JW 266.
Dienstag, den 18. November 1890.
AW
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Ansprache an die Bevölkerung über bas Wese» «nb die Bedeutung der Volkszählung am 1. Dezember 1890.
In den letzten Tagen dieses Monates werden Hundertlausende ehrenamtlicher Zähler in den Wohnungen ihrer Mitbürger vorsprechen, um denselben einen Zählbries zu übergeben, welcher eine Anzahl von Zählkarten einschließt. Diese Zählbriese und Zählkarten nebst den von den Zählern selbst aufzustellenden Kont- rollisten dienen als Handwerkszeug der Volkszählung, welche auf Beschluß des Bundesrathes am 1. Dezember d. Js. im ganzen Deutschen Reiche stattfinden wird.
In Preußen empfängt jeder Haushaltungsvorstand und jede einzeln lebende Person, welche eine besondere Wohnung inne hat und eigene Haus- wirthschaft führt, einen solchen Zählbrief und wird darin ersucht, für jede in der Nacht vom 30. November zum 1. Dezember d. Js. in der Haushaltung — wenn auch nur vorübergehend — anwesende Person in eine gelbliche Zählkarte A. den Namen, die Stellung zum Haushaltungsvorstande, das Geschlecht, das Alter, den Familienstand, dm Beruf bezw. Nahrungszweig, die Geburtsgemeinde, das Religionsbekennt- niß, die Staatsangehörigkeit und die Muttersprache, für bundesangehörige aktive Militär- und Marine- perfouen ferner die Charge und dm Truppmtheil, für nur vorübergehend in der Haushaltung Anwefende endlich noch deren Wohnort einzuschreiben. Ebenso hat der Haushaltungsvorstand für jeden am Zähltage aus vorübergehendem Anlasse abwesenden Haus- haltSaugehörigm, welcher dort noch seine Wohnung bez. Schlafstelle besitzt, in eine röthliche Zählkarte a. dm Namen, die Stellung zum Haushaltungsvorstande, das Geschlecht, das Alter, dm Familienstand, den Beruf bezw. Nahmngszweig, den vermuth- lichen Aufmthaltsort und für bundesangehörige aktive Militär- und Marinepersonen die Charge und den Truppmtheil einzutragen. Jngleichen hat derselbe ein Haushaltungsverzeichniß B. aufzustellen, welches Namen, Verwandtschaft bezw. Stellung zum Haushaltungsvorstande, Religionsbekmntniß, An- oder Abwesenheit der Haushaltungsmitglieder bezw. die lediglich vorüber- gehmde Anwesenheit anderer, in der Haushaltung gezählter Personen nachweist. Der Zählbrief enthält auf seiner Innenseite eine Anleitung nebst Mustern zur richtigen Ausfüllung der vorerwähvtm Zählkarten und ist mit den ausgefülltm Zählpapieren vom 1. Dez. Mittags ab zur Abholung durch dm Zähler bereit zu halten. Sollte am Nachmittage des 1. Dezember Niemand in der Wohuung verbleiben, so ist in geeigneter Weise Fürsorge zu treffen, daß der Zählbrief mit dm ausgefüllten Zählkarten und den etwa übrig gebliebenm
Sonnenried.
Roman von Marga Brechten.
(14. Fortsetzung.)
Ein wilder Ruf entfuhr dem Baron, fein Pferd bäumte sich hoch auf und jagte mit einem mächtigen Satze den Weg hinunter. Der Reiter erfaßte den niedrigen Ast eines verkrüppelten Baumes und zwang das aufgeregte Thier zum Stillstehen.' Im nämlichen Augenblicke war Felicitas an seiner Seite; sie blickte in sein emporgerichtetes Gesicht und sah wie es darin kämpfte und arbeitete. Doch schon hatte sich der innere Sturm gelegt und anscheinend ruhig sagte er: „Erschrick nicht, ich kam dem Pferde mit den Sporen in die Seite, über den ungewohnten Schmerz bäumte es sich. Es war eine Achtlosigkeit, welcher eher meiner Schülerin hätte pasfiren dürfen, als mir."
Der Versuch zum Scherzen mißlang; Felicitas fragte nicht weiter und begann von Anderem zu sprechen. Der Baron unterbrach sie jedoch mit den Worten:
„Du sprachst vorhin von Maren. Ohne Zweifel war sie es, welche Dir begegnete und Dich in der eigenen bilderreichen Sprache anredete. Laß uns die Alte vergessen; ich freue mich über die angenehme Aussicht, daß mein liebes, junges Weib mich nun Häufig auf meinem Morgenritt begleiten wird," da
Formularen durch Nachbarn u. s. w. dem zur Einsammlung erscheinenden Zähler übergeben damit diesem sich freiwillig und unentgeltlich dem öffentlichen Dienste widmenden Beamten die Erfüllung seines Amtes möglichst erleichtert wird. Die Mühewaltung, welche dem einzelnen Haushaltungsvorstande aus der Ausfüllung der Zählkarten und des Haushaltungsverzeichnifses persönlich erwächst, ist sehr gering und beansprucht selbst in größeren Haushaltungen kaum eine nennenswerthe Zeit. Der Staat darf von seinen Bürgern wohl erwarten , daß sie sich in jedem fünften Jahre einmal dieser auf andere Weise nicht wohl zu ersetzenden Arbeitsleistung bereitwillig unterziehen.
Die Volkszählung ist bei uns nicht allein unentbehrlich für vielerlei Aufgaben der Reichs-, Staatsund Gemeindeverwaltung; sie dient auch der Wissenschaft und ist das beste Mittel, das Volk in seiner Wesenheit thunlichst kennen zu lernen. Schon die bloße Volkszahl gibt ein Bild von der Macht der Staaten. Wie sehr Preußens Stärke im Laufe dieses Jahrhunderts zugenommen hat, ergibt sich aus Folgendem. Die Bevölkerung Preußens stellte sich zu Ende des Jahres 1810 auf 4,498,000, 1820 auf 11,272,000, 1830 auf 13,002,000,1840 auf 14,929,000,1850 aus 16,608,000 1860 auf 18,279,000, 1870 auf 24,597,000 und 1880 auf 27,296,000; sie betrug Ende 1885 28,336,000 und wird zu Ende dieses Jahres wohl mindestens 293/4 Millionen erreichen. Aus der Vergleichung der Volkszahl mit der Größe des Staatsgebietes ergibt sich die Dichtigkeit des Beisammenwohnens; eine dichte Bevölkerung aber bedingt zu ihrer Erhaltung starke gewerbliche Thätigkeit und gibt den Anttieb zur wirth- fchaftlichen Ausnutzung der vorhandenen Kräfte. Die starke Volkszunahme des Deutschen Reiches wie des preußischen Staates ist die wichttgste Ursache von deren hohen Machtstellung und wirthschaftlichen Größe gewesen. Aber die Ermittelung der bloßen BolkSzahl ist nicht die alleinige Aufgabe der Volkszählung; sie foll vielmehr in den durch die Zählpapiere erforderten Nachrichten die Unterlagen für alle Untersuchungen über die Volkskrast und das Volksleben liefern. Besäße man nicht die Ergebnisse der Volkszählung, so müßte auf derartige Untersuchungen überhaupt verzichtet werben, da die bezüglichen Nachrichten auf anderem Wege nicht beschafft werden können. Jede im Haushaltungsverzeichnisse und in den Zählkarten verlangte Auskunft ist unentbehrlich. Deshalb ist es die Pflicht jedes Empfängers eines Zählbriefes, die Antworten auf die gestellten Fragen nach bestem Wissen richtig, auch so vollständig wie möglich zu geben und damit seinerseits nach Kräften zum Gelingen diefer Aufnahme beizutragen.
Niemand hat von der wahrheitsgemäßen Beant-
mit reichte er ihr herzlich die Hand und wandte sein Pferd dem Heimwege zu.
Fortan sah man die beiden Gatten fast täglich auf ihren schönen Pferden die Gegend durchstreifen. Allmählich erlangte Felicitas eine große Geschicklichkeit im Reiten. Als sie eines Morgens wieder eine große Strecke vorausgeeilt war, überraschte sie der Baron mit der Bemerkung: „Du reitest jetzt fast ebenso gut, wie Bertha van der Lohe."
„Wer ist Bertha van der Lohe?" fragte sie.
„Die älteste Tochter einer holländischen Familie, welche sich vor mehreren Jahren in unserer Nachbarschaft ansiedelte. Das letzte Jahr brachten alle in Italien zu, gestern aber hörte ich, daß das Haus Rast wieder bewohnt sei. Wenn Du willst, machen wir bald einen Besuch dort. Van der Lohe's sind mir stets liebe Nachbarn gewesen; darum wird es passend jein, daß wir zuerst bei ihnen vorsprechen und Dich als meine junge Frau vorstklle."
„Ich werde gern mitfahren," entschied Felicitas; „wir kennen ja ohnehin noch fast Niemanden in der Umgegend. Doch bitte, beschreibe mir jene Familie etwas näher ober wenigstens die Dame, deren Namen Du vorhin nanntest."
„Da müßte ich doch eigentlich mit dem Hausherrn anfangen," sagte Baron Freidorf, „und hierauf erst die Anderen eine kleine Revue passiren lassen. Du
Wartung der in den Zählpapieren gestellten Fragen für sich selbst oder seine Haushaltungsgenosseu den geringsten Nachtheil zu befürchten; denn seitens des Königlichen statistischen Bureaus werden durch die Volkszählung gewonnene Nachrichten über einzelne Personen niemals veröffentlicht oder irgend wohin, auch nicht an Behörden, mitgetheilt. Ebenfowenig werden diese Nachrichten seitens der Steuerverwaltung oder sonst zu fiskalischen Zwecken ver- wer thet. Man kann sich versichert halten, daß die in die Zählkarten eingetragenen Nachrichten über das Alter, den Familienstand, die Stellung im Berufe u. s. w. gelegentlich der Bearbeitung des Zählungser- gebniffes lediglich in die statistischen Tabellen übergehen, in denen der einzelne Mensch nicht mehr erkennbar ist. Nach beendigter Auszählung werden die hier verbliebenen Zählkarten eingestampft.
Nächst den Haushaltungsvorständen und einzeln lebenden Personen mit besonderer Wohuung und eigener Hauswirthschaft sind es namentlich die Zähler, welche durch zweckmäßige Bertheilung der Zählpapiere, durch sachgemäße Prüfung und Ergänzung beim Wiedereinsammeln, sowie durch richtige Aufnahme der Wohnstätten, sehr viel zum Gelingen der Volkszählung beizutragen vermögen. Diese Männer walten eines Ehrenamtes und haben in Ausübung desselben die Eigenschaft öffentlicher Beamten. Dabei haben sie eine sehr viel größere Menge Zeit und persönlicher Mühwaltung aufzuwenden als die Empfänger der Zählbrirfe; sie sind allzeit bereit, auf Erfordern fehlende Formulare an die Haushaltungs- Vorstände ihres Zählbezirkes abzugeben und dieselben über etwa bei der Ausfüllung der Zählpapiere entstehende Zweifel aufzuklären. Möchten recht viele gemeinnützig gesinnte und befähigte Männer dieses für Staat und Gemeinde gleich wichtige Amt übernehmen!
Bei innigem Zusammenwirken der Behörden, der Zählkommissionen, der Zähler und der Bewohner selbst wird auch die bevorstehende Volkszählung wie die vorhergegangenen dem preußischen Staate verläßliche Auskunft über die Zähl und den gegenwärtigen Zustand seiner Bevölkerung geben. Das Königliche statistische Bureau aber wird keine Mühe scheuen, um zunächst die Hauptzahlen der Aufnahme, welche begreiflicherweise allgemein mit Spannung erwartet werden, so schnell tote möglich festzustellen und zur öffentlichen Kenntniß zu bringen, diesen dann aber das ausführliche Ergebniß der Zählung baldigst folgen zu lasfm.
Berlin, im November 1890.
Königliches statistisches Bureau.
Blenck.
magst mir später sagen, ob ich Dir von Allen ein zutreffendes Bild entworfen habe.
„Da ist also zunächst Mynheer van der Lohe. Eigentlich zeigt er nur den ausgeprägten Typhus des holländischen Volkes; seine Gestalt ist kurz und gedrungen, mit einem breiten, frischen Gesichte; etwas phlegmatisch im Wesen, aber dennoch klug und berechnend. So gutmüthig und liebenswürdig, wie er im Verkehre mit Änderen, ganz so ist auch seine Gattin, eine schon bejahrte Dame. Auf den ersten Blick scheint sie weit jünger als ibr Gemahl zu sein; dies rührt indeß von ihrer auffallend jugendlichen Kleidung her, welche ihr übrigens, beiläufig gesagt, sehr gut steht.
„lieber die jungen Damen darf ich mir wohl kein Urtheil erlauben. Du wirft dieselben sehen und kennen lernen, und es soll mich aufrichtig freuen, wenn Du an dem Umgang mit ihnen Gefallen fändest. Die ältere, Bertha van der Lohe, gilt als ein schönes Mädchen; ich sehe jedoch nie ihre Schwester, ohne der weh- müthigen Erzählung ihres Vaters zu gedenken. In einer vertraulichen Stunde enthüllte er mir, daß er sich nach der Geburt seiner ältesten Tochter etwas enttäuscht gefühlt habe, weil die Hautfarbe derselben blaß, ihr Haar tief schwarz gewesen sei. Und stets habe er später dem thörichten Wunsche nachgehangen, ein Kind zu besitzen, welches seiner damals bildschönen Gattin ähnlich sähe. Einige Jahre später wurde die