1890
Mittwoch, den 26. November
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Unter m Hannenbanm.
Erzählung von Ä. Brüning. (Nachdr. Derb.) „Wo nur Ellen bleibt?"
Die müde Stimme hatte einen klagenden, beinahe vorwurfsvollen Tonfall. Sie klang aifll der Tiefe eines mächtigen altmodischen Lehnstuhls hervor, in dem eine in dunkle Trauergewänder gehüllte Frauengestalt ruhte.
Das von draußen hereinfallende weiße Schneelicht, das trotz der frühen Dämmerung des kurzen Dezembernachmittags noch eine matte Helle verbreitete, beleuchtete die noch immer anmuthigen Linien eines von schwarzer Wittwenhaube bedeckten Kopfes. Das Antlitz unter der tief in die schmale Stirn fallenden Ähnebbe zeigte feine "durchgeistigte, aber unendlich vergrämte Züge; um die ganze Erscheinung schwebte jenes undefinirbare Etwas, das von der echten Aristokratin unzertrennlich ist. —
Ein klagender Blick aus den tiefumschatteten Augen, denen man es ansah, daß sie viel geweint hatten, schweifte durch das in seiner schlichten Einrichtung so seltsam gegen ihre vornehme Erscheinung abstechende Gemach und blieb zuletzt auf der Dienerin haften, die in emsiger Geschäftigkeit hi» rüst) her trippelte und den Staub von den einfachen Möbeln wischte.
„Wo nur Ellen bleibt!" wiederholte die Herrin noch einmal. „Ich begreife nicht, was sie so oft in das armselige Landstädtchen führt....."
In das runzelige Gesicht der Altm stieg eine verrätherische Röche; wie um dieselbe m verbergen, machte sie sich noch emsiger mit dem Wischtuch zu rhun.
„Gnädige Gräfin müssen bedenken, daß die Com- tesse ein junges Blut ist, für das die Einsamkeit nicht taugt," sagte sie mit abgewandtem Gesicht. „In den Honoratiorentöchtern deS Städtchens findet sie doch wenigstens AlterSgenossinneu, mit denen sie Umgang pflegen kann."
„Wenn dieser Umgang für die Comtesse Tarnfels nur nicht ein so entsetzlich unpassender wäre!" seufzte die Dame. „Freilich, Du hast Recht, Susanne, ich darf ihn ihr trotzdem nicht wehren: es ist ja die einzige Zerstreuung, die dem armen Kinde in dieser Einsamkeit geboten wird. Ach, Susanne, wie anders hatte ich mir diesen Winter für sie gedacht! Er sollte sie in die Welt einführen; im Geiste sah ich sie schon aus den Bällen der Residenz als bewunderten Stern Triumphe feiern, zu denen ihre Jugend und Schönheit, sowie ihr alter Name sie so sehr berechtigt hätten — und nun! . . . Der Kontrast ist zu fürchterlich!"
Aufschluchzend preßte fte ihr Tuch an die Augen. „O, bitte, bitte, bitte, nicht weinen, Frau Gräfin!" bat die alte Susanne, erschrocken hinzutretend. „Com- teffe Ellen ist immer so sehr betrübt, wenn Frau Gräfin verweinte Augen haben."
„Kann ich denn'anders, gute Susanne, wenn ich deS bevorstchenden Christfestes und des entsetzlichen Unterschiedes zwischen sonst und jetzt gedenke?" stammelte die Gräfin mühsam nach Fasiung ringend.
„Im vorigen Jahre auf unserm schönen Tarnfels, von meines theuern Gemahls zärtlicher Liebe mit reichen Gaben überschüttet — und heute — heute trage ich den Wittwenschleier um ihn, mit dem wir auf einen Schlag Alles: Stellung, Heimath und Vermögen verloren .... Wer uns unter den strahlenden Weihnachtskerzen gesagt hätte, daß wenige Tage später in Tarnfels die Todtenkerzm brennen und wir aus seinen lieben Räumen hinaus in die Verbannung ziehen würden, um dem neuen Majoratsherrn Platz zu machen. O, und daß es gerade ein Sproß jener verhaßten Linie ist, dem wir weichen mußten, das ist nicht der gelindeste Stachel in meinem Schmerze ..."
„Gnädige Gräfin dürfen an Verlorenes jetzt nicht .denken", versuchte Susanne die Weinende zu trösten,
„nur an den Schatz, der Ihnen in Comtesse Ellen noch geblieben ist."
„Als ob ich das je vergessen könnte! Aber gerade um ihretwillen vermag ich mich in den Verlust des früheren Glanzes nicht zu finden."
Darum brauchen Frau Gräfin indeß wohl nicht so sehr zu sorgen", meinte Susanne zuversichtlich. „Unser Comteß'chen würde sicher ganz zufrieden sein, wenn Sie nur wieder heiter blicken könnten — das hat sie mir oft genug versichert."
„Ja, sie hat sich wunderbar gut in den jähen Umschwung gefunden", sagte die Gräfin nachdeullich. „Ich begreife nicht, woher sie die Elastizität des Geistes nimmt. Sie hat ihren armen Vater doch so leidenschaftlich geliebt — fast könnte mich dünken — daß sie den Schmerz um ihn allzu rasch überwunden hätte."
„Da würden Frau Gräfin der Comtesfe aber schweres Unrecht thnn", erwiderte Susanne, ganz roth vor Eifer. „Ich war dabei, als die Träger mit der Bahre, auf der man den Herrn Grafen von jenem unglückseligen Morgenritt heimbrachte, der ahnungslosen Comtesfe in der Halle begegneten — den Jam uwr laut, mit dem sie sich über die Leiche warf, werde ich mein Lebtag nicht vergessen! Und wie viel heimliche Thränen hab' ich sie seitdem nicht weinen sehen! Aber sie hat erkannt, daß sie stark sein muß um Ihretwillen, und die Liebe zu Ihnen hat ihr geholfen, ihren Schmerz zu besiegen."
„Sie hat eine warme Fürsprecherin an Dir!" — sagte die Gräfin durch Thränen lächelnd. „Ich bis ja aber auch weit entfernt, ihr einen Vorwurf zu macheo: ihr Heller Blick ist ja der einzige Sonnenstrahl, der meine Tage noch freundlich erleuchtet. Warum sie mich nur oft so lange allein läßt -7— ich begreife eS nicht. —"
„Comtesse Ellen glaubte Sie schlafend", beeilte Susanne sich, zu bemerken. „UeberdieS habe ich ihr, al- sie mich fragte, ob sie wohl ei» Stündchen zu ihren jungen Freundinnen gehen könnte, um eine von diesen geplante Armenbescheerung vorbereiten zu helfen, eifrig zugeredet. Ich fand, daß sie blaß und angegriffen aussah ulid dachte deshalb, ein Spaziergang in der frischeu Luft würde ihr gut thun."
„Das ist etwas Anderes; dann ist es mir lieb, daß sie gegangen. Armes Kind, ich glaube, meine Trauer macht mich manchmal egoistisch ihr gegenüber. Und sie klagt nie, ist vielmehr immer bemüht, mir ein lächelnder Antlitz zu zeigen. O, daß ich ihre Liebe vergelten — ihr zum Lohn eine lichte freundliche Zukunft schaffen könnte."
„Werden Frau Gräfin nicht zürnen, wenn die alte Susanne sich herausnimmt, ihre Meinung zu sagen," bemerkte diese zögernd, indem sie vertraulich näher trat.
Die Gräfin sah sie verwundert an, erwiderte jedoch gütigen Tones:
„Sprich immerhin, ich weiß ja, Du meinst es treu."
„Ja, das weiß Gott, Frau Gräfin, besser kann'- Niemand mit Ihnen und unserm herzigen Comteß'chen meinen, als die alte Susanne. Ja, und da dacht' ich nur . . . da wollt' ich sagen, ob die Frau Gräfin sich nicht um der Comtesse willen noch einmal überlegen wollten ..."
Sie stockte —
„Was denn, Susanne?"
„Den — den Antrag des Grafen Roland, meine ich." „Des neuen Majoratsherrn? Nimmermehr!" — Die gebrochene Gestalt im Sessel richtete sich hoch auf, aus den eingesunkenen Augen sprühte ein dunkler Zornesblitz.
„Ihm, dem Sprossen der verhaßten Nebenlinie mein Kind geben, au? seiner Hand wie ein Almosen zurückempfangen, was einst unser Eizenthum war? Nein, nein, davon kann niemals die Rede sein!"
„Wenn ich nur wüßte," setzte sie nach einer Pause
etwas ruhiger hinzu, „wie er dazu gekommen ist, jenen Antrag überhaupt zu stellen. Er hat Ellen nie ge- sehen, ist uns überhaupt, da die beiden Linien seit Generationen schon verfeindet sind, ein völlig Fremder und dazu, wie ich hörte, feit Jahre» schon auf Reisen in den Tropen, wo er sich auch noch zur Zeit der Katastrophe aufhielt. Unter diesen Umständen kam nach meiner Ansicht jene von Singapore auS batirte Werbung fast einer Beleidigung gleich. — Nun, die verdiente Abweisung hat er wenigstens von mir erhalten."
Susanne'S Miene während dieser, mit einer der sanften Stimme sonst so fremden Energie gesprochenen Worte, drückte deutlich aus, daß sie über diesen Punkt ganz anderer Meinung war. Als langjähriger, vertrauter Dienerin des HauscS waren ihr die Vorgänge, um Vie es sich handelte, uicht fremd geblieben, und ihr hatte die Handlungsweise des nunmehrigen jungen' MajoratLherrn entschieden Sympathie eingeflößt. Sie sah darin heute, wie damals, nur das ritterliche Bestreben, die Ungerechtigkeit des Schicksals gegenüber den beiden plötzlich in so traurige Lage versetzten Damen wieder gut zu machen, selbst mit eigener Aufopferung und hatte eigentlich ihrer Gebieterin heimlich gezürnt, daß sie damals diesen Ausweg ebenso wie Graf Rolands Anerbieten, für die erste Zeit ruhig auf Tarn- fels wohnen zu bleiben, so schroff zurückgewiefen. Der junge Graf konnte doch im Grunde genommen nichts dafür, daß in Ermangelung ei»es direkten Erben W Stammschloß der Familie ihm als nächsten Agnaten zugefallen war. Schon fangt hätte sie gern über diesen Punkt chrem Herzen Lust gemacht — heute endlich hatte sie sich ein Herz dazu gefaßt, stch aber soeben überzeugen müssen, rote ungerecht der blinde Groll ihre sonst so sauste Gebieterin noch immer machte.
Ste schwankte einen Augenblick, ob sie noch weiter sprechen sollte, stand aber, als sie sah, daß die Gräfin erschöpft von der ungewohnten Aufregung die Augen geschlossen hatte, davon ab und schlich seufzend hinaus in den anstoßende« Küchenraum.
Kaum hatte sie die Thüre hinter sich geschlossen, als eine andere, nach außen führende leise geöffnet wurde und ein reizender Mädchenkopf sich vorsichtig hindurchstreckte.
„Btst Du allein, Susanne?" flüsterte eine melodische Stimme.
„Ja freilich, kommen Sie n« herein, Comteß'chen."
Die schlanke Gestalt schlüpfte vvllends herein und schüttelte die Schneeflocken von dem knappen schwarzen Jaquet, das trotz oder vielleicht gerade wegen seiner schlichten Einfachheit den graziösen Wuchs der jungen Trägerin aufs Vortheilhafteste hervorhob.
Schlank und biegsam, wie eine junge Weidengerte — dachte Susanne, die mit entzückten Blicken das von der frischen Schneeluft draußen rosig angehauchte Gesicht betrachtete, dessen köstlicher Farbenschmelz in dem Rahmen des zurückgeschlagenen Kreppschteiers doppelt leuchtend hervortrat.
Wie der verkörperte Frühling stand die frische Mädchenerscheinung trotz der tiefen Trauerkleidung in dem dämmernden Raum.
„Wo ist Mama, Susanne?" fragte sie, während diese ihr geschäftig die Hüllen abnahm.
Die Alte legte den Finger auf die Lippen und deutete auf die zum Wohngemach führende Thür.
„Da drinnen in ihrem Lehnstuhl. Sie war sehr aufgeregt heut'; jetzt schläft sie, glaub' ich, ein wenig."
„Arme Mama." An dem weichen Mädchenmund zuckt es wie verhaltenes Weh. „Hat sie auch nach mir gefragt, Susanne?"
„Freilich, Comteß'chen, und einen gar schweren Stand hab' ich gehabt; die gnädige Mama waren eigentlich ungehalten über Jhreit vorgeblichen Verkehr im Städtchen und die häufigen Besuche dort. Ich