JV 259.
Sonntag, den 9. November 1890.
Fuldaer Zeitung
Druck u. Berlag der Fuldaer Acüeudruckerci (A. Dillmann).
Für die Redactton verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
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Hierzu eine Beilage.
Sozialpolitische Konfessronsunterschiede.
Die ,Fuldaer Zeitung' brachte jüngst die Mittheilung, daß sich in Fulda ein evangelischer Arbeiterverein bilde, wozu bereits zahlreiche Anmeldungen erfolgt seien, und knüpfte daran den wohlgemeinten Wunsch, beide Arbeitervereine in Fulda, der katholische und der neu sich bildende evangelische, möchten sodann, wenn auch getrennt, so doch in edlem Wetteifer mit einander dasselbe schöne Ziel verfolgen, nämlich nach Kräften zur Lösung der sozialen Frage mitzuwirken. Unwillkürlich wurden wir dabei an einen unlängst in den .Historisch-politischen Blättern' erschienenen Aufsatz erinnert, welcher unter der Aufschrift: „Kirche und Kirchen gegenüber der sozialen Bewegung" die sozialpolitischen Konfessions-Unterschiede behandelt. Erwähnte Abhandlung bietet des Interessanten so viel, daß wir es uns nicht versagen können, den Gedankengaug derselben in gedrängter Kürze hier wiederzugeben.
Bekanntlich haben in Folge der kaiserlichen Erlasse vom 4. Februar und nach dem erschreckenden Ausfall der Wahlen vom 20. Februar die obersten landeskirchlichen Behörden in Preußen, und zunächst dann auch in Sachsen, an ihre Geistlichen und an die Gemeinden besondere Ansprachen erlassen. Die des Oberkirchenrathes zu Berlin ist ein glänzend geschriebenes Dokument. Den Zustand schildert sie mit den düstersten Farben: „Der religiöse Autoritätsglaube ist aufgegeben, aber den Wortführern wird blindlings Folge geleistet. Und dies Alles hat eine Ausdehnung gewonnen, daß es sich nicht mehr um die Verirrung einzelner, wenn auch zahlreicher Kreise, sondern um eine von unten nach oben steigende Erkrankung der Volksseele handelt. Damit verbindet sich eine Zerbröckelung des Bürgerthums, dessen untere Schichten theilweise bereits in das sozialdemokratische Lager überzugehen beginnen." Der Aufruf hebt namentlich hervor, daß die erwachsene Jugend stets „in vorderster Reihe stehe und die Aelteren mit sich fortziehe." Er gibt ausführliche Rathschläge, was denn nun zu thun sei; an die Spitze stellt er aber den Satz: „Je ernster die Zeit, desto größer wird auch die Verpflichtung und die Verantwortlichkeit des geistlichen Amts, wir bedürfen zu ihrer Erfüllung keiner neuen Mittel", wobei indessen zugegeben wird, daß „das Schwergewicht auf der speziellen Seelsorge liege", und „gerade diese Thätigkeit nicht völlig zu ihrem Recht gekommen sei."
Es wurde nun in tonangebenden protestantischen Kreisen Berlins beschlossen, in der Pfingstwoche, Ende Mai des Jahres, daselbst einen „Evangelisch-sozialen Kongreß" zu veranstalten. Selbstverständlich gehörte
Sonnenried.
Roman von Marga Brechten.
(Fortsetzung aus der Vellage.)
VIII.
Die Trauung war vorüber. Die letzten Orgeltöne erstürben allmählich, während die Kerzen noch hell flackerten, bis ein heftiger Windstoß durch eine neu angelehnte Scheibe fuhr und sie plötzlich erlöschten, machte. Es war ein unangenehmer, kreischender Ton mit welchem das Fenster wieder zuschlug, gleich als habe es seine Arbeit gethan und freue sich der eingetretenen Finsterniß.
Und doch, wozu hätten die Orgelttänge länger ertönen, wozu die Lichter weiter brennen sollen? Ihr Zweck war erreicht, und die zwei Menschen, welche noch vor Monaten nichts von einander gewußt, sich auch jetzt kaum näher kannten und dennoch mit solcher Eile sich Treue gelobt hatten, sahen sich für's Leben verbunden. Es umschloß sie jenes Band, das nur der Tod lösen soll, — würde es für sie zur süßen Feste! oder zur drückenden Kette werben?
Vielleicht stellten sich Beide diese verhängnißvolle Frage, als sie bei dem rothglühenden Scheine der ewigen Lampe Seite an Seite die Kirche verließen. Die Gesichter sahen so geisterhaft bleich aus, ob es
Herr Professor B e y s ch l a g in Halle, das Haupt des „Evangelischen Bundes" zu den hervorragendsten Rednern auf diesem Kongresse.
Auch Herr Beyschlag beklagt die in der oberkirchen- räthlichen Ansprache konstatirte „Erkrankung der Volksseele"; nur daß er betont: Ehe dieselbe „von unten nach oben" gestiegen, sei sie von oben nach unten hinabgedrungen. „Das hat noch ganz andere und mächtigere Ursachen als die volkswirthschastlichen. Es hat seine Ursachen in einer naturalistischen und materialistischen Weltanschauung, welche aus dem Kreise der oberen Zehntausend in die breiten Schichten der unteren Stände durchgesickert ist: Diese sauberen Kulturfortschritte unserer sogen. Wissenschaft und schönen Litteratur haben ganz naturgemäß im Kreise der Proletarier ihre sozialistische Anwendung gefunden in dem gleichen Anspruch Aller auf rückhaltlose sinnliche AuSnützung des irdischen Daseins als des einzigen, dar es gibt." Trotzdem beginnt er mit schweren Anklagen gegen das allgemeine gleiche Wahlrecht, das die höheren Stände in die politische Minorität versetzt habe und überhaupt ein Hohn auf die organische Natur der bürgerlichen Gesellschaft sei. Er ist auf die ganze Aera Bismarck schlecht zu sprechen, den er nicht nur der „vollkommenen Schlachtung der evangelischen Kirche", sondern überhaupt vielfacher Schädigung der idealen Faktoren des deutschen Lebens beschuldigt. Und nun soll die evangelische Geistlichkeit in diese politischen Dinge sich einmischen! Dazu, sagt Herr Beyschlag, hat ;sie weder den Beruf noch die Fähigkeit, und er freut sich, daß der „weitaus größte Theil derselben auf den Jllu-- sions- und Konfusionsweg der (Stöcker'schen) christlichsozialen Partei sich nicht eingelassen habe." Selbst die „Innere Mission" stellt er vor die Frage: „Hat sie dem riesigen Anwachsen des Uebels in irgend wahrnehmbarer Weise zu wehren vermocht?"
Aber nun kommt das Wunderbare. Nicht der „veraltete Katholizismus mit seiner überwundenen Weltanschauung", sagt der Professor, sondern allein der evangelische Protestantismus sei im Stande, unserem Volke das Evangelium in solcher Weise zu predigen, daß der böse Geist des Sozialdemokraüsmus gebannt werde: „Es ist das Evangelium, das Evangelium allein, das chn zu überwinden vermag." „Aber", so fährt er fort, „widersprechen wir uns nicht selbst, wenn wir vorhin die Ohnmacht des evangelischen Geistlichen gegenüber der Sozialdemokratie behauptet haben, und jetzt der evangelischen Kirche die volle Macht zusprechen, die Sozialdemokratie in ihrem geistigen Grunde zu überwinden? Wir bitten einen doppelten Unterschied nicht zu übersehen. Dort redeten wir von der Möglichkeit einer unmittelbaren Gegenwirkung ; jetzt reden wir von der Macht einer mittelbaren, durch die gesammte volksthümliche Wirk-
die Kälte war oder die ungewisse Furcht vor der kommenden Zeit? —
In dem Zimmer angekommen, brachten Pfarrer Werner und seine Schwester den Neuvermählten ihre Glückwünsche dar und jeder der vier Anwesenden bemühte sich, ein leidliches Gespräch in Gang zu bringen. Erst als der Thee herumgereicht war und dessen wohl- thuende Wärme durch die Glieder strömte, wurde die Stimmung eine etwas belebtere. Nur die junge Braut schmiegte sich still und stumm in die Sophaecke, von Zeit zu Zeit einen scheuen Blick auf ihren Gatten werfend. Sie empfand es wie eine Art Erleichterung, als Fräulein Werner sie einlud, in einem Sessel an dem weißen Kachelofen Platz zu nehmen, während die Herren sich am Tisch in ein ernstes Gespräch vertieften.
Das Feuer brannte hell und die großen Torfstücke knisterten wie zur Begleitung von Adelheid's Bericht über das Schloß, das kleine Pfarrdorf und die wenigen Gutsnachbarn, mit welchen man in näherem Verkehr stand. Felicitas hörte wie im Traume zu. Ihre Gedanken schweiften weit ab zu den Kinderjahren zurück. Sie erinnerte sich der kichnen Lustschlösier, welche ihre vom Märchenlesen verwirrte Phantasie damals erbaut hatte. Wie nahe streifte die Wirkichkeit an diesen Gebilden vorbei und wie merkwürdig sah sie jenen kin-
samkeit unserer Kirche vermittelten. Eine solche mora* lisch« Hilfe ist freilich eine weit aussehende. Das Andere, worauf wir zu achten bitten, ist dies: wir schreiben die Macht, eine solche durchgreifende Hilfe zu bringen, nicht ohne Weiteres der evangelischen Kirche zu, so wie sie augenblicklich ist, sondern so, wie sie ihren Grundsätzen nach sein könnte und sollte, und den Aufgaben gegenüber, welche unsere Zeit ihr stellt, je eher je lieber zu werden hat." Gewiß trostlos im Vergleich mit den kaiserlichen und oberkirchenräthlichen Ansprachen!
Doch der „Evangelisch-soziale Kongreß" hat ein mit Angehörigen der verschiedensten kirchlichen Richtungen besetztes Aktions-Comitä hinterlassen. Dasselbe erklärte in einem Aufrufe als sein Ziel, auf dem Grunde der evangelischen Lebensanschauung und der protestantischen Staatsauffassung an der religiösen Belebung der bürgerlichen Gesellschaft, an der sittlichen Hebung des Erwerbslebens, an der Bekämpfung des sozialen Umsturzes mitzuwirken. „Selbstverständlich aber," heißt es in diesem Aufrufe weiter, „kann es sich nicht darum handeln, in der Weise katstslischer Sozialpolitik der evangelischen Kirche oder ihren Dienern sozialpolitische Aufgaben in Parallele mit dem Staate zuzuweisen." Und die beiden General-Superintendenten der Provinz Sachsen erklären in ihrem österlichen Hirtenbriefe mit dürren Worten: daß eine solche Nachfolge der Grundlehre vom „Glauben allein" widersprechen würde. „Im Glauben allein: wir wärm nicht mehr Protestanten, wenn uns dieses Kleinod entschwände. Mag die Kirche, die sich von uns getrennt (!), sich ihrer gewaltigen Erfolge vor Menschenaugm rühmen, ihre Scheinttinmphe sollen uns nicht blenden, nicht bestechen." Jndeß meinte doch selbst der Präsident des Kongresses, der bekannte Nationalökonom Profeffor Wagner in Berlin, daß man das soziale Wirken der katholischm Kirche sich zum Muster nehmm könne. Der .Reichsbote' erklärte: „Nur das Centtum steht fest, alle anderen alten Parteien wanken." Hofprediger Stöcker aber begründet eine seiner Thesen beim Kongresse damit, „daß die Sozialdemokratie in Deutschland, und zwar bis jetzt in den evangelischen Gebieten, ihre tiefften Wurzeln und ihre weiteste Verbreitung habe." Und das, sagte er, sei dadurch gekommen, daß „die offizielle Kirche ihre Aufgaben Jahrzehnte lang gänzlich verkannt habe und die verführtm Millionen darum irre geworden feien."
Derselben Ansicht scheint auch ein anderer Redner, Pastor Weber, zu sein, indem er erklärt: „Die Geistlichen müssen sich mehr den Arbeiter-Vereinen anschließen; sie müffm die Jünglings-, Männer-, kaufmännische und andere Vereine nnterstützm. Meine Forderung ist: Schaffen Sie mehr Korpsgeist, mehr kirchlichen Verkehr mit dem Volke von Jugend auf." Der Redner berief sich auf das Beispiel mehrerer Pastoren
dischen Traum von Vornehmheit und Reickthum er- fiillt! Rur das Gefühl des Glückes fehlte so gänzlich, und statt dessen erfaßte ein heißes Sehnen nach Liebe ihr Herz; sie hatte sich nie verlassener, nie einsamer gefühlt wie an diesem Abend.
Jetzt, um dieselbe Zeit, faß ihr guter Vater mit der Tante und den Schwestern in dem gemächlichen Wohnzimmer und sprach von ihr. Er hatte nicht zur Hochzeit kommen können, ober er würde sich heute etwas Ruhe gönnen und seiner Jüngsten zu Ehren ein kleines Familienfest feiern; — sie wußte dies und sie wußte auch, daß Illa, die schöne Illa, sie um ihr Loos beneidete. Sie wollte ihren Gatten bitten, den Vater und die Geschwister bald zu sich einladen zu dürfen. Wie gut würde Allen diese Abwechslung thun und über der Freude des Wiedersehens würde sie selbst vielleicht vergessen lernen.
Vergessen? Was vergessen? — Nur den Blick zweier Augen, welche ihr im Wachen und Träumen vorschwebten. Sogar jetzt, in diesem ernsten Momente sah sie dieselben vor sich, nicht in der Phantasie, sondern wirklich auf sich gerichtet, voll und tief mit jenem eigenthümlich forschenden Ausdrucke — sie bog sich vor und sah zu ihnen empor — plötzlich wurde sie sich ihres Jrrthums bewußt; es war ja Pfarrer Werner, der mit dem Baron vor ihr stand. Die