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Donnerstag, den 20. November 1890

17. Jahrgang

JV 268.

Fuldaer Zeitung

Druck u. Berlag der Fuldaer Acttenüruacrei (A. Till,

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Tcibcl in F.

iaiann).

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Stanley in seinem wahren Kchte.

(Schluß.)

Dm weißen Mitgliedern der Stanley'schen Truppe erging es nicht besser; Hunger und Durst lernten sie zunächst kennen. Nach Stanley's Erfahrungen war Fleischesien in den Tropen äußerst ungesund, Butter gar von tödtlicher Wirkung. Zucker und Milch als zu sehr Galle erregende Sachen kamen ebenfalls nur in homöopathischen Dosm zur Ausgabe, und Spirituosen verlangen konnte nur ein Verrückter. Daß aber Herr Stanley den Genuß dieser Sachen nicht verachtete und weidlich darin schwelgte, weiß jeder, welcher den Zug mitgemacht hat. Er pflegte für sich allein in seinem Zelte zu tafeln, und toenn das Zelt abgebrochen wurde, fand mau stets eine stisch aufgegrabene Stelle, welche möglichst unauffällig gemacht war, aber die von dem enthaltsamen Menschenfreunde Stanley geleerten Fleisch-, Butter- und Milch-Dosen und Flaschen enthielt. Die ihn besser kennenden amerikanischen Landsleute behaup­teten öfters, daß der genügsame nüchterne Stanley einen kleinen Rausch habe, während die abgearbeite­ten und hungrigen Beamten der Expedition das Maniok- brod der Eingeborenm, auf rauchigen Kohlm geröstet, trocken hinunter würgen mußten. Auch diesen wurden, ähnlich wie den Sklavm, Tauschwaaren zu ganz un­glaublichen Preisen angerechnet, so z. B. ein Taschen­tuch von 1 Mk. Werth zu 20 Mk., eine wollene Decke von 5 Mk. Werth mit IvO Mk. u. s. w. Von der Küste konnte keiner etwas erhalten, da Stanley strenge Ordre ausgegeben hatte, kein Privatgepäck von Vivi aus zu befördern. Die Folge war, daß in Vidi ganze Magazine damit angefüllt waren; die Sachen verdarben oder wurden gestohlen. Briefschaften wurden unterschlagen oder geöffnet. Wissenschaftliche Beobach­tungen durfte Niemand machen, jede Mittheilung über die Expedition nach Hause war strenge untersagt. Wurde Jemand krank und elend, so wurde er als Faulpelz angesehen und grob und schnöde behandelt. Keiner durfte vor Stanley selbst die Küste wieder er­reichen, damit er nicht etwa Sachen erzähle, die dem­selben hätten unangenehm werden können.

Sobald eine neue Station erbaut war, wurde die­selbe mit einer gereiften Anzahl Proviantkisten und Tauschartikeln ausgerüstet, und Stanley verließ die Station mit den Worten, die Station sei jetzt für mindestens 18 Monate mit Proviant versehen, und zog weiter. Allerdings war der großartige Proviant schon nach wenigen Wochen verzehrt, aber das kümmerte den vorsorglichen Herrn nicht, welcher nun auf die schlechten Wirthschafter losdonuerte, aber für keinen Nachschub sorgte.

Selbst in V i v i, der ersten Station, war Mangel, zwar kamen monatlich von Brüssel neun große Ver-

Sonneuried.

Roman von Marga Brechten.

(16. Fortsetzung.)

So kaufte denn der Vater das Gut und nannte es „Rast". Wir gewöhnten uns schnell an Land und Volk und hatten die Freude, meine Schwester in der kräftigen Luft etwas erstarken zu sehen. Ich glaube, manchmal gedenken die Eltern doch mit einiger Weh- muth der verlassenen Heimath und der zurückgebliebenen Verwandten und Freunde, aber sie sprechen nie davon."

„Ist nicht die dortige Gegend ebenso öde und flach als die Umgebung von Haus Rast?" schaltete Felicitas fragend ein.

„Sie ist sogar noch flacher, aber öde? nein, in der Hafenstadt, wo der Handel blüht und das bewegte Leben der Schifffahrt sich entfaltet, da ist's nicht öde. Die Wellen fchagen ans Ufer", fuhr das schöne Mäd­chen fort, „frische Winde wehen über den Strand — o, die Küste, das Meer!" rief sie plötzlich in leiden- fchastlichem Sehnen auS und schlang die Hände fest in einander.

3hre Begleiterin blickte erstaunt auf; wie heiß mußte nicht Bertha van der Lohe lieben können! Und sie hatte dieselbe für kalt gehalten, nur weil ihr Ge- '.sicht zuweilen jenen starren, fremden Ausdruck zeigte!

pflegungszettel an, und sicher würde jeder gesättigt ge­wesen sein, wenn er von den verschiedenen Zetteln hätte leben können; aber der auf denselben für jeden festgesetzte Proviant pflegte nie anzukommen. Dem bel­gischen Lieutenant Braconnier erklärte Stanley einst, als derselbe zu ihm gegangen war, um etwas Butter für die darbenden Kameraden zu erbitten, un­ter den rohesten Scheltworten und indem er ihn, mit einem dicken Knüppel bewaffnet, vor sich her trieb, er (Stanley) gebe ihm keine Butter, er solle seinen Kameraden sagen, sie möchten den Teufel darum bitten; er selbst würde höchstens allen den Buckel mit dem Knüppel einschmieren, aber nicht die Butter zum Brode geben.

Ein anderes Mal erklärte er demselben Herrn, daß er gerne die sämmtlichen Offiziere der Expedition an einem großen Baume aufhängen möchte, wenn er nur könnte.

Als er seinen Zweck erreicht glaubte und wußte, daß von Brüssel ein Gelehrter angekommen war, um ihn zu vertreten, wurde er plötzlich schwer krank und mußte die Rückreise nach Vivi antteten. Zu der etwa 14 Tage dauernden Reise nahm der Kranke an 50 Trägerlasten Privatproviant für sich von der Sta­tion am Stanley-Pool mit nach Vivi und ließ die Station selbst ohne Mittel. Er hatte sich bann auf der Reise so gut erholt, daß er eine Tagereise vor Vivi genöthigt war, große Dosen Brechpulver zu neh­men, um mit Erfolg den kranken Mann weiter spielen zu können. Dem ihm entgegenkommenden Vertreter er­klärte er, daß alles in schönster Ordnung am oberen Flusse sei und felftem sofortigen Aufbruche ins Innere nichts im Wege stehe. Wie es mit der guten Zucht und Ordnung stand, hat der Vertreter, Herr Dr. Pechuel-Loesche, sehr bald erfahren: allerwärts Unruhe, Aufruhr und Hungersnoth. Die Karawanen wurden beschossen, und nur mit knapper Noth entrann derselbe einem elenden Tode durch die Eingeborenen. Mit einer Kugel durch den Oberarm erreichte er Stanley-Pool, um zu sehen, daß der Dampfer „En Avant" seit Stanley's Abreise unbrauch­bar gemacht war und auf der Station der bitterste Mangel herrschte. Die Beamten waren in Folge der Entbehrungen fast alle schwer krank, die Arbeiter ohne Zucht und Ordnung. Merkwürdiger Weise fand Stanley nach seiner Rückkehr von Europa sofort den fehlenden Maschinentheil, desfen Verlust den Dampfer so lange lahm gelegt hatte, wieder. ES ist wohl nicht nöthig, etwas weiteres hinzu zu be­merken. Der Vertreter war verhindert gewesen, irgend etwas zu unternehmen, und sah sich veranlaßt, selbst nach Europa zu reifen, um Besserung der Verhält­nisse an maßgebender Stelle zu beantragen. Stanley aber hatte erreicht, was er wollte.

Schweigend gingen sie weiter und waren nach einer kleinen Strecke an der sogenannten Rosenlaube ange­kommen, wo Lydia sie freundlich empfing. Mit ihrer früheren, ruhigen Stimme sagte Bertha zu derselben:

„So, mein liebes Schwesterchen, nun überlasse ich Dir unseren geehrten Gast und beurlaube mich für kurze Zeit. Zur Kaffeestunde finden wir uns Alle auf der Veranda wieder."

Sie verbeugte sich artig und ging in das Haus. Felicitas rückte ihren Sessel nahe an den des kranken Mädchens und sprach liebevolle, gütige Worte zu ihr. Sie fing an, den hohen, seltenen Charakter der älteren Schwester zu verstehen, aber sie fühlte sich mehr zu der jüngeren hingezogen. Lydia stand ihr auch im Alter näher. Es kam ihr vor, als habe sie dieselbe schon seit Jahren gekannt, während das sichere, über­legene Wesen Bertha's sie fast bedrückte.

„Ich weiß nicht, wie es kommt," begann Lydia zutraulich, „aber ich bin heute so froh."

„Ich auch", versicherte Felicitas. „Ich glaube, das klare Wetter, der herrliche Sonnenschein verleiht diese Stimmung."

„Mir hat der schöne Tag sie nicht gebracht, das weiß ich ganz bestimmt," entgegnete Lydia, „denn ich war am Morgen gar nicht froh, sondern wünschte wieder recht ungeduldig, doch einmal, nur ein einziges

So hat es dieser große Forscher stets getrieben. Ganze Bücher ließen sich darüber schreiben. Hoffen wir, daß sich alle seine dunkeln Wege durch den dunkelsten Welttheil noch aufklären mögen und Stanley als das gezeigt wird, was er wirk- lich ist.__________________ (W. V.)

Deutsches Keich.

Berlin, 18. November.

* Die Einberufung des Reichstages bis längstens 2. Dezember steht durchaus noch nicht fest, hängt viel­mehr davon ab, wann die verschiedenen Etats an den Reichstags-Präsidenten hinübergehen werden. Es ist durchaus nicht ausgeschlossen, daß der Reichstag in diesem Jahre gar nicht mehr einberufen wird.

* Der Kaiser soll sich, hiesigen Blättern zufolge, hinsichtlich des Koch'schen Verfahrens geäußert haben, „er betrachte es als eine ganz besondere Gunst der Vorsehung, daß unter seiner Regierung der Menschheit diese unvergleichliche Wohlthat zu Theil werde, und daß es ein Deutscher sei, dem die Welt diesen Triumph wissenschaftlicher Forschung verdanke.

* Der ,Reichsanzeiger' schreibt: Die Gesammtzahl der während der Monate April bis September 1890 bei den 16 der preußischen Kontingentsverwaltnng an­gehörigen Armeekorps von Hitzschlng befallenen Mann­schaften betrug 82. Von diesen Erkrankten starben 10. Auf die Zeit der Herbstübungen, die Monate August und September, entfielen 48 Erkrankungen mit 4 Todesfällen. Es muß betont werden, daß es bei den ganz besonderen Witterungsverhältnissen dieses Som­mers, wo einer langen, kühlen, regnerischen Zeit plötz­lich Zeiträume mit auffallend hoher trockener Luft­wärme folgten, nur der Aufbietung aller Vorsichts­maßregeln und der Anwendung schnellster, sachgemäßer Hülfe zu verdanken ist, wenn die Zahl der Hitzfchlag- Todesfälle eine so verhältnißmäßig beschränkte geblieben ist. Fielen doch gerade die großen militärischen Som­mer- und Herbstübungen zum Theil in die Zeit der nnvermuthet eintretenden abnorm hohen Hitze.

* In der am 14. d. M. im Architektenhause statt­gehabten Sitzung des Cornites für die Karl Peters- Stiftung wurde beschlossen, daß der aus dieser Süf- tung für den Viktoria Nyanza zu erbauende Dampf er den Namen „Karl Peters" führen soll. Es wurde ferner mitgetheilt, daß zur Zeit im Ganzen über 95 Tausend Mark zusammen sind. Dieser Betrag reicht indessen zu dem in Aussicht genommenen Dampfer noch nicht aus, die Sammlungen werden daher fort­gesetzt.

* Der Prozeß gegen den früheren Landesdirektor von Westpreußen, Dr. Wehr und den früheren Guts­besitzer Holtz, wegen Unterfchlagung, Untreue u. f. w.

Mal meine Füße auf den weichen, saftgrünen Rasen setzen zu können. Das war recht kindisch, vielleicht sündhaft gedacht, da ich doch weiß, daß es nicht ge­schehen kann."

„O nein, dieses Verlangen war nur allzu natürlich, mein liebes Fräulein," sagte Felicitas herzlich. „Zürnen Sie nicht mit sich selbst! Mir scheint im Gegentheile, daß Sie sehr geduldig und ergeben sind."

„Noch nicht," wehrte Lydia ernst, „wenigstens nicht immer, aber ich will mich bemühen, es zu werden. Für mich ist es ja so leicht, denn Alle sind gut und zärtlich gegen mich. Manchmal suche ich mir vorzu­stellen, daß es anders wäre, wenn ich nicht so liebe­voll und aufopfernd gepflegt würde und doch mein Leid tragen müßte. Aber dann würde es schwer, recht schwer sein, geduldig $u bleiben! So bringe ich es meistens fertig, bald wieder froh und versöhnt zu sein mit meinem Geschick. O, und Bertha sagt —" sie brach erröthend ab.

„Was sagt Bertha, mein liebes Kind?" fragte Felicitas sie freundlich ermuthigend.

„Sie sagt, einen Kranken in der Familie zu haben, fei ein großer Segen von Gott. Aber das kann doch nicht wahr fein, ich verstehe es nicht recht. Bettha benft immer so hoch und edel; ich kann ihr manchmal gar nicht folgen."