Mittwoch, den 26. November 1890.
! 7. Jahrgang
tirür bte Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel
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Deutsches Keich.
Bersin, 24 November.
* Der Kaiser hat den geh. Medizinalrath Professor Dr. Koch in längerer Audienz empfangen, sich ausführlichen Vortrag über seine neue Entdeckung halten lassen und bei dieser Gelegenheit ihm persönlich das Großkreuz des rothen Adlerordens, den höchsten preußischen Orden nach dem schwarzen Adlerorden, überreicht. Eine solche außerordentliche Auszeichnung dürfte bisher schwerlich dagewesen sein, sie ist um so größer, als bisher Dr. Koch überhaupt noch nicht eine Klasse des rothen Adlerordens besaß, und somit sämmtliche Klassen desselben übersprungen hat. Dr. Koch wurde auch von der Kaiserin empfangen.
* Der vierte Tag der Generaldebatte über die Einkommensteuervorlage im Abgeorduetenhause wurde mit einer fünfviertelstündigen Rede des Äbg. ». Ey nern eröffnet. Das Haus muß von dem nationalliberalen Führer wohl nicht allzu viel Weisheit erwartet haben, schreibt die .Germania', denn die Mitglieder hatten sich nur ziemlich spärlich eingefunden, um die Rede zu hören. Die Fehlenden haben auch in der That nicht viel verpaßt. Herr v. Eynern ist gegen Die Deklarationspflicht, d. h. er ist nicht dagegen, weil die öffentliche Meinung, die Mehrheit des Hauses und die Regierung nun einmal dafür ist. Er fügt sich trotz seiner Bedenken, damit er mitarbeiten kann, trug aber diese Bedenken nichtsdestoweniger lang und breit vor. Sie beziehen sich auf die Schwierigkeit, den Grundbesitz richtig heranzuziehen, und auf das Lästige und -Schädliche eines allzu tiefen Eindringens in die Verhältnisse des Einzelnen. Aus den weiteren Ausführungen des Redners, welche das Haus in seiner Privatunterhaltung nicht im mindesten zu stören vermochten, ging hervor, daß er unsere Finanzlage für durchaus be- "friedigend hält und deßhalb an die Absicht der Plns- macherei bei der Vorlage nicht glaubt, die lex Huene nicht eher aufgeben will, als bis die halbe Grund- mnd Gebäudesteuer an die Gemeinden überwiesen werde, einen Grund für die Steuerfreiheit der Mitglieder des haunover'schen, hessischen und nassauischen Hauses nicht
Sonnenried.
Roman von Marga Brech ten.
(21. Fortsetzung.)
„Nun fange ich an, zu verstehen, warum wir nach- Her keinen Winter mehr in der Stadt znbringen und uns hier zu Tode gähnen sollten."
„Liebe Elfi, sei nicht so bitter," bat Ferdinande. „Die Eltern wollen immer unser Bestes; glaube mir, sie haben selbst manche Enttäuschungen und Entbehrungen erlitten. Ich fürchte nur, daß unsere frohesten Jahre hinter uns liegen, und wünschte, ich könnte die vergangenen sieben noch einmal zu leben beginnen. Mir bangt vor der Zeit, da Gustav und Käthe fort sind."
„Ja, es wird schrecklich einsam sein," bestätigte Elfi seufzend. „Es lohnt sich kaum mehr, Toilette zu machen ; wir müssen eben dasitzen und zusehen wie—"
Blitzschnell legte sich Ferdinandens Finger aus den rothen Mund der Sprecherin, dann neigte sie sich flüsternd an der Schwester Ohr: „Es bleibt uns noch eine Aussicht. Mama sieht mit Spannung der Rückkehr des jungen Barons von Freidorf entgegen, welcher im Spätsommer erwartet wird. Außer ihm ist Reinhard Werner, der im Herbste promoviren will, der einzige unverheirathete Herr in der Nachbarschaft, und cher —“
finden kann, in der Besteuerung der Aktiengesellschaften eine ungerechte Doppelbesteuerung sieht, gegen den Landrath als Vorsitzenden der Veranlagungskommisston ist, das Erbschaftssteuergesetz in der vorliegenden Form nicht billigt, mit der Gewerbesteuervorlage dagegen ein« verstanden ist. Was Herr v. Eynern über alle diese Fragen sagte, war bereits bester und beredter von früheren Rednern gesagt worden. Nach einigen unerheblichen Bemerkungen des Abg. Rickert griff der Finanzminister Dr. Miquel nochmals in die Debatte ein, um ein gutes Wort für die Erbschaftssteuer- Vorlage einzulegen, die er indeß in der Hauptsache selbst schon preisgegeben hat. Die Erbschaftssteuer sei zur Zeit die einfachste und am wenigsten lästige Lösung der Frage der stärkeren Heranziehung des fundirten Einkommens. Wenn man die ganze Sache erst besser übersehen könne, werde man dieses in der Form der Einkommensteuer heranziehen. Gehe das Haus aus die Erbschaftssteuer nicht ein, so werde die Regierung auf andere Weise der Heranziehung des fundirten Einkommens näher zu kommen suchen. Daneben wiederholte der Herr Minister nochmals, daß die Erbschaftssteuer die wirksamste Kontrole der richtigen Einschätzung bilde. Wenn Herr Miquel sich auch iu die Ablehnung der Erbschaftssteuer für Ehegatten und Hinterbliebene in auf- und absteigender Linie schon ziemlich gefunden hat, bat er doch, die andern wichtigen in der Vorlage behandelten Fragen in einer Kommission zu berathen. Ueber die Verwendungsfrage hielt er es auch heute nicht für rathsam, seine Gedanken zu offenbaren und diese Frage mit der Frage der richtigen Veranlagung des Einkommens zu verquicken. Unter großer Unaufmerksamkeit des Hauses erging sich sodann der nat.-lib. Abg. Dr. Sattler in eine weitläufige Polemik gegen den Abg. Richter und die .Freisinnige Zeitung', um schließlich zu konstatiren, daß bei der Stimmung der Parteien die Hoffnung auf Verständigung mit der Regierung die beste sei, nicht allein in Bezug auf den wesentlichen Theil der vorliegenden Gesetzentwürfe, sondern auch in Bezug auf die Zukunftspläne. Hierauf spricht der Abg. Graf Kanitz, der sich, unter Abschweifung auf alle möglichen Gebiete, insbesondere für die Deklarations - Pflicht und die Ueberweifung der Grund- und Gebäudesteuer ausspricht mid schließlich auf die tandwirthschastlichen Zölle kommt. Nach der langen Rede des Abg. Grafen Kanitz über Alles und noch Einiges, sprach der Abg. Freiherr v. Hammer st ein die Meinung aus, daß die Abschaffung der Grund- und Gebäudesteuer möglich sei auch ohne Lösung der Frage de-' Landgemeindeordnung, und daß man erst nach der Abschaffung dahin werde kommen können, das sundirte Einkommen gleichmäßig in Form der Einkommensteuer zu fassen. Aba. Richter ließ dem Abg. Sattler, dem „Knappen" des „Ritters"
„Puh!" machte Elfi und rümpfte ihr Näschen, „der zählt nicht in unseren Kreisen, den laß nur außer aller Berechnung. Doch Du erinnerst mich eben an die Baronin. Weißt Du, es ärgerte mich neulich nicht wenig, daß sie auf unser Ersuchen, die Begleitung zu den Tableaux zum dritten Male zu spielen, so kühl ablehnend sagte: „Bitte, meine Damen, achten wir lieber auf die zu stellenden Bilder; ich stehe gut für mein Spiel."
„Es war allerdings unangenehm, aber jedenfalls eine kleine Strafe für unser wenig taktvolles Begehren, denn die Baronin spielt gut und sicher."
„Ach ja, das ist übrigens ganz natürlich, war sie doch früher Erzieherin und har demzufolge ihr Examen gemacht," lautete die wegwerfende Entgegnung. „Gott, wenn ich noch daran denke, wie wir uns damals Alle über diese Heirath des Barons Freidorf ärgerten! Ich glaube, Niemand war der jungen Frau, welche sich in unsere Kreise eingedrängt hatte, gut; Mama nahm bei dem ersten Besuche ihre sauer süßeste Miene an und war ganz unnahbar. Erinnerst Du Dich noch? Die Aermste war ganz rott) und verlegen."
„Wahr, aber jetzt ist sie nun einmal Baronin von Freidorf und wir würden besser thun, wenn wir ein wenig liebenswürdiger gegen sie wären. Ihr Mann soll sie auf den Händen tragen, wie Nancy sagt."
Miquel eine ganz grausame Abfertigung zu Theil werden, vertheidigte sich und seine Zeitung, ohne eine ausführliche neue Diskussion herbeiführen zu wollen, gegen einige Beschuldigungen des Finanzministers und sprach schließlich auch für seine Person den Wunsch i nach Versöhnung aus, jedoch nur iu Bezug auf die | persönliche Stellung der Parteien zu einander, nicht in Bezug auf die Prinzipien, sodaß eine Kompromißpolitik herauskomme und man aus schwarz und weiß grau mache. Finanzminister Miquel griff diese „versöhnliche" Stimmung rasch auf, schien aber an ihre Haltbarkeit nicht recht zu glauben, weil er bisher so wenig davon gemerkt habe. Daß es außer dem Staatsanzeiger eine offiziöse Presse gebe, die behaupten könnte, die Ansichten der Regierung zu vertreten, stellte er entschieden in Abrede: auch die ,Berl. Pol. Nachrichten' würden nicht von ihm instruirt, etwas in die Presse zu bringen. Eine „Narrheit" nannte er die angeblich von ihm gethane Aeußerung, die Fraktionen sollten abgeschafft werden. Er habe nur betont, daß die unbedingte Befangenheit für das Fraktionsprogramm dahin führe, daß man die veränderte Gestaltung der Dinge nicht mehr begreife. Wie er weiter mittheilte, habe er sich bei Mitgliedern aller Parteien Raths erholt wegen der Steuerreform, auch bei Freisinnigen, aber nicht bei dem Abg. Rechter, weil er bei dem keine Neigung zu objektiver Mitwirkung voraussetzte. Dem Abg. Dr. Sattler konnte es natürlich nicht gelingen, den Abg. Richter ebenso abzuführen, wie er von ihm abgeführt worden war. Er konnte, höchstens seinen Aerger ver- rathen. Nun wurde die Debatte geschlossen, dann durch das Eingreifen des Finanzministers, der nochmals das Bestehen einer offiziösen Presse in Abrede stellt, wieder eröffnet, jedoch sofon auch wieder geschlossen, was dem Abg. Richter zu der vom Präsi- denten gerügten Bemerkung Anlaß gab, daß so etwas zur Erhöhung des parlamentarischen Ansehens des Hauses nicht beitrage. Die Vorlage ging an eine Kommission von 28 Mitgliedern. Morgen findet die erste Lesung des Erbschaftssteuergesetzes statt.
* Folgendes neue Mittel gegen die Jesuiten wird im Stuttgarter .Christenboten' empfohlen: „In den öffentlichen Blättern finden wir in neuester Zeit Tag für Tag die Sorge ausgesprochen, die Mönchs- Orden, vornehmlich der Jesuiten-Orden» könnten bei der gegenwärtigen Zusammensetzung des Reichstages wieder Eingang finden in unser Deutsches Reich. Man sieht sich nach allen möglichen Schutzmltteln um, dies zu verhindern, aber nirgends räth man, sich an die einzig richtige Stelle, an den Herrn aller Herren, an der» König aller Könige, im eifrigen vereinten Flehen um Abwendung dieser Gefahr zu wenden. Es sollten alle Evangelischen zusammenstehen und vereint den Herrn Jesum bitten, Er wolle sich dieser Sache annehmen und
„Nach zwei Jahren noch verliebt ineinander?" rief Elfi wegwerfend. „Nein, was die für lange Flitterwochen haben!"
„Sage lieber späte Flitterwochen," verbesserte Ferdinande und bewies durch diese Bemerkung, daß sie über die Vorgänge aus Schloß Freidorf ziemlich gut orientirt war.
Tie Unterhaltung wurde durch ein leises Pochen an die Thiire unterbrochen.
Eine Helle Stimme ries: „Dars ich eintreten?"
Der Riegel wurde zurückgeschoben und ein anderes junges Mädchen trat ins Zimmer — eine volle Gestalt mit einem runden, maifrischen Gesichtchen. Ihr weißes Kleid war hier und da mit einem Jmmergrün- zweiglein aufgeheftet, in dem nußbraunen Haar steckten zartblaue Blüthen.
„Ach, Küthe, Du bist's und schon fertig!“ tagte Elfriede erstaunt, und Ferdinandens prüfendes Auge ergänzte der Schwester Rede: Wie schön sah doch diese so oft geschmähte Anverwandte heute aus!
Käthe deutete den Blick richtig, denn sie besaß Klugheit für Drei.
„So, gefalle ich Euch? Das ist mir lieb, denn der Tante Geschmack habe ich leider nicht getroffen. Sie meint, ich sähe zu gesund, zu ländlich aus, so gar nicht ein Bischen vornehm." Es war köstlich zu sehen, wie