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Beilage zu Nr. 253 der „Fuldaer Zeitung".

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda. Druck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).

* Herr, laß sie ruh n in Frieden!

Kalt wehet der Wind über'm Friedhof hin, Der heut' einen Festtag wohl feiert, Und graue Wolken darüber zieh'n In dichte Nebel geschleiert.

Du siehst ein fröhliches Treiben nicht, Du hörst nur weinen und bitten: „O laß ihnen leuchten das ewige Licht, Herr, lasse sie ruhen in Frieden!" Und fromme Hände haben geziert Die Grüber der theuern Lieben;

Die Waise, die einfam verlasfen irrt, Der nichts auf der Welt mehr geblieben, Sie schauet mit Thränen zum Himmelslicht Und betet weinend hienieden: „O laß ihnen leuchten das ewige Licht, Herr, lasse sie ruhen in Frieden." An einem hölzernen Kreuze lehnt Ein Greis mit gebleichten Haaren, Hinab in das Grab er müde sich sehnt Nach vielen und leidvollen Jahren.

Sein Weib und sein Kind dort unten liegt, Und er betet für sie, die geschieden, „O laß ihnen leuchten das ewige Licht, Herr, lasse sie ruhen in Frieden!" Und die Trauerweide d'rüber sich streckt, Ueber die, die da unten begraben, Die stumm, nun von Erde zugedeckt, Jetzt Ruhe gefunden haben.

Vor'm Grab steht ein trauriges Angesicht Und schluchzt und betet hienieden: „O laß ihnen leuchten das ewige Licht, Herr, laß sie ruhen in Frieden!" Doch steht mancher Hügel verlassen auch Wo Keiner noch weinend gesessen, Weil Jene dort drinnen nach altem Brauch Begraben und längst schon vergessen.

Und wenn auch die Thränen schon lange versiegt Für die Vergess'nen danieden, Der Herr läßt leuchten das ewige Licht Und läßt sie ruhen in Frieden.

Allerseelen.

Eine klare, kalte Nacht war's, und frisch und schön ist der Tag angebrochen, so ein echter prächtiger Spät­herbsttag, wo Sonne und beginnende Winterkälte nod)1 einmal um die Herrschaft kämpfen. Kalt ist's draußen, davon sprechen die gerötheten Wangen und Nasenspitzen, obschon die Sonne ihr möglichstes thut, noch einmal recht die Erde zu erwärmen, dem herannahenden Winter noch einmal ihre volle Kraft zu zeigen. — Es ist Allerseelen!

Welch' wehmüthiger und doch auch wieder schöner Tag, voll Erinnerung und voll seligen Andenkens! Wer gedenkt heute nicht der Lieben, die ihm der Tod entriß, ganz besonders innig und wen zöge es nicht hinaus, hinaus zur Stätte, wo ihre irdischen Ueber- reste ihren Platz fanden! Still, in majestätischer Ruhe liegt der Friedhof vor uns, ein rechtes Sinnbild ewigen, glückseligen Friedens. Wie viel Glück und Unglück bergen jene langen Gräberreihen, wie viel Haß und Liebe! Vielleicht haben sie, die hier ihr Grab gefunden, sich im Leben feindlich gegenüber gestanden, sich gehaßt und bekämpft — da kam der Tod und vereinte sie auf dem Friedhöfe und nun schlummern sie der ewigen Versöhnung entgegen. Vielleicht auch herrschte die reinste, aufopferndste Liebe zwischen ihnen, die der Tod trennte und kurz nach einander zu sich nahm. Nun sind sie doch wieder vereint und vereint lverden sie dereinst erwachen und Gott, die ewige Liebe, preisen! — ’

Welche Gedanken mögen das Herz des alten Mütter­chens bewegen, das dort vor dem einfachen Hügel kniet und bitterlich schluchzt? — Es war eine Zeit, da war sie glücklich, glücklich in der Liebe ihres Mannes und inniger noch verband die Beiden die Sorge nm ihr Kind, die kleine Marie. Da wurde ihr Mann beim Holzfällen von einem stürzenden Stamm erschlagen und nun begann das Elend. In harter Arbeit und bitterer Noth vergingen die Jahre, bis aus der kleinen Marie ein stattliches, schönes Mädchen geworden war, schön an Leib und Seele. Da erschien wiederum das Fatum in Gestalt einer Nachbarin, welche rieth, Marie in einen Dienst nach der Stadt zu schicken und die Aus­sicht auf besseres Verdienst bewog diese selbst, die Mutter mit Bitten zu bestürmen, sie nach der Stadt ziehen zu lassen. „So schwer mir die Trennung von Dir ist, lieb' Mütterchen, laß mich gehen! Sieh, ich kann Dir dann besser helfen und deine alten Tage vielleicht sorgenfreier gestalten!" Und Marie kam in die Stadt, in ein feines Gasthaus. Anfangs ging Alles gut, sie schickte viel Geld und schrieb lange Briefe, die alle in dem Akkorde herzlichster, kindlichster Liebe zu ihrem Mütterchen ausklangen. Dann aber

Samstag, den 1. November 1890.

wurden die Briefe kürzer und seltener, wenn auch die Geldsendungen nicht ausblieben. Und da, eines Abends, sie saß gerade bei dem traulich brennenden Ofen und dachte an ihr fernes Kind, da öffnete sich leise die Thür: „Grüß Gott, Mntter, da bin ich!" — War das ihre Tochter, die da vor ihr lag und ihre Kniee umklammerte? Bleich und abgehärmt, ein verzehrendes Feuer in den Augen und den Tod im Herzen, erzählte Marie unter bitteren Thränen eine traurige Geschichte. Sie hatte ihn geliebt, den reichen, stolzen Mann und ihm vertraut, als er ihr versprach, sie und ihr Mütter­chen glücklich machen zu wollen. Später war er seltener, und zuletzt gar nicht mehr zu ihr gekommen und dann erfuhr sie, daß er abgereist sei, ohne ihr ein Wort zurückzulassen und — daß er int Freundeskreise die Geschichte von der „leichten Eroberung" zum Besten gegeben hatte. Bewegt zog die Mutter sie an sich und am Mutterherzen fand sie Trost und Frieden. Aber gesund wurde sie nimmer; sie erlag einem heftigen Fieber. Hier lag sie und wartete der Auferstehung. Schluchzend betete das alte Mütterchen: „Herr, sei der armen Seele gnädig!"

Und da weiter vorn, die stolze, junge Dame, die eben einen prachtvollen Kranz um einen Grabstein hängt und dann niederkniet nnd betet, wen mag sie beweinen? Früh schon verlor sie ihre Eltern nnd kam dann zu Verwandten, die das edel veranlagte, schöne und auch liebenswürdige Mädchen gern aufnahmen, ob­schon sie ziemlich mittellos war. Vor nicht gar langer Zeit hatte der gesuchte und angesehene Arzt Dr. W. um ihre Hand angehalten. Er erhielt ihr Jawort und die Hochzeit sollte bald gefeiert werden. Aber in das junge Glück riß der unerbittliche Tod mit rauher Hand ein Lücke. Dr. W. starb in Ausübung seines hehren Berufs bei einer Operation, die er vornahm, an Blut­vergiftung. Unmäßig war der Schmerz und die Ver­zweiflung, der die einst so glückliche Braut sich hin­gab. Wie konnte er, der Herrliche, Einzige, der dem Tod so oft in's Auge geschaut, ihm nun selbst zum Opfer werden? Mit einem unsagbar wehmüthigen Blick in den schönen Augen betet sie: „Herr, schenke ihm die ewige Ruhe!"

Es wird Abend ; mit ihrer letzten Kraft küßt die scheidende Sonne die Gräber und tröstend senken sich ihre Strahlen auch in die Herzen der Betenden. Wer­den sie doch Alle einst wieder mit ihren Lieben ver­eint werden, die den Frieden nun schon gefunden haben, den das arme Menschenherz mit Schmerzen sucht. Hermann Sülzer.

* Aus dem Gisenacher Gberlande

wird der ,Eis. Tagespost' geschrieben:

In Nr. 248 Ihres Blat'es wird ein dem .Gothaer Tageblatt' entnommener Vortrag des Rentners Veh in Gotha im dortigen Gewerbeverein über die A r b e i t e r- verhältnisse im Eisenacher Oberlande auszugsweise wiedergegeben, der einerseits mein größtes Staunen hervorgerufen hat, andererseits aber auch mein größtes Bedauern über die kühnen Behauptungen, die theilweise jeden Grundes entbehren, erweckte. Geradezu ein Grauen beschlich mich, nachdem ich den Aus­führungen des Herrn Vey, soweit sie wiedergegeben waren, bis zum Schluß gefolgt war, und eine Pflicht drängte sich mir besonders auf, nämlich die Pflicht der Richtigstellung.

Die Beschreibung, die Herr Vey für unser Ober­land gibt, erinnert".lebhaft an Sibirien, für unseren Landesstrich ist sie aber entschieden nicht angepaßt; genannter Herr hat, wenn er — wie es scheint — wirklich ein so großes Bedürfniß empfand, unsere Zu­stände zu skizziren, entschieden mit zu starker Farbe aufgetragen. Recht gut weiß ich, daß die Ansichten über unsere Heimath in den Städten nur zu oft recht wunderliche und eigene sind, daß dies aber so ist, das haben in der Regel Personen verschuldet, die keine Sachkenntnis; besaßen und es auch verschmähten, sich genügend zu informiren. Ich weiß weiter recht gut, daß unser Landesstrich, speziell das in dem Vortrag besonders hart mitgenommene Feldathal, keineswegs eine der besten Länderstrecken Deutschlands ist, immer­hin wird und muß mir jeher Eingeweihte in der Be­hauptung, daß wir mit anderen Gegenden noch lange nicht zu tauschen brauchen, Recht geben. Ueber die Ertragsfühigkeit des gerade im Feldathale belegenen Grundbesitzes will ich nicht viel Worte verlieren. Zu­gegeben, daß unsere Artlandsgrundstücke nicht die aller­günstigsten für den Getreidebau sind, so stehen sie in Bezug auf ihre Ertragsfähigkeit anderen Gegenden wenig oder gar nicht nach. Was den Wiesenbesitz an- langt, so ist ja allgemein bekannt, daß die nörd­lichen Vorthäler der Rhön, darunter auch das Feldathal, das beste und würzhafteste Futter liefern. Daß der Boden in der Rhön einer sorgfältigeren Be­arbeitung bedarf als auf dem flachen Lande, ist wohl sehr richtig; bekannt ist aber auch jedenfalls die That-

sache, daß gerade der Rhöner ein äußerst fleißiger Mensch ist, der noch keinen Quadratmeter urbaren Landes unbestellt liegen läßt, trotzdem er bis in die neueste Zeit dadurch, daß sein Grundbesitz nur aus kleinen Stücken bestand, sehr zu leiden hatte. In neuerer Zeit ist aber fast in allen Fluren das Grund­stückszusammenlegungsverfahren eingeleitet worden. Die dabei nicht ausgebliebenen enormen Kosten, der heut­zutage so hohe Preis aller vom wenig begüterten Manne benöthigten Artikel, nicht aber ein „vorherrschen­der Branntweingenuß" mögen Gründe der heutigen wenig erfreulichen Lage unserer Landleute sein.

Üeberdies muß es mich auch wundern, daß Herr Vey da gerade nur vom Oberland spricht, er darf sich ruhig im ganzen deutschen Reiche nach der Lage der Landwirthschaft erkundigen, und ich wette hundert gegen eins, daß sie nicht an einem einzigen Orte als eine heutzutage besonders herrliche geschildert wird. Ein wirthschaftlicher Rückgang ist bei uns weniger zu ver­zeichnen, als wo anders, ist doch der Rhöner als ein wenig genußsüchtiger, genügsamer und mit Wenigem znfriedenerMensch bekannt. Um nun auf den angeblich fässerweise in den einzelnen Familien verzehrt werdenden Schnaps zu kommen, so entspricht dies auf keinen Fall der Wirklichkeit. Der Schnapskonsum mag früher einmal sehr stark hier zu Lande gewesen sein, heute ist er — das darf ich ge­trost behaupten — nicht größer als wie in anderen Gegenden, das zeigt schon am allerbesten der Bier­konsum, der gegen die sechziger Jahre sich mindestens verzehnfacht hat. In unseren Ortschaften, und mögen sie noch so klein und noch so sehr vom allgemeinen Verkehr abgeschnitten sein, ist heute überall ein Glas gutes Bier zu haben; unsere Brauereien, sowie die­jenigen im benachbarten. Meiningen und Salzungen, würden hier beredtes Zeuguiß ablegen können.

Die Lage der Holzschnitzerei, namentlich der­jenigen in Empfertshausen anlangend, ist in letzterer Zeit eigentlich von ihrer unter der geschickten Leitung eines Lehrers immer mehr um sich greifenden Vervollkommnung auch in der .Eisenacher Tagespost' gesprochen worden. Die Erzeugnisse der Empfertshäuser Schnitzerei sind, nachdem dort eine besondere Schnitz­schule eingerichtet worden war, verschiedentlich, so in Nürnberg, Weimar, Leipzig re., ausgestellt und prümiirt worden, überall werden sie in der letzten Zeit besonders sehr gesucht und, was für den Schnitzer die Haupt­sache ist, auch gut bezahlt. Wer da behaupten will, daß die Holzschnitzerei des „armseligen Rhön- dörfchens" sich nicht in voller Blüthe befinde, der kennt einfach unsere Verhältnisse nicht. Was Herr Vey uns Alles von Empfertshausen erzählt, mag wohl vor zwanzig Jahren am Platze gewesen sein, heutzutage liegen die Sachen anders. Auch das vom Rohmaterial Gesagte trifft noch lange nicht zu, beispielsweise braucht ein wirklicher Holzschnitzer fast das ganze Jahr kein Erlenholz und mit einer Fuhre Nußbaumholz, die ihm ohne jedwedes Zuthun seinerseits recht gern für etwa 15 Mk. (nicht 75 Mk.) geliefert und angefahren wird, reicht er jahrelang, denn er verarbeitet an erster Stelle Holz vom Birn-, Apfel- und Pflaumenbaum, außerdem auch viel Ahorn- und Eschenholz. Eine Schwierigkeit, diese Holzarten zu beschaffen, ist entschieden nicht vor­handen. Auch irrt sich Herr Vey, wenn er den jähr­lichen Umsatz der Holzschnitzerei in Empfertshausen auf 25,000 Mk. veranschlagt, ganz bedeutend, müssen doch die Schnitzer dort die doppelte Summe versteuern und dieselben würden sich gewiß sehr hüten, von einem Einkommen, was sie gar nicht haben, Steuern zu ent­richten. Daß es noch Holzschnitzer gibt, die eine ge­wöhnliche Arbeit liefern und deßhalb auch einen ge­ringen Verdienst haben, ist für Denjenigen, welcher diesen Industriezweig seit Jahren beobachtete, sehr be­greiflich. Wie Herr'Vey zu der Behauptung kommt, der Holzschnitzer in.Empfertshausen könne seine der Post übergebenen Maaren nicht franksten, das ist ein Räthsel, und bitte ich nur, den Ausdruck, der mir dabei vorschwebt, unterlassen zu dürfen. Mir ist diese Be­hauptung sehr bezeichnend für die Art und Weise seiner Unterrichtung. Auch die Wohnung des Rhön­bewohners ist von Herrn Vey zu grell gemalt worden. Wohl haben wir in der Rhön ärmere Ort­schaften, aber bis findet man auch in anderen Gegen­den des Vaterlandes. Nach dem bereits Erwähnten hat es mich nicht gewundert, wenn Herr Vey den Rhöner seine Wohnung zu gleicher Zeit zum Gänse- und Ziegen­stall einrichten läßt, gewundert aber hat es mich, daß er nicht anch das Rindvieh in die Wohnstube plazirt hat, das Ensemble wäre bann gewiß fertig. Der er­wähnte Gegeustanb bietet einer einigermaßen geweckten Phantasie viel Stoff. Gott sei Dank, es ist nicht an bem, wir wissen es hier am besten. Das Elend, bas man bei uns finbet, wenn man barnach sucht, bas finbet man in anberen Gegenden, ohne es zu suchen. Wenn das Herr Vey noch nicht gewußt hat, so mag er es sich hiermit gesagt sein lassen.