JW 256.
Donnerstag, den 6. November 1890.
17. Jahrgang
Fuldaer Zeitung
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Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
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Deutsches Keich.
Berlin, 4. November.
* Reichskanzler v. Caprivi trifft am Freitag früh in Mailand ein, wohin sich auch König Humbert begibt, der dem deutschen Reichskanzler zu Ehren ein Diner gibt.
* „lieber die rechtliche Natur der Sperrgklder aus dem preußischen Gesetz vom 22. April 1875" enthält das jüngste Heft des Archivs für kathol. Kirchenrecht einen sehr belehrenden Artikel, der anscheinend aus dem Kreise der Abgeordneten des Zentrums (wohl vom Abgeordneten Schmidt-Warburg) stammt. Auf Grund des gesammten bisher beigebrachten Materials, namentlich der Reden des Abgeordneten Porsch und Reichensperger, stellt der Verfasser in klarer und einleuchtender Auseinandersetzung drei Sätze fest:
„1. Das Gesetz vom Jahre 1875 hat an der rechtlichen Natur die Ansprüche an den Staat, soweit die Gelder zum Sperrfonds aufgasammelt sind, nichts geändert; diese Ansprüche finb nicht aufgehoben, sondern die Wirksamkeit der Forderungsrechte ist nur wie durch einen Arrest behindert. Der Herr Minister irrt daher, wenn er alle Ansprüche an den Staat für aufgehoben erachtet. 2. Dem Sperrfonds liegen nicht allein Ansprüche öffentlichen Rechts, sondern auch rein privatrechtliche zu Grunde. Der £ err Minister irrt daher, wenn er die Grundsätze des Privatrechts auf die Feststellung der Pflichten des Staats (Fiskus) für nicht anwendbar erachtet. 3. Die Unterstützungen der gesperrten Geistlichen oder Institute aus freiwilligen Leistungen von Gemeinde-Mitgliedern können den Ansprüchen der fraglichen Berechtigten nicht entgegengehalten werden, La letztere noch fortgesetzt von dem Staate Erfüllung seiner Verbindlichkeiten (Zahlung der Schuld) verlangen können und ihr Anspruch an den Sperrfonds nicht ein Entschädigungs-Anspruch ist. Der Herr Minister irrt daher, wenn er Ansprüche der Gesperrten durch Leistungen und Unterstützungen von Seiten dritter Personen für getilgt erachtet."
Aus diesen Sätzen ergibt sich dann zunächst in formeller Beziehung der unabweisbare Schluß, „daß ohne Abänderung des Art. 9 der preußischen Verfassung (welcher die Unverletzlichkeit des Eigenthums feststellt) den Berechtigten im Wege des Gesetzes ihre Ansprüche nicht entzogen werden können", sondern in materieller Hinsicht, daß nur ein Gesetz, welches die Sperrgelder den Berechtigten zurückgibt, der Gerechtigkeit entspricht, auch dort, wo die Berechtigten durch freiwillige Gaben ihren Unterhalt gefunden haben. Der Verfasser sagt in dieser Beziehung:
„Die Geber haben den Fiskus nicht liberirt, sondern schenkungsweise aus Mitgefühl die darbenden Geistlichen unterstützt. Eine Anstandspflicht mag für diese Geistlichen bestehen, wenn sie jetzt nachträglich das Geld vom Fiskus ausbezablt erhalten, Die Gaben an die Geber zu reftituiren, und im Falle, daß die Geber nicht auszumitteln sind oder daß sie die Rücknahme der -Gabe verweigern, anderweit zu guten Zwecken die Beträge zu verwenden, aber eine rechtliche Verbindlichkeit liegt den Beschenkten in dieser Hinsicht nicht ob."
Es dürfte angebracht sein, bemerkt hierzu die,Köl. Vztg.', im gegenwärtigen Augenblick, wo nach Zeitungs- meldungen eine neue Sperrgesetzvorlage vorbereitet wird, die königliche Staatsregierung und namentlich
Sonnenried.
Roman von Marga Brechten.
(4. Fortsetzung.)
Das junge Mädchen erröthete leicht, als sie am Ärme des Barons einem kleinen Ecksopha zuschritt. Sie war so wenig gewohnt, daß ihr Jemand Beachtung -schenkte.
„Ruhen Sie sich nun aus, liebes Fräulein, und dann erzählen Sie mir, was Ihre Schülerin, die kleine Komteß Elena, macht," begann der Baron mit gut« müthigem Lächeln.
»Ich danke Ihnen, Elena ist ein gutes, folgsames Kind. Wenn auch ihr rasches, russisches Temperament sie manchmal zu unbedachtsamen Aeußerungen hinreißt, iso zeigt sich doch ebenso oft die Regung ihres trefflichen Gemüthes. Ich glaube, daß sie mir in den drei Jahren meines Hierseins noch nie absichtlich Kummer gemacht hat."
„Gedenken Sie noch lange hier zu bleiben, fern von unserem schönen deutschen Vaterlande?"
„Ich beabsichtige es und muß wohl auch; denn was sollte ich nun daheim?"
„Darf ich Ihnen eine Frage vorlegen, Fräulein Eltmann?"
das Kultusministerium auf die durch ihre Nüchternheit überzeugend wirkenden Ausführungen dieses Aufsatzes hinzuweisen. Will man eine Vorlage bringen, welche der Gerechtigkeit entspricht und wie sie das katholische Volk verlangt, so kann man diesem Artikel eine vollgültige Begründung derselben entnehmen, gegen welche selbst die Abgg. v. Cuny und v. Eynern wohl wenig einzuwenden wissen werden. Hoffentlich wird die Sache durch die bevorstehenden großen Steuer-Reform-Vorschläge nicht in den Hintergrund gedrängt. Sofern die unumgängliche Verständigung mit den Bischöfen über die Einzelheiten des Gesetzes erzielt ist, dürfte die Berathung einer entsprechenden Vorlage kaum mehr lange Zeit beanspruchen.
* Die der Stadt Berlin und mehreren anderen Städten der Monarchie ertheilte Erlaubniß zur Einfuhr von lebenden Schweinen aus den Mastanstalten Bielitz-Biala und Steinbruch ist nunmehr auch auf die Städte Landsberg a.W., Spremberg, Reichenbach a. E., Striegau und Neurode ausgedehnt worden.
* Dem Bundesrath liegt ein Gesetzentwurf, betreff, den Befähigungs-Nachweis für Seestruerlente auf Kauffahrteischiffen vor. Die Vorlage bestimmt, daß, wer die Zulassung als Seeschiffer oder Seesteuermann nachsucht, vom 1. Januar 1893 ab nachweisen muß, daß er nicht farbenblind ist.
* Das Prinz Friedrich-Karl-Trnkmal, welches ursprünglich in Steglitz bei Berlin aufgestellt werden sollte, wird nunmehr seinen Platz in Görlitz finden. Die Stadtverordnetenversammlung zu Görlitz hat einstimmig den Beschluß gefaßt, das Denkmal ' zu übernehmen, zu unterhalten und die beantragte Subvention zu bewilligen. Durch diesen Beschluß ist dem Denk- i mal ein schöner in jeder Hinsicht geeigneter Platz ge- i sichert, wie denn auch das Denkmal ein hervorragendes Kunstwerk zu werden verspricht.
* Der Verein deutscher Eisen- und Stahlinduftrieller wird sich in seiner auf den 8. d. angesetzten Vorstandssitzung u. A. mit der Krankenkassennovelle, der Erneuerung der Handelsverträge, der Novelle zur Gewerbeordnung, dem Patentwesen und einer Statistik der Arbeiterlöhne nyd Bilanzen der Aktiengesellschaften beschäftigen.
* Aus Sanfibar wird Londoner Blättern gemeldet: Die Karawane des in deutsche Dienste getretenen Engländers Stokes wurde durch die Eingeborenen der Landschaft Ugogo überfallen und verdankt ihre Rettung nur dem Heldenmuthe der aus 20 Mann unter Führung Lieutenants Siegels bestehenden deutschen Eskorte; 6 der deutschen Soldaten fielen.
Ausland.
* VN en, 4. Nov. Der russische Thronfolger wird in den nächsten Tagen hier erwartet und vom österreichischen Monarchen empfangen. — Die Ver-
Sie nickte und blickte überrascht zu ihm auf. Er aber fuhr fort:
„Ich reise in kurzem nach meinem Gute zurück. Sie kennen es aus meiner öfteren Beschreibung, welche ich droben im Salon machte, während Sie still an Ihrem Arbeitstischchen nähten. Nun wohl — ich will mich kurz fassen; es ist dort so öde und düster — kein liebendes Auge wird mich begrüßen und zum ersten Male bangt mir vor der Heimkehr. Wollen Sie mit mir in dies ferne, einsame Haus — als mein liebes, treues Weib?"
Es erfolgte keine Antwort, aber der Baron erwartete auch noch keine. Er betrachtete nur die kleine neben ihm sitzende Gestalt in dem unscheinbaren Kleide von weißem Cachemir, das eine einzelne schwarzsam- metene Schulterschleife schmückte. Sie hielt die Hände auf den Knieen wie betend in einander gefügt, während sie den lockigen Kopf immer tiefer senkte.
„Meine Frage hatte Sie erschreckt, liebes Kind. Sie kam auch zu unerwartet; aber ich bitte Sie herzlich, erwägen Sie dieselbe dennoch und sagen Sie mir offen, ob Sie meinen innigen Wunsch erfüllen können. Auch ich will aufrichtig gegen Sie sein. Noch vor einer Stunde dachte ich nicht daran, gerade Ihre kleine Hand zu gewinnen, aber ich hegte, seit ich Sie
Handlungen zwischen Deutschland und Oesterreich wegen eines neuen Handelsvertrages werden neuestens als günstig geschildert; es soll ein Tarifvertrag abgeschlossen werden, dessen Details gegenwärtig den Gegenstand von Beratungen bilden. — Gestern beging Fürsterzbischof Dr. G rusch a seinen 70. Geburtstag aus welchem Anlasse ihm vielfache Ovationen bereitet wurden. Auch Geheimrath Freiherr v. Helfert, der bekannte katholische Staatsmann uud Geschichtsforscher, feierte heute sein 70. Geburtsfest, was der katholischen Presse Anlaß gibt, die Bedeutung dieses katholischen Gelehrten hervorzuheben. — Die hiesige land- und forstwirtschaftliche Ausstellung weist ein großes Defizit aus, unmittelbar vor dem Schluffe wurde zu allem Ueberflusse noch eine Unterschlagung entdeckt.
* Luxemburg, 3. Nov. Die Stadtbehörde, der Schöffenrath, erläßt eine Proklamation, worin sie die Bürgerschaft, da ein offizieller Empfang des Herzogs von Nassau mit Rücksicht auf den Gesundheitszustand des König-Großherzogs verbeten sei, einladet, mit in ihrem Ausdruck beschränkten Gefühlen der tiefen Erkenntlichkeit den Herzog zu empfangen, welche der Hingabe an die Landesinteressen und der Fürsorge gelten, mit der er zum zweiten Male nach Luxemburg komme, um im Interesse des Vaterlandes die ihm durch dessen Verfassung auferlegten Pflichten zu übernehmen. Die Bürger werden ersucht, sich am Bahnhof bis zum Palast „ehrfurchtsvoll aufzustellen", sowie die Häuser zu beflaggen.
Dr. Peters über Emin und Stanley.
* Aus London, 30. Okt., schreibt man der ,Köln. Vztg.': Die November-Nummer der Contemporary Review bringt einen Aufsatz von Dr. Peters, dessen Aushängebogen mir schon heute zur Verfügung gestellt werden. Peters schreibt:
Was ich hier erzählen werde, hat mir Emin mit der Erlaubniß, es zu veröffentlichen, selbst mitgetheilt. Als Stanley am Albert-See anlangte, befand er sich in trostloser Verfassung. Emin meint, es wäre unmöglich für Stanley gewesen, zurückzukehren, falls er ihn nicht mit Nahrung versehen und sonstige Hilfe geleistet hätte. Meiner Ansicht nach hängt die Existenz einer Expedition in Afrika in erster Linie von denjenigen Hilfsmitteln ab, die man durch eigene Kraft gewinnt. In letzterer Hinsicht ließ Stanley nie etwas zu wünschen übrig. Emin gibt selber zu, daß er ganz außerordentliche Fähigkeiten besaß, sich zu helfen, wenn etwas schief ging, und daß cie Entschlossenheit und Geistesgegenwart Stanley's auf ihn den tiefften Eindruck gemacht habe.
Als Stanley zum zweiten Mal am Albert-See erschien, kündigte er dem Pascha sofort an, er besitze kennen lernte, eine Art väterlicher Zuneigung für Sie und empfand wirkliche Hochachtung, als ich Sie, obgleich noch so jung, doch so ernst und unermüdlich Ihre Pflichten in einer Stellung erfüllen sah, die ebm nicht leicht genannt werden kann. Und so biete ich Ihnen denn jetzt Alles, was ich besitze, an; nicht nur für Sie allein, sondern jedem Gliede Ihrer Familie, für das Sie bisher besorgt waren, soll mein Haus sortan eine dauernde Heimath werden. Doch ich darf nicht vergessen, Sie an mein Uebel zu erinnern — ich bin kein junger Mann mehr, bin alt genug, um Ihr Vater zu sein."
Sie blickte ungläubig zu ihm auf.
„Sie und alt?"
„Ja Kind, seit heute Abend weiß ich, daß die Jugendjahre weit hinter mir liegen. Bangt Ihnen davor, mit dem alternden Manne zu ziehen?"
Das junge Mädchen schüttelte den Kopf.
„Nein, aber ich glaube, ich kann Sie stets nur so lieben, wie eine Tochter ihren Vater liebt. Wird das genügen?"
„Danke, das genügt!"
Sie wandte sich voll zu ihm um; die Hände waren noch immer gefaltet und die Augen standen voll Thränen, als sie mit leicht bebender Stimme erwiderte :