JV 255.
Mittwoch, den 5. November 1890.
17. Jahrgang
Fuldaer Zeitung
Drei u. Lerlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).
Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
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Was Kann noch helfen?
Unter dem packenden und treffend gewählten Titel „Der Sozialdemokrat kommt! Ein War- nuugsruf an unser katholisches Landvolk von einem alten Dorfpfarrer" ist in der Her- der'schen Verlagshandlung in Freiburg eine Broschüre erschienen, deren Titel schon bezeugt, daß wir es mit einer sehr zeitgemäßen Schrift zu thun haben, mit einer Schrift, deren Erscheinen gerade in diesem Augenblick ein dringendes Bedürfniß war. Und der „alte Dorfpfarrer", hinter dem wir wohl nicht mit Unrecht einen derzeitigen Stadtpfarrer, nämlich den rühmlichstbekannten vr. Hansjakob in Freiburg vermuthen, hat seine Aufgabe in wirklich glänzender Weise gelöst. In sechs Abschnitten (Was will der alte Dorfpfarrer? Wer kommt? Woher kommt der Sozialdemokrat? War will der Sozialdemokrat? Warum kommt der Sozialdemokrat? Was kann noch helfen?) geht der Verfasser in volksthümlicher Sprache der Sozialdemokratie und ihren Bestrebungen zu Leibe. Die Broschüre „Der Sozialdemokrat kommt" bietet dem gemeinen Manne und insbesondere dem katholischen Landvolke in einer seinem Verständniß und seinen Eigenschaften angepaßten Darstellungsweise dasselbe, was die in demselben Verlage jüngst erschienene Schrift des Jesuitenpaters Viktor Cathrein „Der Sozialismus" für den gebildeten Katholiken bearbeitet hat. Wir können die Verbreitung dieser zeitgemäßen Volksschrift nur auf's Wärmste empfehlen. Der Preis beträgt nur 20 Pf., der Partiepreis bei Abnahme von 100 und mehr Exemplaren 15 Pf. Um unfern Lesern eine Probe aus dem reichen Inhalte zu geben, lassen roh das Schluß- kapirel der Broschüre in ausführlicher Wiedergabe folgen:
Was kann noch helfen?
Wenn unser Hergott die Menschen strafen will für den Unglauben und die Gottlosigkeit unserer Zeit, so braucht er nichts Besonderes zu thun. Er läßt die Menschen ruhig so fortmachen; sie strafen sich dann von selber, d. h. sie kommen in Zustände und Revolutionen hinein, daß sie von selbst wieder „nach Gott schreien". Wenn aber die Menschen umkehren wollen von diesem Wege, so ist das ihre Sache. Der liebe Gott hat ihnen den Verstand und Zeichen genug gegeben in den Folgen ihres Unglaubens, und seine Kirche mahnt jahraus jahrein. Wer aber mit dem guten Beispiel vorangehen muß, das ist derjenige, welcher durch sein Beispiel, wie wir oben gelesen, den Schaden angefangen hat, und das ist der moderne Staat. Was soll also dieser Staat thun? Er soll
1) Dafür sorgen, daß Religion ins Volk komme und im Volke erhalten werde. Er könnte es an un-
Sonnenried.
Roman von Marga Brechten. ----------------- ?
(3. Fortsetzung.)
An dem einen Ende des weiten Saales löste sich eben eine Gruppe von Offizieren auf, und die Tochter des Hauses ward sichtbar. Ihre königliche Gestalt ruhte in dem weißen Atlaspolster eines Eckdioans, welcher in eine Laube dichter Blattpflanzen geschoben war. Die Spitze ihres Fächers berührte leicht den Arm eines älteren Herrn, der in goldgestickter Generalsuniform vor ihr stand; — das war das Zeichen, daß er bleiben solle. Er verneigte sich dankend, während sein Blick wie bezaubert auf der Dame ruhte. Mit einer jähen Bewegung erhob sie sich jetzt und ließ ihr Auge forschend über die glänzende Versammlung gleiten.
Wie war Gräfin Alexandra so schön, so wunderbar schön an diesem Abende! Ihre schlanken, aber vollen Formen waren in eine Robe von dunkelrothem Sammet gehüllt; kleine Büschel lebender Maiblumen hielten die schweren Falten scheinbar empor. Das nachtschwarze Haar zierte keine Blume; nur einzelne Diamantnadeln funkelten gleich blitzenden Thautropfen in dem reichen Gelock.
„Finden Sie nicht, daß diefes Stimmerrgewirr dem eigenthümlichen Laute fallender Wasser gleicht?" Das
serem Landvolke sehen, was die Religion nützt; denn unser Landvolk ist deshalb noch nicht sozialdemokratisch, weil es noch Religion hat. Merkt euch das, ihr Herren! Sorgt dafür, daß die Religion geachtet werde in Wott und Beispiel von euern Beamten und Staatsdienerv. Die deutschen Fürsten geben hierin ein gutes Beispiel; sie gehen noch in die Kirche. Sorgt vor allem dafür, ihr Herren, daß im Landvolk die Religion erhalten werde, dadurch, daß ihr die Kirche ihre volle religiöse Kraft entwickeln laßt. Zu ihrer vollen Kraft braucht sie aber die katholischen Ordensleute. Run dürfen die z. B. im Musterstaate Baden gar nicht wirken, wohl aber die Sozialdemokraten, und aus dem deutschen Reich hat man die besten Prediger unter den Ordensleuten, die Jesuiten, vertrieben, während man nach Aufhebung des Sozialistengesetzes die allerschlimmsten Sozialdemokraten, die man verjagt hat, wieder hereinläßt. Dürfen die Jesuiten nicht kommen, so gleicht das Deutsche Reich einem Mann, dessen Haus von bösen Leuten angezündet werden soll und der die Anzünder in sein Haus aufnimmt, diejenigen aber, die den Brand verhüten und löschen wollen, fortjagt.
2) Soll der Staat dafür sorgen, daß wir ein strengeresRegiment bekommen in vielen Dingen. Freiheit ist ein hohes Gut. Aber Freiheiten, die nur zur Verrohung und zur Verwilderung dienen, sind ebenso große Uebel. Unser liberaler Staat hat jeden Schulbuben zu einem freien Mann gemacht, dem man keine Ohrfeige mehr geben darf, wenn er sie noch so sehr verdient. Man erziehe die Jugend strenger und halte sie an zur Religion und strafe die Rohheiten der jungen Leute schärfer. Wenn junge Handwerksgefellen an Werktagen, statt zu arbeiten, in den Städten betrunken in „Schäsen" (Droschken) fahren und andere Leute, die arbeiten, auslachen, so hole man sie heraus und gebe ihnen eine Tracht auf die Hosen. Man höre ferner auf, die Zuchthäuser und Gefängnisse zu Erholungsanstalten zu machen, wo die Leute besser essen und schlafen, als viele Tausende auf dem Lande, und wo sie" herauskommen und erzählen, wie gut sie es gehabt haben. Hier ein Beispiel: Vor einiger Zeit hat im Badischen ein Verurtheilter, dem das Gericht wegen Rückfall vier Monat gesprochen, während der Staatsanwalt sechs Monat beantragt hatte, vor Gericht gesagt, er wolle lieber die Strafe des Staatsanwalts. So g»t haben es die Sträflinge! Die Gendarmen und Polizeidiener müssen zudem alle Stromer, Lärmmacher u. s. w. wie Herren behandeln und nur mit den Handschuhen angreifen, so daß diese Vertreter der Ordnung sich jeden Spott müssen gefallen lassen und, wenn sie recht auftreten, des Lebens nicht mehr sicher sind. Kurz und gut, man höre auf klang so schmeichelnd wie lockender Sirenengesang an das Ohr des aufhorchenden Mannes.
„Verzeihung, Alexandra Feodorowna, Verzeihung, daß ich in Ihrer Gegenwart einen Moment zerstreut sein konnte. Dennoch ist dies nur Ihre Schuld. Sie sagten kürzlich, daß der heutige Abend für mich bedeutungsvoll fein werde, und bei Ihrem Anblick drängte sich mir eben ein vielleicht zutreffender Vergleich auf."
„Sagte ich wirklich so? — Doch bitte, darf man Ihre Gedanken erfahren?"
„Ich dachte, wie gut die rothe Gluth eines Herbstfeuers zu dem frischen, süßen Duft des Lenzes paffe."
„Ju der That, sehr geistreich bemerkt, wenn der Vergleich meiner Robe gilt, aber völlig bedeutungslos, wenn Sie einen tieferen Sinn mit Ihrer Rede verbanden."
Die Worte klangen kalt, fast ironisch, aber die leise Berührung der schönen Hand, welche sich unter den Arm des Barons schob, hatte etwas so Zutrauliches, Liebenswürdiges, daß der herbe Zug um seinen Mund augenblicklich verschwand.
„Führen Sie mich durch den Saal," sagte sie nun mit derselben berückenden, fast flüsternden Stimme, während der zarte Flaum ihres Fächers die heißen Lippen wie kosend berührte, „und dann beichten Sie mir, welche böse Fee meinen, seit Monaten so ausmerk-
mit dem Humanitäts- und Freiheitsdusel, wo er nicht am Platz ist.
3) Man gebe den Sozialdemokraten als Arbeitern, was recht und billig ist, und damit Punktum. Sind sie dann noch revolutionär, so zeige man ihnen scharf den Meister, ehe eS zu fpät ist und sie uns auf die Köpfe schlagen ohne lange Justiz. Aber man suche auch den Bauernstand zu heben, diesen noch einzig festen Kern des StaatslebenS. Man vermehre nicht fort und fort seine Lasten, sondern suche ihn zu entlasten und dadurch zu heben, daß man von den vielen Millionen, die der Staat ausgibt, auch etwas mehr ausgibt für die Landwirthschaft, und nicht immer für diese, wie es in der Regel geschieht, am wenigsten, und für's Militär und die Beamten, Professoren rc. am meisten. Man suche auf alle Atten den Wohlstand auch des Landvolkes zu befördern. Dazu ist aber ferner nöthig, daß
4) Alle Stände sich der Sparsamkeit befleißen und daß man ein gutes Beispiel von oben herab gebe. Der Luxus, durch den jedes über seinen Stand hinausgeht, ist, wie der Unglaube, von oben herunter gekommen und hat alle Klassen bis zum Bauer angesteckt. Als ich in den sechziger Jahren in meine Pfarrei kam, schliefen alle Bauern auf Laubsäcken; jetzt sind in jedem Hause der Gemeinde Matratzen, und die Leute schlafen um kein Haar besser, als auf dem Laub. Man ziehe nicht das Volk von oben herab durch Veranstaltung von Festen und Extrazügen in die Vergnügungssucht hinein, wie es seit Jahren geschehen ist, wo kein Sonntag mehr ohne Feste und Ausflüge abgeht.
Das wären meine Hauptpunkte zur Besserung, und der Leser wird mit mir darin einverstanden sein. Es ist aber die höchste Zeit, daß diejenigen, welche die Ordnung erhalten sollen und wollen, sich nicht mehr lange besinnen. Es ist bereits, wie der Bauer sagt, Feuer im Dach.
Vor hundert Jahren brach in Frankreich die große, schreckliche Revolution aus; sie hat namenlosen Schrecken und Elend verursacht, Millionen Menschen das Lebm gekostet und blutige Kriege zur Folge gehabt. Als nun im Jahre 1815 die ungeheueren Stürme, welche über Europa hingezogen waren, ihr Ende gefunden hatten, da erkannten Fürsten und Völker, daß Gott seiner nicht spotten läßt und der Abfall von ihm sich blutig gerächt hatte. „Ein schöner, freudiger Glaube," sagt ein Geschichtsschreiber jener Zeit, „an die sühnende Gottheit heiligte jene Jahre der Begeisterung. Auch die Fürsten beugten sich vor der höheren Macht, die sichtbar ihr Schicksal gewogen. In jener feierlichen Zeit schlossen daher die Monarchen von Rußland, Oesterreich und Preußen einen Bund zur Ehre Gottes und zum Segen der Völker, darin sie sich verpflichteten, samen, unterhaltenden Freund in diesen düsteren, langweiligen Gast verwandelt hat. Nennen Sie mir die Zauberformel — vielleicht, daß ich den Bann zu lösen vermag."
„Sie wissen nur zu wohl, daß Sie es können," erwiderte der Baron, auf den scherzenden Ton seiner Dame eingehend, dann aber fuhr er mit unwiderstehlicher Wärme fort:
„Gräfin Alexandra, Sie wählten vorhin ein so wahres Wott! Ja, seit Wochen und Monden habe ich mich bemüht, meine Gefühle für Sie zu bekämpfen; — ich vermochte es nicht. Dann versuchte ich durch die treueste Ergebenheit Ihre Liebe zu gewinnen und — o Gott, ich kann mich nicht so furchtbar getäuscht haben — eS schien mir gelungen. Als ich Ihnen dann vor wenigen Tagen von meiner festen Absicht sprach, nicht eher in mein Schloß zurückkehrm zu wollen, als bis ich eine Braut, eine Herrin für mein bis dahin so ödes Heim gewonnen, da lächelten Sie verheißungsvoll und sagten: „Warten Sie bis zum kommenden Balle — er wird daS Ersehnte bringen."
Die junge Gräfin lachte leicht auf, hell und melodisch wie immer, aber ihren Begleiter entzückte dies Lachen nicht mehr.
„Nein, rott Ihr Deutschen doch so pedantisch seid und so hartnäckig an Absichten und Plänm festhaltet.