JNf 264.
Samstag, den 15. November 1890.
1?. Jahrgang
Fuldaer Zeitung
Druck u. «erlog der Fuldaer Actieaoructere» (L. T.llmaaa).
Für die Redaction vcrantwortlicb: Ludwig Dcibcl '.u Fulda.
k.
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Deutsches Keich.
Berlin, 13. November.
* Beide Häuser des Landtags hielten heute Sitzungen ab. DaS Abgeordnetenhaus wählte sein bisheriges Präsidium wieder, worauf Ministerpräsident v. Caprivi die Gesetzentwürfe, betr. die Einkommensteuer, die Erbschaftssteuer, die öffentliche Volksschule, die Novelle zum Huene'schen Ueberweisungsgesetz und die Landgemeindeordnung vorlegte und begründete. Die Regierung hofft auf die Verabschiedung sämmt- licher Vorlagen in dieser Session. DaS Zustandekommen der Entwürfe sei ein Autes Zmgniß für unser Beamten- thum, das sich damit wieder als die sichere und bewährte Stütze der Monarchie erwiesen habe. Den Steuervorlageu liege ein großartiger, weit über den Rahmen der Vorlage hinausgehender Plan zu Grunde, der uns noch auf Jahre hinaus beschäftigen werde. Die Steuervorlagen bezwecken keine Einnahmever- mehmng, die Mitwirkung deS Landtages bei der Verwendung der Mehrerträge sei gesichert. Das Volksschulgesetz schaffe für die Volksschule eine neue Basis in den Gemeinden und Gutsbezirken. Damit hängt die Novelle zum lex Huene zusammen, welche die Gemeinden hinsichtlich der Schulbaukosten weiter entlastet. Die Landgemeindeordnung endlich will die Gemeinden stärken, leistungsfähig machen und ein reges kommunales Leben fördern. Die Vorlagen, führte Herr v. Caprivi weiter aus, seien zwar nicht auf die Bekämpfung staatsfeindlicher Besüebungeu zugeschnitten, aber sie würden dennoch eine soziale Bedeutung haben, indem sie indirekt zur Stärkung des Staates beitragen. Die Liebe zum Staat werde auch durch die Liebe zur Gemeinde gewonnen. Das Zusammenhelfen aller staatserhaltenden Elemente werde heute immer nothwendiger. Was seien Parteidifferenzen über Deklarationspflicht, über Zusammenlegen von Landgemeinden und Gutsbezirken im Vergleich zu den Fragen, die den Staat vor Sein und Nichtsein stellen. Herr v. Caprivi schloß mit einem warmen mit lebhaftem Beifall auf- genommenen Appell an das Vaterlandsgefühl. Nächste Sitzung Donnerstag, den 20. November. Erste Lesung der Einkommensteuervorlage. — Das Herrenhaus hielt eine kurze Geschäftssitzung ab. Eine ebensolche findet morgen statt.
* Der Kaiser nahm an der vorgestrigen Be- rathung des LandeSökonomie-KollegiumS theil und nahm hierbei Gelegenheit, sich des Längeren über die land- virthschaftlichen Arbeiter und Arbeitgeber und das Verhalten derselben hinsichtlich der Schutz« Msaßregeln an den landwirthschaftlichen Maschinen auszulassen. So erwähnte der Kaiser u. A.: „Aus den ihm regelmäßig vorgelegten Rap-
Sonnenried.
Roman von M a r g a B r e ch t e n.
(12. Fortsetzung.)
XIV.
Graue Dämmerung lag über der Haide, als Felicitas leichten Fußes die Schloßtreppe hinaufeilte. Sie legte die Blumen achtlos in ihr Wohngemach, ordnete ihren Anzug und schritt wieder hinuter, dem Speisesaale zu. Vor der Thüre preßte sie die Hand auf das klopfende Herz, — es bangte ihr vor deni unbeweglichen Gesichte ihres Gatten. Dennoch wollte sie das Eis brechen, heute noch, ehe die Entfremdung zwischen ihnen noch größer werden würde.
Baron Herbert stand am Kamin, als seine junge Frau eintrat. Er hatte den Arm auf den Sims gestützt und wandte beim Oeffnen der Thüre das Gesicht nach ihr um, mit einem so kalten Ausdruck, als sei Niemand eingetreten.
Felicitas erschauderte. Sie nahm einen Sessel und begann ein Gespräch anzuknüpfen; seine Antworten fielen indeß so kurz und spärlich aus, daß sie ihren Unwillen kaum zu bemeistern vermochte. Endlich kam der Diener und erlöste sie durch die Meldung, daß der Abendtisch servirt sei. Zu gleicher Zeit erschienen die Zeitungen und der Baron hatte nichts Eiligeres
Porten habe er zu seinem Bestemden ersehen, daß eine größere Anzahl zumal weiblicher Bediensteter im landwirthschaftlichen Betriebe verunglücke, und eS sei deshalb nothwendig, auf die Vermeidung solcher Unglücksfälle eine verschärfte Achtsamkeit zu verwenden. Wie er schon im vorigen Jahre im landwirthschaftlichen Verein habe mittheilen lassen, fei er nicht geneigt, bei der Bestrafung der für solche Unglücksfälle haftbaren Unternehmer irgendwie Gnade eintreten zu lasten, wo eine strafbare Fahrlässigkeit vorliege. Bon dem meist ungebildeten landwirthschaftlichen Arbeiter könne man uicht verlangen, daß er seine eigenen Interessen und die Sicherung seiner Existenz ohne Rücksicht auf feine .eigene Bequemlichkeit bei der Ausführung seiner Arbeiten wahrnehme. Dem Leichtsinn und der Unachtsamkeit dieser Arbeiter müste durch eine ftrenge Aufsicht der verantwortlichen Arbeitgeber gesteuert werden und erwarte er in dieser Beziehung von den Beschlüssen des Kollegiums die besten Folgen."
* Ueber die am 4. Dezember zusammentretende Kommission für die Reform des höheren Schulwesens gehen eine große Anzahl von Mittheilungen durch die Presse, in welchen immer neue Namen der zu berufenden ober bereits berufenen Mitglieder auftauchen. Nach einer Zusammenstellung im ,Ham. Corr/ sind von der Kommission, welche aus 44 Mitgliedern besteht, bisher folgende 30 bekannt: Die Geheimräthe Schrader-Halle, Hinzpeter-Bielefeld und Graf-Elberfeld; die Gymnasial- Direktorm Eitner • Görlitz, Schiller-Gießen, Pähler- Wiesbadm, Jäger-Köln, Matthias-Düsseldorf, Schwartz vom Lui senstädtischen Gymnasium in Berlin und Schulz vom französischen College in Berlin; außerdem die Schuldirektoren Schauenburg - Crefeld , Holzmüller- Hagen, Matzak-Weilburg, Fricke-Halle, Schlee-Altona und Fiedler-Breslau; ferner die DDr. Kropatscheck von der Kreuzzeitung und Göring von der Neum deutschen Schule; die Professoren Paulsen, Zeller, Helmholz, Dr. Güßfeldt, der Abg. Schenkendorf; ferner Herr Frowein, Kurator des Gymnasiums zu Elberfeld , Fürstbischof Dr. Kopp und Ober - Schulrath Albrecht-Elsaß, Oberlehrer Hornemanu-Hannover und Graf Douglas; Professor Virchow und Dr. Schottmüller ans Rom. Die ,Köln. Ztg.' erfährt außerdem, daß der Abt Uhlhorn des Klosters Loccum als Vertreter der evangelischen Geistlichkeit eingeladen worden ist, an den Berathnngen theilzunehmen. Außerdem ist in der Zusammenstellung der .Hamburger Nachrichten' der Abg. Frhr. v. Heereman vergessen. Soweit man hört, dürfte Minister von Goßler den Vorsitz bei diesen Berathungen führen, soweit die Landtagsarbeiten nicht seine Anwesenheit im preußischen Abgeordnetenhause erforderlich machen. Die Kommission wird voraussichtlich mehrere Wochen tagen.
* Im Foyer des Abgeordnetenhauses war heute
zu thun, als sich in die Tagesblätter zu vertiefen, und zwar mit einer Miene, welche jede Störung bestimmt abzuweisen schien.
Bald war die Tafel abgeräumt. Die beiden Gatten sahen sich wieder allein im Speisesaale, wo man nach alter Sitte den Abend verbrachte. Der Hausherr nahm seine Zeitungen von Neuem auf und schritt einem entfernten Ecktische zu, während seine Frau eine Stickerei entrollte. Ihre Finger zitterten und ihr Athem flog. Sie wartete und wartete, ob Herbert nicht ein freundliches Wort zu ihr sprechen würde. Endlich kam sie zu der Ueberzcugung, daß er es nicht thun werde, wenn sie auch bis zum anderen Morgen darauf harren würde. Sie stützte den Kopf in die Hand und dachte nach, dann aber erhob sie sich — o Gott! wie lang erschien ihr der Weg nach dem kleinen Tisch, als sie zagend über den Teppich ging, gerade auf ihn zu! Sie stand jetzt dicht vor ihm, ohne daß er sie zu bemerken schien. Sich langsam niederbeugend, legte sie ihre kleine Hand aus die Seite, welche er aufgefchlagen hatte, und fragte mit stockender Stimme:
„Lieber Herbert, Du bist heute Abend so ernst, fehlt Dir Etwas?" Er lachte rauh auf und sagte in bitterem Tone:
„Was sollte mir denn sein? Habe ich nicht Alles,
die Nachricht verbreitet, daß Minister I. Lucius sein Abschiedsgesuch eingereicht habe.
* Zur Würzburger Reichstagswahl schreibt die ,Köln. Vztg.': „Die Heißsporne, welche da meinten, der Thurm des Centrums sei so leicht nieder zu werfen, haben sich von ihrem Jrrthum überzeugt und — werden nun doppelt arbeiten." Also Hr. Liebknecht im Volksblatt. Der „Heißsporn", der auf dem Parteitag in Halle dem Gentrum den Krieg erklärte und den Centtumsthurm schon wackeln sah, war bekanntlich Hr. Bebel, der sich jetzt von seinem Freunde Liebknecht in obiger Weise belehren lasten mutz; weiter Hr. Blos, der ebenfalls in Halle große Worte machte, und endlich das Volksblatt selbst, das am 15. Oktober den Sturz des Würzburger „wackeligen Thurms" in Aussicht stellte. In der ,Fränk. Tagespost' bespricht Hr. Grillenberger die Würzburger „Wahlschlacht". Er ist über die Niederlage höchst unwirsch und schimpft ganz greulich auf die „Pfaffen". „Wer da Gelegenheit hatte, die Thätigkeit der Geistlichen in den letzten vierzehn Tagen zu beobachten, der kann über den Ausgang des Wahlkampfes nicht überrascht sein. Mit solchem Hochdruck haben die Pfaffen auf der Kanzel, im Beichtstuhl (?), in den Schulen (?), in den Vereinen, in Wohlthätigkeits-Anstalten, am Krankenbett (!), kurz in allen ihnen zugänglichen Instituten selbst in der Blüthezeit des Kulturkampfes nicht gearbeitet wie bei dieser Wahl." „Wir warm wehrlos gegen die Pamphlete, welche den Wählern dm blühendsten Unsinn, in provocirmdster Weise, immer in anderer Form, täglich, ja stündlich wechselnd vorgesetzt haben." Merkwürdig, höchst Merkwürdig! Erst wird in Halle dem Gentrum den Krieg erklärt und Würzburg wird als die erste zu erobernde Veste bezeichnet. Grillenberger aus Nürnberg, Vollrnar und Birk aus München, also die bayerischen sozial-demokratischen Hauptführer, reisen mit zahlreichen Reisigen aus Nümberg, Fürth, Frankfurt a. M. gen Würzburg, um die Cmttumsburg zu ierennen. Und da sie nun mit argen Verlusten zu« rückgeschlagen worden sind, Lagen sie über „Wehrlosigkeit" und rächen sich noch dadurch, daß sie den gewählten Centrums-Abgeordneten Neckermann als ein „willenloses Werkzeug der Pfaffen" bezeichnen. Haben die Herren etwa geglaubt, das Centrum werde ihnm den Wahlkreis ohne Schwertstreich ausliefern? Die Herren haben dm Krieg gewollt, nun sollen sie ihn haben. Dabei hüten wir uns aber wohl, die Stärke des Gegners zu unterschätzen. Gewiß, der Sturm ist glänzend abgeschlagen; aber es handelt sich nur um einen einzelnen Fall, um einen Wahlkreis mit verwickelten Parteiverhältnissen. Die Sozial-Dernokratm werden wiederkommen, vielleicht an anderer Stelle, und werden, gewitzigt durch die Würzburger Lehre, klüger verfahren. Deshalb gilt es nach wie vor, das Pulver was ich brauche: Weib und Kind, Haus und Hof? Hast Du übrigms in all den Wochen und Monaten je darnach gefragt, ob mir etwas fehlen könnte?"
Sie verschluckte die aufsteigenden Thränen, schmiegte sich neben ihn in den Keinen Divan und legte dm Arm um seinen Hals.
„Nein, Herbert, ich habe es nicht gethan. Aber wenn ich es jetzt thue, aus vollem, warmem Herzm, so wirst Du mir antworten als Deiner Frau, die Dir einst und stets vertraut und der Du nie unfreundlich zu begegnen gelobt hast."
„Gelobt? O, sprich das Wort nicht aus! Es fällt so schwer, immer an das zu denken, was man in Stunden der Erregung und Uebereilung gelobt hat."
„Nun gut, so will ich versprochen sagen," erwiderte sie mit bebenden Lippen und legte beschwichtigend die Hand auf seinen, wie zur Abwehr irgend einer düsteren Erscheinung emporgehobmm Arm. „Komm' jetzt und sprich zu mir."
Er war ärgerlich über ihre Hartnäckigkeit und fragte ungeduldig: „Was wünschest Du denn eigentlich zu wissm?
„Ist Dir am Nachmittage etwas begegnet, was Dich noch ernfter stimmte als sonst?"
„Nichts von Bedeutung. Ich war nur ein wenig