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Af 271.

Sonntag, den 23. November 1890.

17. Jahrgang

Bringe»

Vierteljährlicher Aboanementrpreis ohne lohn und Bestellgeld mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen in Fulda und euSwärls l Mark 50 Psennig.

Druck u. Verlag der Fuldaer Becienoniaerei (A. Tillmann).

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Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel Lr> F^.'da.

Die »Fuldaer Zeitung' erscheint täglich» Sonn- und Feiertage ausgenommen.

Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pjg.» bei Wiederholungen e-n'vr-chender Rabatt. -------------------------—

9T Erstes Blatt, d«

Zur gefälligen Seachtung!

Wie in früheren Jahren werden wir auch jetzt wieder einen Weihnachts-Anzeiger (4 Kammern) unserer Zeitung brigeben. Durch einleitende span­nende Weihnachtserzählungen mit nachfolgenden Inseraten wird derselbe gewiß anch in diesem Jahre wieder rin gelesene» Anzeige- blatt «erden. Derselbe wird in einer noch viel größeren Auflage wie die .Fuldaer Zeitung' gedruckt und für weiteste Verbreitung desselben in Stadt und Umgebung Sorge getragen. Somit dürste derselbe den verehrlichen Inserenten rin sehr willkommenes fllllpirtl'lllntt Uin- da Inserate in unserem Drihnachtsanseigrr gewiß die nachhaltigste Wirkung versprechen.

Die Ausgabe erfolgt wöchentlich einmal jedesmal Mittwochs.

«se Inserate für dir erst« Dummer, welche Mittwoch den 2«. Dovember erscheint, erbitten wir uns bis spätesten, Dienstag de» 25. November, damit einer geschmackvollen Ausführung Kech- nnng getragen werden kann.

Gährung im deutschen Protestantismus, ii.

In der protestantischen Presse, so führen die »Histo­risch-politischen Blätter' über obiges Thema in einem zweiten Artikel aus» wird die Erörterung über Neu­gestaltungen im evangelischeit Kircheuwesen eifrig fort­gesetzt; in den letzten Tagen aber ist die „Kirchen-Re- sormarion" nun auch auS dem Stadium der bloßen Zeitungserörterung herausgetreten. In Berlin tagte dre Brandenburgische Provinzial-Synode, welche mit Rücksicht auf ihren Sitz und Wirkungskreis eine besondere Bedeutung beauspruchen darf. Präses derselben ist Herr von Levetzow, der Präsident des deutschen Reichstages; eines der rührigsten uud ein­flußreichsten Mitglieder ist der Hofprediger Stöcker. Wie der Verlauf der Verhandlungen gezeigt hat, verfügt die Slöcker'sche Richtung in der Synode über die große Mehrheit; aber die Gegensätze platzten bei den ver­schiedenen Anträgen scharf auf einander, besonders scharf bei der Resolution: „Die General-Synode zu ersuchen, in Bezug auf die Stellung der General» Superintendenten Bestimmungen herdeizuftihren, durch welche die Wirksamkeit derselben ihrem Amte als Oberhirten der Provinzial-Kirche gemäß er­weitert und gehoben wird." Dieser Antrag gehört, wie man sieht, vollständig dem Gedankenkreise des.Reichs - boten' und der verwandten Blätter an. Auf daS Entschiedenste trat demselben der Synodale Oberpräsi­dent von Achenbach entgegen. Es gebe ja vielleicht, so führte er aus, in der evangelischen Landeskirche eine große Strömung, welche für die evangelische Kirche eine ähnliche Verfassung wünsche, wie sie die katho­lisch e Kirche besitze; aber anderseits gebe eS auch sehr viele Evangelische, welche alsdann lieber aus der Lan­deskirche ausscheideu würden, und er selber könnte für sich keine Garantie dafür übernehmen, was er thäte, wenn die evangelische Kirche auf diese Bahnen ge­drängt würde. Er halt^ den Antrag Stöcker deshalb für gefährlich, weil er in gewisser Hinsicht dahin auf- gefaßt werden könnte, als bezwecke er die Einführung der episkopalen Verfassung. Er sei schon des­halb gegen den Antrag, weil derselbe viel zu allgemein gehalten sei und das Wort „Oberhirt" enthalte. Der General-Superintendent solle in der evangelischen Kirche durchaus uicht die Stellung eines „Oberhirten" oder gar eines „Kirchenfürstcn" nach katholischem Muster haben. Der Haupterfolg der Reformation sei gerade die Abschaffung des bischöflichen Regiments gewesen, und gerade das halte er für einen wesentlichen Vorzug der evangelischen Kirche, daß sie keine Bischöfe habe. Die evangelische Kirche brauche und wolle keine Kirchen­fürsten und Bischöfe, und jedem Anträge, welcher der episkopalen Verfasiung zustrebt, würde er sich mit Leib und Seele widersetzen, so lange er lebe.

Der Antrag wurde trotzdem wie die übrigen an­genommen, wenn auch in der abgeschwächten Fassung, daß der darin ausgedrückte Wunsch der General-Synode „zur Erwägung" empfohlen werde. Es steht zu er­

warten, daß auch die Mehrheit der meisten Provinzial- Synoden Beschlüsse in gleicher Richtung fassen werde, so daß die General - Synode der Stellungnahme sich nicht entziehen kann. Die Orthodoxen verfügen gegen­wärtig in den Synoden über die Mehrheit. Die bran­denburgische, auf welcher die Stadt Berlin mit ver­treten ist, zählt unter 141 Mitgliedern nur 10 Libe­rale und 29 Angehörige der kirchlichen Mittelpartei.

Aber wie wird der Landtag und wie wird die eigentlich entscheidende Stelle, der K a i s e r, zu der Frage der größeren Selbstständigkeit der protestantischen Kirche sich stellen? Oberpräsident von Achenbach, welcher so entschieden gegen den die Stellung des General-Superintendenten betreffenden Antrag sich aüs- fprach, gehört im Abgeordnetenhause der freikonser­vativen Partei an. Nimmt man an, daß seine Fraktions­genossen ähnlich zu der Sache stehen, so stünden den Konservativen, falls diese geschlossen mit Stöcker gingen, die Freikonservativen, die Nationalliberalen und die Freisinnigen, also eine ansehnliche Mehrheit von Prote­stanten der verschiedenen Richtungen entgegen. Und der Kaiser? Oberpräsident von Achenbach, welcher den Austritt aus der Landeskirche für den Fall der An­nahme der Stöcker'schen Anträge in Aussicht stellen zu dürfen glaubte, war sicherlich der Ansicht, mit seiner scharfen Opposition den Absichten an allerhöchster Stelle zu entsprechen. Aber s ü r die Anträge stimmte der kgl. Kommissar, Konsistorialpräsident Herr Hegel, der zweifel­los gleichfalls dafür gilt, im Einklänge mit der Willens- meinung des Landesherrn sich zu befinden? Wer von Beiden täuscht sich'?'

Inzwischen hat sich in Berlin eine Thatsache voll­zogen, welche in mehrfacher Hinsicht als „klärendes Ereigniß" sich darstellen dürfte: der Hof- und Dom­prediger Stöcker hat seinen Rücktritt aus diesen Stel­lungen angeboten und den Abschied erhalten. Hof­prediger Stöcker war der eifrigste und ohne Frage be­gabteste Vertreter der auf größerer Selbstständigkeit der „evangelischen Kirche" gegenüber dem staatlichen Regi- mente gerichteten Bestrebungen. Er war ganz zweifel­los der Meinung, einen gewissen Rückhalt beim Kaiser zu finden, der vielfach als der hochkirchlichen Richtung zugethan galt, wie dies, was die Kaiserin betrifft, notorisch ist. Stöcker glaubte auch nach dem Regie­rungs-Antritte Kaiser Wilhelms II. Herr der Situation zu sein und gab seinem Hochgefühl öffentlich und privatim wiederholt in der rü^altlosesten Weise, zuweilen in einer Form Ausdruck, welche bei Hof Anstoß erregt hat. Die kurzer Hand erfolgte Genehmigung feines Entlassungsgesuches beweist, daß Stöcker jedenfalls über daS Maß seines Einflusses an der entscheidenden Stelle sich getäuscht hat. Bedeutet nun die Entlassung auch einen vollständigen Bruch mit der hochkirchlichen Rich­tung ? Diese Frage läßt sich mit absoluter Sicherheit noch nicht beantworten, so nahe es liegt, die Verab­schiedung im bejahenden Sinne zu deuten. Unter allen Umständen scheint eine aktive Förderung derStöcker- Hammerstein'schen Bestrebungen durch die Hofkreise nunmehr ausgeschloffen zu sein. Stöcker hat seinerseits jetzt die volle Freiheit der Bewegung erlangt, zu deren Gunsten er schon früher einmal den Verzicht auf sein Hofamt in Erwägung gezogen hat, — es muß sich jetzt zeigen, was der „neue Luther" und sein Anhang auS eigener Kraft für die von ihnen in den denk­bar stärksten Ausdrücken als unerläßlich bezeichnete „Kirchenreformat.on" leisten wollen und können. E.

Deutsches Deich.

Berlin, 21. November.

* Aus Zweibrücken geht dem »Pfälzer Volksb.' ein sehr lehrreiches Rundschreiben zu, welches am 17. i)S. der Vorsitzende des pfälzischen Hauptvereins vom Evangelischen Bunde, Professor Stichler in Zwei­brücken, an die Vertrauensmänner des Hauptvereins gerichtet hat. Darin heißt es:

„Die am 30. Oktober zu Reustadt besprochene Bewegung gegen die Wiederzulassung der Jesuiten ist in Fluß. Ein gestern erhaltenes Schreiben des „Central-Borstandes" wünscht ebenfalls, daß, so weit hin als möglich, die evangelische Be- vdlkerung in allen Theilen Deutschlands zur Einbringung von Maflen-Petitionen in Bewegung gesetzt werde, und macht dazu

die Bemerkung: „Die Bewegung darf nicht unter der Firma des Evangelischen Bundes auftreten und ebensowenig sich nur innerhalb der Grenzen desselben halten; es sind vielmehr von unser» führenden Mitgliedern, womöglich in Gemeinschaft mit andern Evangelischen, schleunigst größere Bolks- Bersammlungen bzw. Ortsversammlungen zu berufen, Petitionen zu massenhafter Unterzeichnung aufzulegen und zu colportiren. Der Central-Borstand hat selbst bezügliche Petitionen an den Reichstag und den BundeSrath usw. abgehen lassen; diesen müssen die übrigen so schnell als möglich folgen. Redner sind gewiß leicht zu finden; die Oktober-Nummer der ,Kirchl. Korresp.' brachte geeignetes Material und die November-Nummer ebenfalls. Bon den abgehaltenen Bersammlungen muß den »Pfälz. Blättern' Mittheüung gemacht werden. Endlich ist es erwünscht, daß im Laufe dieser Woche ZeitungS-Notizen aus verschiedenen Gegen­den der Pfalz die Zustimmung der Protestanten zu dem Vor­gehen in Landau aussprechen. Zögern wir nicht! Alle andere Bereinsthätigkeit muß, wenn nöthig, im Augenblick zurückstehen. Schauen wir auf die Arbeit nicht! Denn Arbeit macht die Sache, aber wir sind sie unserer Kirche, unserm Volk und Vaterland schuldig. Der Vorsitzende: Stichler. Der Schriftführer: Rettig."

Also der evangelische Bund hat den Spektakel an­gezettelt, obwohl derselbe „nicht unter der Firma des­selben" auftreten darf! Nun, daß die Toleranzschwärmer des Bundes dahinter steckten, ließ sich vermuthen, aber es ist angenehm, wenn man's schwarz auf weiß hat. Und nun behaistfte noch ein Mensch, daß die „Be­wegung" nicht in vollkommener Freiheit und mit elemen­tarer Gewalt aus dem Herzen des evangelischen Volkes emporgelodert sei! In Wahrheit läßt die Jesuitenfrage die überwiegende Mehrzahl der protestantischen Be­völkerung durchaus kühl, so lange sie nicht mit den bekannten Mitteln gehetzt wird. Für dieses Geschäft aber ist der Evangelische Bund vorzüglich zu gebrauchen — es ist ja sein Lebenszweck — und auf der Lan­dauer Versammlung hat er einen Befähigungs-Nach­weis erbracht, der sich sehen lassen kann.

* Die Nr. 42 der von der Freimaurerloge „Zur edlen Aussicht" zu Freiburg herausgegebenen Druck­schriften enthält: „Statistische Tafeln über die der­zeitige Verbreitung, Großlogen-, Logen- und Mitglieder­zahl des FreimaurerbundeS. Nach den neuesten und zuverlässigsten in- und ausländischen maurerischen Quellen bearbeitet." Das vorgesetzte Motto lautet: „Unser Bund verbreitet sich über alle Welttheile und unsere Brüderkette umschließt daS Erdenrund". Nach dieser statistischen Uebersicht gibt es in Europa 324,584 Freimaurer in 4554 Logen. Davon kommen auf Deutschland 43,896 Freimaurer in 479 Logen. Frei- maurer-„Bundesblätter" erscheinen in Deutschland 19. Im Schlußworte zu dieser statistischen Zusammenstellung heißt es: „Wie aus vorstehenden imposanten Zahlen zu ersehen, hat der Freimaurerbund unter allen Gesell­schaften der Welt die mächtigste Ausdehnung ge­wonnen. Er umfaßt die ganze Menschheit, alle Na­tionalitäten und Glaubensbekenntnisse. Sein Staat und seine Kirche ist das All' der Menschheit." Diese letztere Behauptung ist natürlich eitel Windmacherei, denn es gibt sogar, von den großen Kirchen abgesehen, Sekten genug, welche mehr Mitglieder als die Frei­maurerei haben.

* Die Deutsch-Ostasrikanische Gesellschaft genehmigte gestern in einer im Kaiserhof abgehaltenen Versamm­lung mit 2000 gegen 45 Stimmen den zwischen der Reichsregierung und dem Vorstand der Gesellschaft ab­geschlossenen Vertrag, sowie die Aufnahme einer An­leihe von 10,556,000 M. zur Hergabe von 4 Millionen behufs Entschädigung des Sultans von Sansibar und Verwendung des Restes für wirthschaftliche Anlagen, Beleuchtung des Küstengebiets und Beförderung des Verkehrs. Die Reichsregierung übernimmt die Ver­waltung des Küstengebiets, erhebt und vereinnahmt alle Zölle, Steuern und sonstigen Gefälle und zahlt dafür jährlich 600,000 M. Der Vertrag ertheilt der Gesellschaft das Recht zur Errichtung einer Bank mit dem Privilegium der Notenausgabe, garantirt ihr ferner das Recht der Prägung und Ausgabe von Kupfer- und Silbermünzen. Von der Anleihe sind einstweilen 51/» Millionen fest begeben. Der Versammlung wohn­ten auch Fürst Hohenlohe - Langenburg und Dr. Peters bei.

* Das Abgeardneteahans trat gestern in die erste Berathung des Einkommensteuer- und ErbschastSsteuer- gesetzes ein. Finauzminister Dr. Miquel tonftatirte,