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1?. Jahrgang

Dienstag, den 11. November 1890.

JV 260

Fuldaer Zeitung

,,...... - ;<v ■ er -d - ö Druck u. «erlag der Fuldaer SuitMM v-l. x.-.a.u.ut).

Für die Redaction verantwortlich': Ludwig

^Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und

( Arbeitslosigkeit. Ist jetzt eine 14—16’tünb> I beitszeit erforderlich, um r.;.ui täglichen Berdie

neuen Heim.

düngen hatten ihr Ende erreicht, und es öffnete sich

Es

1 Pferde straße,

Die Abendtafel war vorüber. Felicitas schritt an der Seite ihres Gatten durch die stillen, vornehmen Raume nach den Gemächern, welche ihr Gemahl zu ihrer ausschließlichen Benutzung bestimmt hatte. In dem ihrem Boudoir zunächst liegenden Salon blieb er stehen, nahm ihre Hände in die f einigen und blickte

Vierteljährlicher Abonnements preis ohne Bringer­lohn und Bestellgeld mit der belletristischen Wochenbeilage /Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

Sonnenried.

Roman von Marga Brechten.

(8. Fortsetzung.)

4. Kapitel Schloß Freidors. Das Schloß hebt sich aus Nebelduft, Der um die feuchten Bäume webt, Der flatternd hängt von Kluft zu Kluft, Bis tief am Strom er niederschwebt. Ich lehne am gesprengten Thurm, Die Wolke zieht, der Regen rinnt — Ich werfe in den dunklen Sturm Dir einen Gruß, du helles Kind!

I. Rod enberg.

Feiertage ausgenommen

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* Die deutsche Hausindustrie.

In demselben Augenblick, in welchem die Reichs­tags-Kommission ihre Arbeiten über die Arbeiter, schutzqesetzgebung wieder aufnimmt, in welchem ihr von den verschiedensten Seiten der Vorwurf ent- qegengebracht wird, daß sie in blinder Popularitäts- hascherei, wenn nicht gar in böswilliger Absicht die Lebensbedingungen der deutschen Industrie außer Acht lasse - in demselben Augenblick, d. h. gerade zur rechten Zeit, erscheint ein Buch, welches allen Den­jenigen, "die an der Gesetzgebung betheiligt sind, eine ernste Mahnung werden muß, auf dem Gebiete des Arbeiterschutzes energisch und auch rücksichtslos vorzu­gehen. Wir meinen den vierten Band der vom Ver­ein für Sozialpolitik herausgegebenen Berichte über die deutsche Hausindustrie, welche Berlin und Um­gegend, Osnabrück, das Fichtelgebirge und Schlesien behandeln. Dieselben beweisen, daß die Charakterisi- rung der hausindustriellen Zustande mit dem Worte „Elend" sicherlich nicht scharf genug ist, daß vielmehr die Zustände in manchen Gebieten geradezu grauenvoll genannt werden müssen. Es ist die Darstellung eines Elendes, welches umsomehr jeden empfänglichen Beob­achter erschüttern muß, als der davon betroffenen Be­völkerung jede materielle wie geistige Kraft fehlt, sich dem über sie hereingebrochenen Schicksal zu entziehen. Sehen wir im Einzelnen zu.

Die Hausindustrie Schlesiens ist nächst der­jenigen der Rheinproviuz die auHedchnteste in Preußen. Die kahlen, unfruchtbaren Abhänge bet’ Sudeten, des Riesen-, Jser- und Eulengebirges und de>> mährischen Gesenkes sind mit einer Bevölkerung bei t, welcher der Boden die genügende Nahrung nicht bietet, die vielmehr nur durch eine unmenschlich lange und auf­reibende Arbeit sich vor dem Verhungern schützen kann, ohne jedoch trotz der langen und aufreibenden Arbeit dem Schicksale des langsamen und allmählichen Ver­hungerns zu entgehen. Man braucht nur an die Weber des Eulengebirges und ihren herzzerreißenden Nothschrei an den Kaiser zu erinnern, um des Nach­weises im Einzelnen enthoben zu sein. Bei einer Arbeitszeit, die Tag unb Nacht umfaßt, und der nur das unumgänglich nothwendige Quantum Nachtruhe entzogen wird, bei intensiver Anstrengung des Körpers bringt es die gefammte Familie, Frau, Mann und Kinder, nur auf einen Wochenverdienst von höchstens .6—8 Mark — das sagt eigentlich genug! Und wenn nur noch immer Verdienst, d. h. Beschäftigung vor­handen wäre! Aber die verschiedensten Umstände Mode, Kleider „reform" und nicht zuletzt die unheilvolle amerikanische Abschließungsbill bedrohen jene arme Gegend noch mit dem furchtbarsten Gespenst, dem der

war ein schöner, klarer Winterabend. Die glitten behende über die festgefrorene Land­au bereit Seiten sich ein dunkler Kiefernwald hinzog. Die Fahrt dauerte lange, aber die beiden . Insassen des Schlittens wechselten kein Wort, und Felicitas' Blick verrieth noch kein Interesse an der Gegend, welche ihre Heimath werden sollte.

Da stieg der Mond auf.; langsam und voll erhob er sich unb beleuchtete die Landschaft mit fernem ma- . gischen Lichte. Zu guter Zeit, hätte man sagen können, denn jene wechselte jetzt, und ein völlig verändertes Bild bot sich dem Beschauer bar. Die bichten Wal-

läglichen Berbienst von O,ov iuiart für ben männlichen Arbeiter zu ermög­lichen, so kann man sich bie Entwickelung der Dinge vergegenwärtigen, wenn, wie beabsichtigt, die Arbeits­zeit unter entsprechenber Lohnverkürzung eingeschränkt wirb. Gewaltige Sterblichkeit ber Säuglinge, er- schreckenbe Höhe ber unehelichen Geburten, Herab­brückung bes durchschnittlichen Lebensalters unter das

35. Jahr.

Das sind die Folgen, welche die Statistik ver­zeichnet. Die Wahlstatistik wird bei ben Anstrengungen, welche die Sozialdemokratie jetzt macht, wohl ebensalls einen deutlichen Beitrag zur Charakterisirung der schlesischen Zustänbe liefern. Unb wie in Schlesien— so in ben meisten anderen Gebieten, in denen die Hausindustrie „zu Hause" ist. In Thüringen, wo das dreijährige Kind schon Gräser zum Trocknen sammeln muß, welche später bie alte gebrechliche Groß­mutter in ben Topf voll giftiger Farbe taucht, — in der fränkischen Korbmachergegend, in E ls aß- Loth ringen und ber Eifel unb nicht zum min­desten in der Großstadt sind die Verhättnisse ähn­lich, wenn auch nicht ganz fo schlimm, wie in Schlesien. In der Großstadt freilich tritt ber Nothstanb ber Hausinbustrie nicht fo beutlich zu Tage, weil es hier meist weibliche Personen sinb, welche außerhalb der Fabrik arbeiten — weibliche Personen, denen der Ge­schäftsgenosse des jetzigen „Führers" ber Sozial- Demokratie, Singers, einen leiber nur zu oft betretenen Weg zur Erhöhung ihres. Einkommens gewiesen hat. — Doch was hilft bie Klage, bie bereits oft laut ge­worben ist, wenn man nicht zu Helsen weiß? Nun, einige Mittel zur Abhülfe sind in letzter Zeit schon genannt worden. Dahin gehört vor allen Dingen die Ausdehnung des Krankenversicherungszwanges auf alle Hausindustriellen und die Unterstellung derselben unter das Fabrikinfpektorat. Ob es möglich und nöthig sein wird, auch bie hausinbnstrielle Arbeitszeit, die Frage der Schlaf-, Arbeitsräume u. s. w. gesetzlich zu regeln, das bleibe einstweilen dahingestellt. Für jetzt kam es vor­nehmlich darauf an, bei ber Wieberaufnahme ber Ar­beiten ber Arb eiterschützkonferenz an ein Gebiet zu er­innern, welches mehr wie manches anbere Beachtung verdient, dem jedoch bisher bei ben Berathnngen ber Arbeiterschutzvorlage jedenfalls nicht bie gebührende Aufmerksamkeit zugewendet worden ist. Auch hier stehen große Interessen auf dem Spiele!

Deutsches Keich.

Berlin, 8. November.

* Eine Forderung für Erbauung eines Instituts

eine weite, schneebedeckte Haidestrecke, in deren Mitte Schloß Freidors tag.

Felicitas richtete sich auf, ein leichtes Beben durch­fuhr ihren Körper — da fühlte sie unter ber Schlitten­decke den warmen, festen Händedruck ihres Gatten. Sie verstand ihn und lehnte, einer unwillkürlichen Regung folgend, ihr Haupt an seine Schulter. Diese zutrauliche Bewegung gab ihm die Antwort auf die ihm überaus peinliche Frage, welche er sich vor wenigen Minuten vorgelegt hatte: Wie werden wir mit einander auskommen? Jetzt wußte er, daß das junge Wesen, welches er in unbedachter Eile an sich gefesselt, stets einer liebevollen, zärtlichen Behandlung zugängig fein werde. —

Näher unb näher tarnen bie stattlichen Umrisse bes freiherrlichen Gutes. Von ben Nebengebäuben her erfchallte das laute, fröhliche Gebell der ange­ketteten Jagdhunde, und jetzt zeigte sich das schöne, alte Schloß dicht vor ihnen. Die Lichter, welche aus der Ferne nur matt geschimmert hatten, verbreiteten Tageshelle über den geräumigen Hof, ber mit jungen Tannenbäumen umstellt war. An ber Freitreppe harrte bie festlich geschmückte Dienerschaft. Als bie Neuver­mählten unter dem mit Stechpalmzweigen bekränzten Portale anlangten, trat ein schöner Knabe in zier­lichem Sammetröckchen vor unb überreichte der neuen Herrin einen einfachen Strauß Christrosen, während

für die ForschungenDr.Knch's wird dem Landtage im Lause der Session vorgelegt werden. — Die ,Nat - Ztg.' sagt, daß die Forschungen Koch's noch nicht ab­geschlossen seien, aber bald für die Veröffent­lichung reif fein würden. Koch hält trotz einer Reihe positiver Erfolge glücklicher Heilung ben Zeit­punkt für bie Veröffentlichung noch nicht für gekom­men. In der Charite unb Privat-Kliniken an Kranken vorgenommene Versuche würben nunmehr auch anber- roeit, namentlich in ber Bergmann'schen Klinik, fortge- scht; in letzterer würben vorigen Donnerstag 15 an Tuberkulose ber Kiwchengelenke Erkrankte ber Koch'schen Behanblung unterzogen; $ag5 darauf stellte Bergmann einen ber Behandelten einem intimen Kreise von Aerzten vor, um eine binnen 21 Stunden eingetretene Ver­änderung des Krankheitsbildes zu bemonftriren. lieber die Natur der Bestandtheile des Heilstoffes herrsche noch tiefstes Dunkel; Koch gedenke sein Geheimniß nicht vor der authentischen Veröffentlichung preiszugeben. Der ,Börsen-K.' erklärt, rückhaltlos versichern zu kön­nen, daß die Wirksamkeit 1*5 Koch'schen Heilmittels aus Tuberkel-Bacillen nmimehr ans das Bestimm­teste festgestellt sei. Einem unserer berühnttesten Chi­rurgen sei es gelungen, bei einer Luvus genannten nekrotisch-tuberkulösen Zerstörung der Gesichtshaut durch das Koch'sche Mittel eine Heilung in 5 Tagen herbei- znführen.

* Der deutsche Verein gegen Mißbrauch geistiger Getränke hat an ben Bundesrath eine Eingabe gerich­tet, welche ben nahen inneren Zusammenhang bes von ihm betriebenen Trnnksuchtsgesetzes mit ben schon er­lassenen ober noch geplanten anderen sozialen Refvrm- gesetzen darthnt. Es soll vor Allem Schenken und Lüden, welche sich mit dem Angebot von Trinkschnaps befassen, wirksam und zunehmend einschränken, sowie die Entmündigung gemeingefährlich werdender Trinker herbeiführen, welche der deutsche Juristentag vor 2 Jahren bereits in Stettin empfahl. Man hofft baldigst einen diesbezüglichen Gefetzeutwurf an den Reichstag gelangen zu sehen.

* Die Einfuhr lebender Schweine ans Oesterreich- Ungarn ist nunmehr auch in die Schlachthäuser zu Stendal, Staßfurt, Witten a. d. Ruhr, Bochum, Hagen i. W., Dortmund, Gelsenkirchen und Lippstadt wider­ruflich gestattet.

* Major v. Wißmann hat gestern seine Rückreise nach Ostafrika angetreten.

* Nachdem das Abkommen hinsichtlich der Ab­tretung des Küstengebiets seitens des Sultans von Snnfibnr perfect geworden, ist nunmehr auch das englische Protectorat über Sansibar prokla- mirt worden.

* Eine Bekanntmachung des Vizeadmirals Fremantle

sein rosiger Mund ein schüchtern Willkommen bot. Es war nur eine einfache, aber sinnige Huldigung; sie sprach auch zu dem Herzen ber Braut. Mit einer Thräne int Auge neigte sich Felicitas herab, küßte bas halbe Kinbergestcht und fragte:

„Wie heißt Du, mein liebes Kind?"

„Hans Berthold," lautete bie schnelle Antwort, „unb Du?"

„Felicitas von Freidorf", erwiderte bie Gefragte lächelnb, während sie dem zur Seite stehenden In­spektor, dem Vater des Kleinen, freundlich die Hand bot. Diese liebliche Scene gewann sogar dem ernsten Baron ein Lächeln ab. Den Arm um seine junge Frau schlingend, führte er sie durch die schon strahlend erleuchtete Halle in den Speisesaal und sagte freudig bewegt:

„Willkommen auf Freidorf, geliebte Felicitas! Mögtest Du glücklich fein an meinem Herzen und im