mittag, bei! 30. November 1890.
l 7. Jahrgang
Druck u. Verlag der Fuldaer #chen»ru<tetei (L. TiLma.ru).
Vierteljährlicher BdonnemeiltspreiS ohne Bringer- lohn und Bestellgeld mit der delletriftkschen Wschcnbeilage .Sterne und Blumeu' in Fulda und aufwärts 1 Mark 50 Pfennig.
Die .Fuldaer Zeilung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen.
Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Kaum 15 Psg., öei 8:;dechrll!Ngcn -^vr-Lender Rabatt.
Für die Redaction verantwortlich: Ludwig T.ilol .n j».3a.
Aber Niemand achtete auf die nächtliche Landschaft, denn Herbert von Freidorf, der da in der Cau- seuse zurücklehnte, hatte nur Augen für sie, er sah nur seine Frau, welche in ihrer Gesellschaftstoilette vor ihm stand. Er, der Manu, welcher zum ersten Male liebte, spät aber heiß und leidenschaftlich, er fragte es sich, und sein Blick tauchte in den ihren, als ob er in ihrer Seele lesen wolle. Ein warmer Feuer blitzte ihm daraus entgegen; er starrte sie noch immer an, wie eine lichte Erscheinung; — sie war ja so schön, seine Felicitas, Alle hatten es ihm heute irfagt, und sie gehörte ihm, war sein liebes Weib — ein Eigen schon lange!
Da weckte ihre Stimme den Träumenden: „Herbert, was Du in neckendem Spiele gelöst, mußt Du auch wieder befestigen;" ihre Hand hielt eine dunkelrothe Schulterschleife. Er bemühte sich scheinbar, das Band wieder an seine Stelle zu bringen und zeigte ein er- üusteltes Ungeschick, nur damit sie sich noch länger jerübemeigen, ihn noch eine Sekunde lang anlächeln möge. Zuletzt wurde sie ungeduldig; aber schmeichelnd ierührte er mit dem weichen Sammet ihre Wange und bat:
„Geduld, Liebchen. Ich liebe es, Dich in solcher Weise geschmückt zu sehen, ttugst Du doch an dem Abende unserer Verlobung ein gleiches Band. Damals war die Schleife schwarz, jetzt ist sie roth, und diese Farbe erinnert mich an eine Bitte, welche ich noch heute an Dich stellen will. Ob Du sie mir gewähren wirst?" 9
Sounenried.
Roman von Marga Brecht«n.
(25. Fortfetzung.)
9. Kapitel.
Mein Kmmrnftrahl!
Wenn spät noch irgend eine Rose blüht, , O, laß sie dlüh'n!
Wenn spät noch irgend eine Seele glüht, O, laß sie glüh'n!
Welch' schönes Wunder, wenn im Nebeldust
Noch Blüthen steh'n!
Noch schöneres, wenn auf dem Weg zur Nruft Noch Flammen weh'n!"
Fr. Mfred Muth.
XXI.
Der kleine Salon auf Schloß Freidorf war hell erleuchtet. Die nach dem Garten führende Flügelchüre stand offen; von der Außenmauer bogen sich die KlemattSranken über die Einfassung und bildeten einen lebenden Rahmen zu dem Bilde der herrlichen Sommernacht.
Äm Lüftchen regt sich draußen; zuweilen zirpte eine.Grille oder huschten ein paar Johanniswürmchen gleich sprühenden Funken über den Weg. Ob sie sich erzählen wollten von dem glänzenden Ballfeste und denar, welche demselben fern geblieben? Vielleicht: Doch die Grille zirpte jetzt lauter und bat nm Gehör ; eine Grasmücke fuhr aus dem Schlafe empor, und auch im Salon drinnen war es lebendig geworden.
„O Herbert, wie kannst Du zweffeln? Ich will ja Alles thun, was Dir Freude macht, wenn Du etwa- begehrst, so ist es auch schon Dein."
„Ich will nicht „Etwas", sondern viel, sehr viel, vielleicht mehr, als Du gewähren kannst. Doch zuvor singe Dir Muth ein, recht flohen, beseligenden Muth, — laß mich daS am Nachmittage gehörte Lied noch einmal hören."
Die Kerzen des Pianinos waren angezündet und der Deckel zurückgeschlagen. Die leuchtende Tastenreihe schimmerte herüber, als harre sie der Hand, welche die schlummernden Melodien zu wecken gewohnt war. Felicitas trat zu dem Notenschranke und suchte eine Weile darin.
„Muß es gerade das zum vorletzten Tableau gt* hörende Lied sein?"
„Ja, ich bitte darum, Liebe. Du sagtest ja, Graf Gustav habe die Rodenbergischen Verse „Scheiden und Wiederkehren" zu dem heutigen Zwecke in Musik gesetzt. Ich fand die Komposition ausnehmend schön."
„Gewiß, und Comteß Ferdinande gab mir neulich eine Abschrift davon. Da ist sie; — ich hatte das Blatt verlegt."
Ein kurzes Vorspiel ertönte, dann setzte die Spielende mit einer nur mäßig starken, aber schönen, klangvollen Stimme ein:
Wo ist der Frühling? fragt' ich überall.
Die Leute sagten; er ist fortgezogen!
Da fragt' ich sie: Wo ist die Nachtjgal?
Und Aue sagten: ste ist fottgeflogen!
| derbaren Glücksfall eine außerordentliche männliche Kraft in der regierenden Frau wohnt. Aber solche starken Königinnen, wie die edle Maria Theresia und die weniger edle Elisabeth von England, sind selten, und in der Regierung der Letzterm sind trotz aller glänzenden Erfolge die Schattenseiten der weiblichen Herrschaft mehr als genug hervorgetretm.
Es ist im Grunde eine große Ungereimtheit, wenn in den Ländern mit weiblicher Thronfolge dem schönen
I Geschlecht das politische Stimmrecht und die sonstige Gleichberechtigung versagt wird. Kann eine Frau
I herrschen über die Männer, so müffm doch die Ge- schlechtsgmossinnen wmigstms mit den Männern zur Wahl gehen können? Die Inkonsequenz läßt sich nur so erklären, daß man daS Herrschen der gekrönten Frau nicht im rechten Sinne deS Wortes gelten läßt, sondern mit dem Hintergedanken, daß die Geschäfte des Landes ja doch von Männern geführt werden.
I Es ist und bleibt ein Rothbehelf, wie man i die Sache auch bettachtm mag. Danken wir dem Himmel, daß der Rothbehelf bei uns nicht nöthig ist und nach menschlichem Ermeffen in absehbarer Zeit auch nicht nöthig werden kann. Unser Herrscherhaus ist an männlichen, gesundm und regierungsfähigen Sprossen so reich gesegnet, wie keine andere Dynastie. In Spanien hat die Schwindsucht, deren Bekämpfung jetzt in neue Bahnen geleistet wird, bat frühzeitigen Tod des Königs und die Regentschaft für ein uach- geborenes Söhnchen herbeigeführt; Mit der Gesundheit des jungen Königs steht es bekanntlich auch nicht besonders erfreulich, so daß die ererbte Schwäche vielleicht noch zur Erbfolge einer Schwester des verstorbenen Königs führen wird. Das Geschlecht der Christine und Isabella ist allem Anschein nach einer körperlichen Krisis verfallen. In Serbien kommt keine Krankheit des Körpers in's Spiel, sondern politische Momente und geistige Eigenheitm der Eltem des jungen Königs haben zur vorzeitigen Abdankung des Vaters und zu dessen Zerwürfniß mit der Mutter geführt. In Holland war auch die erste Ehe des Königspaares nicht glücklich. Von den beiden Söhnen erlag der eine der Rückenmarksschwindsuch t, der andere den aufteibenben Vergnügungen von Paris. Man sollte beufen, daß es den Herrschergeschlechter doch viel leichter, als den hatt im Kampfe nin's Dasein ringenden Familien, möglich sein müßte, sich zu erhalten und zu vermehren. Aber ihnen drohen besondere Gefahren von außen und von innen, Schicksal und Schuld reichen sich manchmal die Hand, um den alten Stamm zum Verdorren zu bringen. Beneiden wir nicht
lichen Unterschriften vollziehen, da ja die Minister und die Parlamentsmehrheit die Sache machat. Auch in England, wo die Krone schon seit mehr als einem halben Jahrhundert von einer Frau getragen wird, muß man die parlamentarischen Regierungsformen in Betracht ziehen, ehe man über die Berechtigung der weiblichen Thronfolge nrtheilen will.
Unseren deutschen Anschauungen über die Würde und die Aufgabe deS Königthums kann die weibliche Herrschaft durchaus nicht entsprechen. Wir wollen keinen dekorativen, sondern einen wirklichen König, und können uns denselben nicht anders, wie als Manu und als Soldaten vorstellen. Ist Letzteres etwa auf den Geist des modernen Militarismus und auf die Besonderheiten der preußischen Entwicklung zu- rückzuführen? Oder auf die uralte Auffassung der Germanen von der Stellung des Herzogs?
Wenn wir der weiblichen Thronfolge für Deutsch- land keinen Geschmack abzugewinnen Dermögen, so müssen wir doch anerkennen, daß diese Erweiterung der SuccessionSfähigkeit für Holland augenblicklich sehr vor- theilhaft ist. Wenn dem greisen König Wilhelm nicht noch wenigstens ein Töchterchen geboren worden wäre, so würden Erbfolge-Wirren der schlimmsten Att entstanden sein. Das formale Recht einer nicht-holländischen Seitenlinie des Hauses Nassau würde von den eifer« süchtigen Bürgern der holländischen „Nation" wohl l schwerlich ohne Weiteres anerkannt und zur Verwirklichung geführt worden sein. Auf so festen Füßen steht dort die monarchische Gesinnung des legitimistischen Rechtsbewußtsein doch gerade nicht. Man tfjuF auch dem verstorbenen Könige kein Unrecht, wenn man unter den Vorzügen seiner Regierung die Hebung des Ansehens und die Macht der Krone nicht aufführt. Er und fein Volk sind politisch im Ganzen leidlich miteinander ausgenommen; aber es war ihm nicht gegeben die Herzen zu erobern und ideale Gefühle zu wecken, tote es z. B. sein leider jüngerer Bruder Heinrich vermochte. Bei der Betrachtung dieser Grundlage des Staatswesens, die uns bis in das innerste Empfinden und Gewissen zu berühren pflegen, geht man dort, wie ja auch in vielen andern Ländern, vom kühlen Nützlichkeitsstandpunkte ans.
Spanien und Holland können leicht ohne eine starke Herrscherhand ihre Politik machen, so lange sie abseits von den Wirren der „hohen" großrnächtlichen Politik ihr friedliches Dasein führen. Werden sie einmal in die Händel der Großmächte verflossen und zum Spiel um Sein oder Nichtsein gedrängt, bann reicht die I weibliche Kraft nicht aus, falls nicht durch einen wuu- I
tat Regierende Frauen und gekrönte Sinder.
(Nachdruck nicht gestattet)
Drei weibliche Herrscher und drei unmündige Kronenträger haben wir zur Zeit in Europa. In England sitzt seit 53 Jahren die Königin Viktoria auf dem Thron. Die Wittwe des Königs Alfons von Spanien, welche für ihr Söhnchen die Regentschaft führt, hat neuerdings eine Schicksals- und Berufs- genosstn erhalten in der Königin Emma von der Niederlande, welche nach dem Tode Wilhelms HL die Regentschaft führt für die zehnjährige Thronerbin Wilhelmine. Neben diesen beiden königlichen Stinbern steht noch ber jugendliche König von Serbien unter Vormundschaft; für ihn führt die Regierung weder der Vater, ber bes Thrones entsagt hat, noch bie Mutter, deren Ehe mit König Milan durch einen etwas unregelmäßigen, aber thatsächlichen wirksamen Spruch geschieben ist, sondern ein Kollegium von drei zu Regenten berufenen Serben.
Die große Aehnlichkeit zwischen ben gegenwärtigen Verhältnissen der spanischen und des niederländischen Thrones springt in die Augen. Besonders bemerkens- werth ist, daß beide Regentinnen aus dem Auslände stammen. Die zeitweilige Regierung ist in Spanien einer österreichischen, in Holland einer deutschen Prinzessin zugefallen. In beiden Ländern ist man mit dieser Ordnung ber Dinge im Allgemeinen wohl zu frieden; die Gegner ber Monarchie, deren es besonders in Spanien genug gibt, konnten bisher daraus keinen erheblichen Vorthell ziehen. Das erinnert uns an die traurige Hetze, welche im kritischen Halbjahr von 1888 bei unS gegen die Kaiserin Friedrich in Scene gesetzt wurde. Die mit dem Dulderkaiser vermählte princess royal von Großbritannien und Irland hatte keinerlei Regentschafts- ober Stellvertretungs-Vollmacht. Aber der bloße Verdacht, daß sie Einfluß auf ihren Gemahl habe, genügte, um die skandalifchen Angriffe der Kartell- preffe gegen die „Engländerin" in Gang zu bringen. DaS gehört noch auf das Konto ber Aera Bismarck. —
Aus den Verhältnissen in Spanien und Holland könnte man vielleicht die Folgerung ziehen wollen, daß das monarchische Prinzip dort sehr mächtig sein müsse, weil es sogar die Herrschaft einer im Auslande geborenen Frau erträglich mache. Diese Deutung wäre aber wohl zu optimistisch. Bei dem größten Theile ber Bevölkerung wird wohl das Bewußtsein vorwalten, es sei ja im Grunde ganz gleich, was bie könig-