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Beilage zu Nr. 259 der „Fuldaer Zeitung".

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda. Druck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).

Sonntag, den 9. November 1890.

-H- Der Markenhandel am Dostschalter.

Der Vertrieb der Marken für das Alters- und Ju- validitätsgesetz, der mit dem 1. Januar 1891 beginnt, erhöht die Mannigfaltigkeit der Maaren und die Größe des Umsatzes am Postschalter derartig, daß die Ver­waltung auf Vereinfachung und Entlastung sinnt. Es wird erwogen, ob nicht neben gewissen Sorten von Wechselstempelzeichen und Marken zur Entrichtung der statistischen Gebühr auch einige Sorten von Postwerth­zeichen in Wegfall kommen könnte, wobei zunächst die gestempelten Brief-Umschläge (Franko-Kouverts) und die gestempelten Streisbänder in Betracht gezogen werden.

Den gestempelten Streifbändern braucht man keine Thräne nachzuweinen; wer Streifbänder braucht, macht sich schon selber welche. Aber der Fortfall der Frei- Kouverts will uns weniger gefallen. Die Postver­waltung behauptet freilich, die Nachfrage nach ge­stempelten Briefumschlägen ginge fortwährend zurück und stünde bereits auf einer niedrigen Stufe (auf 1000 Briefe kommen 3 mit Frei - Kouverts). Immerhin werden alljährlich noch über 2 Millionen von diesen Umschlägen abgesetzt, und menschlichem Ermessen nach werden sich immer noch einige Käufer finden, weil diese Kouverts die Fertigstellung eines Briefes im Postbureau erleichtern. Wenn man „unterwegs" eine briefliche Mittheilung abfassen und versenden will, so .greift man meistens zur Postkarte. Aber nicht alle Mittheilungen vertragen die Oeffentlichkeit der Post­karte. In dem Falle bedarf man eines Briefbogens und eines Umschlags. Der Briefbogen läßt sich zur Noth ersetzen durch das Respektblatt eines einge­gangenen Briefes oder durch ein anderes Stück Papier, welches man gerade in der Tasche hat. Aber in Be­treff des Kouverts ist man vielfach auf den Post­schalter angewiesen, da man nicht immer in der Lage ist, das Kouvert in einer Papierhandlung oder einem sonstigen Geschäft ohne Zeit- und Geldverlust sich zu verschaffen.

Will die Postverwaltung sich der Frei-Kouverts wirklich entledigen, so sollte sie den Kartenbrief einführen, d. h. eine Postkarte mit einer Verschluß­klappe, welche die Verdeckung des Geschriebenen er­möglicht. Ob der Kartenbries eine Porto-Ermäßigung genießen kann, ist eine cura posterior; das Ding würde weithin Anwendung finden, auch wenn es 10 Pfennig Porto kostet. Einerseits von Denen, welche die Kürze und Bequemlichkeit beim Briefschreiben zu schätzen wissen; andererseits von Denen, welche auf ihren Geschäftsgängen, Reisen rc. gern das Material zum Briefschreiben in der Tasche haben. Einen Karten­brief kann man ebenso bequem bei sich tragen und evenso bequem benutzen, wie eine Postkarte, während Briefbogen und Kouverts nicht gut sich in der Tasche mitführen und unterwegs benutzen lassen.

Wenn die Beamten an den Postschaltern vielfach der Entlastung bedürfen, so wird wohl die Erweiterung des privaten Handels mit Postwerthzeichen ange­strebt werden müssen. Augenblicklich liegt die Sache

Sonnenried.

Roman von Marga Brechten.

(6. Fortsetzung.)

VII.

Dem herbeieilenden Diener die Reisedecke zuwerfend, verließ Baron Freidorf mit elastischem Sprunge das elegante Gefährt; dann half er einer jungen Dame heraus und stellte sie dem herbeikommenden Pfarrherrn als seine Braut vor.

Bald darauf nahm das wohldurchwärmte Studir- zimmer die Fremden auf. Die Herren tauschten die gegenseitigen Begrüßungen aus, während Fräulein Werner ein Glas heißen Glühwein anbot — er würde nach der langen, kalten Fahrt gut thun, meinte sie herzlich, Die Lippen der bleichen Braut bebten, und die Hand, welche den Fuß des Glases umfaßt hielt, zitterte merklich. Da gedachte Adelheid der Worte ihres Bruders, flüsterte ihr leise etwas zu und führte sie in ihr eigenes, gegenüberliegendes Schlafzimmer.

Dieses Zimmer war wohl der behaglichste Raum des ganzen Hauses; die peinliche Sauberkeit, welche darin herrschte, verbunden mit der einfachen, aber ge­schmackvollen Einrichtung, übten einen unwiderstehlichen Zauber aus. Lichtgrüne Tapeten mit Epheuranken be­deckten die Wände; der Fußboden zeigte ein tiefes, ge­sättigtes Braun, das durch die blendend weißen Mull­gardinen, welche von dem Bette und einzigen Fenster niederhingen, noch dunkler erschien. Das Ganze er­weckte die Erinnerung an ein stilles, sriedliches Daheim.

Und an ein Daheim dachte auch Felicitas, als sie jetzt mitten in dem niedlichen Zimmer stand. Sie dachte an die verlassene Heimath, an den Vater und die Schwestern und endlich an ein enges, dunkles Haus,

so, daß die Geschäftsleute, welche Verkaufsstellen für Postwerthzeichen haben, nichts an dem Vertrieb ver­dienen; die Abtastung der Werthzeichen stellt sich also als eine Gefälligkeit dar, die nur derjenige in Anspruch nehmen kann, der dem Geschäftsinhaber etwas zu ver­dienen gibt. Wollte aber die Post sich dazu verstehen, dem Geschäftsinhaber einen kleinen Gewinn aus dem Markenhandel zu gewähren, so könnte man ungenirt das Geschäft betreten, um Postwerthzeichen ohne jede Zuthat zu kaufen. Das anzustrebende Ideal wäre, daß neben jedem Briefkasten eine auffallend gekenn­zeichnete leicht zugängliche Verkaufsstelle für Marken sich befinde.

Oder werden vielleicht die Automaten soweit vervollkommnet werden, daß die Post sich derselben zum Verkauf der Marken und Postkarten bedienen kann? Vorläufig sind die Versager doch noch zu häufig, als daß man die Automaten zu der verantwortlichen Beamtenstellung befördern könnte.

Es gibt noch ein Radikalmittel, zur Erleichterung des Schalterverkehrs, welches frühestens im nächsten Jahrtausend zur Anwendung gelangen könnte, nämlich die Beseitigung des ganzen Porto's für einfache Briefe und Postkarten und kleinere Drucksachen. Dann ist der umfangreiche Handel mit 10, 5 und 3 Pfg.-Werth- zeichen überflüssig; es werden nur Marken verbraucht für Werth- und Packetsendungeu. Der Ausfall an Porto wird durch eine Brief st euer gedeckt, welche natürlich von der Geschäftswelt fast ausschließlich ge­tragen werden muß und gern getragen wird, weil die lästige und bedenkliche „Portokasse" der Geschäfte in Wegfall kommt. Bis wir so weit kommen, werden freilich noch mehrere Generationen von Schalterbeamten zwischen dem buntscheckigen Markenvorrath und den buntscheckigen Wünschen und Bedürfnissen des an- dringenden Publikums ihre Nerven ruiniren lassen.

Vermischtes.

* Romantischer Fluchtversuch eines Gefangenen. In Neapel spricht man viel über den Fluchtversuch eines römischen Gefangenen von der Insel Nisida. Es ist dies die kleinste Insel im „Golfo di Napoli". Von hier erstreckt sich in der Richtung auf das Festland ein Damm, welcher ein Lazarcth trägt, sowie Bauwerke, welche der Schifffahrt dienen, lieber tausend Ver­brecher, größtentheils von der allerschlimmsten Sorte, sind dort untergebracht. Sie müssen schwere Arbeiten verrichten und sind mit Ketten belastet. Die Gefangenen wohnen im Angesicht einer paradiesischen Natur und schauen täglich eines der wunderbarsten Uferbilder der Erde. In dieser großen Berbrecherkolonie befand sich auch ein junger 24jähriger Mensch, welcher zu 8jähriger Strafarbeit verurtheilt worden war, weil er den Liebhaber seiner Schwester in Rom mit einem Dolchstich getödtet hatte. Er wurde von den anderen Gefangenen „il romano“ (der Römer) genannt. Man kann diese Flucht vergleichen mit den phantastischen Schil­derungen eines Dumas, eines Montepin und eines Pouson du Terail. Am 18. Oktober führte der junge Mensch seinen wohl- durchdachten Plan mit der größten Geschicklichkeit aus. Seit vier Jahren war der Romano der ruhigste und bescheidenste Ge­fangene. Alle hatten ihn fast lieb gewonnen, und er genoß mehr Freiheiten, als andere. Bald errang er sich eine bessere Stellung, und da er Apothekerlehrling gewesen war, so machte ihn der Arzt der Verbrecher-Kolonie zu seinem Gehilfen. Hierdurch er­hielt er nach und nach so viel Freiheit, so daß er ohne Wärter durch das Thor der Gefangenanstalt gehen durfte. Romaüo hatte im Hause des Doktors ein pneumatisches Kissen gesehen, d. h.

zur Sommerzeit auch braun und mit Epheu geschmückt, jetzt aber in dichten Schnee gehüllt: an den Grabhügel der theuren Mutter! Dann flog der Gedanke mit Blitzesschnelle zu ihrem eigenen künftigen Heim. Wie würde es sein? Traulich, voll Frieden und Glück oder —

„Ach, so eisig kalt!" unterbrach jetzt die ruhige, klare Stimme Adelheid's den Gedankengang der jungen Braut. Sie hielt deren Hände freundlich umfaßt und suchte sie zu erwärmen, aber ihre Worte hatten wie eine Antwort auf jenen bangen Zweifel geklungen. Felicitas schrak zusammen und blickte ihre gütige Wirthin mit dem großen, erschreckten Blicke eines eingeschüch­terten Kindes an. Dann löste sie die weiße, mit Gold gestickte Bulgarenkappe von ihrem Haupte und nahm den schweren Pelzmantel ab. Mit einem neugierig prüfenden Blicke betrachtete Fräulein Werner die schmächtige, kaum mittelgroße Gestalt, welche sich jetzt in einem bereitstehenden Sessel niederließ, wie um Zeit zu gewinnen.

Dann nahm sie ein Myrthenbäumchen aus der Mitte ihres Blumentisches, hielt es bewundernd in die Höhe und sagte:

„Wenn ich dürfte, so würde es mir Vergnügen machen, einen Zweig davon zu opfern; es ist doch immer eine Hochzeit, gnädiges Fräulein!"

„Wie gern! Aber Sie werden Ihr schönes Bäum­chen zerstören", wehrte das junge Mädchen. Dann fügte sie verlegen hinzu: „Es gab noch so Vieles zu besorgen, da wurde in der Eile nicht an den Kranz gedacht."

Der üppig grünende Zweig war befestigt; Adelheid glättete die Falten des reichen Brautgewandes und strich kosend über das lockige Haar.

ein Kissen zum Aufblasen. Da er nicht schwimmen konnte, so gab dieses den ersten Anstoß zum Fluchtplan Am genannten Tage war der Doktor verreist und hatte dem Romano die Schlüssel zum Kleiderschrank gegeben, in welchem er auch Ver­bandzeuge aufbewahrte. Dies war der richtige Moment für den Romano! Er kleidete sich mit alten Kleidern des Doktors und zog über dieselbe seine Sträflingskleider. Dann nahm er einen Korb mit Medicamenten unter den Arm und schritt durchs Ge- fängnißthor, welches der Pförtner dem Gehilfen des Doktors Penta willig öffnete Der Gefangene schritt auf einen Weinberg zu, und als er sich nicht mehr beobachtet glaubte, entledigte er sich eilig seiner Sträflingskleider und erschien als ein ehrenhafter Bürger. Den Hut drückte er tief in die Stirn und mit dem nicht aufgeblasenen Kissen unterm Arm, schritt er keck dem Landungshafen zu. Es begann zu dämmern, und dies war sein Glück, denn soeben kam ihm der Direktor der Anstalt entgegen. Höflich grüßend schritt der Direktor an Ramo vorbei, welcher ebensalls seinen Hut lüftete. Etwas vor dem Hafen schwenkte er nach links ab und erreichte bald einen ca. 15 Meter hohen Felsenvorsprung. Mit seiner ganzen Lungenkraft blies Romano sein Gummikissen auf und stürzte sich in den „schaurigen Schlund." Glücklich kam er unten an und begann sich vermöge des Schwimm: kiffens fortzubewegen. Seine Handflächen dienten ihm als Ruder, und langsam ging das neumodische Fahrzeug mit seiner Last dem nicht weit liegenden Strande von Bagnoli zu. Doch nun bemerkte ein zufällig am Strande sich befindender Zollwächter eine dunkle sich fortbewegende Masse im Wasser und gab das Alarmzeichen. Sofort wurden die Boote gelöst und ruderten auf dies merkwürdige Phantom los. Bald war der Romano erreicht, erkannt und auf die Insel zurückgebracht.

* Der erste Versuch, den Phonographen als allgemeines Ver­kehrsmittel zu verwenden, wird jetzt in Mexiko unternommen. Nach einer amtlichen Kundgebung des Präsidenten der Republik Mexiko geschieht dies in der Weise daß bei den Postanstalten phonographische Apparate ausgestellt werden, die Jeder gegen Entrichtung einer verhältmßmäßig sehr geringen Gebühr (12 Centavos — etwa 48 Pfg. für 1000 Wörter) benutzen kann, indem er feine Mittheilung hineiiispricht. Die Phonogramm- Walze wird danach vom Postamt verpackt und dem Empfänger oder vielmehr dem Postamte am Wohnort des Empfängers über­sendet, welch letzterer sich die Mittheilung vom Apparat einfach hersagen läßt. Diese Art der Nachrichten-Uebermittelung ist für eine Bevölkerung, bereit größter Theil des Lesens und Schreibens unkundig ist, von nicht zu unterschätzendem Vortheil. Man erwartet deshalb auch eine starke Benutzung des neuen Verkehrsmittels.

* Einen wahren Riesenbart besitzt ein Herr Joseph Bülles­bach aus Nonnenburg in der Rheinprovinz, der sich zur Zeit in Berlin aufhält. Professor Virchow besuchte den Herrn jüngst und stellte fest, daß die Barthaare vom Kinn bis zur Spitze 1,47 Meter, vom Ohr aus gemessen 1,53 Meter lang sind. Er bat sich bann einige der jüngsten Haare des sehr dichten Bartes zum Zwecke genauerer Untersuchung aus und fand, daß die Haare fast insgesammt an der Spitze gespalten sind. Dieser Um­stand steht mit der viel verbreiteten Ansicht, daß wenn das Haar sich an den Spitzen spalte, dieses ein Zeichen von schwindendem Wachsthnme und Verkümmerung des Barthaarwuchses im All­gemeinen sei, im Widerspruche. Herr Professor Virchow bat schließlich Herrn Büllesbach, seinen Aufenthalt in Berlin, wenn möglich, noch um einige Tage zu verlängern, damit diese in ihrer Art einzig dastehende Bartform einem größeren Kreise von Aerzten im pathologischen Institute gezeigt werden könne. Herr Büllesbach versprach mit. sichtlicher Genugthunng den Wunsch des Gelehrten zu erfüllen.

* lieber die neueste Verwendung von Papier wird der Graphischen Post aus England berichtet, daß man jetzt mit Papier gefüllte Kopfkissen anfertige. Das Papier wird zu diesem Zwecke in ganz kleine Stückchen, nur von Fingernagelgröße zer­rissen und bann in bte Kissenbezüge aus Drell oder Zwillich ge­stopft: solche Kissen sollen sehr kühl sein und sich namentlich in heißen Klimaten vorzüglich bewähren, auch werden sie bereits in Hospitälern angewandt. Zeitungspapier ist indeß nicht als Füllmaterial zu empfehlen; es hat meist einen üblen Geruch. Je feiner das Papier geschnitten oder zerrissen wird, desto leichter und angenehmer sind die damit gefüllten Kissen.

„Ich weiß, Sie vermissen heute Abend den fehlen­den Segensspruch einer Mutter; doch, wenn auch von Ihnen ungehört, dringt er gewiß vom Himmel aus für Sie zu Gott empor. Bitte, nehmen Sie dafür als kleinen Ersatz meinen wärmsten Glückwunsch, der Ihnen so herzlich geboten wird, als käme er aus dem Herzen einer älteren Schwester."

Felicita's Augen füllten sich mit Thränen, dann bcugte sie sich über Adelheid's Hand und drückte sie an ihre Lippen; „o Gott, wie gut Sie sind", sagte sie leise.

Diese jähe Bewegung, der fast kindliche Ausdruck des Dankes rührten Fräulein Werner's Herz; sie be­schloß, mit mütterlicher Sorge über den unsicheren Schritt der jungen Braut zu wachen, — was auch kommen möge.

In das Studirzimmer zurückgekehrt, fanden die beiden Damen die Herren mit Ungeduld harrend. Baron Freidorf ließ jetzt den Mantel fallen, richtete seine stolze Gestalt in den prachtvollen Militärkleidern hoch auf und reichte seiner zukünftigen Gemahlin den Arm.

Das Paar schritt langsam über den mit einem rothen Teppich belegten schmalen Gang, welcher aus dem Flur zur Kirchb führte. Ein cigenthümlicher Schatten flog über das Gesicht des Pfarrers, als sein Blick auf die strahlende Uniform vor ihm fiel, — doch er mußte nur einen Moment dort geweilt haben, denn schon leuchteten die milden Augen in einem glück­lichen, strahlenden Lächeln auf, und vortretend öffnete er rasch die hohe Kirchenthüre und sagte laut und feierlich: „Nun, mit Gott!"

(Fortsetzung im Hauptblatt.)