JV 265. Sonntag, den 16. November 1890. 17. Jahrgang
Fuldaer Zeitung.
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3MF" Zweites Blatt.
Zeitgemäße Plauderei. *)
Von den Dingen, welche zu einem ordentlichen Winter gehören, haben wir nun vorläufig eines, nämlich das Parlament. Aber Schnee und Frost fehlen uns noch. Mit einer gewissen Sehnsucht schaue ich nach ihnen aus, weil mir dieses lauwarme Nebelwetter bedenklich ungesund vorkommt. Es ist ja sogar schon das Wiederauftauchen der Influenza aus einigen Orten gemeldet worden. Vorige Woche glaubte ich auch schon die Aussicht zu haben, als bahnbrechendes Opfer der zweiten Auflage der Influenza in die Zeitung zu kommen; aber aus meinem Niesen und Husten wurde nichts weiter, als ein gewöhnlicher Schnupfen, der nicht die Aufmerksamkeit der Welt erregt, sondern bloß bei meiner Taschentuch-Wäscherin und meinem Cigarren- Lieferanten Beachtung gefunden hat. Welch' ein großartiges Aufsehen hat es dagegen „von Memel bis Trier" und noch etwas weiter erregt, als Herr Stöcker „verschnupft" wurde!
Doch was haben alle körperlichen und seelischen Verschnupfungen zu bedeuten angesichts der gewaltigen Nachricht, daß das Heilmittel gegen die Schwindsucht gefunden worden sei! Alle Achtung vor den fünf großen Reformgesetzen, die soeben dem preußischen Landtage vorgelegt worden sind; aber die Riesenarbeit, welche Caprivi und seine Genossen da leistet, ist doch nur eine nebensächliche Leistung, wenn man sie mit der Entdeckung Koch's zusammenhält. Wenn Dr. Koch 80 bis 90,000 Menschen alljährlich vom Tode rettet, so ist das ein viel größerer Segen, als alle Verbesserungen der Steuer- oder Gemeindeordnungen. Was helfen all' die Reformen Denen, die vor der Zeit in's Grab steigen müssen, oder den Angehörigen, die durch das Siechthum der Ihrigen um Glück und Gut gebracht werden? Nächst den Seelenärzten, welche die Menschen für das glückliche Jenseits retten, sind die größten Wohlthäter der Welt die Retter und Pfleger der Gesundheit; denn für alle Fortschritte der Kultur, für die ganze Entwickelung der Menschheit zum Schönen und Guten hin ist die Erhaltung der Gesundheit, die Stärkung und Verlängerung der Lebenskraft eine wesentliche Vorbedingung. Wenn Dr. Koch's Erfindung sich als so durchschlagend bewährt, wie die neuesten Meldungen besagen, so haben wir Hoffnung, daß dem Tode noch viel mehr Opfer entrissen werden, als die 90,000 Tuberkulosen, die ihm bisher verfielen. An das Heilmittel gegen den Tuberkelbazillus werden sich denn bald Heilmittel gegen die andern ansteckenden, durch Bazillen oder ähnliche
*) Nachdruck nicht gestattet.
Sonnenried.
Roman von Marga Brechten.
(13. Fortsetzung.) »
In dem Nebengebäude war es stille und traurig. Die bekümmerten Eltern saßen an dem Lager ihres Kindes. Ihre sorgenvollen Mienen hellten sich bei dem Eintritt der jungen Herrin und ihrer innigen Theil- nahme sichtlich auf. Hans hatte sich nicht äußerlich verletzt, aber sein verändertes Gesichtchen und das mühsame Athmen der kleinen Brust verriethen nur zu deutlich, daß der Fall nicht ohne schwere Folgen bleiben werde. Mit den brennenden Händchen griff er nach Felicitas Gabe und seine großen Augen blickten freudig lächelnd auf die bunten Blumen, welche ja auch zum frühen Tode gebrochen waren.
Bald darauf schied die junge Frau, begleitet von dem herzlichen Danke der Familie. Der Inspektor bat sie inständig, ihrem Gemahle seine Entschuldigung wegen des Vorfalles am Nachmittage zu übermitteln. Vom Unglück gebeugt, sind die Menschen ja so bereit zu vergessen, vielleicht auch hatte ein Blick auf die drei noch besetzten Kinderbetten dem Manne die Worte leichter gemacht.
~ Felicitas trat noch auf einen Augenblick in das Speisezimmer. Als sie von ihrem Gauge berichtet hatte, sagte Baron Freidorf: *
Keime hervorgerufenen Krankheiten anschließen. Die Sterblichkeitsziffer wird von Jahr zu Jahr erheblich zurückgehen. Welch' ein Gewinn für die Menschheit. Wir gewinnen nicht bloß die Arbeits- und Schaffenskraft Derjenigen, welche geheilt werden, sondern wir sparen auch all' die Mühen, Kümmernüffe, Kosten, welche bisher die Pflege dieser Kranken und Siechen veranlaßt hat. Als das Alters- und Jnvalidengesetz gemacht wurde, war man allseitig der Ansicht, daß die Altersrente Nebensache und die Invalidenrente die Hauptsache werden würde. Gestaltet sich aber die Bekämpfung der schleichenden Krankheiten so erfolgreich, wie es jetzt den Anschein hat, so wird sich die Zahl der Invaliden viel kleiner und die Zahl der Altersrentner viel größer gestalten, als man erwartet hatte. Die Kassenverwaltung würde mit diesem Wechsel sehr zufrieden sein.
Die Jahre folgen sich, aber sie gleichen sich nicht. Das Jahr 1870 ist unsterblich geworden, und wird dem Gedächtniß aller Schulkinder bis in die fernsten Zeiten einverleibt werden, weil es den gewaltigsten Krieg des Jahrhunderts brachte. Das Jahr 1890 wird allem Anschein nach auch unsterblichen Ruhm erlangen und zwar wegen zweier großer Friedenswerke: Sozialreform und Koch'sche Entdeckung.
Wenn sich die Hoffnungen auf das Koch'sche Verfahren erfüllen, so wird nebenbei noch eine Folge eintreten, die besondere Beachtung verdient. Die zünftige Medizin, d. h. die auf unfern Universitäten gelehrte medizinische Wissenschaft und Kunst wird plötzlich in großem Maßstabe an Popularität gewinnen. Und sie kann wahrlich einen Zuwachs von Ansehen und Vertrauen gebrauchen. Es gibt weite Kreise, die vor den zünftigen Aerzten eine arge Abscheu haben. Den Mißbrauch, den eine überwundene Epoche mit den sog. „allopathischen" Mixturen trieb, und die daraus sich stützende Reaktion der Homöopathie wirken bis heute noch. In neuerer Zeit ist die Lehre und die ärztliche Praxis viel solider und besser geworden; aber der große Zulauf, den „Naturheilkünstler" und ähnliche kecke Konkurrenten der Aerzte finden, zeigt doch fortwährend noch Mangel im Vertrauen, und zwar nicht bloß beim gewöhnlichen Volk, sondern auch in höher gebildeten Kreisen. Der Chirurgie ist es in viel höherem Grade als der inneren Medizin gelungen, durch imposante Erfolge sich neuen, höheren Respekt zu verschaffen. Das verlorene Terrain wird bie innere Medizin nun mit einem Schlage wieder einholen, und noch ein gutes Stück dazu gewinnen, wenn Dr. Koch zu Stande bringen sollte, was bisher kein freier Heilkünstler auch nur mit einem Schein von Erfolg ernsthaft zu unternehmen vermochte: die radikale Heilung der Schwindsucht.
„Ich glaube, die Frauen verstehen wenigstens in manchen Fällen das Richtige zu treffen. Ich bin übrigens ffoh über den Ausgang der Sache." Damit drückte er einen Kuß auf ihre Stirn und wünschte ihr herzlicher Gute Nacht als seit langer Zeit.
Noch lange nachher stand Felicitas an dem Fenster ihres Schlafgemaches. Ihr Herz war bewegt und von Dank erfüllt über das Gelingen ihres ersten Versuches. Sie betete innig, daß ihr der Muth und die Kraft während der ganzen Zeit ihrer Ehe niemals ausgehen möge. Es war eine milde, stille Frühlingsnacht, so schön und friedlich, als könne unter solchem Himmel weder Kampf noch Leiden wohnen. Da klang plötzlich ein leiser melodischer Ton durch die nächtliche Stille — Felicitas sank in die Knie, sie ahnte, was es sei, und betete für den, dem es galt. Und näher und näher kam der Ton, es war ein Glöckchen, dessen Stimme hell und mahnend klang, bis es langsam vorüberzog und sich hinter den Waldbäumen verlor. Pfarrer Werner spendete dem Kranken den letzten Trost, denn der Todesengel war früher gekommen, und Dorothe's Sonntag brach an.
6. Kapitel.
Haus K a ft.
Jedem ist sein Theil beschieden, Jedem, Allen;
Wenn wir Alle nur in Frieden Gott gefallen. Fr. Alfred Muth.
Zufällig fällt gerade zu Beginn der Antischwind- suchts-Aera die Volkszählung von 1890. Ob wir bei der nächsten Volkszählung, im Jahre 1895, die Wirksamkeit deS Koch'schen Heilmittels schon an der Höhe der Vermehrungsziffer werden spüren können?
Der mißtrauische Zug im Volkscharakter, dessen wir soeben in Hinsicht auf die zünftige Medizin erwähnt, wird auch recht drastisch illustrirt durch die Ansprache betreffs der Volkszählung, welche die statistische Behörde für nothwendig hielt. Aus dem Eifer, mit welchem dort der Ansicht entgegengetreten wird, daß die Volkszählung zu Steuerzwecken ober zu sonstigen Einwirkungen auf bie persönliche ober häusliche Verhältnisse ausgenutzt werben soll, muß man folgen, daß die beteiligten Zähler und Rechner schon viele Proben von dem Mißtrauen des Volkes haben kosten müßen. Unglücklicher Weise fällt nun in Preußen auf Mitte November die Erhebung der Klaffensteuerpflichtigen. Wenn vierzehn Tage später bie allgemeine Volkszählung folgt, so beförbert ber zeitliche Zusammenhang leicht ben Verbucht des innern Zusammenhangs. Bei ber vielgepriesenen Höhe ber mobemen Bildung sollte man allerdings erwarten, daß das Volk auch in seinen unteren Schichten sich klar geworden sei über Wesen und Zweck der Volkszählung. Aber die Vorstellung, daß der Staat bei Allem, was er thnt, es auf mehr Geld- oder Blutsteuer abgesehen habe, scheint an manchen Stellen unausrottbar zu sein. Da nun die Volkszählung wirklich das harmloseste Ding von der Welt ist, so wollen wir Alle gern mitwirken, um den befangenen Gemüthern klar zu machen, daß die Zählkarten und -Listen bloß dazu dienen sollm, um Summen zu bilden, daß aber keine Behörde sie benutzt, um in die Verhältnisse einer einzelnen Person oder Familie einzudringen. Ob die Leute, die da gezählt werden, Hinz oder Kunz heißen, ist ganz gleich- giltig; die Rechenkünstler wollen bloß wissen, wie viel Einwohner überhaupt da sind, wie viele 1, 2, 10, 20 u. s. w. Jahr alt sind, wie viel männliche und wie viel weibliche Personen, wie viel Katholiken, Protestanten, Juden oder Heiden vorhanden sind u. bergt mehr.
Früher, als noch bie Matrikular-Beiträge gezahlt werden mußten, ohne daß das Reich etwas herausgab, hatte der Finanz Minister des Einzelstaates ein gewisses Interesse daran, daß nicht zu viel Einwohner in seinem Staate vorhanden seien, denn die Matrikular- Beiträge wurden nach Maßgabe der Bevölkerung aufgebracht; der dichtbevölkerte Staat mußte also mehr zahlen, als der dünn bevölkerte. Jetzt liegt die Sache anders. Allerdings werden noch immer die Matriku- lar - Beiträge nach dem Verhältniß der Bevölkerung berechnet, aber das Reich hat durch die neuen
XV.
Die Zeit, welche zwischen dem ersten Frühlingstage ihrer jungen Ehe und den nachfolgenden Ereig- niffen lag, war vielleicht die glücklichste, deren sich Felicitas später zu erinnern vermochte.
Zwar legte sich noch oft, nachdem das Eis schon gebrochen, eine unsichtbare Schranke zwischen sie und ihren Gatten, und ebenso häufig drohte das frühere kühle Verhältniß einzutreten. Es gelang ihr jedoch immer, bie Wolken von seiner Stirne zu verscheuchen, und ihre gleichmäßig freundliche Miene schien seine stets seltener werdende üble Laune gar nicht zu bemerken. Ja zuletzt kam es Felicitas vor, als ob es wirklich auch im bildlichen Sinne Frühling auf Freidorf geworden sei und als ob jedes Gesicht mehr und mehr den Stempel innerer Fröhlichkeit trage. In der That hatte sie durch den Baron auch auf bie übrigen Schloßbewohner eingewirkt; Alle waren heiter gestimmt, die Furcht vor seiner früheren, jähen Heftigkeit verlor sich allmählich; bann und wann wußte man sogar von einem Scherzwort zu erzählen, bas wie ein vereinzelter Sonnenblick unter die Leute gefallen war unb ihnen bie Arbeit für ihren Herrn leichter gemacht hatte.
Eines Morgens betrat Felicitas zu ftüher Stunde den Garten. Als sie denselben wieder verließ, bemerkte sie den Baron, welcher eben im Begriffe war, sein