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' JV 253.

Samstag, den 1. November 1890.

17. Jahrgang

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

Zeitung

Druck u. Lerlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillman«).

Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen.

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VW", Hierzu eine Beilage.

Des Festes Allerheiligen wegen erscheint die nächste Nummer am Montag.

Allerheiligen und Allerseelen

richten unfern Blick auf Diejenigen, die gestorben sind und doch leben. Gestorben für das Diesseits, wo die Seele im irdischen Leibe wohnt; hinübergegangen in das Jenseits, wo der Geist der materiellen Hülle ent­ledigt ist; entgegenharrend der Auferstehung am jüng­sten Tage, welche die verklärten Leiber in die Geister­welt einführen wird. Ein doppeltes Todtenfest: am ersten Tage gedenken wir verehrend und bittend Der­jenigen, die uns die Kirche als musterhafte Vollender der irdischen Prüfungslaufbahn, als Angefiedelte im himmlischen Jerusalem bezeichnet hat; am zweiten Tage Derer, die noch im Fegfeuer von den Schlacken der irdischen Verschuldung gereinigt werden. Und wo bleibt die dritte Klasse, die in schwerer Schuld von hinnen Geschiedenen, der Verdammung rettungslos Anheimgefallenen? Es ist ein Glück und Trost, daß wir über die Namen dieser Unglückseligen keine Aus­kunft erhalten im Diesseits; so kann noch immer die Hoffnung sich an die Möglichkeit klammern, daß unsere Angehörigen oder Freunde nicht zu den ewig Verlorenen gehören. Und wenn auch das Ende der­selben unter den bedenklichsten Umständen erfolgte, es ist doch immer noch denkbar, daß im letzten entscheiden­den Augenblicke die Seele zu einem rettenden Akte der Buße gelangt ist. So schließen wir Alle ein in den Bittruf: Herr, gib ihnen die ewige Ruhe!

Zum Besten der Geschiedenen können wir nichts weiter thun, als daß wir beim Höchsten bittend für ihre Begnadigung eintreten. Aber für das Heil der­jenigen, die noch im Diesseits leben, können wir nicht bloß durch Gebet, sondern auch durch Rath und That eintreten. Wenn wir von dem Gräberbesuch am Aller­seelentage zurückkehren, so sollen zwei Vorsätze uns begleiten: 1) Sorge für deine Seele, die vielleicht auch schon am nächsten Allerseelentage zu den abge­schiedenen gehören wird. 2) Sorge nach Kräften für das Seelenheil deiner Angehörigen und Aller, die dir anvertraut sind. Besfer bewahrt im Leben, als be­klagt nach dem Tode! —

Mit dem Doppelfest zu Anfang November beginnt der letzte Monat des Kirchenjahres, das letzte Sechstel des bürgerlichen Jahres. In die Zeit des raschelnden Laubes und der sonstigen Vorboten des Winterschlafes der Natur fallen recht passend die Gedenktage der Ge­schiedenen. Der Ungläubige, der in dem Zerfall des menschlichen Körpers das Ende der menschlichen Existenz sieht, spürt auf dem Friedhof bloß Moderduft und

Sonnenried.

Roman von Marga Brechten.

(1. Fortsetzung.) ,

Die Augen des Fremden waren in's Weite gerich­tet. „Das muß wohl sein," erwiderte er schnell, „denn ich bin glücklich, wenn ich daheim über die Haide schaue, ob auch weder Baum noch Blume meinem Blicke begegnet. Und Sie — Verzeihung, wenn meine Bemerkung un­bescheiden klingt, aber Sie scheinen nicht glücklich zu sein."

Felicitas sah vor sich nieder. Fast ärgerte sie sich über diese offene Sprache, und dennoch, er hatte sie ja weinenb angettoffen, überdies sah er gar nicht keck und jung aus, zwar nicht gerade alt, aber doch sehr ernst. Gewiß, er hätte ihr Vater sein können. „O Tante Josephe, wenn Du mich hier sähest!" dachte sie; „aber ich kann doch nichts dafür, und der Regen gießt noch immer in Sttömen."

„Mißdeuten Sie meine Theilnahme uicht," Hang da wieder die weiche Stimme vom Eingänge her. „Wenn Sie es wünschen, setze ich meinen Weg fort, zwar nicht durch Nacht und Nebel, wohl aber durch Sturm und Regen."

Das Hang fast ironisch, gleich darauf aber fuhr er im alten Tone fort: „Lieber wäre es mir fteilich, wenn ich Ihnen helfen dürfte."

Todessttlle; der gläubige Christ ahnt auf dem Gottes­acker den Frühling der Auferstehung, dem das Samen­korn in der Erde unter scheinbarem Zerfall entgegen geht. Auf Allerseelen folgt Weihnachten, auf Weih­nachten folgt Ostern. Der Begrabene ist nicht ge­storben, et schläft nur. Auf Wiedersehen! — heißt es beim Abschiede vom Grabe. Auf Wiedersehen im Frühling des Jenseits, in welchem der Winterschlaf des Kirchhofes endigt. —

Wenn wir auf dem Friedhof die Gräber sehen, welche knospende Kinder, blühende Frauen und kräftige Männer verschlungen haben, so klingt uns im Gemüthe noch der Jubel nach, mit dem der Geburtstag des neunzigjährigen Moltke gefeiert worden ist. Er war schon 70 Jahre alt, als er den französischen Krieg leitete und seine geistige Kraft die glänzendste Blüthe trieb. Nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge ist er schon lange als „mit einem Fuß im Grabe stehend" zu betrachten; aber erhält fest und unbeirrt Stand mitten im Leben. Wie groß noch der Vorrath seiner Kraft ist, zeigt sich in dem glücklichen Ueberstehen der Festlichkeiten. Die mehrtägigen, hochgradigen Auf­regungen und Anstrengungen einer so außerordentlichen Feier hätten eine viel jüngere Natur erschöpfm können. Der Anblick der Rüstigkeit uud Regsamkeit eines so hochbetagten Greises hat etwas Erfrischendes, Anfeuern­des. Wenn du noch in der Blüthe deiner Jahre stehst, so schäme dich der Bequemlichkeit und Trägheit ange­sichts der Spannkraft und des Fleißes der großen Greise, des Kaisers Wilhelm I., des Grafen Moltke, des bqld in's neunte Jahrzehnt gelangenden Windt- horst. Und wenn du schon im Niedersteigen von der Höhe des Lebens begriffen bist, und die Last der Jahre zu spüren beginnst, so möge der Anblick der tüch­tigen Greise dir sagen, daß der Herbst des Lebens sehr lang, sehr schön und sehr fruchtbar sein kann, wenn des Himmels gnädige Fügung und des Menschen Energie zusammen wirken.

Graf Moltke hat bekanntlich am 26. Oktober 1800 das Licht der Welt erblickt. Nebensächlich aber nicht ganz uninteressant ist die Frage, ob er im laufenden ober im vergangenen Jahrhundert geboren worden ist. Obschon das Geburtsjahr dieselbe Hundertziffer trägt, wie das gegenwärtige, so gehört es doch noch ver­flossenem Jahrhundert, als dessen letztes Jahr. Denn unsere Zeitrechnung ist offenbar so gedacht, daß mit der Geburt Christi das Jahr 1, (nicht das Jahr 0) begonnen hat. Also das erste Jahrhundert nach Christi Geburt schloß nicht mit dem Jahre 99, sondern mit dem vollendeten Jahre 100 ab. Am 1. Januar 1901 werden wir also den Eintritt in das neue Jahrhundert zu feiern haben. Wird Graf Moltke diesen Tag ver­zeichnen, so kann er sich rühmen, drei Jahrhunderten angehört zu haben.

„Bitte, bleiben Sie," sagte Felicitas etwas unbe­fangener. „Mein Kummer ist vielleicht recht kindisch. Mir fehlt eigentlich nichts, es ist nur — daß ich mir zu Hause so überflüssig vorkomme. Vater, Tante und Schwestern — sie alle können mich entbehren. Ich bin wie ein überlästiger, ungeliebter Eindringling unter den fröhlichen Menschen, welche mein Wesen nicht zu verstehen scheinen."

„Das ist freilich kein Grund zum Kummer; aber dieses Gefühl reicht hin, um die Seele mit bleibendem Ueberdrusft zu erfüllen und sie für jeden Genuß, den das Leben ihr bitten könnte, unempfänglich zu machen. Sie können also wirklich Niemandem von Nutzen sein?"

„Niemandem," lautete die leise Antwort.

„Wie schade! Ich wüßte im anderen Falle ein so vortreffliches Mittel, womit man die von Ihnen empfundene Leere ausfüllt. Aber Sie sind noch so jung — könnten Sie nicht —"

„Bitte, sprechen Sie weiter," bat Felicitas.

„Meine Rede wird Sie verletzen und doch dürste Ihnen vielleicht ein kleiner Rath nützlich fein; wie ist eS, könnten Sie nicht noch lernen ?"

Jetzt lachte sie leise auf. „O, Sie haben mich miß­verstanden! Ich bin nicht so unwiffend, habe ich doch im vergangenen Jahre mein Examen bestanden. Aber zu Hause findtt sich kein Platz, keine rechte Thättgkeit

Von dm Festlichkeiten zu Ehren des Neunzig­jährigen brauchen wir an dieser Stelle nicht mehr zu berichten. Ich möchte bloß zum warnendm Exempel eine Unglücksmeldung hervorheben: eine Frau mit einem zweijährigen Kind auf dem Arm wurde in dem Fackelzug und Gedränge zu Bodm geworfen. Die Mutter wurde schwer, das Kind glücklicher Weise nur leicht verletzt. Das ist eine alte Geschichte: In Berlin vergeht saft kein zugkräftiges Schauspiel auf offener Straße, ohne daß sich verwegene Eltern mit Trag­kindern in das Gedränge mischen. Ob anderswo die Eltern auch so unvernünftig sind, weiß ich nicht; aber für Berlin ist zweifellos eine Polizeiverordnung am Platze, welche das Mitbrivgen kleiner Kinder bei sol­chen Menschenansammlungen unter Strafe verbietet. Wenn auch die Polizei ihre Augm nicht überall haben kann, so würde doch das Publikum selbst gern diese Polizei-Verordnung ausführen helfen, theils aus Ver­nunft, um die Gefahr von dem Kinde abzuwenden, theils aus Selbstsucht, um einen Platz frei zu be­kommen. Aus die Kunst, einen „weg zu graulen" oder „weg zu ekeln", verstehen sich die Berliner ja meistens sehr gut.

In der Allerseelenzeit, wo Viele zum Grabe von Opfern der Schwindsucht wallen, wird die Zeitungs­nachricht von der Bewährung des Koch'schen Schwind­suchtsmittels besonders lebhafte Hoffnungsgefühle erre- gen. Die frohe Kunde tritt sehr zuversichtlich auf; es soll nur noch einige Wochen dauern, bis Geheimrath Koch der harrenden Welt die Mittheilung macht: So und so wird die Schwindsucht unfehlbar geheilt und der Mensch gefeit (immun gemacht) gegen weitere An­steckung dieser Art. Aber Manchen macht der über« fchwängliche Ton dieser Mittheilung etwas mißtrauisch. Gut Ding will Weile haben; ein so schwieriges und großartiges Ding läßt sich erst recht nicht über's Knie brechen. Mögen sich die Schwindsüchtigen kaltes Blut bewahren, damit sie nicht einer schweren Enttäuschung sich aussetzen. Die Erfahrungen, welche Herr Koch feit Kurzem in einigen Kliniken gesammelt hat, können unmöglich schon ausreichend sein, um die allgemeine und dauernde Heilkraft des Mittels außer Zweifel zu stellen. Es heißt ja auch, daß Herr Koch sich vor­läufig für das ganze Semester, also bis zum Sommer hin, von seiner Lehrthätigkeit frei gemacht habe, um Zeit zur Prüfung und Ausbildung seiner Heilmethode zu finden. Sollten sich die bisherigen Andeutungen bestätigen, so hätten wir übrigens auf einen neuen Impfzwang uns gefaßt zu machen. Wie die jetzt unseren Kindern aufgezwungene Impf-Lymphe gegen Pocken gut sein soll, so soll der von Koch entbedte neue Stoff durch seine Einführung in den Körper den Organismus widerstandsfähig gegen die Schwindsuchts- keime machen. Wenn nun noch weiter Vorbeugungs-

für mich. Doch Sie sprachen vorhin von einem Mittel — — „Mein Mittel heißt eben Arbeit! Arbeit ist nicht allein, wie sooft bemerkt wird, eine Würze des Lebens, sondern sie ist in Wahrheit für den gesunden, that- kräftigen Menschen eine unbedingte Nothwendigkeit; und Ihnen dürste es im vorliegenden Falle gewiß nicht schwer werden, ein paffendes Arbeitsfeld zu finden."

„Meine Verwandten wollen nicht, daß ich in unserer Stadt jetzt schon Stunden gebe," warf das junge Mädchen ein.

„Wohl, so machen fie fich an einem andern Otte nützlich! In der weiten, schönen Welt fände sich ohne Zweifel auch ein Plätzchen für Sie, um ein oder zwei Kinder zu brauchbaren Menschen heranzubilden. Das Bewußtsein, ttwaS Tüchtiges zu leisten, irgend eine gern übernommene Pflicht treu zu erfüllen, wirkt be­ruhigend und erhebend; es ist zugleich das sicherste Gegengift gegen das lähmende Gefühl der Langweile."

Felicitas blickte sinnend zu Boden.

„Ja, das könnte helfen," sagte sie mdlich. Wie gerne wollte ich arbeiten und auf diese Weise ein nütz­liches Menschenkind werden! Aber — werden sie zu Hause es auch gestatten?"

„Warum nicht? Ein solcher Wunsch ist zu natür­lich und verständig, um auf starken, ober vielmehr bauernben Widerstanb zu stoßen. Sie sehen jetzt schon