V 251.
Donnerstag, den 30. Oktober 1890.
17. Jahrgang
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* Eine Kritik des kommunistischen Sozialismus
hat in einer soeben erschienenen kleinen Schrift*) der bekannte Jesuit Victor Cathrein gegeben. Wir empfehlen das Büchlein nachdrücklich der Aufmerksamkeit zunächst aller Derjenigen, welche einer raschen Orientirung auf dem weiten Felde der sozialpolitischen Fragen bedürftig sind. Diesen Zweck zu erreichen, ist die Schrift in hohem Grade geeignet. Scharf betont der Verfasser die unbedingte Nothwendigkeit der theoretischen Bekämpfung der Sozialdemokratie und geht dabei auf Grund einer umfangreichen sozialdemokratischen und sonstigen Literatur (Marx, Lassalle, Bebel, Stern; Schäffle, Paulsen, R. Meyer u. s. w.) auch in zahlreiche Einzelheiten des sozialistischen Systems ein, statt sich mit der zuweilen beliebten „Widerlegung in Bausch und Bogen" zu begnügen. Es ist ja leicht, sehr leicht, i in allgemeinen Ausrufen über sozialistische Utopteert sich ■ zu ergehen, die Vorschläge derselben mit Verachtung j zu behandeln oder in's Lächerliche zu ziehen. Damit i ist aber wenig geholfen. Selbst Diejenigen, welche bloß • durch Verführung in die sozialistischen Jrrthümer ver- ■ strickt sind, lassen sich dadurch nicht eines Besseren be- : lehren. Man muß sich vielmehr an der Hand der i sozialistischen Schriften nach Möglichkeit in das ganze ; System hineindenken, die Grundlagen, auf denen ' es ruht, untersuchen, die Hauptforderungen, die es stellt, einzeln und im Zusammenhang mit den übrigen prüfen. Das erste Kapitel der Schrift setzt zunächst kurz den Begriff des Sozialismus und sein Verhältniß zum Kommunismus fest und ergänzt die Definition durch Mittheiluugen zur Geschichte des Sozialismus (vor- i wiegend des deutschen) bis auf das Gothaer Programm und Bebel's „Sommernachtsträume." Im zweiten Kapitel werden die unhaltbarm Grundlagen des Systems dargelegt: die falschen philosophischen und
*) Der Sozialismus, feine Untersuchung seiner Grundlagen und Durchführbarkeit. Bon Victor Cathrein 8. J. Separat- Abdruck aus des Verfassers „Moral-Philosophie". Freiburg i. Br. Herder'sche Berlagshandlung. 1890. 116 S. 8c. Preis 1,20 Pfg. 1
„Ave Maria."
Reiseerlebnisse aus dem „wilden Westen" Nordamerikas von Carl May. '
(Schluß.)
Ich riß da« Messer heraus und schnitt ihm die Santillo-Decke, welche sich heraufgeschoben hatte, kurzweg herunter. Ja, die Kugel war ihm in die Lunge gedrungen. Mich erfaßte ein Schmerz, wie ich ihn in meinem ganzen Leben noch nicht gefühlt hatte.
„Roch wird Hoffnung sein, mein Bruder," tröstete ich.
„Mein Freund lege mich in seinen Schooß, daß ich \ den Kampf erkenne!" bat er. ;
Ich thctt es, und nun konnte er sehen, daß alle Jndsmen, sobald sie sich in der Spalte scheu ließen, sosort der Reihe nach in Empfang genommen wurden. Unsere Leute kamen nach und nach alle herab. Die Gefangenen wurden von den Fesseln befreit und erhoben laute Rufe der Freude und Dankbarkeit. Ich beachtete 1 das Alles nicht, ich sah nur dm sterbenden Freund, 1 dessen Wunde aufhörte zu bluten. Ich ahnte, daß er sich innerlich verblutm werde.
„Hat mein Bruder noch einen Wunsch?" fragte • ich ihn. >
Er hielt die Augen geschloffen und antwortete nicht;
ich aber hielt feinen Kopf in meinen Armen und wagte i nicht die geringste Bewegung. s
religiösen Voraussetzungen (unbedingte Gleichberechtigung aller Menschen; einseitige Betonung des wirth- schaftlichen Lebens; materialistische Lebens-Auffassung) einerseits, die volkswirthschaftlichen Grundlagen (Werth- Theorie und ehernes Lohngesetz) anderseits, woran sich noch Bemerkungen über das Verhältniß des Sozialismus zum Liberalismus schließen. Das dritte Kapitel (Unmöglichkeit des Sozialismus) enthält die eigentliche Kritik in vier Abschnitten: Die Organisation der Produktion, Ertragshöhe und Fortschritt im Sozialismus, die Vertheilung des Arbeitsprodukts, die Familie in der sozialistischen Gesellschaft. Die Widerlegung einiger einzelnen Einwände macht den Schluß. Positive Reform-Vorschläge hat Cathrein dem zweiten Bande seiner Moral-Philosophie Vorbehalten. Indessen läßt schon diese kleine Schrift durch gelegentliche Bemerkungen erkennen, daß der Verfasser auf demselben Boden steht, wie der Hirtenbrief des preußischen Episkopats und die deutschen katholischen Sozialpolitiker auf dem Lütticher Kongreß. In der Vorrede spricht er nach einer scharfen Verurtheilung des Sozialistengesetzes („nur eine Form des alten Jrrthums, mit äußern polizeilichen Mitteln Jdeeen bekämpfen zu wollen") sich entschieden für praktische Be- kämpfnng der Umsturzbewegung durch eine vernünftige Sozi al-Ref orrn aus. Wäre es der Sozialdemokratie nur darum zu thun, die wirthschaftlich Schwachem zu schützen, zu bewirken, daß auch der geringste Arbeiter sich eines menschenwürdigen Daseins erfreuen. könne, so würde er ihr sofort die' Hand zur ! Mitarbeit reichen; er freut sich, daß der thatkräftige ; deutsche Kaiser die Arbeiterschutzgesetzgebung selbst in seine i mächtige Hand genommen, und auf der letztm Seite i verlangt er, daß „Ernst mit der sozialen Reform" ge- i macht werde, wobei ihm allerdings Neubelebung der ! christlichen Gesinnung durch Freilassung und i Unterstützung der Kirche als nothwendiges Korrelat ! einer guten und wohlmeinenden staatlichen Gesetzgebung i erscheint. ___________________'
Deutsches Reich.
Berlin, 28. Oktober.
* Wird das Jesuitengesetz aufgehoben? Diese i Frage wurde, wie man der ,Köl. Vztg.' schreibt, in einer zu Aachen abgehaltenen großen Katholiken-Versamm- lung von Hrn. Landtags-Abgeordneten Jul. Bachem aus Köln behandelt und bejahend beantwortet, vorausgesetzt, daß die Katholiken energisch und beharrlich für die Beseitigung dieses Ausnahmegesetzes einträten. Die Aufrechterhaltung desselben, so führte Redner u. a. aus, würde in die gegenwärtige innerpolitische Lage ganz und gar nicht pafsen. Mit wel-
Der alte Hillmann und die anderen von ihren Banden befreiten Settlers griffen nach den umherliegenden Waffen und drangen in die Spalte ein. Auch das beachtete ich nicht. Später trat Walker zu mir, welcher auch blutete, und meldete:
„Sie sind Alle ausgelöscht!"
„Dieser wird auch auslöschen!" antwortete ich. „Sie alle sind nichts gegen diesen Einen!"
Noch immer lag der Apache bewegungslos. Die braven Railroaders, welche sich so gut gehalten hatten, und die Settlers mit den Ihrigen bildeten um uns einen stummen, tief ergriffenen Kreis. Da endlich schlug Winnetou die Augen auf.
„Hat mein guter Bruder noch einen Wunsch?" wiederholte ich.
Er nickte und sagte leise:
„Mein Bruder Schar-lih führe diese Männer in die Gros Ventre Berge. Am Metsur-Flüßchcn liegt viel Gold. Sie haben es verdient!"
„Was noch, Winnetou?"
„Mein Bruder vergesse den Apachen nicht. Er bete für ihn zum großen, guten Manitou! Können diese Gefangenen mit ihren wunden Gliedern stehen?"
„Ja," antwortete ich, obgleich ich sah, wie die Hände und Füße der Settlers unter den schneidenden Fesseln gelitten hatten.
chern Rechte man von einer „neuen Aera" feit dem Rücktritte des Fürsten Bismarck reden dürfe, bleibe dahingestellt, so viel aber sei gewiß, daß die Regie- rungSweise eine veränderte ist. Der Kanzlerabsolutismus , wie er sich fast naturgemäß mehr und mehr aus den Verhältniffen des letzten Jahrzehnts herausgebildet, suchte alle unbequemen Parteien, Personen und Regungen durch politische Schachzüge und äußere Machtmittel niederzuhalten. Die am 20. Feb. d. I? gescheiterte Kartellpolitik, die Aufrechterhaltung des PriefterausweisungSgesetzes, des Sozialistengesetzes und des Jesuitengesetzes waren in dieser Beziehung die bezeichnendsten Erscheinungen. Heute haben wir wieder kaiserliches Regiment, welches die Absicht erkennen läßt, unter thatkräftigster Aufrechterhaltung der eigenen Autorität und der Autorität des Staates den verfchiedenen Richtungen innerhalb des gemeinen Rechtes Spielraum zu lassen. Schon jetzt ist eine Wendung zum Bestem in so weit unverkennbar, als an Stelle des erbitterten Kampfes Aller gegen Alle eine gewisse Beruhigung in unser Parteileben eingekehrt ist. In der alles beherrschenden sozial-politischen Frage insbesondere hat Kaiser Wilhelm II. in unzweideutiger Weise feine Willensmeinung dahin bekundet, die hervor- getretenen Mißstände nach Möglichkeit zu beseitigen, zugleich aber die öffentliche Rechtsordnung mit starkem Arm zu schützen: ein Programm, welches sich nicht von heute auf morgen verwirklichen laste, desteu konsequente Durchführung aber die sichere Gewähr des Erfolges in sich trage und auf die nachdrücklichste Unterstützung der deutschen Katholiken, insbesondere der Centrums-Fraktion, rechnen könne. Nur eine Gesellschaft, welche dem Arbeiter und seiner Familie in ihren Lebens-Interessen wirksamen Schutz gewährt, kann auch mit gutem Gewissen gegen Ausschreitungen irgend welcher Art die rücksichtsloseste Strenge an» wenden. Nach dem Erlöschen des Sozialistengesetzes — „einer Form des alten Jrrthums, mit äußern polizeilichen Mitteln Jdeeen bekämpfen zu wollen", wie P. Kathrein in seiner vortrefflichen Schrift über den Sozialismus sagt — ruft der Kaiser gewissermaßen den Parteien zu: „Nun zeigt, was ihr könnt!" Die deutschen Katholiken sind bereit, eifrig und opferwillig an die großen Aufgaben der Gegenwart heran- zutteten; sie dürfen aber anderseits auch erwarten, frei und unbehindert die H i l f s m i t t e l benutzen zu können, welche sie besitzen, und dazu gehören besonders die Orden. Redner fühtte dann aus, daß das Vorurtheil und die Abneigung eines Theiles der protestantischen Bevölkerung, namentlich gegen die Jesuiten kein Gmnd sein dürfe, dieselben unter einem den Tagen des heißesten Kampfes entstammenden, für die katholische Kirche, wie für die einzelnen Katholiken beleidigenden Ausnahme-
„Winnetou bittet sie, ihm das Lied von der Königin des Himmels zu singen!"
Sie hörten diese Worte. Ohne erst meine Bitte abzuwarten, winkte der alte Hillmann. Sie erklimmten einen Felsenabsatz, der zu Hänptcn Winnetou's hervorragte, um den letzten Wunsch des Sterbenden zu erfüllen. Seine Augen folgten ihnen und schlossen sich dann, als sie oben standen. Er ergriff meine beiden Hände und hörte nun das Ave Maria beginnen:
„Es will das Licht des Tages scheiden;
Nun bricht die stille Nacht herein.
Ach, könnte doch des Herzens Leiden
So, wie der Tag vergangen sein!
Ich leg mein Flehen Dir zu Füßen,
O trag's empor zu Gottes Thron, Und laß, Madonna, laß Dich grüßen
Mit des Gebetes frommem Ton:
Ave, ave Maria!"
Als nun die zweite Strophe begann, öffneten sich langsam seine Augen und richteten sich mit mildem, lächelndem Ausdrucke zu den Sternen empor. Dann drückte er mir die Hände und flüsterte:
„Char-lih, nicht wahr, nun kommen die Worte vom Sterben?"
Ich nickte weinend, und die dritte Sttophe begann:
„Es will das Licht des Tages scheiden;
Nun bricht des Todes Nacht herein.
Die Seele will die Schwingen bretten;