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Sonntag, den 23. November 1890.

17. Jahrgang

Druck u. Vertag der Fuldaer Acneaoruaerei (A. Siudiann).

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Für die Redaction verantwortlich: Ludwig T.'.l'.n F..tda.

Zweites Blatt. TOME

22. Heilung der Schwindsucht. *)

Berlin, 20. Nov.

Koch — Koch — und immer Koch! Ueberall und immer wird von Koch gesprochen und geschrieben. Ein wahres Glück, daß er einen so kurzen und leicht aus­zusprechenden Namen hat. Wenn der Erfinder des Schwindsuchtsheilmittels zufällig einen Namen von sechs Silben mit vier sch und anderen schweren Mit- laute-Verbindungen trüge, so würden die Zungen hausenweise zerbrochen werden, namentlich in Frank­reich. Dort will es ja vielen Leuten überhaupt nicht in den Sinn, daß die Vorsehung einen Deutschen eine solche Erfindung machen läßt. Wenn es wenig­stens ein Russe wäre! Aber ein Prussien von der ganzen Welt als Vernichter der Schwindsucht gefeiert — das ist ein Gedanke, bei dem sich ein richtiger Franzose die Schwindsucht an den Hals ärgern kann!

Die Schwindsüchtigen jubeln und die Apotheker klagen. Wenigstens sind sowohl in der ,Pharma- ceutische Zeitung' als auch im Sprechsaale der ,Post' bereits Jammerrufe laut geworden, daß Herr Koch mit feiner neuen Entdeckung die Schwindsucht in den Kassen der Apotheken zu einer galoppirenden zu machen drohe. Ich hatte bisher keine Ahnung davon, daß es den 99prozmtigen Herren so furchtbar schlecht gehe; aber der Wiesbadener Gewährsmann der .Post' ver­sichert, daß der Arzneiverkaufschon während der letzten Jahrzehnte eine fühlbare Verminderung erfahren habe in Folge der Einführung der Elektrizität, des Hyp­notismus, des Sufpensionsverfahrens, der Heilgym­nastik, der Kaltwasterkuren und bergt, mehr. In Folge der neuen Koch'schen Verfahren würde nun der bis­herige große Arzneiverbrauch bei Infektionskrankheiten aller Art auf ein Minimum befchränkt werden. Nur noch einige ähnliche Erfindungen — und der ganze Heilapparat sei in die Hände der Aerzte übergegangen. Die Moral der Klage wird dahin gezogen, daß die Eltern es sich wohl überlegen sollen, ehe sie ihre Söhne auf die Apothekerlaufbahn bringen. Gegen die elterliche Um- und Vorsicht ist gewiß nichts einzu- rvenden. Aber daß der Staat es zulasfen werde, daß die Apotheker am Hungerluche nagen werden, glaube ich noch lange nicht. Etwas Anderes ist es aber, ob die Apotheken künftig noch zu so hohen, vielfach unge­heuerlichen Preisen verkäuflich sein sollen, wie bisher. Im Grunde genommen ist jeder Verkauf einer Apo­theke ein Unfug Die Konzession und die daraus sich ergebende Vortheile müssen rein persönlich sein. Seine Regale und sein Vorrath von Flaschen und Arzneistoffen sollen der Apotheker oder seine Erben natürlich verkaufen können, aber die Konzesiion soll ohne Weiteres an den von der Regierung oder der Gemeinde berufenen Nachfolger übergehen, wie jedes öffentliche Amt. Wenn der Apothekenbesitzer nicht die Verzinfung von großen Kaufsnmmen, sondern bloß die Deckung seiner Einrichtungs- und Betriebskosten und einen anständigen Ertrag seiner Arbeit verlangt, dann werden die Apotheken — bis auf wenige schlecht situirte Ausnahmen — wohl noch lange existenzfähig bleiben. . Im Uebrigen würde er gar kein schlechtes Zeichen der Zeit sein, wenn die Apotheker bezw. die Aerzte vom Staate Nothzuschüsse beziehen müßten. Möge die Heil­kunst immer weiter möglichst große und schnelle Fort­schritte machen; die Folgen der Gesundheit, so schwer sie auch erscheinen mögen, werden wir immer noch leichter tragen können, als die Folgen der Krankheiten.

Die neueste Nummer der ,Deutschen Medizinischen Wochenschrift' ist von vorn bis hinten mit Berichten über die Anwendung des Koch'schen Heilmittels gefüllt. Professor Fräntzel von der Berliner Charitö hat seinem Bericht auch ein farbiges Doppelbildchen beigegeben, auf welchem man oben die Bacillen vor der Ein­spritzung und unten die Bacillen nach der Einspritzung dargestellt findet. Obige stramme Gestalten, unten ein heruntergekommenes Kropp kreuz. Anscheinend zer­fallen die Bacillen unter der Einwirkung des Mittels

*) Nachdruck nicht gestattet.

in mehrere Stücke. Aber diese Racker haben ein zähes Leben; sie bleiben auch nach diesem Verfall entwick­lungsfähig, und deshalb kommt es in so hervorragen­dem Maße darauf an, daß daS zum Absterben gebrachte Gewebe mit seinen Bacillennestern aus dem Körper heraus befördert wird.

Soweit ein Nichtmediziner es vermag, habe ich mich durch die Krankengeschichten der Wochenschrift durch­gearbeitet. Der Gesammt - Eindruck läßt sich dahin zusammcnfassen, daß 1) die Koch'sehe Lymphe zweifellos ein specififches, in hohem Grade günstig wirkender Mittel bei tuberkulösen Erkrankungen ist, daß aber 2) der überschwenglichen Ansicht entgegen­getreten werden muß, als ob das Mittel alle der­artigen Erkrankungen mit einem Schlage vollständig heilen könne.

Es ist schon wiederholt berichtet worden, daß sich die Wirkung des Mittels am Deutlichsten und Promp­testen bei äußeren tuberkulösen Erkrankungen (fressen­den Flechten rc.) zeige. Aber auch bei diesen Fällen ist die Sache nicht mit einer ober einem Paar Ein­spritzungen abgemacht. Die Heilung erforbert, je nach den individuellen Verhältnissen, einen längere, sorg­fältige Arbeit des Arztes. Wie die Sache bei den innerlichen 5krankheitsfällen (Lungenschwindsucht) sich entwickelt, ergibt sich am Besten aus dem Berichte des Prof. Fräntzel. Derselbe schildert zunächst die mit Sicherheit festzustellenden guten Wirkungen des Mittels: „Die Anzahl der Bacillen nimmt im Verlaufe der Behandlung (also nicht schon mit der ersten Einspritzung) ad, die Bacillen verschwinden sogar zeit­weise vollständig, wie wir es in allen unfern leichtern Fällen gesehen haben. Zweitens lassen sich an den Bacillen mikroskopisch deutlich nachweisbare Verände­rungen erkennen, die man an Bacillen von Schwind­süchtigen, denen das Koch'sche Mittel nicht eingespritzt ist, nicht vorfindet. — Mit dem in jedem einzelnen Falle sichtbaren Verkümmern der Bacillen geht eine andere Reihe von Erscheinungen selbstverständlich Hand in Hand. Die Verdichtungserscheinungen in den Lungen werden rückgängig pnd das Sekret l Ausscheidung) der Bronchien (Luftröhren) vermindert sich. Die Bacillen, welche verkümmert sind, werden mit dem sie umgebende Gewebe nach außen abgestoßen und deßwegen sehen wir mehr ober weniger große Mengen von wahren Reinkulturen der Bacillen in bcn Auswurf gelangen, währenb eine ganze Reihe anberer Erscheinungen beS tuberkulösen Prozesses aufhört. Tas Fieber schwinbet, die Nachtfchweiße hören auf, der Husten wirb auf ein Minimum rebujirt, der Appetit wirb lebhaft, die Ge­wichtszunahme des Körpers ist eine ganz auffallend günstige.

Das ist die erfreuliche Seite der Sache. Nun hebt Prof. Fräntzel das hervor, was auf die Heilerfolge und auch auf die Hoffnungen der Kranken einschrän­kend wirft:

„Mr können aber" — so fährt er fort — nicht annehmen, daß auf einmal alle verküinmerten Bacillen gleichzeitig in den Auswurf gelangen. Die Höhlen in den Lungen werden durch das Koch'sche Mittel theil- weise unbeeinträchtigt bleiben und wenn auch die kleinen nach mehr oder weniger gründlich erfolgter Beseitigung der Bacillen leicht vernarben, so werben boch bie großen Höhlen meist bestehen bleiben, sich nicht genügenb reinigen können unb burch ihre reichliche Eiterabson- berung unb ben Inhalt an verschiedenen andern Mikro­organismen den Körper des Kranken rasch so weit er­schöpfen, daß der Tod eintritt. . . . Weitere Unter­suchungen werben uns barüber belehren, wie weit wir bei der vorgeschrittenen Lungentuberkulose noch gewisse Erfolge werben erwarten können. Aber auch bei ben weit weniger vorgeschrittenen Fällen von Lungenschwinb- sucht finb derartige Fälle von Heilung, wie wir sie bei dem tuberkulösen Lupus (Flechte) gesehen haben, meist nicht vorauszusehen. Bei Lupus sterben die in» filtrirten Stellen einfach ab und werden ausgestoßen. In den Lungen sterben die tuberkulösen Gewebe auch ab und werden abgestoßen, bleiben aber zunächst im Lungengewebe, in der Regel eingebettet in schmierige, lässige Massen, liegen und warten ab, ob sie bei Gelegenheit aus den Lungen herausgelangen.

Diese Expektoration ist oft sehr schwierig; daS eine Mal gelingt sie leicht, und werden sehr reichliche Mengen der Bacillen mit dem tuber­kulösen Gewebe expectorirt, das andere Mal wird durch die eigenthümlichc Höhlenbildung und andere Hemm­nisse in den Lungen der Auswurf sehr erschwert, und bleiben die abgestorbenen Massen, die verkümmerte» aber lebensfähige Bacillen enthalten, in den Lungen liegen, die Bacillen können sich, sobald die Einwirkung des Koch'schen Mittels aufhört, von Neuem zu stärkerer Kraft entwickeln und den Organismus von Neuem htficiren. So sehen wir, daß Menschen, bie vorher auf bas Koch'sche Mittel bei Injektionen gar nicht mehr reagirt haben, auf einmal von Neuem reagiren. Daraus muß gefolgert werben, daß sie direkt von den in ihrem Körper ruhenden verkümmerten, nicht expectorirten Massen von Neuem inficirt sind. Immerhin ist daraus der Schluß zu ziehen, daß man solche Tuberkulöse zunächst einer längeren Cur unterziehen und dann in späteren Zeiten immer wieder vonNeuem in bestimmten größeren Intervallen durch Injektionen prüfen muß, ob sie gegen das Koch'sche Specificum immun geblieben sind."

Die letztere Bemerkung ist dahin zu verstehen, daß Derjenige, der auf mäßige Einspritzungen des Koch'­schen Mittels Fieber rc. bekommt, als tuberkulös zu erachten ist, da bei Nicht-Tuberkulösen solche Ein­spritzungen ohne Wirkung bleiben.

Wir wollen ausdrücklich hervorheben, daß Dr. Koch in seiner vorwöchenllschen Mittheilung, die sich durch Vorsicht, Bescheidenheit unb Genauigkeit in hohem Grabe auSzeichnet, schon aller angebeutet hat, was Prof. Fräntzel in Obigem weiter ausgeführt hat. Den Erfinder trifft nicht bie mindeste Schuld daran, wenn sich vielfach überschwängliche Hoffnungen entwickelt haben, die gelegentlich zu herben Enttäuschungen führm werden.

Was Dr. Koch bisher erreicht hat, ist die Frucht rastloser, mühseliger, gewiffenhafter Arbeit, nicht der Erfolg eines zufälligen Einfalls in einer glücÜichen Stunde. Das erhöht sein Verdienst, aber cs stärkt auch unsere Erwartung, daß die weitere Entwicklung der Sache durch Dr. Koch und alle seiäe tüchtigen Mitarbeiter in aufsteigender Richtung, zu immer größerer Vervollkommnung des Heilverfahrens gestaltet werden wirb. Das Ziel, bie sichere Heilung aller Tuberkulösen unb die Vernichtung der Krankheit, ist zwar zur Zeit noch nicht erreicht, aber der Weg zu diesem Ziele ist nicht bloß eröffnet, sondern zu einem guten Theile bereits jurücfgelegt. Der Name Koch's ist auf jeden Fall, auch wenn er selbst nichts weiter entdecken sollte, schon unsterblich geworden. Aber möge er mit dem alten Fleiß und Erfolg weiterkochen in der Heilsküche der Menschheit!

Sonnenried.

Roman von Marga Brechten.

(19. Sortierung.)

XVIII.

Baron Herbert's Voraussetzung erfüllte sich. Be­suche wurden gemacht und von den neuen Bekannten erwidert, und das heitere Leben, welches die Gäste mit sich brachten, schwächte gar bald den düsteren Ein­druck ab, den die Sage auf Felicitas gemacht hatte. Aber wenn das Gehörte auch seine Schrecken verlor, und der Sturm, der sich in den hohen Kaminen des Schlosses fing, sie nicht mehr ängstigte, wie früher, so dachte sie doch oft an das Loos der armen Almut. Manchmal, wenn der Tag zu Ende ging und bie letzten Sonnenstrahlen die Fenster des oberen Stock­werkes vergoldeten, eilte sie unbemerkt nach dem Ahnensaale hinauf. Durch die runden Fensterscheiben huschten goldene Streiflichter; sie fielen gerade auf das Bild der Ahnfrau und beleuchteten die milden, schonen Züge. Lange stand Felicitas davor; ihre Hände fal­teten sich und es war, als ob ihre Lippen ein Gebet sprächen.

„Nimm den Fluch zurück", bat sie in ihrem Herzen, „und laß das Unrecht, das Einzelne an Dir ver­brachen, nicht ein ganzes Geschlecht entgelten!"