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JV 252.

Freitag, den 31. Oktober 1890.

r 7. Jahrgang

WZ MA

verantwortlich: Ludwig

Deibel in Fulda.

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (91. Tillmann).

Für die Redaction

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* Sozialdemokratie und Familie.

Eine der extremsten Forderungen der heutigen Sozialdemokratie ist die Forderung der Aufhebung der Familie. In mehreren Berliner Versammlungen wurde die Auflösung der Ehe und des Familienlebens entschieden gefordert, weil nach Behauptung von Führern die Frau nicht eher frei, nicht eher dem Manne eben­bürtig und gleichberechtigt ist, bis diese letzte und grund­legende Einrichtung der heutigen alten Welt vernichtet wird. Man scheute sich nicht, die Ehe als „gesetzlich sanktionirte Prostitution" zu bezeichnen und Bebel hat über die Familie ein Buch geschrieben, das ihm ewig zur Schande gereichen wird, lieber diese radikalen Forderungen der Sozialdemokratie haben sich, unter Hinweis auf die daraus sich ergebenden schmachvollen Forderungen, selbst radikale liberale Blätter entrüstet. Was soll aus der heutigen Gesellschaft, was aus den Menschen se bst werden, wenn der Grundpfeiler jeder gesellschaftlichen Ordnung, wenn die Familie vernichtet wird? Die Aufhebung der Familie und des häuslichen Lebens im sozialdemokratischen „Zukunftsstaate" würde zu Folgerungen führen, die zu schildern die Feder sich sträubt. Mit dem Schwinden der Ehrfurcht vor der Familie folgen bald die scheußlichsten Laster, welche für die antike, heidnische Welt ein Hauptgrund ihres Unterganges wurden. Wie hoch stand in der alten Welt das Judenthum gegenüber der gebildeten klassi­schen Welt durch die Heilighaltung seines Familien­lebens da! Das Christenthum hat alsdann der Familie durch Erhebung der Ehe zu einem Sakramente eine noch viel edlere Gestalt gegeben, und diese christliche, sakramentale Ehe ist die beste Grundlage unserer heutigen Civilisation. In neuerer Zeit, in der Höhen­periode des nun sinkenden Liberalismus, ist indeß eine andere Anschauung hervorgetreten, wonach die Ehe weder auf der Natur, noch auf göttlicher Anordnung, sondern auf freiem Verttage beruhen soll. Dadurch müssen die Familienbande gleicherweise ihre Heiligkeit wie ihre Festigkeit verlieren, und wohin dies in praxi führt, kann man schon jetzt in Amerika wahrnehmen. Dort schwindet immer mehr der Sinn für Häuslichkeit bei den Frauen, bei den Kindern die Pietät gegen ihre Eltern, die Familienglieder stehen als abstrakte Indi­viduen neben einander. Das ganze Leben wird dadurch leer und gemüthlos, was allmählich zu einem entsetz­lichen Zustande führen muß. Wir sind auf bestem Wege, in amerikanische Zustände zu gerathen. Nur die allgemeine Rückkehr zur sakramentalen Ehe und zu einem daraus erblühenden, wahrhaft christlichem Familien­leben kann die heutige Gesellschaft retten. Der Libera­lismus hat die Ehe entheilige, die Sozialdemokratie verlangt, konsequenter, die vollständige Aufhebung der

Sonnenried.

Roman von Marga Brechten.

(Nachdruck nicht gestattet.)

1. Kapitel. ,

In Sturm und Regenschauer.

Und war es nur ein einz'ger Blick

Aus 'einem Äug' zum andern;

Und war es nur ein einz'ger Gruß —

C laß mich fröhlich wandern!

Behüt' dich Gott am Waldessaum Du Hütte klein und nieder; — Ich träumt' in dir den schönsten Traum, Ich seh' dich nimmer wieder!

I.

Es war ein stiller, langweiliger Sonntag Nach­mittag. Sie weilte schon zwei Stunden am Fenster und blickte die lange, öde Straße hinab.

Heißer Sonnenglast lag auf dem staubigen Pflaster, und nur wenige Spaziergänger wandelten ganz in der gerne; alle aber bogen an dem Eckhause der Vorstadt ab, und Niemand näherte sich dem einsamen Garten­hause, wo Felicitas saß. Ach, sie hätte so gerne Be­such gehabt und sehnte sich so nach irgend einem ftennd- lichen Gesichte, nach einem Gaste, dessen leichtes Ge­plauder ihr über den endlos langen Nachmittag hin­weg geholfen hätte.

Heute fühlte sie sich einmal wieder recht Unglück- I

Ehe. Die Zerstörung der christlichen Familie würde aber das Ende unserer Civilisation bedeuten.

Deutsches Keich.

Berlin, 29. Oktober.

* Der Kaiser empfing gestern Nachmittag den Fürsterzbischof von Prag, Kardinal Grafen Schönborn, den er später auch mit einer Einladung zur Gala-Tafel zu Ehren des Königs der Belgier beehrte. Der König der Belgier besuchte heute Vormittag die Grab­stätte Kaiser Friedrichs in der Friedenskirche zu Pots­dam und legte einen prachtvollen Kranz auf dem Sarkophage nieder. — Der große Zapfenstreich, welcher gestern zu Ehren des Königs der Belgier in Potsdam stattfand, ist glänzend verlaufen. An dem­selben nahmen 1300 Musiker und Tambours Theil.

* Der Pariser .Gaulois' veröffentlicht heute ein von Invektiven wimmelndes Telegramm, welches der berüchtigte boulangistische Abgeordnete Laur an den Grafen Moltke zu dessen Geburtstage abgesandt hatte. Das deutsche Telegraphenamt hat die Beförderung selbstredend verweigert, worauf Laur seine Zeilen dem Feldmarschall durch die Post zugesandt haben soll.

* Die Vermählung der Prinzessin Viktoria von Preußen mit dem Prinzen Adolf von Schaumburg- Lippe findet am 19. November in Potsdam statt.

* Die Verleihung des Fürstentitels an den Grafen Stollberg-Wernigerode stellt sich nach einer Mittheilung des ,Reichsanzeigers' nur als eine Be­stätigung einer älteren Verleihung dieses Titels an die Familie aus dem Jahre 1742 dar. — Der,Post' wird geschrieben, daß der jetzige regierende Graf Otto unter Vorlegung des Beweismaterials den Kaiser gebeten habe, „in Verfolg jener kaiserlichen Entschließung von 1742 ihm und in begrenztem Umfange seinen Nach­kommen bezw. Nachfolgern die Führung des fürstlichen Titels zu gestatten. Als solche Begrenzung war gleich­zeitig gebeten, daß der fürstliche Titel auf das jeweilige Haupt des Hauses. und auf dessen Kinder, sowie auf die Kinder des jeweiligen Erstgeborenen als präsumtiven Nachfolgers überzugehen habe, während die Kinder der nachgeborenen Söhne auch künftig Grafen genannt werden sollten." In diesem Sinne ist die Verleihung auch erfolgt.

* Major v. Wißmann begibt sich morgen nach Lauterberg a. H., um sich von seiner Mutter zu ver­abschieden, worauf er die Rückreise nach Ostafrika antritt.

* Dr. Peters soll, wie verlautet, seinen früheren Gedanken, die ihm dargebotene Spende zu Gunsten der Wissmann'fchen Dampfer zu verwenden, wieder aufgegeben haben.

lich. Warum eigentlich? Ja, das war schwer zu sagen; besaß sie doch einen guten, nachsichtigen Vater, eine für alle ihre Bedürfnisse sorgende Tante und — zwei Schwestern, bildschöne, fröhlich lachende Mädchen. Aber o! Das war ja gerade der wunde Punkt. Feli­citas selbst war die jüngste der drei Geschwister, nicht schön und anmuthig wie die Schwestern, sondern un­bedeutend, scheu und linkisch, mit einem ernsten, etwas gedrückten Gemüthe.

„Unsere Jüngste wird es leider nie verstehen, sich die Liebe eines Mannes zu erringen", hatten die Eltern einst zu einander gesagt. „Ihr stilles Wesen eignet sich mehr für oen Beruf einer Lehrerin, als für den heiteren Familienkreis." — Somit war über Felicitas Zukunft entschieden.

Nachdem ihre Ausbildung vollendet, kehrte sie in das Vaterhaus zurück, verschlossener und ihm entfrem­deter, als bevor sie gegangen. Die Mutter war unter­dessen geftorben, und Tante Josephe, eine nahe Ver­wandte, hatte bereit Platz eingenommen. Der Vater, welcher eine Gymnasiallehrerstelle bekleidete, zeigte sich fast nur des Abends im Wohnzimmer, und dann war er stets müde und abgespannt. Aber die schönen, talentvollen Schwestern verstanden es vottrefflich, ihn zu erheitern; Illa spielte und sang, und die heitere Toni scheuchte vlandernd und kosend die Sorgen von des Vaters Stirne.

* Der .Reichsanzeiger' veröffentlicht amtlich einen Bericht des kaiserlichen General-Konsuls in Sansibar über die Ermordung der deutschen Reichsangehörigen Künzel und Genossen in Witu. Der Bericht bestätigt im Wesentlichen die bisherigen Angaben über die trau­rige Katastrophe. Es heißt in dem Bericht u. A.: Der Vertreter der früheren Witu-Gesellschaft Weiß aus Lamu berichtet, daß in jenen Gegenden in den letzten Monaten eine allgemeine Gährung herrschte und jeder kleine Zwischenfall Anlaß des Losschlagens werden konnte. Der von englischer Seite veranlaßte öffentliche Anschlag des Dekrets Seggid Alis gegen den Sklaven- verkanf im Zollhause zu Lamu erfolgte, ohne daß die Macht vorhanden war, eine solche einschneidende Ver­fügung auch durchzusetzen, und so bedurfte es nur des unvorsichtigen Auftreten Küntzel's, um einen blutigen Ausbruch der Volkswuth herbeizuführen.

* Helgoland wird aller Wahrscheinlichkeit nach nicht den Reichstag, sondern den preußischen Landtag in erster Linie beschäftigen. Nach reiflicher Prüfung aller Verhältnisse ist man an den entscheidenden Stellen zu der Ueberzeugung gelangt,daß staatsrechtlich Helgoland an Preußen anzuschließen sei, während der Helgoländer Hafen Reichskriegshafen geben wird. Die neuerdings wieder lebhaft hervorgetretene Befür­wortung eines festungsmäßigen Ausbaues der Insel hat in unfern amtlichen Kreisen wenig oder gar keinen Rückhalt; Festungsbauten irgendwelcher Art sind gar nicht in Aussicht genommen. Auf dem Helgoländer Oberlande wird eine Küstenbatterie aufgestellt werden und der Hasen wird in die Gewalt unserer Reichs­kriegsmarine gegeben werden, im übrigen wird die Insel so bleiben, wie sie ist.

* Die ,Berl. Börsen-Ztg.' will aus Parlamentär!-' schen Kreisen erfahren haben, daß dem Landtage ein Gesetz-Entwurf über die Verwendung der Sperrgelder zugehen wird, in welchem den Wünschen des Centrums entsprechend den Bischöfen und anderen kirchlichen Be­hörden betreffs der Verwendung der Gelder größere Machtbefugnisse eingeräumt werden sollen.

* In Bremen sind vom 25. bis 29. d. Mts. 9800 Brasilien-Auswanderer aus dem Königreich Polen und dem Gouvernement Volhynien eingetroffen. In den nächsten Tagen werden noch bedeutende Zuzüge er­wartet.

* Trier, 29. Okt. Der hochwürdigste Herr Bischof Dr.Korum begeht am 23. Dezember d.J. fein ^jäh­riges Priester-Jubiläum. Die Geistlichkeit der Diözese hat sich aus diesem Anlaß entschlossen, dem hochwür­digsten Herrn einen gemeinsamen Beweis ihrer Ver­ehrung und Ergebenheit darzubringen. Es konnte dieses Beispiel des Klerus nicht verfehlen, auch in den Kreisen der Laien das Verlangen zu erwecken, an der Feier

„Weiß mein stilles Vögelchen denn nichts zu er­zählen?" fragte er manchmal und strich zärtlich über das krause Haar der jüngsten Tochter. Beschämt schüttelte Felicitas das Köpfchen und ein bitteres Ge­fühl zog durch ihre Seele. O, warum war sie fo ganz anders geartet als Jene? Sie fühlte sich so einsam, so überflüssig in dem Hause, wo Niemand ihrer bedurfte. Unterrichten sollte sie noch nicht, und Tante Josephe hatte ein- für allemal erklärt, daß sie sehr wenig Geschick für das Hauswesen habe. Alles dieses machte ihr Gemüth nur noch schwerer und drückte ihrem Gesichte, das lange nicht so häßlich war, als sie selbst meinte, den Stempel der Unzufriedenheit auf.

Die große Wanduhr schlug fünf. „Ach Gott, erst fünf Uhr", seufzte Felicitas und drückte die Stirne gegen die Scheiben. Zwei große Thränen standen in ihren Augen. Sie drängte sie rasch zurück und ein trotziger Zug umspielte ihre Lippen, als ihr Ohr leise Klänge aus dem Nebenzimmer vernahm. Das Vorspiel war beendet, und nun tönte Jlla's prachtvolle Altstimme herüber: „Wenn Du noch eine Heimath hast,

So klage nicht und sei zufrieden!"

Da kam es wie eine leise Mahnung über das ein­same Mädchen am Fenster. Ein unbestimmtes Gefühl der Reue schlich über ihr Herz; dann schob sie hastig ihren Stuhl zurück, nahm Hut und Tuch und eilte aus dem engen, heißen Zimmer.