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V 267
Mittwoch, den 19. November 1890.
Fuldaer Zeitung
Druck u. Verlag der Fuldaer Kchenoructerei (A. TiLrraaa).
Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Dttb:l J Fulda.
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Stanley in seinem wahren Lichte.
Bon Tag zu Tag mehren sich die A n k l a g e n gegen Stanley, dm ehedem auch leider in Deutschland so vergötterten Afrika-Reisenden, welchen viele den größtm und kühnsten Forscher genannt haben. Mehr und mehr löst sich der Schleier, in welchen der unter- nehmmde Yankee seine Thaten zu hüllen verstanden hat. Seine unbezwingliche Selbst- und Geld-Sucht tritt immer mehr als der eigmtliche und erste Zweck seiner verschiedenm sogmannt-.n Forschungsreisen in den Vordergrund. Von allen Europäem, welche daS Glück hatten, von dm unter Stanley's Führung unter® nommmen großen Reisen lebendig in die Heimath zurückzukommm, wird die rücksichtslose Gewaltthätig- keit dieses Mannes, seine grausame Behandlung der Eingeborenen und die erbarmungslose Aushungerung und AuSbmtung seiner Angestellten und Gehülfm betont. Seit dem Jahre 1883 haben sich deutsche Gelehrte bemüht, dm Forscher Stanley dem deutschm Publikum in seinem wahren Werthe zu zeigm. Man glaubte den Herrm nicht und sagte sich, daß er Leute seien, welche auf die großen Erfolge deS kühnm Amerikaners eifersüchtig wärm, ihm seine Erfolge nicht gönnten, Leute, die der große Entdecker wegen ihrer Untüchtigkeit und Unfähigkeit habe entlasten müssm, die jetzt auf diese billige Weise ihrem Haß und ihrem Neide Luft verschaffm wollten. Wir erinnern hier an die Schriftm Dr. Pechuel-LoescheS: „Stanley und seine Partisane", „Herr Stanley und daS Kongo -Unter® nehmen" und andere seiner Zeit veröffentlichte Broschüren und Briefe.
Englische Blätter und mglische Gelehrte hatten schon weit früher den wahren Charakter Stauley'S erkannt und öffmtlich geschildert; so wurden dem glücklichen Auffinder des großen Livingstone schon gleich nach seiner Rückkehr nach England von dieser Fahrt sehr ehrenrührige Sachen nachgesagt, welche der edle aufopferungsfählge Yankee mit groben Keulmschläaen beantwortete und unterdrückte. Auch amerikanische Blätter brachten die Nachricht, Stanley habe Livingstone nicht mehr lebend angetroffen, seine gemeinschaftliche Reise mit dem unermüdlichen Entdecker sei eine Erfindung de« hellhörigen Amerikaners, der sich der Papiere des großm Missionars bemächtigt und diese zu seinem eigenen Bottheile ausgebeutet habe. Stanley hatte bekanntlich immer dar große Glück, Zeugen der kaukasischen Rasse, welche ihm unangenehm werden tonnten, dm tückischen Krankheiten des afrikanischen Klimas zum Opfer fallen zu sehen und nur von geschulten Schwarzen begleitet die Stufte wieder zu erreichen Auf diese Weise konnte ihm nichts nachgewiesen werden, denn farbige Menschen verdienen ja keinen Glauben.
Sonnenried.
Roman von Marga Brechten.
(15. Fortsetzung.) ,
DaS Gespräch wurde durch den Eintritt der ältesten Tochter unterbrochen; eine abermalige Vorstellung erfolgte und nach derselben wandte sich Felicitas mit einem ihr unerklärlichen Interesse der eben ©ingetretenen zu. Schon bei dem erften Blicke fragte sie sich erstaunt, warum wohl Herbert jener kaum erwähnt habe? Dieses Mädchm war ja eine vollendete Schönheit, der selbst der übertriebm einfache Hausanzug keinen Ab- btuch thun konnte. Aber Marmotblässe bedeckte die klassischen Züge, und Felicitas schien es, als toürben fie beim Sprechen noch bleicher. Sie selbst war irn Salon noch zu sehr Nmling, als daß sie sich der so sicher auftretenben jungen Dame gegenüber nicht etwas befangen gefühlt hätte. Alle Bewegungen berselbm verriethm eine anmuchige Eleganz; ihr Bmehmen war srmnblich, aber viel zurückhaltmber, als bas ihrer Mutter.
„Meine Schwester Lybia bittet um bie Ehre, Sie feimen zu lernen, sagte jetzt Bertha van ber Lohe mit ber ihr eigentümlichen kühlen Ruhe; „wenn Frau Baronin gestatten, wirb Mama Sie zu berselben füh- rm, währenb ich nach bem Diner sehe."
Felicitas kam gern biesem Wunsche nach unb halb
Erst auf bem Zuge vorn Westen nach Ostm, den Kongo hinaus, ist es ihm zu seinem gewiß großm Berdmffe nicht möglich gewesen, sich dir lästigen Zeugen vom Halse zu schaffen, obschon er sein Bestes zethan hat, dieses zu erreichen. Ein Theilnehmer an dieser Fahrt, welcher der gauzm Sache unparteiisch gegen« übeffteht, erzählt darüber verschiedene Einzelheiten, von denen wir mangelnden Raumes halber nur wenige hier wiedergeben tonnen. Diese oft kaum glaublichen Vorkommiste sind übrigens von mehreren unterrichteten Seiten bestätigt worden.
Nach den Ankündigungen der belgischm Gesellschaft zur Erforschung des oberen Kongo sollten die Unterdrückung der Sllaverei und humane Bestrebungen Hauptziele der unter Stauley'S Führung hinauSzusen- benben Expedition sein. Gleich nach der Ankunft in Banana, an der Mündung des Kongo-Flusses, war Stauley'S erstes Werk, von der dortigen Handelsgesellschaft mehrere hundert Sklaven zu taufen. Da diese begreiflicherweise auSzureißen versuchten, wurden sie in Ketten gelegt, d. h. eS wurden Gänge von 10—20 Mann durch eine Kette verbunden, welche beim ersten unb letzten Manne an einem HalSeiseu befestigt unb bei ben übrigen nur durch dasselbe hiudurchgezoam war, so daß sich die Leute an der Kette ziemlich frei bewegen konnten, da für jeden Mann ungefähr l1/» Meter Kettenlänge genommen wurde. In dieser Kette gehend, hatten die Unglücklichen schwere Saften (50 bis 60 Pfund) tagelang auf den Köpfen zu tragen unb würben dabei von entrnmschtm Aufsehern zu geschwinderem Schritt angepeitscht. Die Elenden sind in der Kette krank geworden und geworben, das Mitleid Stanley'- haben sie aber nie erregt; auS ber Kette wurden erst bie erstarrten Leichen entfernt, ber Kranke hatte sich rnitzuschleppm ober schleppen zu taffen. Erst als Stanley brei Jahre später angeblich krankheitshalber bie Expebition verließ unb anbere Herren ben Oberbefehl hatten, wurden ben auf etwa 50 Mann zu- sammengeschmolzenen unglücklichm Opfern der Selbstsucht Stanley'- bie Ketten abgenommen unb denselben von dem beseitigen Kommandanten der Station am Stanley Pool, Lieutenant A. Braconnier, ein Freibrief auSgeferttgt. (Man vergleiche hierzu unb zu bem Folgenben bie bereits oben erwähnten beiben Schriften de- Professors Dr. Pechuel-Loesche, Leipzig 1885 unb 1886, besonders aus „Stanley und das Kongo-Unternehmen" bie höchst interessanten Mittheilungen auf ben Seiten 10 u. 11, 29, 39, 41, 46, 55 u. 57.)
Währenb bet schweren Arbeit bekamen bie schwarzen freien Arbeiter für ben Tag 1 Glas ober 1 Pfund Reis ober Bohnen unb ein Maschen Rum mit Wasser unb wöchentlich etwas Fisch ober Fleisch, für eine Mahlzeit ausreichend. Die Sklaven erhielten keinen Rum unb selten Fleisch, sie magerten auch beShalb
betrat sie an ber Seite ber älteren Dame bas an ben Saal stoßende Zimmer. Hohe Blattpflanzen schufen bieses hübsche Gemach zu einer kleinen Laube um, in beten Mitte ein Ruhebett staub. Hier lag in ihrem weißen Krankenkleibe bie jüngere Tochter Lydia; nicht mit mißmuthigen, traurigen Zügen, wie sich Felicitas vorgestellt, sondern ein holdseliges, geduldiges Wesen, das unter Blumen träumte. In ihrem lieblichen Gesichte spiegelte sich die Herzensgüte der Mutter wieder, wie benn auch bie blauen Augen unb das blonde Haar von jener entlehnt waren. Mit kindlicher 9?eugierbe betrachtete sie bie frembe Dame, welche sich freunblich über sie beugte unb zärtlich ihre schmalen Hände in die ihrigen nahm. Dann ließ Felicitas sich neben ihr nieder und lauschte dem fröhlichen Geplauder deS armen Mädchens. Sie erkannte mit tiefer Rührung, daß bie achtzehnjährige Dulderin die schwere Kunst verstand, ihr herbes Geschick mit Heiterkeit zu tragen.
Nicht lange darauf wurde das Diner ferviri. Nach bemfelben wollten die Gäste die Rückfahrt antreten, aber der Hausherr erklärte, daß dieser Tag ihm gehöre; wer in der Billa „Raft" einkehre, müsse ihres Namens eingebenf sein, bem zufolge er keinen flüchtigen Besuch bort machen dürfe, sondern wirklich rasten rnüffe.
„Und, lieber Baron," rief er heiter, „sehen Sie nur meine Jüngste an, wie sie lächelt unb fröhlich
sehr rasch zu wahren Skeletten ab. Die Kleidung berf eiben bestand aus einem alten Kaffeesackfetzen um die Hüsten. Decken znrn Zudecken in ben oft sehr kühlen unb nassen Nächten gab es nicht für bie Leute.
Die von ber Ost-Küste Afrika'-, ber Insel Sansibar gegenüber, geworbenen Arbeiter ber Expedition hatten einen Lohn von durchschnittlich 4 Dollars oder 16 Mk. zu beanspruchen. Stanley bezahlte die Seute in folgender Weise. In Bivi, am rechten Ufer des Kongo, am Ende der letzten Stromschnellen des gewaltigen Stromes gelegen, war das Ende der Dampferfahrten unb erster Stationsort. Die Tauschwaaren ber Expebition kamen bis hier hin in Booten unb würben bann in geräumigen Magazinen untergebracht, um für ben Lanbtransport bis Jsanghila fertig gemacht zu werben. Wünschten bie Arbeiter hier Abschlagszahlung, so erhielten sie bieselbc in Tauschartikeln. 1 Stück Zeug galt z. B. 1 Dollar, also 4 Stücke Zeug war ber Lohn für einen Monat. Je weiter bie Expedition ins Innere kam, desto mehr vertheuerte sich daS Zeug durch den Transport, so daß dasselbe Stück Zeug beispielsweise in Stanley-Pool den drei- bis vierfachen Preis von Vivi kostete, die Arbeiter also jetzt nur noch ein Stück als Lohn erhielten. ES kam so weit, daß bie Arbeiter, um ihre Blöße zu bebeden, ihren ganzen MonatSlohn eufwenben mußten unb später thatsächlich in ihre Heimath zurückbefördert wurden, ohne in ben brei Jahren etwas verdient zu haben. Es führte dieses Verfahren zu großen Unzuttäglichkeiten mit bem bamaligen Sultan von Sansibar, ber in Folge besten keine orbentliche Arbeiter mehr abgeben wollte, son® bern Verbrecher aus den Gefängnissen ben Werbern ber Expebition zuführen ließ. (Schluß folgt.)
Deutsches Keich.
Berlin, 17. November.
* Der Wechsel im preußischen Landwirthschasts- Miuisterium ist perfect geworben. Dem Staatsminister Freiherrn Lucius von Ballhausen würbe bie nachgesuchte Dienstentlassung in einem sehr gnäbigen Handschreiben Sr. Majestät ertheilt unter Verleihung deS Sterns unb Kreuzes ber Großkomthure des Hohen- zollernschen HauLordeuS. Gleichzeitig ist bie Ernennung beS Regierungspräsidenten v. Heyden in Frankfurt a. O. zürn Staatsminister und Minister für Landwirthschaft, Domänen unb Forsten erfolgt. Der neue LanbwirthschaftSminister Willy Karl Heinrich v. Heyden-Cabow ist am 16. März 1839 geboren. Er vertrat im Abgeorbnetenhcmse ben Wahlkreis Demmin- Anklam-Usebom-Wollin unb gehörte ber beutfchkonser- vativen Fraktion an.
* Dr. William Levy, einer bet Mitarbeiter Koch s, hat baS Germania-Hotel am Alexanberplatz in Berlin scherzt! Ich glaube, Sie würben es bei unserer Meinen Lybia sehr Verberben, wollten Sie uns Ihre Frau Gemahlin schon so balb entführen. Die Beiben scheinen großen Gefallen an einanbei gefunden zu haben."
Freidorf blickte nach seiner Gattin hinüber. In der That leuchtete auch deren Auge in reinster Freude, während sie sich lebhaft mit ber Dame des Hauses unterhielt unb sich freundlich um das gelähmte Mädchen bemühte. Lydia saß in ihrem Rollstuhle an der Seite ihrer Schwester. Diese nahm selten an dem Gespräche Theil. Ihr schönes Gesicht mit den klugen, forschenden Augen wandte sich meistens der Baronin zu; Baton Herbert sah es und dachte mit geheimer Ge- nugthunng an das bescheidene und doch gewandte Auftreten seiner Frau. Gottlob! sie konnte dem kritischen Urtheil Bertha'S Stand halten.
Mynheer van der Lohe brachte nun einen Toast auf das Glück des jungen Paares und eine gegenseitige herzliche Nachbarschaft aus. Die Gläser tlangen aneinander, manch' treffendes Scherzwort fiel, dann erhoben sich Alle. Baton Fteidotf folgte seinem Wirthe in dessen Rauchkabinet. Felicitas aber lehnte das ihr angebotene Ruhestündchen dankend ab, unb bie Hausfrau zog sich allein zurück.
„Vielleicht macht es Ihnen Vergnügen, unterbessen ben Garten anzusehen?" fragte bie ältere Tochter unb