Einzelbild herunterladen
 

M 262.

Donnerstag, den 13. November 1890.

17.Ichrzmg

Fuldaer Zeitung

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Dcibc! in Fulda.

Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen.

Inserate kosten die einspaltige Zelle oder deren Raum

15 Psg., »ei Wi^-rholnngen e^ttvr-ckender Rabatt.

___A

■X.:'

M .'M

Druck u. Berlag der Fuldaer Acttenoruckerei (A. TiLamaa).

Bierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringer­lohn und Bestellgeld mit der

bellettistischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

----

Deutsches Keich.

Berlin, 11. November.

* Zur schleunigen Verbreitung der Thronrede bei Eröffnung deS preußischen Landtages am 12. November sind von dem Reichs-Postamt besondere Vorkehrungen getroffen. An den von Berlin ausgehenden Telegraphen­linien sind gewiffe größere Telegraphen-Anstalten zu sogen. Sammelämtern eingerichtet worden. Diesen wird von dem Haupttelegraphenamt in Berlin die Thron­rede alsbald nach der Verkündigung im Weißen Saale mittelst eines besonderen Apparates, des Wheatstone- Schnellschreibers zu ein und derselben Zeit übermittelt; vorher schon erhalten sie eine Mittheilung darüber, nach welchen Orten und für welche Empfänger sie die Thronrede weiter befördern sollen. Damit dieses gleich­zeitig nach den in den verschiedensten Leitungen be- legenen Orten geschehen kann, wird die Thronrede bei den Sammelämtern sofort nach ihrem Eingänge aus Berlin hektographisch vervielfältigt. Es ist Vorsorge getroffen, daß am 12. in der Zeit von 10 Uhr Vorm. bis 1 Uhr Nachm. die Beamtenkräfte ausreichend ver­stärkt und die Apparate von den geübtesten Beamten bedient werden, und daß zur Vermeidung von Störun­gen alle Arbeiten an den Telegraphenlinien während jener Stunden auf den Strecken ruhen. Auf diese Weise wird es erreicht toerben, daß die Thronrede in der möglichst kürzesten Zeit auch nach dem lleinsten an das Telegraphennetz angeschlossenen Orte gelangen kann.

* Reichstagsprüfident d. Levetzeio hat ein Rund­schreiben an die Mitglieder des Reichstags erlassen, wonach die Plenarsitzungen zwischen dem 25. und 27. d. Mts. spätestens aber am 2. Dezember wieder aus­genommen werden.

* Italienische Telegramme bestätigen, daß bei den Konferenzen zwischen Caprivi und Crispi in Mailand auch wirthschaftliche Fragen berührt worden sind. Deutscherseits soll es sich um Zugeständnisse für die Einfuhr italienischen Weines und anderer Bodenprodukte handeln.

* Die Einstellung größerer Mittel für die Fabrik- Znsprktian in ben nächsten Etat dürfte den ersten Schritt zur Durchführung einer planmäßigen Reor­ganisation dieses Instituts für Preußen bilden. Als allerdings nur schrittweise zu erreichendes Ziel derselben möchte eine der Organisation der Medicinal- und Bau­verwaltung analoge Einrichtung der Fabrikinspektion gelten dürfen. An Stelle der Gewerberäthe, welche die Funktion der gewerbetechnischen Beiräthe der Provin­zialbehörden und die übliche Aufsicht verbinden, wür­den zwei Kategorien von Beamten treten. Gewerbe-

Sonnenried.

Roman von Marga Brechten.

(10. Fortsetzung.)

5. Kapitel. -

Gin Gang über btt Haidt.

Die Haide hörte ich flüstern

Ihr. frommes Nachtgebet;

Es hatten die Wolken, die düstern,

Der Sonne Schein verweht. — Noch einmal tönte ferne Das Aveglöckchen nur;

Dann aber beim Licht der Sterne Sttll träumten Berg und Flur.

G. v. d. Heide.

XII.

Es giebt Nichts auf Erden, das nicht über kurz oder lang seinen Reiz für uns verliere, und kein Wechsel greift so bedeutsam in unser Leben ein, daß nicht einmal die Zeit käme, wo wir das gewonnene glänzende Gut mit gleichgültigen Augen betrachteten.

So ging es auch auf Freidorf. Noch deckte der Schnee die kahle Erde, als Alles im Schlosse wieder seinen gewohnten Gang ausgenommen hatte. Die Räume des Hauptgebäudes und der Wirthschaftshüuser waren besucht, Park und Garten durchwandert roorben.

übrigen Bewohner kehrten zu ihren stüheren Be­schäftigungen zurück, die Neuvermählten aber fragten sich: Was nun? Warum mochten sie überhaupt ein­ander angehören?

räthe, und in Bezirken mit geringer Gewerbethätigkeit Gewerbeassessoren, sollen den Provinzialregierungen als technische Mitglieder eingeordnet werden, und unter der Provinzialbehörde soll die erforderliche Zahl von Lokalbeamten der Gewerbeinspektion die Aufsicht und Kontrole führen. Eine solche Einrichtung würde die Möglichkeit gewähren, damit die jetzt theils von be­sonderen Beamten wahrgenommenen Dampfkeffelprüfnn- gen zu verbinden; endlich dürfe auch der Hoffnung Raum gegeben werden, daß die Berufsgenossenschaften sich dieser Organisation zur Wahrnehmung der ihnen obliegenden Aufsichtsgeschäfte bedienen und so die Viel­fältigkeit der Kontrole beseitigt werden würde.

* Ein neues Reglement für die erste juristische Prüfung ist durch das.Justizministerialblatt' veröffent­licht worden. Die Zahl der Prüfungskommissionen ist die alte geblieben. Zu Mitgliedern der Prüfungs­kommission sollen vorwiegend Richter und Universitäts­lehrer bestellt werden. Der Vorsitz wird stets einem richterlichen Mitgliede übertragen. Bei Ernennung der Mitglieder, die nur auf ein Jahr erfolgt, ist dem Minister der geistlichen rc. Angelegenheiten eine her­vorragende Rolle übertragen, denn er soll nicht nur die Universitätslehrer allein ernennen, sondern auch bei der durch den Justizminister erfolgenden Ernennung des Vorsitzenden und der übrigen Mitglieder gehört werden. Den Mitgliedern werden bei ihrer Berufung als Gegenstände der mündlichen Prüfung bestimmte Disziplinen zugewiesen, doch müssen sie im Bedürfniß- falle auch für andere Disziplinen eintreten. Die ein­zelnen Prüfungen sind von 4 (bisher von 3) Mit­gliedern, einschließlich des Vorsitzenden, abzunehmen. Unter ben zugezogenen Mitgliedern sollen sich in der Regel zwei Universitätslehrer befinden. Dem Univer­sitätszeugnisse hat der Kandidat die Zeugnisse Über den Besuch der seminaristischen und sonstigen Uebungs- vorlesungen beizulegen und im Lebenslauf die Dis­ziplinen anzugeben, denen er etwa vorzugsweise Fleiß und Interesse zugewendet hat: auch soll er dabei an­geben, ob, während welcher Zeit und wo er seiner Militärpflicht genügt hat; ferner kann er seine auf den ©enthuren rc. verfaßten schriftlichen Arbeiten beifügen. Eine Zurückweisung des Gesuchs durch den Vorsitzen­den der Prüfungskommission, welche für sämmtliche Prüfungskommissionen gilt, hat zu erfolgen, wenn der Kandidat nicht während der ganzen vorgeschriebenen Studienzeit bei der juristischen Fakultät eingeschrieben war oder wenn er sein Studium nach den Zeugnissen so wenig methodisch eingerichtet hat, daß dasselbe als ein ordnungsmäßiges Rechtsstudium nicht angesehen werden kann. Die Prüfung ist wie bisher erst eine schriftliche, sodann eine mündliche. Bei der schriftlichen

Es war ungewiß, welchem von Beiden diese pein­liche Frage eigentlich zuerst gekommen, gewiß aber war, daß sie Felicitas am meisten bedrückte. Sie stand indeß jedem von ihnen gleichsam auf der Stirne geschrieben; sie lasen das „Warum" in dem kalten Blicke, mit dem sich ihre Augen zufällig trafen, sie hörten es in der lautlosen Stille, welche immer häufiger eintrat, da ihnen der Gesprächsstoff meistens mangelte.

Den Baron schien dies Alles nicht zu berühren, — er lebte ja fort in dem alten Geleise. Früh Morgens koppelte er seine Jagdhunde los und zog mit denselben querfeldein; war das Wetter zu un­günstig, so nahm ihn das Bibliothekzimmer für den größten Theil des Tages auf. Die junge Schloßherrin aber stand sinnend am Fenster, horchte auf das sich entfernende Gebell der Hunde, oder dachte, wie viele solcher endlosen, einsamen Stunden und Tage wohl ein gewöhnliches Menschenleben ausmachen würden.

Es hatte eine Zeit für sie begonnen, so trübe und einförmig, daß sie am besten mit der baumlosen Oede verglichen werben konnte, welche sich zu ihren Augen ausbehnte. Zum zweiten Male in ihrem jungen Leben fühlte sich Felicitas vereinsamt unb überflüssig. Ihr Gatte kürzte bas Zusammensein mit ihr merklich ab, wahrscheinlich war er ihrer schon mübe. Worüber hätten sie sich auch unterhalten sollen? Herbert schien manchmal so finster unb verschlossen. Nie sprach er von seiner verstorbenen Gattin, noch erwähnte er

Arbeit, bie binnen sechs Wochen abzugeben ist, kann sich der Kandidat die Disziplin wählen. Was man hier und an den anderen Orten unter Disziplin zu verstehen hat, sagt das Reglement nicht; nach dem früheren Reglement standen dem Kandidaten zur Wahl offen: Zivilrecht, deutsches Privatrecht, Handelsrecht, Kirchenrecht, Zivilprozeß und Strafrecht. Die Prüfung soll in Zukunft stets, nicht nur nach dem Ermessen des Vorsitzenden, für Studirende der Rechtswissenschaft und Rechtskandidaten eine öffentliche sein. Bei Stimmen­gleichheit galt bisher bie Prüfung als nicht bestanden, jetzt soll der Vorsitzende den Ausschlag geben. Wer die Prüfung nicht bestanden hat, soll, wie bisher, auf ein Jahr, wobei er ein Semester auf's neue die Uni­versität besuchen soll, zurückgewiesen werben, boch kann durch einstimmigen Beschluß der Kommission unter Erlaß des weiteren Universitätsstudiums die Wieder­holung auf die schriftliche oder auf die mündliche (bis­her nur auf die mündliche) Prüfung beschränkt und die Zeit der Zurückweisung auf 6 Monate ermäßigt werden.

* Der deutschen Ausfuhr nach den Bereinigte» Staaten droht eine neue Erschwerung, die aber viel­leicht, wie in England, die umgekehrte Wirkung hat, daß sie unsere Ausfuhr fördert, statt zurückdrängt. Vom 1. März 1891 ab müssen nämlich dem ,Konf.' zufolge sämmtliche für die Vereinigten Staaten be­stimmten Waaren deutlich gestempelt ober in lesbaren englischen Worten etitettirt sein, um das Laub zu be­zeichnen, aus welchem sie kommen Wenn dies nicht geschieht, sollen biese Artikel in den Bereinigten Staaten nicht eingelassen werden. Es müssen also vom 1. März ab alle deutschen, nach ben Vereinigten Staaten gehen­den Waaren mit dem Stempel „made in Germany* versehen sein.

* Mit Genehmigung des Kaisers wird bie Ent­scheidung über ben in biesem Jahre zu ertheilenden Preis für deutsche Dichtkunst (sog. Schillerpreis) erst in einiger Zeit bekannt gemacht werden.

* Trier, 10. Nov. Der Centrums - Abgeordnete Professor Dr. Mosler ist in die Unterrichtsreform- Kommission berufen worden.

* Von der Uneinigkeit im sozialistischen Lager in der Rheinpfalz gibt folgende Bemerkung desSozia- listen-Organs.Volksstimme' Zengniß: „Einen schlim­men Feind haben wir, und dieser Feind ist in unseren Reihen. Blicken wir doch auf einzelne Ortschaften, besonders der bayerischen Pfalz, hin, und wir finden, baß bie ewigen Eifersüchteleien, ber Ehrgeiz unb die moralische Schwäche mancher Personen, bie sich ben Ehrennamen Sozialbemokraten geben, bas größte Hemm- niß für unsere Agitation sind." Und in einer jüngst

seines Sohnes. Sie aber wußte ihm noch weniger mitzutheilen. Ihre Pensionserinnerungen oder. das stille Leben im Vaterhause konnten für ihn kein In­teresse haben. Ein einziges Mal hatte sie der Zeit auf dem russischen Gute gedacht — da aber war eine solch' tiefe Falte zwischen seinen mächtigen Brauen entftanben, daß sie erschrocken den Faden verlor. Was mochte sein stolzer Geist dort erlitten haben? Die schöne Fürstentochter hätte wohl hierauf die beste Ant­wort zu geben gewußt.

Bei einem Versuche, die Leitung des ausgedehnten Hauswesens zu übernehmen, stteß die junge Frau auf ein weiteres Hinderniß. Frau Schüßler stehe dem­selben jo seit zwanzig Jahren zur größten Zufrieden­heit vor, meinte Herbert; eine fremde Einmischung sei da überflüssig; ja, sie könne sogar am Ende den Frie­den des Hauses stören, fügte er bedeutsam hinzu.

Felicitas traten die Thräuen ins Auge, aber sie wagte ferner keinen Einwand und machte von nun an auch keinen Versuch mehr, dem Baron näher zu kom­men. Man hatte genau so gelebt vor ihrer Ankunft und zeigte ihr nun deutlich, daß man es nach derselben ebenso könne und thue.

Sie weilte an fremder Stätte, war wiederum ber überläftige Zweig, ber nicht Wurzel schlagen konnte; beim ben Weg zu dem Herzen ihres Gatten fanb sie nicht.