17. Jahrgang
Samstag, den 8. November 1890
M 258
Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
muß.
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Sonnenried.
Roman von Marga Brechten.
(6. Fortsetzung.) -
Pfarrer Victor, unpraktisch wie die meisten gelehrten Männer, vertraute seiner Schwester in allen weltlichen und geschäftlichen Dingen, wohl nur um sich seiner brennenden Neigung zu den Wissenschaften desto mehr hingeben zu können. Dagegen unterwarf sie sich ihm in den höheren, geistigen Angelegenheiten und beugte mit rührender Demuth das eigene, oft scharfe und voreilige llrtheil vor dem milden, streng rechtlichen seines Charakters. Sie war von heiterer, leichter Gemüthsart, er besaß einen tiefen, fast schwermüthigen Ernst. So ergänzten Beide einander; Adelheid war nur die scheinbare Stütze, in Wirklichkeit sah sie zu dem Bruder auf in beinah' kindlicher Verehrung.
„Viktor," unterbrach sie die jetzt eingetretene Stille „ich denke, mit dem Studirm wird es heute Abend doch nicht viel, und da könntest Du mir dies halbe Stündchen schenken."
„Gerne, Adelheid. Ich sehe, Du bist sehr ungeduldig und — sehr neugierig. Ist es nicht so?"
„Ganz außerordentlich, und ich denke, das ist auch natürlich. Glaubst Du, daß sie bald kommen werden?"
Deutsches Keich.
Berlin, 6. November.
* Die Arbeiterschutz-Kommisfion des Reichstags ist wieder zusammengetreten, um die Vorberathung zur Novelle der Gewerbeordnung, der wichtigsten Vorlage der laufenden Session, weiterzuführen. Das Plenum des Reichstags wird, wie verlautet, erst am 25. d. berufen werden. Bis dahin wird der neue Reichshaus- Halts-Etat vom Bund esrath , dem bereits einTheil desselben vorliegt, festgestellt sein, um dem Reichstage zugehen zu können. Denselben erwarten auch noch einige andere Vorlagen, so namentlich die Novelle zum Krankenkassen-Gesetz, welche, besonders in sozialdemokratischen Blättern, eine sehr abfällige Beurtheilung erfährt.
* Der Beginn der Landtagssession macht sich bemerkbar. Die Fraktionen rüsten sich zu heißer Arbeit. Rund zwölf Vorlagen sollen aus dem Ministerium des Innern dem preußischen Landtage zugehen. Neben den Ergänzungen zur Landgemeindeordnung, roelche die besonderen Verhältnisse in den alten westlichen und in den neuen Provinzen nothwendig machen, werden noch eine Reihe kleinerer Gesetze, wie die schon erwähnten über die Vertheilung der Polizeikosten in Städten mit königlicher Polizei und über anderweitige Vertheilung der außerordentlichen Armenlast, ferner eine Vorlage für den Stadtkreis Wiesbaden re. erscheinen.
* Der Reichskanzler v. Caprivi ist heute von München nach Mailand weitergereist, woselbstCrispi in Begleitung seines Kabinetchefs und zweier Sekretäre bereits eingetrosten ist. Die Ankunft v. Caprivi's in Mailand erfolgt morgen (Freitag) früh 61/? Uhr.
* Es bestätigt sich, daß Hofprediger Stöcker bei dem Kaiser um Entlassung aus seinem Amte nachgesucht hat. Die Entscheidung über das Gesuch steht noch aus.
* Bei der neuen Besteuerung der Aktien handelt es sich, wie die ,Magdeb. Ztg.' hört, überhaupt nicht um ein neues Steuerprojekt, namentlich nicht um eine „Stempelsteuer auf Aktien", sondern um einen Th eil der Gewerbesteuer-Reform. Das betr. Gesetz ist wie die übrigen Gesetze bereits fertig und geht, wie längst bekannt, dem Abgeordnetenhause gleich nach der Eröffnung des Landtags zu. Die neue Gewerbesteuer, welche die kleineren Gewerbe gänzlich von der bisherigen Steuer befreien, die mittleren entlasten will, die Gewerbe-Unternehmungen mit großem Betriebskapital aber schärfer heranzieht, um hierdurch den Ausfall zu decken, dürfte auch die Aktien-Gesellfchaften nach der Höhe ihres Betriebskapitals treffen. Ein neuer besonderer Steuergesetzentwurf, der außerhalb der Gewerbesteuer die Aktien-Gesellfchaften besonders heranzieht, ist angeblich nicht geplant.
herandränge, nicht beirren zu lasten." In manchen Kreisen nahm man damals an, die Laufbahn der Hrn. Boste, der übrigens selbst ein Korpsbursche gewesen ist, sei abgeschlosten. Diese Erwartung war verfrüht. In neuester Zeit ist Hr. Bosse besonders als Staatssekretär des Staatsrathes hervorgetreten. Er gilt als ein aufrichtiger Anhänger der werkthätigen Sozialpolitik.
* Der preußische Staatshaushaltsetat für 1891/92 sieht eine Vermehrung der Fabrikinspektoren vor.
• München, 5. Nov. Die politische Situation in Bayern ist zwar immer noch nicht geklärt, aber gegenüber der Aera Lutz ist in Regierungskreisen doch die Austastung eine objektivere geworden. Der liberale Geist allerdings, wie er durch mehr als 20 Jahre von oben herab gepflegt und gehegt wurde, ist leider in der Bureaukratie noch sehr mächtig und damit im Zusammenhänge steht eine nicht immer günstige Beurtheilung der kath. Partei, die so manchem Regierungs- manne noch immer als die der „bösen Ultramontanen" erscheint. Selbst wenn die Minister von redlichem Willen beseelt sind, den Katholiken mehr Gerechtigkeit entgegenzubringen, so wird dies paralysirt durch die liberale Gegenströmung in der Bureaukratie, in Professoren- und in den Kapitalistenkreisen, welche die öffentliche Meinung zu beeinflußen suchen. Es wird noch viele Schwierigkeiten zu überwinden geben, .tzis es gelingt, auch in diesen Kreisen mehr Gerechtigkeit gegen die Katholiken zu schaffen. Die Knlturpauker- strömung ist zwar nachgerade im Abnehmen begriffen, aber von der Erkenntniß, daß der "Kulturkampf etwas Schädliches und Ungerechtes fei, bis zu einer vollständigen Objektivität gegenüber den Katholiken ist noch immer ein weiter Schritt, der erst gemacht werden
* Wien, 5. Nov. Nach Depeschen, welche die großherzoglich toskanische Familie erhalten hat, wird als geradezu gewiß angenommen, daß Johann Orthalias Erzherzog Johann von Oesterreich auf der Fahrt von Montevideo nach Valparaifo verunglückte. Ein jüngeres Mitglied der großherzoglichen Familie dürfte demnächst nach Hamburg reisen, um dort persönlich die weiteren Nachforschungen zu leiten.
* Der russische Thronfolger trifft heute in Wien ein, wird am Bahnhof vom Kaiser und sämmtlichen Erzherzögen begrüßt und nimmt in der Hofburg Absteigequartier. Obwohl jede politische Bedeutung des Besuches im Vornherein geleugnet wird, so erblickt man doch darin den Anfang einer Besferung zwischen hier und Petersburg.
* Der Herzog von Nassau hat zum zweitm Male die Regentschaft im Großherzogthum Luxemburg an- getteten. Diesmal dürfte dieselbe den Uebergang zum unserem Gedächtniffe entschwinden. — Sage mir nun, warum Du so sehr verlangst, seine Braut zu sehen."
„Weil gerade dieses junge Mädchen es verstanden hat, ihn zu feffeln, und — weil ich schon so Vieles über sie gehört habe," setzte sie mit einem unbehaglichen Erröthen hinzu.
„Aber, wie ist dies Letztere denn möglich, liebes Kind?" fragte der Pfarrer erstaunt. „Niemand kennt Baron Freidorf's Braut und Niemand hat sie je ge» sehen." . _ ,.
„Wohl wahr, aber wir Frauen, rote Du vorhin bemerktest, wir haben die Augen offen und —"
„Die Ohren", setzte er mit einem Anflug von Lächeln hinzu.
„Gut, auch das, wenn Du so willst," fuhr seine Schwester eifrig fort; „und so hörte ich denn von der alten Christine, welche auf ihrem Wege vom Schlöffe gestern hier durchkam, daß sich das dortige Dienstpersonal alle möglichen Geschichten von der neuen gnädigen Frau erzählt."
„Und obgleich Du meinen tiefen Widerwillen gegen derartige Gerüchte kennst, Adelheid, hast Du die Alte dennoch ausgeforfcht?"
„Rein, Viktor — sieh mich nicht so finster an — ich ihat das nicht. Christine war so müde und er-
* Die ,Vossische Zeitung' schreibt über die Verwendung Dr. Peters i» ReichSbievsi: „Für die amtliche Stellung, welche Dr. PeterL im Dienste des Reiches endlich gefunden hat, wird der erforderliche Platz erst nach Feststellung der neuen Organisation für Deutsch-Ostafrika gefunden werden. Herr PeterS wird gemäß neueren Mittheilungen erst am 1. April k. I. in den ostafrikanischen Wirkungskreis zurückkehren, um seine Erfahrungen an Ort und Stelle der „ersten Arbeit" zu widmen, Ifür die er inzwischen anscheinend bessere Bürgschaften beigebracht hat, als die bisherige Thätigkeit des Flaggenhissens und Vertragsschließen sie erkennen ließ."
* Hr. Bosse, der Unterstaatssekretär im Reichsamte des Innern, hat, wie schon mitgetheilt, den Titel eines Wirklichen Geheimen Raths mit dem Prädikat „Excellenz" erhalten. Dazu bemerkt die ,Voss. Ztg.': Hr. Bosse gilt für einen unserer tüchtigsten und gebildetsten Verwaltungsbeamten. In weitern Kreisen ist er besonders durch einen Vortrag über die Vorbildung des heutigen Beamtenthums bekannt geworden. Am 4. Juli 1887 unterzog Hr. Bosse, damals Direktor im Reichsamt des Innern, in der Staatswissenschaftlichen Gesellschaft zu Berlin den Nachwuchs iy den höhern Aemtern der Verwaltung einer fcharfen Kritik. Er hob hervor, daß die Professoren über den wachsenden Unfleiß der juristischen Studirenden, besonders derjenigen, die sich dem Verwaltungsdienste zuwenden wollen, klagen, und daß die Korps an die Lebenshaltung ihrer Mitglieder jetzt Anforderungen stellen, die fchon finanziell. für nicht sehr reiche Väter unerschwinglich seien; aus dieser Lebenshaltung ergebe sich eine Gewöhnung an materielle Genüsse und eine Summe von äußern Ansprüchen, die neben sittlichen und materiellen Gefahren auch auf das wisfenschaftliche Leben ungünstig zurückwirken müssen. Hr. Bosse sprach von der „erstaunlichen Unwissenheit und Interesselosigkeit zahlreicher Referen- darien", von ihrem „völligen Mangel an idealer Lebensauffassung" und von der Besorgniß, „daß die tonangebenden Kreise unserer akademischen Jugend Wege gehen, welche die Bewahrung der traditionellen Tüchtigkeit unseres Beamtenthums ernstlich zu gefährden drohen,,. Dieser Vortrag erregte großes Auffehen. Die Heidelberger Korps erließen eine Erwiderung; die .Nordd. All. Ztg.' pries die Korps, in denen stets ein „hervorragend konservativer" Geist lebendig sei, und Hr. v. Puttkamer, der damals noch Minister des Innern war, hielt am 7. September in Königsberg bei einem Commers der Couleur-Studenten eine Rede, in der er als alter Sachsa - Borusse die Studirenden ermahnte, „unbehindert durch die Reden und Vorwürfe", die man den Korps mache, und unbekümmert um die Leute, „die es lieben, sich an der deutschen Jugend zu reiben", ihren Weg zu gehen und „sich durch den Krimskrams solcher Theorie, die sich an sie
„Sie werden vor fünf Uhr hier sein. ES ist Alles bereit, Du hast unsere Kirche geschmückt, und die Trauzeugen und der Küster warten nebenan."
„Was schrieb Dir eigentlich Baron Freidorf?"
„Kaum mehr, als ich Dir schon sagte: er habe seine Braut auf einem russischen Gute kennen gelernt, würde seine kirchlichen Pflichten in der dortigen Kapelle erfüllen, wünsche jedoch, daß ich, als sein bester Freund, ihn in meiner Kirche traue. Nach der Trauung wolle er die Reise nach seinem Schlöffe fortsetzen, um noch heute Abend dort anzukommen. Das war ungefähr der Hauptinhalt seines Briefes."
„Weißt Du, Viktor, ich finde die ganze Geschichte höchst sonderbar!"
„Ihr Frauen fischet eben Alles, was nicht auf die gewöhnliche, alltägliche Weise geschieht: sonderbar".
„O, Viktor, und gerade wir sollen sie empfangen; Dein HauS muß das erste fein, in dem ihr Gastfreundschaft erzeigt wird!"
„Ruhig, Adelheid, rege Dich nicht auf! Ja, gerade unS soll sie auf diesem ersten Wege in ihr neues Heim begegnen. Auch das hat Gott so gefügt, und wir wiffen nicht, wozu es gut ist. Doch laß uns an die alten Geschichten heute Abend nicht denken; merke wohl, die Srinnerung an jene Nacht muß von heute an aus
Fuldaer Zeitung
— .... „ . . ~ — - Druck u. vertag der Fuldaer Bctiendruckerei (A. Dillmarm).
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