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Mittwoch, den 12. November 1890.
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Fuldaer Zeitung
Druck u. Verlag der Fuldaer Actreuoructere» (A. DLruaau).
Für die Redacüon verantwortlick: Ludwig Dcibcl '.u F^lda.
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* Ueber Stöcker's Abschied
schreibt eine Berliner CentrumS-Korrespondenz:
Es ist außerordentlich rasch mit der Hof- und Dompredigerschaft Stöcker's zu Ende gegangen. Am Dienstag meldete der .Reichsanzeiger' die Berufung deS Kon- fistorialraths Dryander zur Stellvertretung deS erkrankten Oberhofpredigers Dr. Kögel als Schloßpfarrer. Am Mittwoch wußten liberale Blätter von einem Entlassungsgesuch des HofpredigerS Stöcker zu melden, der als nächster Stellvertreter, dem Dienstalter nach, hätte in Betracht kommen müssen. Am Donnerstag wurde von anderer Seite hinzugefügt, auch Hofprediger Schrader habe seine Entlassung angeboten und heute (Freitag) berichtet die ,Kreuzztg.', Stöcker's Entlassungsgesuch sei genehmigt, er werde also demnächst in den Ruhestand treten; auch Schrader's Gesuch sei bewilligt, dieser aber dürfte wohl ein anderes geistliches Amt erhalten.
Die Entscheidung ist so rasch erfolgt, daß das Interesse an dem Verbleiben Stöcker's im Amte an der maßgebenden Stelle nur ein sehr geringes gewesen sein kann. Die Frage nach den Gründen für Stöcker's Sturz — von Herrn Schrader wird man wohl vielfach sagen müssen: mitgegangen, mitgehangen — wird klipp und klar nicht leicht zu beantworten sein. Bekanntlich hat er schon wiederholt gewackelt". Abgesehen davon, daß Fürst Bismarck ihn anfangs der achtziger Jahre auf Grund des Sozialisten - Gesetzes hat aus Berlin ausweisen lassen wollen, hat Kaiser Friedrich, wie konservative Blätter jüngst erzählten, noch als Kronprinz von San Remo aus bei seinem Vater die Entlassung Stöcker's betrieben; es trat aber der Tod dazwischen. In den „99 Tagen" soll Stöcker sein Verbleiben im Amte nur dem Fürsten Bismarck zu verdanken gehabt haben. Im vorigen Jahre wurde er durch den jetzigen Kaiser vor die Wahl gestellt, entweder sein Amt oder die politische Agitation aufzugeben, worauf der „neue Luther" bekanntlich das Amt vorzog.
Als Kaiser Wilhelm II. zur Regierung kam, ließen Stöcker und seine Freunde es sich schwerlich träumen, daß die Dinge sich so bald wenden würden. Wenigstens »ar die konservativ-orthodoxe Presse voll Hochgefühl. Sollte doch die Kaiserin dem Hofprediger ganz besonders gewogen sein und war doch der Kaiser als Prinz Wilhelm auf jener berühmten „Waldersee-Ver- sammlung" vom 28. November 1887 in Sachen der Stöcker'schen Stadtmission erschienen, welche so sehr den Zorn des Fürsten Bismarck erregte, daß seine Presse gegen die „Stöckerei und Muckerei", sowie gegen das Hineinziehen des Königshauses in das politische Parteigetriebe zu Felde ziehen mußte. Und jetzt erhält der damalige Held des Tages prompt und nett sein Ent-
Sonnenried.
Roman von Marga Brechten.
(9. Fortsetzung.)
X.
Felicitas war allein. Die zierliche Kammerjungfer schlüpfte aus dem Gemache, nachdem sie noch die schweren Vorhänge zügezogen und ihrer Gebieterin respektvoll „Gute Nacht" gewünscht hatte.
Aber diese konnte noch nicht schlafen. Sie trat zu einem Keinen Seitenttsche und öffnete die darauf liegenden Kästchen und Packete; sie mthielten die zu ihrer Hochzeit aus der Heimath gesandten Gaben. Da waren werthvolle Bücher mit lieben Segensworten von des Vaters Hand nebst seinem wohlgetroffenen Bilde; sie küßte es und strich bewundernd über die köstlich feinen Stickereim, welche die kunstgeübtm Hände der Schwestern für sie gearbeitet hatten. Daneben ruhte ein Etui von Tante Jofephe: Es zeigte ein mit Perlen befetztes Medaillon, das der verstorbenen Mutter Bild umschloß.
„O Mutter, umschwebe Dein in der Fremde weilendes Kind und erflehe ihm Segen!" schluchzte Felicitas, indem sie auf ihrem Betfchemel niederkniete. Dann betete sie lange und innig, daß Gott ihr Kraft gebm wolle auf ihrem neuen Lebenswege und sein Engel sie begleiten wolle auf der ungewohnten Bahn.
lasiungsgesuch bewilligt! Daß man an höchster Stelle allmählig eine andere Meinung von Stöcker gefaßt, ließen schon 1888 Graf Douglas und Dr. Hintzpeter in Reden und Broschürm erkennen, worin sie jede Hinneigung des Kaisers zur „Stöckerei" bestritten.
Was mag diesen Umschwung der Meinung veranlaßt haben? Zunächst darf man wohl annehmm, daß die verantwortungsvolle Stellung als Staatsoberhaupt eine andere Stellung zu einem so ausgesprochenen Parteimanne augezeigt erscheinen ließ, als sie ein einfacher Prinz einnehmen konnte. Damit gewann man zu gleicher Zeit wohl ein schärferes Auge für die zahlreichen Blößen, die Stöcker sich gegeben, für seine Taktlosigkeit und seinen konfessionellen Fanatismus. Der widerwärtige Zank mit seinen Amtsbrüdem, seine Ungenauigkeiten, welche von seinen Feinden als Lügen und Falscheid hingestellt wurden, konnten sein Ansehen nicht erhöhen und seine Stellung nicht befestigen. Die „hierarchischen Gelüste", welche er noch jüngst auf der Berliner Synode vertreten, und zwar nichts Neues mehr, sondern seit langen Jahren in den Anträgen Kleist - Hammerstein zum Ausdruck gekommen. Die Gegner denunzirten aber derartige Bestrebungen mit Vorliebe als Bestrebungen zur Schmälerung der Rechte der Krone und bei einem seiner Würde und seiner Rechte sich so bewußten Monarchen, wie Kaiser Wilhelm II. es ist, konnten die Vertreter solcher Bestrebungen nicht wohl auf Zuneigung rechnen. Nicht eine einzelne dieser Ursachen, sondern sie alle in ihrer Gesammtheit haben vermuthlich das Interesse des Monarchen für Stöcker nach und nach so erkalten lassen, daß sein Abschieds-Angebot ohne Weiteres angenommen wurde.
Nach der .Kreuzztg.' scheint Stöcker auf ein anderes geistliches Amt keine Absichten zu haben. Er kann sich also im Ruhestände mit ganzer Kraft der Agitation widmen. Ob er aber als Hofprediger a. D. noch die alte Zugkraft bewahren und ein großer Theil seiner Freunde nicht von ihm wegrücken wird ? Man kennt ja die Feigheit gewisser Leute. Bei den Juden und Judengenossen herrschte schon Heller Jubel auf die Nachricht von Stöcker's Ent- lasfungsgesuch; jetzt wird der Freudenausbruch keine Grenzen mehr kennen. Uns Katholiken ist Herrn Stöcker's Schicksal gleichgiltig. Durch seinen fanatischen Romhaß hat er sich keinen Anspruch auf unsere Theil- nahme erworben. Seine Bedeutung haben wir nie besonders hoch geschätzt. Er hat zwar als Redner und Agitator viel Lärm und Aufsehen erregt und eine geräuschvolle „Bewegung" hervorgerufen, aber das positive praktische Ergebniß all' seiner Thätigkeit ist gleich Null.
Die große Schloßuhr in der Halle schlug elf, als sich Felicitas wunderbar gestärkt, aus ihrer knieenden Stellung erhob. Dumpf und doch unheimlich deutlich drangen die Schläge von unten herauf; neun, zehn, elf — zählte die junge Frau halblaut vor sich hin und lauschte dem schnarrenden Laut, mit dem die Uhr zum letzten Schlage ansetzte. Dann nahm sie die Lampe, um ihr Lager aufzusuchen, als sie plötzlich das unwiderstehliche Verlangen empfand, noch einmal das Bild von Herbert's Sohn zu betrachten. Sie stellte das Licht wieder nieder und trat in den anstoßenden Saal.
Hier herrschte tiefe Dämmerung: Felicitas zog die Vorhänge zurück und blickte in die Nacht hinaus. Jetzt erst gewahrte sie, daß sie nicht an einem Fenster, sondern an einer großen Balkonthüre stand, deren Scheiben fast bis zum Boden reichten. Draußen lag Alles in tiefem Schweigen. Das weite weiße Schneefeld ließ die hohe Fayade des Seitenflügels mit seinem mächtigen Eckthurme noch düsterer erscheinen. Felicitas wandte sich nach dem Zimmer zurück, um rasch ihren Vorsatz auszuführen. Das Mondlicht strömte jetzt voll herein und beleuchtete das eigenthümlich anziehende Gesicht des jungen Erben.
Aber es war nicht eine Person, die das Gemälde betrachtete, nein, zu derselben Zeit erschienen noch zwei Augen, welche mit einem ganz anderen Ausdrucke nach
Deutsches Keich.
Berlin, 10. November.
♦ Der sozialdemokratische Zukunftsstaat, so bemerkt in einer Auseinandersetznng mit dem ,Berl. VvlkSbl.' die ,Germ.' treffend, soll gesellschaftliches Ge- meineigenthum an allen Produktionsmitteln haben und genossenschaftliche Produktion auf Grund dieses Gemeineigenthums, und jeder der „Genossen" hat „absolute Gleichberechtigung". Diese Grundlagen des sozialistischen Zukunftsstaates haben MarxS, Engels, Liebknecht, Bebel, das Gothaer Programm u. s. w. in gleicher Weise anerkannt, und Herr Liebknecht hat sich auch noch neulich, als wir ihn zu einem Bekenntniß über den Zukunftsstaat zwangen, dazu bekannt. In dieser Beziehung haben wir also trotz aller sonstigen sozialdemokratischen Vertuschungs-Versuche feste Basis. Run aber ist diese Grundlage des Zukunftsstaates aus vielen Gründen absurd, wir haben aber Herrn Liebknecht nur auf das Rhodus von zwei dieser Gründe gestellt. Besteht Gemeineigenthum und Gemeinproduktion mit absoluter Gleichberechtigung Aller daran, dann wird entweder der Zukunftsstaat zu den schlechtem Arbeiten keine Arbeiter, in den schlechtem Gegenden keine Bewohner haben, sondern alles wird zu den Arbeiten uni) Gegenden sich drängen, oder man muß Zwang anwenden, man muß die freie Berufswahl und die Freizügigkeit aufheben, muß die Arbeit anweisen, den Wohnort anweisen. Das erste ergibt Anarchie, das zweite entsetzliche Despotie — in beiden Fällen wird der Zukunftsstaat unhaltbar.
* Nach dem ,Berliner Aktionär', welcher mitunter Mittheilungen aus dem Eisenbahn-Ministerium erhält, sind seit geraumer Zeit umfangreiche Erhebungen und Erörterungen im Gange, welche eine Äefirm unseres Personeu-Tarifs bezwecken. Eine solche Reform darf danach in verhältnißmäßig naher Zeit in Aussicht genommen werden, sofern die Finanzlage des Staates im Stande ist, die Ausfälle zu tragen, die selbstredend mit einer durchgreifenden Reform in namhaftem Umfange verbunden sind. „Es ist eine erhebliche Reduktion der Fahrpreise für gewöhnliche Züge, vielleicht mit bescheidenen Zuschlägen für Schnellzüge, daneben aber die Beseitigung aller Vergünstigungen geplant, welche, streng genommen, den einen Reisenden zu Gunsten eines anderen belasten. Dahin gehört auch die Aufhebung der Gewährung von Freigepäck, mit welcher jedoch eine starke Reduktion der bestehenden Gepäck - Taxe verbunden fein dürfte. Dahin gehört weiter eine anbertoeite Regelung der Taxe führ Rück- fahr-Karten in der Richtung, daß für die Rückfahrt nicht mehr eine Art von Prämie gewährt wird, daß vielmehr nur eine mäßige Reduktion des Preises ein- ihm hinstarrten, nicht neugierig forschend, sondern wild und verzehrend.
Ein leiser Laut machte Felicitas zusammenfahren — ein Knarren, wie von dem Niedertreten alter Dielen herrührend — sie wandte sich um und da, allmächtiger Gott, was war das?! Ein Weib, riesengroß im fahlen Mondlicht erscheinend, stand draußen auf der Galerie. Das Haar hing in eisgrauen Strähnen über ihren Rücken und umgab an den Schläfen ein knochiges, farbloses Gesicht. Die kräftigen Arme waren emporgehoben zu dem Bilde wie in verzweifelndem Ringen, während die Augen einen drohenden Ausdruck annahmen. Einen Moment starrte die geängstigte Fran im Saale nach der furchtbaren Gestalt, dann stieß sie einen lauten Schrei aus und stürzte in ihr Schlaf- gemach. Wieder vernahm sie draußen den knarrenden Ton — dann war Alles still wie zuvor.
Felicitas dachte daran, die Schelle zu ziehen, aber die ungewisse Furcht, sich vielleicht schon morgen dem Geschwätze der Dienerschaft preisgegeben zu sehen, hielt sie kluger Weise davon ab. Sie preßte die Hand auf das hifftig klopfende Herz und wartete geduldig, bis sich sein Pochen gelegt hatte. Mitternacht war längst vorüber, als ein schwerer, traumloser Schlaf barmherzig ihr die müden Augenlider schloß.
Das war die erste Nacht der Herrin von Freidors.