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Mittwoch, den 3. Dezember.

1890.

Unterem Tannenbaum.

Erzählung von A. Brüning. (Nachdr. Verb.) (Fortsetzung.)

Mit finster zusammengezogenen Brauen und herb geschloffenen Lippen las sie die folgenden Zeilen:

„Frau Gräfin."

„Als ich das erste Mal mir die Freiheit nahm, mich schriftlich an Sie zu wenden, erfuhr ich meine Abweffung, die — ich zögere nicht, es einzugestehen — trotz der Loyalität meiner Absicht nicht ganz unverdient war, insofern nämlich, als ich im Drange, die Ungerechtigkeit des Schicksals in etwa zu korri- giren, damals wohl allzurasch verfahren bin.

„Ich hätte nach dem erschütternden Verlust, der Sie betroffen, die erste herbe Trauerzeit vergehen lassen müssen, ehe ich mit meinem Vorschlag heran­trat. Daß ich es nicht that, war ein Fehler, den ich inzwischen längst erkannt und bereut habe: — da es aber meinen Grundsätzen nach, nie zu spät ist, begangene Fehler wieder gut zu machen, so wage ich es jetzt noch einmal, jene Angelegenheit zu be­rühren, in der Hoffnung, daß Sie vielleicht milder über mich denken gelernt haben und meiner hiermit erneuten Werbung um die Hand Ihrer Comtesse Tochter heute eine vorurtheilsfteiere Aufnahme zu Theil werden lassen.

„Frau Gräfin dürfen in diesem meinem Anträge nichts erblicken, was auch nur entfernt im Stande wäre, Ihren Stolz zu verletzen. Er ist von reinster Absicht diktirt, da er das einzige und natürlichste Mittel darftellt, Gesetz und Recht in diesem Falle in Einklang zu bringen. Ich kann des mir durch ein so tragisches Ereigniß zugefallenen Besitzes, den ich — bei meiner Ehre — weder jemals erwartet noch erstrebt habe, nur dann voll und fteudig meine Kraft den damit überkommenen Pflichten weihen, wenn die rechtmäßige Erbin ihn mit mir theilt; es ist mein heißester Wunsch, daß dies geschehen möge, da ich andernfalls mich zeitlebens nur als einen, wenn auch unfreiwilligen Eindringling auf Tarnfels betrachten werde.

„Ich darf daher den mir damals in Ihrem Antwortschreiben ziemlich unverhüllt gemachten Vor­wurf, daß meine Werbung eine Demüthigung für Sie und zugleich eine Verletzung der weiblichen Würde der Comtesse enthalte, wohl als unberechtigt zurückweisen und hoffe, daß auch Sie selber ihn nach meinen obigen Ausführungen nicht länger aufrecht halten werden, indem ich, wie aus den letzteren klar hervorgeht, im Falle der Annahme meines Antrages der zumeist gewinnende Theil sein würde, so daß also von irgend welcher Großmuth meinerseits nicht die Rede sein könnte.

„Der Umstand, daß ich nicht das Glück habe, die Comtesse persönlich zu kennen, vermag hieran nichts zu ändern: aus der warmen Erinnerung, welche die Dienerschaft von ihrer jungen Herrin be­wahrt hat, schöpfe ich auch ohne perfönliche Bekannt­schaft die Ueberzeugung, daß es nur an mir selbst liegen würde, wenn ich an der Seite eines solchen Wesens nicht mein Glück fände.

„Schlimmer allerdings und — ich gestehe es offen — sehr entmuthigend für mich ist die That- sache, daß ich meinerseits der Comtesse ein völlig Fremder bin. Es wäre anmaßend von mir, zu er­warten, daß dieselbe sich.entschließen könnte, einem solchen ihr Jawort zu geben, trotz der schwerwiegen­den Gründe, welche auf beiden Seiten für die von mir oorgeschlagene Verbindung sprechen.

„Ich möchte daher an Sie, Frau Gräfin, die ergebene Bitte richten, mir Gelegenheit geben zu wollen, mit dem gnädigen Fräulein bekannt zu wer­den, indem sie sich entschließen, mir Ihren Aufent­halt anzugeben und mir gestatten, Sie dort aufzu­suchen. Ich darf gewiß hoffen, daß diese Bitte, welche unter andern Umständen leicht als Unbe­scheidenheit gedeutet werden könnte, bei Ihnen in Würdigung der Sachlage eine verständnißvolle und nachsichtige Beurtheilung finden wird. Ich würde Ihnen für Erfüllung derselben von ganzem Herzen dankbar sein und es an den anftichtigsten Bemüh­ungen nicht fehlen lassen, das Vertrauen und viel­leicht auch die Neigung der Comtesse zu erringen.

„Lassen Sie mich schon jetzt die feierliche Ver­sicherung hinzufügen, daß ich, falls mir dies ge­lingen sollte, hinfort meine vornehmste Lebensauf­gabe in dem Bestreben erblicken würde, die Com­tesse glücklich zu machen und sie die eingegangene Verbindung nie bereuen zu lassen. —

„Ich muß dieses Schreiben, da Sie bisher durch die Geheimhaltung Ihres Aufenthaltsortes mir jeden direkten Verkehr unmöglich gemacht, Ihnen durch Vermittelung ihres Anwalts zugehen lassen.

„Noch einmal bitte ich Sie, demselben eine ge­rechte und vornriheilslose Prüfung schenken zu wollen. Voll Unruhe harre ich Ihrer Entscheidung — wie gerne möchte ich sagen dürfen „ihres Rufes" . . .

„In dieser Hoffnung und dem Bewußtsein, das Beste zu wollen, zeichne ich mit dem Ausdruck meiner ehrfurchtsvollen Huldigung

als Ihr aufrichtig ergebener

Roland, Graf von Tarnfels."

In den Zügen der Gräfin malte sich während des Lesens dieser Zeilen eine heftige Erregung. In ihrer Seele kämpfte der so lange und geflissentlich genährte Groll mit einem Gefühl von Achtung und Sympathie,

das die männlich offenen und doch so takwoll gewähl­ten Worte wider ihrer Willen ihr abnöthigten.

Ellen, deren Blick, während sie wartend neben dem Lehnstuhl ihrer Mutter stand, angstvoll forschend an dem Antlitz derselben gehangen, legte jetzt leise den Arm um ihren Nacken, und fragte voll zärtlicher Theil- nahme.

„Es scheint, das Schreiben hat meinem Mütter­chen nichts Gutes gebracht - - darf ich es auch lesen ?“

Die Gräfin zögerte, aber nur einen Augenblick, bann reichte sie ihrer Tochter das Blatt.

„Warum nicht? es ist besser so, bist Du es doch zumeist, die sein Inhalt angeht. —"

Voll Spannung überflog Ellen das ziemlich um­fangreiche Schreiben, bei dessen Lektüre eine sich mehr und mehr vertiefende Gluch in ihr zartes Antlitz stieg.

Als sie geendet, sanken ihre Hände, in denen das Papier hörbar knisterte, schlaff an ihrem Körper herab. So stand sie eine Weile unbeweglich, Purpur auf den Wangen, mit fliegendem Äthern und starrte mit einem unverkennbaren Ausdruck schmerzlichen Schreckens in den sonst so Hellen Augen an ihrer Mutter vorüber in den kalten Winterabend hinaus.

Eine Zeit lang blieb es ganz still zwischen den beiden Frauen. Endlich brach die Gräfin das drückende Schweigen.

„Nun, was sagst Du dazu, Kind?" Statt der Antwort glitt das Mädchen neben ihrer Mutter in die Kniee und schmiegte, beide Arme um sie schlingend, ihr glühendes Antlitz an die Schulter derselben.

„Sag' mir zuvor, Mama, ob es Dir lieb wäre, wenn ich — dem Grafen Roland mein Jawort gäbe?" klang es in leiser Gegenfrage von ihren Lippen. Die Gräfin beugte sich nieder und berührte mit sanftem Kusse der Tochter duftiges Haar.

„Damit Du in gewohnter Selbstverleugnung Deine Entscheidung dann von meinem Wunsche abhängig machen könntest, nicht wahr? — nein, Ellen, das kann ich diesmal nicht annehmen, hier, wo es sich um Deine ganze Zukunft handelt, darfst Du einzig nur nach Dei­nem Herzen entscheiden."

„Das kann ich nicht, Mama; mein Herz hat ja mit dem Grafen Roland, den ich noch nie gesehen, nichts zu thun. Wie soll ich also in dieser Sache einen Entschluß fassen, wenn Du mir nicht hilfst? So viel ich weiß, hast Du bisher keine freundliche Gesinnungen gegen ihn gehegt? —"

„Allerdings, ich kann's nicht leugnen. Die Linie, deren jetziger Repräsentant er ist, war eben der unfern seit Generationen verfeindet, und der Umstand, daß ge­rade er der Majoratsherr auf Tarnfels geworden, hat mir fast etwas wie Haß gegen ihn eingeflößt. Die Form indeß, in der er den Antrag heute wiederholt, macht es mir zur Pflicht, Dich davon in Kenntniß zu setzen."

(Fortsetzung folgt.)

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