Zufriedenheit zu geben. Die Wiederzulassung bayerischer Theologen zum Studium in Rom hätte gewiß in katholischen Kreisen guten Eindruck wachgerufen, diese hätten daraus entnommen, daß der neue Herr Kultusminister sich von den Vorur- theilen seines Vorgängers gegen Rom emancipirt hat und keine Hindernisse mehr für den Besuch einer notorisch ausgezeichneten theologischen Lehranstalt bereiten will. In unserer Zeit spricht man so gerne von der WissenSfreiheit, aber den Katholiken will man nicht einmal den Besuch einer Hochschule am Sitze des Primats Petri gestatten.
Ausland.
* Paris, 1. Dez. Bischof Freppel von Angers erklärte sich angesichts der Kundgebung des Kardinals Lavigerie als entschiedener Gegner der Republik in Frankreich und zwar wegen ihrer Kulturkämpfereien und der herrschenden Korruption.
* Die Deputirten-Wahlen, welche vorige Woche in mir auf Deine Kosten einen harmlosen, kleinen Scherz erlaubt habe. Es war eigentlich sehr albern von mir, aber was willst Du, so ein alter Soldat verfällt zu- etzt in allerlei Thorheiten. Du sagtest stets mit großer Bestimmtheit: „Dein Sohn Herbert", oder: „ich bin gespannt auf den jungen Baron Herbert" rc. — das war doch allerliebst!"
„Ich, ich glaubte diesen Namen bei der Jnstand- etzung seiner Zimmer von der Haushälterin gehört zu haben", erwiderte Felicitas.
„Das muß ein Jrrtyum gewesen sein. Hättest Du übrigens nur einmal den geringsten Zweifel bei der Uebertragnng meines Namens anf Jhno verrathen, o würde ich Dich sofort aufgeklärt haben, so aber amüsirte mich diese köstliche Bestimmtheit zu sehr. Ich malte mir im voraus Deine Überraschung aus, wenn Du seinen wirklichen Namen erführest. Zürnt mir meine herzige Frau?"
„Nein" versicherte sie und nahm lächelnd aus der ihr dargebotenen Obstschale. „Der Name Jhno ist zwar selten, aber schön." Die Frucht in ihrer Hand zitterte, als sie dies sagte, und das Lächeln war ein wehmüthiges.
(Fortsetzung folgt.)