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M 275.

Freitag, den 28. November 1890.

17. Jahrgang

Druck u. Verla, der Fuldaer Ächeavniae«, (A. TiLauma).

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Bierteljährlicher Adonnementspreir ohne Brmzer- lohn und Bestellgeld mit der beletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

* Der Schulgesetzentwurf des Herrn v. Goßler darf, so schreibt die ,Freis. Ztg.', schon heute als ge­fallen im Abgeordnetenhause betrachtet werden. Die Feindseligkeiten des Entwurfs gegen die Selbstverwal­tung, die Aufrichtung einer allmächtigen Schulbureau- kratie findet auf der rechten Seite ebenso viel Wider­spruch wie auf der linken. Die freisinnige Partei kann dem Prinzip der konfessionellen Schule nicht zustimmen, die Centrumspartei ist aus kirchenpolitischen Gründen gegen den Entwurf. Wo soll unter diesen Umständen eine Mehrheit Herkommen.

ringeres Uebel. Sobald man erkennt, daß man einen Fehler gemacht hat, soll man zur Verbesserung schreiten "

* Das Abgeurdnkteilhaus nahm heute die erste Be- rathung des Gewerbesteuer-Gesetzes vor. Finanzmini­ster Dr. Miguel begründete die Vorlage mit der Nothwendigkeit einer gerechten Vertheilung dieser Steuer und dankt für die Mitwirkung der betheiligten Kreise der Bevölkerung bei der Aufstellung des Entwurfs. Vor Allem soll durch die Vorlage der von der Person des Besitzers unabhängige Gewerbebetrieb getroffen werden, weshalb die Steuer erst bei einem Ertrage von 1500 Mark beginnen soll; damit wird 1/3 aller bisherigen Gewerbetreibenden frei. Die Betriebssteuer fürGastwirthschaften, Branntweinhandel rc. rechtfertige sich aus dem Vorzüge der Konzession, den jene Gewerbe haben und aus ihrem ganzen wirthschaftlichen Charakter. Abg. v. Eynern (nat.-lib.) äußerte sich der Vorlage kühl gegenüber; sie werde dazu beitragen, das Kapital dem Gewerbe noch mehr zu entziehen. Folgt ein Lob­lied auf das Kapital und eine Betrachtung über die Ursachen, wenn sich das deutsche Kapital von einhei­mischen industriellen Unternehmungen fern halte. Auch einige andere Bestimmungen der Vorlage hatten nicht den Beifall des Herrn v. Eynern. Da er indeß nur seme persönliche Ansicht vortrug, braucht man nicht naher darauf einzugehen. Abg. v. Heede (nat.-lib) empfahl Ueberweisung der Besteuerung des S>chankbe- triebes an die Gemeinden und die Heranziehung der I Brennereien und des Handels zur Gewerbesteuer. Aba.

<T'*‘ x gegen dgz Prinzip derBe-

, les Betriebs - Ertrages und ! wünschte betreffende Aenderung des Entwurfs, der so nur eine neue unvollkommene Einkommensteuer bringe. General-Steuerdirektor Burg hart wies darauf hin, daß es nach den bestehenden Bestimmungen oorfomme' daß kleine Betriebe mit bis 4 und sehr große Betriebe mit nur 7«, 7e oder gar ’/io Prozent zur Gewerbe­steuer herangezogen würden. Eine Abneigung gegen das Kapital oder gegen den Großbetrieb liege der Re­gierung fern; sie erstrebe nur ein gerechteres Verhält- mß. Sie gehe nur bis 1 °/0, während der Grundbesitz viel höher belastet sei. Abg. v. Thiedemann (Bombst) (frks.) erklärte die Zustimmung seiner Fraktion zu der Vorlage vorbehaltlich einiger Aenderungen. Ebenso Abgeordn. Pleß (Centrum), der völlige Beseitigung der Gewerbesteuer - Freiheit der Konsum - Vereine wünschte. Abgeordn. v. Rauch Haupt (konserv.) führte aus, daß die Schulden-Anrechnung bei der Gewerbesteuer nicht durchführbar sei, und erklärte die Bereitwilligkeit seiner Freunde, an dem Zustande­kommen des Gesetzes mitzuwirken. Der Entwurf wurde an eine 21. Kommission überwiesen Sonnabend: Interpellation Graf (Ctr.) betreffend das

’ Dre ,Kreuzzeitung' wendet sich in einem gehar- nffchten Leitartikel unter der Ueberschrift „Eine Groß- that jüdischer Frechheit und Verlogenheit" gegen die Angabe liberaler Wiener Blätter, wonach sich H,f- frrtbigtr Sticker mit dem Ersuchen nach Wien ge­wendet habe, ihm die Chefredakteurstelle deS katholischen Blattes .Vaterland' zu übertragen. Die Nachricht war nichts als eine alberne Erfindung, da Stöcker noch vor wenigen Tagen in einer Berliner Rede gezeigt hat, daß er in starken Vorurtheilen gegen die Katholiken befangen ist.

.. Mer ist eigentlich dieses Fräulein Käthe von Wel- fingen?" fragte in der zweiten Stuhlreihe eine fremde Dame ihre Nachbarin.

„Eine Verwandte der Gräfin und Mündel ihres Gemahls," lautete die Antwort. „Sie scheint geistig em ziemlich unbedeutendes Mädchen zu sein; sahen Sie nicht vorhin die einfache, fast ländliche Toilette? Wirk­lich lächerlich für die Braut eines Grafen! Man hat früher nicht viel von ihr bemerkt und war über die Verlobung nicht wenig überrascht. Doch da verbreitete sich mit einem Male die Nachricht, daß die Betreffende außerordentlich reich sei."

„Nun, und da verwunderte man sich nicht mehr," schaltete die junge Dame ein.

„Man fand es im Gegentheil begreiflich, daß der Mne Graf Gustav die bis dahin unbeachtete Kousine

. "^5 8U begreiflich, wie Sie geistreich bemerkten, meine Liebe. In einigen Wochen wird demnach daS hübsche, dralle Mädchen, das mit seiner untersetzten Gestalt und den vollen rothen Wangen mehr einer Dorfschönen gleicht, die viel beneidete junge Gräfin von Neuberg."

„Was das Geld nicht Alles thut!" seufzte dieAn- ökve; „sie wird sich in ihrer neuen Stellung ja kaum zurecht finden können. Da lobe ich mir denn doch die Baronin von Freidorf. Diese tadellose, entzückende

Deutsches Keich.

Berlin, 26. November.

* Das parlamentarische Diaer »ei« Reichskanzler, welches am Montag stattfand, wurde auch vom Kaiser besucht. Geladen waren zu demselben 6 Mitglieder deS Herrenhauses und vom Abgeordnetenhause 5 Konser­vative, 5 vom Centrum, 4Nationalliberale, 2 Frei-. Konservative, 1 Freisinniger (Goldschmidt) und ein Pole (Stablewski). Von Herrenhausmitgliedern sind Fürstbischof Dr. Kopp, Graf Landsberg-Velen, Kos- cielskl, Stumm und Mevissen geladen; vom Centrum außer Dr. Windthorst, Prinz Arenberg und v. Huene auch Reichensperger und Hitze. Das Diner dauerte nur etwas über zwei Stunden. Die Gäste, die schon ge­nannt sind, standen, als der Kaiser kam, in einem Halbkreis. Der Kaiser begrüßte einzelne Minister und Abgeordnete, unter anderen auch Windthorst, dem er sagte, er sehe ihn zuweilen spazieren gehen. Dann ging man gleich zu Tisch. Der Kaiser saß zwischen fcent Herzog von Ratibor und dem Minister v. Bötticher, thm gegenüber v. Caprivi zwischen v. Köller und v. Benda, die übrigen Herren ungefähr dem Alter nach. Tischreden wurden nicht gehalten. Nachdem die Tafel aufgehoben worden war, bildete sich bei Bier und Cigarren einige Zeit lang um den Kaiser ein Kreis, in welchem die Unterhaltung auch einige Fragen bcr Gesetzgebung streifte. So z. B. wurde über das A r b e l t e r s ch u tz g e s e tz gesprochen. Die Beschlüsse der Reichstagskommlsston, hieß es, sollten von der Re­gierung sorgfältig erwogen werden. Dann kam unter dem Ausdruck einer gewissen Befriedigung das Ge­spräch auf das Verhalten der Sozialdemokratie

dem Erlöschen des Ausnahmegesetzes und auf die Möglichkeit der Ausbreitung der sozialistischen Agitation auf das flache Land. Für die Steuerreform, den Nutzen der Konsum vereine für die Arbeiter und den Ausbau der Wasserstraßen verrieth der Kaiser be­sonderes Interesse. Er sprach sich gegen jede Ver­kümmerung seines land es herrlichen Episkopats m der evangelischen Kirche aus, sowie gegen das Her­auskehren dogmatischer Fragen, anstatt die praktischen Aufgaben der Kirche zu erfüllen. Der Kaiser »erließ das Kanzlerpalais bald nach 8 Uhr und begab sich von dort in's „Deutsche Theater", woselbst er bis zum Schluß verweilte.

* Dem Reichstage sind an Vorlagen zugegangen die Novellen zum Krankenversicherungsgesetz und zum Zuckersteuergesetz, ferner die Patentgesetznovelle und der Gesetzentwurf, detr. den Schutz der Gebrauchsmuster Letztere beiden Vorlagen wurden gestern vom Bundes- rathe genehmigt. Die 1. Berathung des Reichshaus­haltsetats soll int Reichstage am 4. Dez. beginnen. 1

„Wirklich? Kenne die Dame nicht näher. Bin übrigens gespannt auf das folgende Tableau; es soll eine Fortsetzung des eben Gesehenen fein. Wissen 'Sie etwas darüber, lieber Graf?"

„Mir ist nur bekannt, daß meines Sohnes neue Uniform eine schöne Rolle darin spielt," scherzte dieser. I- zugleich eine kleine Ueberraschung für

seme Eltern, und ich freue mich wirklich, ihn zum ersten Male dann zu sehen."

,r± »Ah, die mag ihm prächtig stehen.' Graf Gustav ,st ohnehin ein so schöner Mann, und ich bin über- zeugt daß alle Mütter mit heirathsfähigen Töchtern der glücklichen Braut ein wenig gram sind, weil sie Ihren Herrn Sohn so ftühe in Amor's Fesseln ge­schlagen hat." a

„Sv frühe? Nun ja, Gustav hat allerdings erst vor wenigen Wochen sein Oberförster-Examen gemacht. Aber was thut dies? Durch eine besonders günstige Fügung erhielt er seine erste Anstellung in dem Distrikte, welchem vor Jahren der Vater meiner Mündel vorge­standen hat. Die beiden jungen Leutchen lieben sich seit lange und wünschten ihre Verbindung nicht länger hinausgeschoben zu sehen. Sie waren unserer Einwil­ligung sicher und werden gleich nach der Vermählung ßu Käthe's Freude das nämliche Forsthaus bewohnen, m dem sie geboren und bis zu dem Tode ihrer Mutter gelebt hat."

Zur Alters- und Znvaliditätsvcrsicherung bringt dre .Germania' folgendes Eingesandt: „Viele Arbeiter sehen die Alters- und Jnvaliditätsversichcrung als eine neue Steuer an; nachdem sie mit unendlicher Mühe sich die Bestimmungen des Gesetzes klar gemacht haben, dH sie nach ihren Erfahrungen über die , ullu UCÖ „UIwe

Sterblichkeit der arbeitenden Klasse nur blutwenig Dr. Brömel (dfr.) sprach Hoffnung auf die Wohlthaien aus diesem Gesetze haben, steuerung nach oer Höhe bi und darum finden sie es hart, daß sie jetzt baares y-

Geld aus ihrer Tasche herausnehmen sollen, um eine Kasse zu füllen, aus welcher etwas zu empfangen sie so geringe Hoffnung haben. Dieses Gesetz verursacht eine ungeheure Menge von Verwaltungskosten, und manche Arbeiter sagen sich, daß die Beiträge ihrer Arbeitgeber größtentheils zur Bestreitung dieser Un­kosten werden verwendet werden müssen. Solche Er­wägungen, welche Wahres mit Falschem vermischen, -ueten den Sozialdemokraten ein äußerst wirksames Nittel, Unzufriedenheit herbeizuführen. Darum yaben mehrere mir bekannte Arbeitgeber, welche Ar­beiter vor der sozialdemokratischen Aufreizung bewahren wollen, sich entschlossen, neben den ihnen durch das Gesetz aufgelegten Arbeitg eber-Beiträgen auch noch die ihren Arbeitern abverlangten Beiträge aus ihrer eigenen Tasche zu zahlen. In weiten Kreisen 'st man überzeugt, daß es besser sei, das Alters- re. Gesetz nicht zur Ausfuhrung zu bringen; die bisher entstandenen Unkosten sind — gegenüber der entstehen­den Unzufriedenheit der Arbeiter, welchen durch dieses Gesetz Wohlthaten erwiesen werden sollen — ein ge-

Sonnenried.

Roman von Marga Brechten.

(23. Fortsetzung.)

„Eine reizende Darstellung", sagte Landrath v D zu dem neben ihm sitzenden Hausherrn, „die Beiden verstehen sich auf Mimik. Ich bedanre, daß mein Franz noch nicht auf Urlaub kommen konnte, er ist ein Kunstkenner und würde Comtefse Elfriedens feines Spiel ohne Zweifel sehr bewundert haben."

Graf Neuberg lächelte. „Allerdings ein ganz hüb- iches Bild, das jedenfalls den Abschied darstellen sollte. Die herrliche Musikbegleitung erhöht den Effekt der sonst sehr einfachen Gruppen.

t’n J?.n‘n Freidorf hat diese übernommen, nicht "Ar. Die Dame sieht heute reizend aus; finden Sie nicht f

„Ganz Ihrer Meinung, Herr Landrath; finde sie allerliebst und so jugendlich! War doch am Ende kein gar zu übler Griff des Barons damals; wissen Sie?"

Der Andere nickte lächelnd.

»w;?3” WU hätten wohl in gleichem Falle

£ « l$ mcht? Aber der erwachsene Sohn,

ab." f° Xö$)t b°iU *• Nun, „O, der Baron kann seiner Gattin unbedingt ver- ttaum; dar ist em Charakter — wahr, edel, goldtreu.

Für die Redaction »er«nt»»rtfi»: Satwig L.i'bÄ In FaÄa.

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