Sonntag, den 30. November 1890
! 7. Jahrgang
Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fnlda.
Druck u. Verlag der Fuldaer Äctrenoruacre. Tillmann).
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MM" Erstes Blatt. *WC
♦ Der „DolKsverem für das katholische Deutschland"
wird dieser Tage, wie wir bereits kurz erwähnten, seinen Eintritt in das öffentliche Leben halten. Der Volksverein, deffen gesetzliches Domizil Mainz ist und befien Wirkungskreis das ganze Deutschland umfassen wird, soll bekanntlich der Bekämpfung der sozialen Umsturz-Bestrebungen und der Vertheidigung der christlichen Ordnung gewidmet sein. Die Statuten sind wohlüberlegter Weise so abgefaßt, daß sie der Thätigkeit des Vereins gestatten, sich den Bedürfnissen überall anzuschmiegen, wie er die zeitlichen und örtlichen Verhältnisse verlangen. AlS Mittel zur Erreichung des Vereinszweckes sind neben der persönlichen Thätigkeit der Einzelmitglieder die Abhaltung Don belehrend«! Vorträgen und die Verbreitung guter Druckschriften im Allgemeinen in Aussicht genommen. Die Ausführung im Einzelnen wird mit Recht dem B o r st a n d e und den von ihm mit der Wahrnehmung der ÄereinSgeschäfte in den einzelnen Diözesen oder LandeStheilen beauftragten Geschäftsführern überlassen. Der Verein kann zweifellos Großes lefften, wenn es gelingt, die vorhandenen Kräfte zusammenzufassen, den Verein recht schnell über ganz Deutschland auszudehnen und in jeder Diözese, sowie in jeder Pfarrei Mitglieder zu werben. Dann wird die Veranstaltung von wirksamen Versammlungen und die Verbreitung von Flugschriften alsbald in der umfassendsten und durchschlagendsten Weise in Gang kommen. DaS Geldopfer von 1 Mark jährlich wird sich wahrlich reichlich lohnen, wenn es mit vereinten Kräften gelingt, den Lorbeer des Sieges über die Umsturz-Propaganda an die katholischen Fahnen zu heften. Ein größerer Triumph des katholischen Glaubens und der Kraft des katholischen Volkes ist gar nicht denkbar, als wenn wir uns als die ersten und erfolgreichsten Ver- cheidiger und Retter der christlichen Gesellschafts- und Staatsordnung erweisen.
lieber die Art und Ursache der Gründung dieses Volksvereins, sowie über die Ziele desselben schreibt die.Kölnische Volkszeitung':
Anfang August erfreute ein nationalliberales Blatt die Ein- aeweihtcn mit seinen Enthüllungen über die vertrauliche Besprechung, welche eine Anzahl hervorragender Katholiken — genannt wurden der Herr Bischof von Trier, Fürst Löwenstein, Windthorst und Freiherr Felix von Loö, neben welchen wir noch viele andere Herren nennen könnten — kurz vorher in Mainz abgehalten hatten. Als „Hauptgegenstand" wurde die Frage angenommen, „welchen Ton man auf der Koblenzer Katholiken- Bersammlung anschlägt", und als ein trauriges Zeichen für den Frieden der Umstand bezeichnet, daß „heute die anerkannten Urheber und Leiter der Haltung des Centrums dazu übergehe», Herrn von Los zu engeren Berathungen zuzuziehen. Vielleicht liegt die Sache auch so, daß es der Heranziehung auch der er- bittettsten Kämpfer bedarf, um der drohenden Altersschwäche in den Rechen der Anhänger zu begegnen." Seitdem ist diese „Altersschwäche" auf den gewaltigen Bersammlungen zu Koblenz, Karlsruhe, Freiburg, Ulm u. s. w. in bekannter erschreckender Weise hervorgetreten, und ein weiteres Zeichen derselben steht unmittelbar bevor.
Wir haben damals kurz'bemerkt, jene Phantasieen hätten nicht gut an einer weniger paffenden Stelle angebracht werden können. Aber das Erscheinen des Freiherrn v. Loö in Mainz hatte immerhin eine Art symptomatischer Bedeutung, wenn auch in ganz anderem Sinne, als der Berfaffer jenes thörichten Artikels es sich träumen ließ: Mainz, der Sitz des unvergeßlichen Mainzer Vereins, der unter ganz hervorragender Betheiligung Felix v. Lov's das Maffen-Aufgebot gegen die Kultur- kämpser zu stande brachte, ist auch die Gcburtsftätte eines neuen „Bolksvereins für das katholische Deutschland" gewesen, der in den nächsten Tagen an die Oesfentlichkeit treten wird. Jene Besprechung in Mainz gatt seiner Vorbereitung und Mainz wird auch der gesetzliche Sitz befleißen sein.
Die ersten Berathungen über die Gründung gehen weit zurück. Bor Jahren schon wurde in engeren Kreisen der Gedanke erörtert, ob angesichts der namentlich vom sogenannten Evangelischen Bunde betriebenen Hetze sich nicht die Bildung eines besonderen Vereins zur Abwehr dieser Angriffe empfehle, aber je länger, je mehr trat eine solche Forderung in den Hintergrund. In «nzelnen Gegenden mag das Auftreten von Fanattkern im stu der Pfälzer Jesuttenftesser besondere Maßnahmen durchaus nötM erschelneu lassen, aber zu einem Gegenbund für das ganze kathmljche Deutschland liegt wahrlich kein Anlaß vor: wir lassen die Tobten ihre Tobten begraben und kümmern uns um wich- ttgere Dinge. Gewiß ist die planmäßige Störung des konfessionellen Friedens eine ernste, traurige Erscheinung, mit welcher
sich ja auch unsere Bischöfe in ihrem würdigen Hirtenschreiben befaßt haben; aber ernster, trauriger, gefährlicher sind die Jrr- thümer und Umsturz-Bestrebungen auf sozialem Gebiete, deren wicht^ste, wenn auch durchaus nicht alleinige Trägerin die deutsche Sozialdemokratte ist.
Die Abwehr dieser Bestrebungen soll der Verein dienen, dessen Aufruf in wenigen Tagen erscheinen wird. Die neue Zeit erfordert neue Mittel. Der alte Mainzer Verein hat den Sieg im Kulturkampf vorbereitet, die zerstreuten Kräfte gesammelt, und als er der Auflösung verfiel, hatte er seine Aufgabe gelöst: ein schlagfertiges Heer stand bereit, und in langen schweren Jahren hat eS den Sieg, wenn auch keinen vollständigen, errungen. Die Phalanx derjenigen, deren Banner die Maigesetze bildeten, ist jetzt gesprengt; heute rückt eine neue Armee heran, andere Männer mit anderen Zielen und Waffen — auf anderer Srundlage ist auch die Bertheidigung zu organi- siren. Lus dem Partei-Kongreß in Halle hat man den Krieg erklärt, den Sturm angekündigt: man wird entschloffene Gegner finden.
Deutlicher, als es gegenwärtig an diefer Stelle geschehen kann, werden die Statuten und der Ausruf des Vereins seine Ziele und die Grundzüge seiner Organisation darlegen. Es soll ein Bund werden, der die Katholiken aller Stände, aller Länder Deutschlands umfaßt, ein Bund, der die berechtigten Grundlagen unserer Gesellschaftsordnung, vor allem die noch christlichen Elemente derselben schützt, aber sich gleichzeitig in den Dienst jeder möglichen und vernünftigen Reform stellt, ein Bund, der mitten im Kampfe den Ausgleich, die Versöhnung und den Frieden erstrebt, deffen Glieder niemals vergessen sollen, daß jedem Recht auch eine Pflicht entspricht, daß nur in Selbstverleugnung und treuer Arbeit erreicht werden kann, was Vaterland und Kirche von uns fordern. Es ist ein »großes Werk, aber der Ernst, mit welchem die Vorbereitungen getroffen worden sind, die Namen der Männer, welche an der Wiege des Vereins standen und bei der ersten Organisation befleißen Mitwirken werden, bürgen uns für das Gelingen.
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Während wir im Begriffe stehen, vorstehende Ausführung an unsere Leser zu richten, geht unS der betr. Aufruf zur sofortigen Veröffentlichung zu. Derselbe lautet:
An das katholische deutsche Bolk!
Schwere Zrrthümer und bedenkliche Umsturzpläne treten überall in die Erscheinung; die bestehende StaatS- und Gesellschaftsordnung ist in ihrer Grundlage bedroht. Die Sozialdemokratie ist es vor allem, welche diese Irrlehren nicht nur verbreiten, sondern auch praktisch ins Leben einführen will. Wohl fühlt sie, daß im katholischen Volke Deutschlands der stärkste Widerfacher gegen derartige Bestrebungen vorhanden ist; deßhalb hat sie auf dem Parteitage zu Halle dem Katholizismus förmlich den Krieg erklärt. Es ist darum dringend geboten, dem anrückenden Feinde mit vereinter und fest organisirter Kraft furchtlos entgegen zu treten.
Katholische Männer aus allen Theilen Deutschlands traten dieserhalb zu wiederholter ernster Be- rathung zusammen und kamen nach reiflicher Ueber- legung zu dem Entschlüsse, einen Verein zu bilden, dessen Zweck sei, die Jrrthümer und Umsturz-Bestrebungen auf sozialem Gebiete zu bekämpfen und die christliche Gesellschaftsordnung zu vertheidigen. Dieser Zweck wird erstrebt durch die persönliche Thätigkeit der Einzel-Mitglieder, durch belehrende Vorträge und durch Verbreitung guter Druckschriften. Mitglied des Vereins ist jeder großjährige katholische Deutsche, welcher jährlich eine Mark in die Vereinskafie zahlt.
Wohlan denn! Treten wir dem neuen Feinde in geschlossenen Reihen entgegen! Sammeln wir uns zu einem großen, alle Gaue des Vaterlandes umfassenden Bunde! Dieser Bund soll unsere Kräfte organifiren, unsere Mittel mehren, unsere Thätigkeit in Presse, Flugschriften und Versammlungen planmäßig leiten und steigern, auf daß der Gegner auch das letzte Dorf gerüstet finde und überall im Lande der Irrlehre sofort die Wahrheit mit Macht entgegentrete. Möge jedes Vereins-Mitglied zunächst in seinem engern Kreise, dann auch in öffentlichen Versammlungen mit Schrift und Wort den Zweck des Vereines fördern. Dieser will nicht allein die Abwehr der falschen Lehren, sondern auch die Förderung und Bethätigung der richtigen Grundsätze auf sozialem Gebiete; namentlich will er, daß Arbeitgeber wie Arbeitnehmer fich immer mehr der ihnen in ihren gegenseitigen Beziehungen obliegenden Pflichten bewußt werden, und daß die Erkenntniß der Interessengemeinschaft beider Theile fich immer mehr Bahn breche.
Allzeit besorgt um deS Vaterlandes Wohlfahrt, haben unsere Bischöfe jüngst in Fulda auf die drohenden Anzeichen der kommenden Gefahren hingewiesen. Unser festes Zusammenschließen soll chnen den Beweis liefern, daß das Volk ihren Hirtenruf verstanden hat.
Und dringt die Kunde von unserm Beginne» nach Rom, so wird Freude daS Herz des heil. Vaters erfüllen, weil die deutschen Katholiken e» verstanden haben, die Anforderungen einer neuen Zeit rechtzeitig zu erkennen und ihnen in einträchtigem Zusammenwirken gerecht zu werden.
Wenn der deutsche Kaiser im Verein mit den deutschen Fürsten die Bahnen einer Politik verlassen hat, welche mit äußern polizeilichen Mitteln Ideen bekämpfen wollte, so geschah dies gewiß auch in dem festen Vertrauen, daß der christliche Geist im Volle noch stark genug sei, um die für Kirche und Staat gleich verderblichen Ideen in freiem Kampfe zu überwinden. Katholiken Deutschlands, wir werden die Letzten sein, die dieses Vertrauen täuschen!
Drum sammle dich, katholisches Volk, erprobt in Opfersinn und Treue gegen Kirche und Vaterland! Sammle dich zur Bertheidigung der christlichen Gesellschaft! Schütze Thron und Altar, Haus und Herd! Alle Stände, hoch und niedrig, Geistliche und Laien, Arbeitgeber und Arbeiter, sollen sich in dem einen Vereine zusammenfinden, um dem einbrechendeu Feinde zu wehren, die Irrenden zu belehren, die Schwankenden zu stützen und den Eifer der Treuen noch mehr M erwärmen. So wird dem Volke der heilige Glaube erhalte«, «ad das iß die wichtiaße soziale Thal.
Mainz, im November 1890.
Der Vorstand des Volksvereines für das katholische Deutschland:
Dr. Windthorst, Staatsminister a. D., Ehrenpräsident. Franz Brandts jr., Fabrikbesitzer in B. Gladbach, I. Vorsitzender. Karl Trimborn, Rcchtsanwalt in Köln, II. Vorsitzender.
Franz Hitze, Landtag«- und Reichstags-Abgeordneter, Schrifts Dr. Jos. Stammet in Köln, Geschäftsführer.
Joh. Elkan, Bankdirettor in Köln, Schatzmeister.
Graf Ballestrem, Pianowitz (Schlesien). LandeSrath Fritzen, Düsseldorf. Graf Galen, Dinklage (Westfalen). Dr. Galland, Münster, Landaerichtsrath Gröber, Heilbronn. Graf Hocne- droech, Schloß Haag bei Geldern. Dr. Lieder, Karnberg (Nassau), Dr. Orterer, Freising. Cheftedaktenr Otto, Crefeld. Dr. Pötsch. Breslau. Graf Konrad Preising, München. Dr. Eiben, Deidesheim. Bibliothekar Dr. Stamminger, Würzburg. Redakteur Stötzel, Essen.
Alle brieflichen Angaben sind zu richten an Herrn Dr. Jos. Drammer, Mittelstraße 10 in Köln. Die Anmeldungen zur Mitgliedschaft werden bis auf Weiteres an dieselbe Adresse erbeten.
Deutsches Deich.
Berlin, 28. November.
* Der bekannte Vatikanische Berichterstatter der ,Polit. Korresp.' bringt eine längere Ausführung über die letzten Arbeiten des hl. Vaters an der Encyclica über die Arbeiterfrage. Daß die Encyclica um die Weihnachtszeit erscheinen sollte, hat der h. Vater selbst vor einigen Wochen ausgesprochen.
* Im Mittelpunkte des allgemeinen Interesses steht fortgesetzt die Koch'sche Erfindung eines Heilmittels gegen die Tuberkulose. Die Koch'sche Entdeckung wird überall, nickt nur im Jnlande, sondern in der ganzen Welt als ein hoher Triumph der Wissen- chaft betrachtet. Nur vereinzelt erhebt sich eine nörgelnde, von Neid oder Nationalitätshaß beeinflußte Stimme. Daneben ist allerdings nicht zu leugnen, daß die Hoffnungen und Erwartungen, welche an die koch'sche Entdeckung geknüpft wurden, vielfach über das Ziel hinausschossen. Das ist aber nicht die Schuld )es bescheidenen deutschen Gelehrten, er selbst hat in einen Veröffentlichungen die Grenzen der bisher festgestellten Wirkung seines Hellmittels genau bezeichnet und dieselben eher verengt, als zu weit hinausgeschoben.
* Anfangs Dezember findet in Berlin auf Berufung des Kriegsministeriums eine Koufereuz sämmtlichrr Kortzsgeueral - Aerzte der Armee statt, welche fich mit der Frage der Anwendung des Kvch'schen Heilmittels beschäftigen wird.