V 269.
Freitag, den 21. November 1890.
! 7, Jahrgang
Fuldaer Zeitung
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Druck u. Verlag der Fuldaer 'Xcnenonuictei ,'A. T!ll,uaa>i).
Für die Redaktion verantwortlich: Ludwig T.M hi Fulda.
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Gährung im deutschen Protestantismus.
(Rach den.Historisch-politischen Blättern.')
Die verschiedenen Richtungen innerhalb des deutschen Protestantismus: die orthodoxe, die mittelparteiliche und die protestantenvereinliche haben sich immer befehdet; nur vorübergehend sind diese Differenzen vor dem gemeinsamen Kampfe gegen den Katholizismus zurückgetreten. Nachdem in dem kirchenpolitischen Konflikte, welcher durch die Maigesetzgebung heraufbeschworen worden, ein modus vivendi hergestellt und gleichzeitig an den leitenden Stellen im deutschen Reiche ein bedeutungsvoller Wandel eingetreten ist, macht sich die Unzufriedenheit mit den protestantisch-kirchlichen Zuständen vornehmlich in den orthodoxen, hochkirchlichen Kreisen in verstärktem Maße geltend.
Der ,Reichsbote', das verbreiteste Volksblatt dieser Richtung, ruft schon seit Jahren nach mehr Selbstständigkeit und besserer Organisation für die protestantische Kirchengemeinschaft. In den schärfsten, theil- weise bittersten Ausdrücken führt dieses von dem Prediger Engel redigirte Organ Klage über die Gebundenheit des protestantischen Kirchenthums und die Unzulänglichkeit seiner Hülfsmittel gegenüber den großen, namentlich sozialen Aufgaben der Gegenwart. Wie der ,Reichsbote' die von ihm verlangte Organisation der Kirche im Einzelnen sich denkt, ist mit aller Klarheit aus seinen Ausführungen nicht zu ersehen. Aber in der Berurtheilung des Staatskirchenthums mit seiner kultusministeriellen Spitze kann das Blatt sich nicht leicht genugthun. Als wichtigste Reform empfiehlt das Blatt, „daß man die Leitung der Kirche von den Konsistorien unabhängig macht und sie in die Hand der General-Superintendenten legt, die als solche zu diesem Zweck von ihren Pfarrstellen befreit und selbstständig gemacht werden müssen."
Eine noch weit energischere Sprache hat neuerdings die Zeitung ,Volk' geführt, welche man in Beziehung mit Hofprediger Stöcker zu bringen pflegt. Mit heiligem Zorne, so ruft dasselbe aus, müßten die Protestanten sich recken und strecken, „um die unerträglich gewordene staatskirchliche Bureau kratie/uie hülflose, zweifelhafte, zum Sterben verdammte Einrichtung abzuschütteln wie Plunder." „Als Plunder hat sich diese Bureaukratie bewährt in der Berliner Kirchennoth, als Plunder überall, wo es gilt, Kräfte zu lenken, zusammenzufassen, zu nützen. Kaum ein Lebenszeichen, das diesen Namen verdiente, läßt sich feststellen. Den herkömmlichen Gang der Maschine notdürftig zu erhalten, zu orbiniren, Pfarrstelle zu besetzen — dazu reicht die „Verwaltung" zur Noth aus; neuen Aufgaben gerecht zu werden, vermag sie in keiner Weises da ist sie, wie gesagt, ein Bild der traurigsten Hülflosigkeit. Darum muß zuerst alle in
Sonnenried.
Roman von Marga Brechten.
(17. Fortsetzung.) >
„Der Vater hatte in der That Recht, Frau Baronin," sagte sie verbindlich, „unser Liebling blüht in ihrer Nähe wirklich auf."
„O Bertha, kannst Du es glauben," wandte sich jene zu der Schwester, „ich habe nun doch endlich eine liebe Freundin gefunden! Und sie heißt Felicitas von Freidorf!
„Wie gütig! Lydia wird Ihnen gewiß mit dankbarer Anhänglichkeit ergeben sein," versetzte Bertha zu der Baronin gewandt, aber dann fuhr sie fort: „Feli- cttas? Welch' ein merkwürdiger Zufall? So hätte ja Baron Freidorf es verstanden, das Glück zu fassen; es wird jetzt auf dem Schlosse wohnen, trägt doch die neue Herrin einen so bedeutungsvollen Namen."
Und Lydia meinte sinnend: „Ja, dies war in der That die einfachste Lösung."
„Aber ich verstehe wirklich nichts von dem Allen," unterbrach Felicitas die Schwestern.
„Wie, meine liebe Freundin kennt nicht die Almut- Sage, welche ihr eigenes Schloß geheimnißvoll umgibt? Auch nicht die Eiche am Eckthurm?" fragte Lydia erstaunt."
der evangelischen Kirche vorhandene Kraft auf die Beseitigung der staatskirchlichen Leitung gerichtet werden, jede andere Leitung, möge sie nun den Schwerpunkt in das geistliche Amt oder in die Gemeinde legen, ist besser als diese, welche den Schwerpunkt außerhalb der Kirche legt, in die Staatsbehörde. Man kann nicht leicht zu scharf werden in dem Ausdrucke der Verdammung der „gegenwärtigen Verfaffung der Kirche, welche geradezu widersinnig ist, hineingeschleppt aus ganz anderen staatlichen Verhältnissen in unseren modernen Staat."
Das,Volk' sagt dann auch ganz unverblümt, von- wem es Wandel erwartet, vom summus episcopus der preußischen Landeskirche, dem Kaiser. Von ihm erwartet es einen Erlaß, betreffend die evangelische Landeskirche, „in welchem er die ungeheuere Verantwortung für die Leitung der evangelischen Kirche, welcher Verantwortung die Staatsbehörden unter den neueren Verhältnissen nicht gewachsen sind, abschüttelte und eine neue Verfassung der evangelischen Kirche in Bezug auf ihr Verhältniß zu den Staatsbehörden anbahnte. Das wäre der größte Dienst, welchen der Kaiser dem Sohne Gottes des Höchsten und der Kirche Jesu Christi zu leisten vermöchte, welchen diese Kirche und ihr himmlischer König selber erwarten, ersehnen." Während der ,Reichsbote' das Heil in den Superintendenten erblickt, verlangt das ,Volk' evangelische Bischöfe, und zwar je einen für 3—400 Geistliche.
Wenn auch in weniger entschiedener Sprachweise tritt auch die ,Kreuzzeitung', und zwar neuerdings wieder dringlicher für größere Selbstständigkeit der protestantischen Kirche gegenüber dem Staate ein. Der Chefredakteur dieses weitaus einflußreichsten protestantisch-konservativen Blattes, Frhr. v. Hammerstein, ist ja neben Herrn v. Kleist-Retzow der Hauptträger der bezüglichen Bestrebungen im preußischen Landtage, welchen Fürst Bismarck s. Z. in so brüsker Weise Halt geboten hat, mit dem Erfolge, daß es zeitweise auch recht still davon geworden ist. Jetzt fitzt der übermächtige Staatsmann, welcher alle ihm unbequemen, feine politischen Cirkel störenden Regungen niederzuhalten wußte, als grollender Einsiedler in Friedrichsruh, und die orthodoxe Presse glaubt jetzt die Gasse für die Verwirklichung ihrer Ideen frei, zumal sie an der heute entscheidenden höchsten Stelle im Staate wohlwollende Förderung derselben erwarten zu dürfen glaubt. (Auch jetzt noch nach dem Abgänge der Ober- und Hofprediger Kögel, Stöcker und Schrader?!)
Den Verlautbarungen der leitenden positiven Blätter der Reichshauptstadt fehlt nicht das Echo draußen. Die Hannoversche Post' meint, es sei jetzt nicht mehr an der Zeit, dem Kaiser und König lediglich die auf Befreiung der evangelischen Kirche von staatlicher Be-
„Den mächtigen Baumriesen kenne ich wohl, aber ich weiß in der That nichts von einer Sage. Mein Gemahl ist nicht sehr romantisch angelegt und lächelt über diese phantastisch ersonnenen Erzählungen, welche durch die Ueberlieferung immer mehr ausgeschmückt werden. Dies ist gewiß der Grund, warum er mir jene nicht mittheilte."
„Aber bitte ihn doch nun, es bald zu thun," drängte Lydia, sie herzlich küssend. „Wir Alle kennen dieselbe, und sie ist wirklich schön."
„Wenn Frau Baronin die Güte haben wollen — die Eltern warten im Gartensaale," schloß Bertha. „Da kommt auch Dein Mädchen, liebe Schwester."
Gegen Abend fuhr Baron von Freidorf mit seiner Gattin ab. Als sie im Wagen saßen, bettachtete Felicitas entzückt den herrlichen Blumenstrauß, welchen Frau van der Lohe ihr mitgegeben, und sprach ihre Freude aus, so liebe Nachbarn gefunden zu haben. Sie erzählte von Lydia, und Baron Herbert meinte:
„Ich dachte mir, daß Ihr Euch befreunden würdet."
„Sie gefällt mir viel besser als ihre Schwester," sagte Felicitas.
„Bettha van der Lohe ist ein sehr schönes und gutes Mädchen," versetzte Freidorf energisch und trieb die Pferde an. Seine Gattin aber fragte sich im Stillen, Warum er denn das „sehr schöne und gute Mädchen"
vorrnundung gerichteten Bitten jener evangelischen Un- terthanen vorzutragen; „Hand in Hand mit allen Vorstellungen müssen Kundgebungen gehen, aus welchen der entschlossene Protest gegen die Knechtschaft, in der wir leben, mit überwältigender Klarheit sichtbar wird." Und die Bielefelder ,Neue Westfälische Volkszeitung' verlangt „freien Lauf" für das Evangelium und Entfesselung der Kirche.
Das Angeführte möge genügen, um erkennen zu lasten, welch' bedeutungsvollen Entwickelungen wir, wenn nicht alle Anzeichen trügen, innerhalb des deutschen Protestantismus entgegengehen. Innerhalb des deutschen Protestantismus gährt es mächtig, die Unzufriedenheit gerade der kirchlich gerichteten Schichten mit den innerkirchlichen Verhältnissen ist eine tiefgehende, man sucht dort eifrig nach neuen Gestaltungen. Was will werden? E,
Deutsches Keich.
Berlin, 19. November.
* In Gegenwart des Kaisers und der Kaiserin, der gedämmten kaiserlichen Familie und der zu diesem Anlaß hierher gekommenen fürstlichen Gäste hat heute Nachmittag die Vermählung der Prinzestin Viktoria mit dem Prinzen Adolph von Schaumburg-Lippe stattgefunden. Die Feier vollzog sich durchaus in dem Rahmen des dafür vom Kaiser festgesetzten Programms. Die civilaktliche Trauung wurde im Palais der Kaiserin Friedrich, der hohen Mutter der Braut, die kirchliche Einsegnung aber in der Kapelle des Königl. Schlosses, erstere durch den Minister des Königl. Hauses, letztere durch den Konsistorialrath Dryander vollzogen.
' * Reichskanzler v. Caprivi begibt sich Ende dieses Monats nach Dresden, um dem sächsischen Königspaare seine Aufwartung zu machen.
* lieber den Steuer-Gesetzentwurf lasten sich Meinung und Stimmung im Centrum der ,Germania' zufolge dahin zufammenfaffen, daß trotz ernster Bedenken in manchem Einzelnen doch der Wunsch besteht, über dieses Gesetz zu einer Verständigung zu gelangen."
* Das Centrum hat im Abgeordnetenhause folgenden Antrag eingebracht: „Das Haus der Abgeordneten wolle beschließen, die Erwartung auszusprechen: daß die königliche Staatsregierung den Grundsatz zur Geltung bringen werde, daß im linksrheinischen Bezirke des Oberlandesgerichts zu Köln bei staatlich anerkanntem Bedürfnisse katholische Pfarreien kraft rechtlicher Verpflichtung neu zu errichten und die Pfarrstellen überhaupt mit einem standesgemäßen Gehalte auszustatten find."
* Die Arbeiterschutz - Kommission des Reichstages nahm den § 125, betreffend den Kontraktbruch, in folgender Fassung an: „Hat ein Geselle oder Gerücht geheirathet haben möge? Als sie in das eigene Gebiet einfuhren, hatte sie indeffen dieses schwierige Räthsel noch nicht gelöst. —
7. Kapitel.
Dir Almut
Fünf düst're Tannen steh'n'in dichtem Kreis; — Es rauscht so schauerlich in ihren Kronen; Kein Vogel will auf ihren Zweigen wohnen;
Das Volk von ihnen manche Sage weiß! — G. v. d. Heide, xvn.
Am Abend desselben Tages sagte Felicitas zu ihrem Gatten: „Wie wäre es, Herbert, wenn Du Deinen Merkur' ein wenig liegen ließest, um einen Gang in den Garten mit mir zu machen? Es ist noch frühe und der Abend so schön."
Mit einem bedauernden Blick auf feine Zeitungen erhob sich der Baron; seine junge Frau hüllte sich in ein schon bereit gehaltenes Tuch und zog ihn mit sich fort. Eine Weile gingen sie schweigend neben einander, bis Baron Herbert plötzlich mit einem Anfluge von Ironie zu seiner Begleiterin sagte:
„Nun, was soll's, Liebe? Denn daß Du irgend einen Zweck mit dieser nächtlichen Promenade verbindest, war mir von vornherein klar."
„Wirklich? Wie gut Du meine Gedanken zu er- rathen verstehst! Gewiß bist Du dann auch schon zur