JM 250.
Mittwoch, den 29. Ottober 1890.
1^ Jahrgang
Fuldaer Zeitung
Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
Druck it. Bering der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmarm).
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* Generalseldmarschall Gras MoltKe
hat feinen 90. Geburtstag in einer bewundernSwerthen Frische des Körpers und Geistes begangen. Und wahrlich nicht gering waren die Ansprüche, die der 26. Oktober an ihn stellte. Am Vorabend hatte er den großartigen Fackelzug der Berliner Bürgerschaft an sich vorüberziehen lassen und während des ganzen Vorbeizugs unter dem Baldachin, der am Eingänge des Generalstabsgebäudes errichtet war, gestanden, trotz des herbstlichen Wetters und des leichten Regens. Mit weithin vernehmbarer Stimme hatte er für die ihm bereitete, in ihrer Art gewiß einzige Ovation gedankt. Graf Moltke ist ein großer Freund der Musik. Wie fönst an seinem Geburtstage, so wurde er auch diesmal am Sonntag ftüh von einem Choralgesang der Ktmbeu-Kurrende begrüßt, woran sich ein Ständchen des Lehrergesangvereins und die von der Kapelle des Eifenbahnregiments dargebrachte Morgenmusik schlossen. Die ersten Gratulanten waren natürlich Angehörige seiner Familie; 12 Träger des Namens Moltke waren dazu mit ihren Damen erschienen. Dann folgte die Beglückwünschung durch Offiziere und Beamte des Generalstabs, an deren Spitze Graf Waldersee stand. In seiner Erwiderung dankte Moltke den Herren, daß sie es verstanden haben, den guten Klang des Namens des deutschen Geueralstabs aufrecht zu erhalten. Den Höhepunkt der Feier bildete natürlich die Beglückwünschung des greisen Jubilars durch Se. Mas. den Kaiser. Das war eine Szene, welche in der Geschichte fortleben wird für alle Zeiten und deren Darstellung durch Künstlerhand der Nachwelt überliefert werden wird. Der König von Sachsen, die Großherzöge von Baden, Hessen und Sachsen - Weimar, der Prinz - Regent von Braunschweig, Prinz Leopold von Bayern, Prinz Georg von Sachsen und die Prinzen des preußischen Königshauses und andere Fürstlichkeiten, sowie die Spitzen der ganzen deutschen Armee hatten sich schon vorher im Saale des Generalstabsgebäudes versammelt, als der Kaiser im offenen Wagen heranfuhr. Seine Majestät ließ die Fahnen und Feldzeichen des Garde- Korps, die für den Zeitraum von 24 Stunden in der
„Ave Maria."
Reiseerlebnifsc aus dem „wilden Westen" Nordamerikas von Carl May. ,
(26. Fortsetzung.)
Jetzt zog sich Winnetou zurück, und ich that desgleichen.
„Das ist die Höhle des Berges?" fragte ich.
„Ja."
„Wo ist der eigentliche Eingang?"
„An der Seite, die gegen Osten liegt. Aber fein Mensch kann ihn erzwingen."
„So steigen wir hier hinab. Wir haben Lasso's, und unsere Bahnarbeiter sind mit Pferdestricken reichlich versehen."
Er nickte und wir begannen den Abstieg. Es war mir völlig unbegreiflich, warum die Indianer die westliche Seite des Berges nicht bewachten. Eine unbemerkte Annäherung wäre uns dann unmöglich gewesen.
Als wir unten wieder ankamen, tauchte die Sonne hinter dem Horizont hinab, und wir begannen unsere Vorbereitungen. Es wurden alle vorhandenen Stricke gesammelt und zu einem längeren Seile verbunden. Winnetou las sich zwanzig der gewandtesten Männer ans; die Andern sollten die Pferde bewachen. Zwei
Wohnung des Grafen Moltke aufgestellt wurden, unter den Klängen der Hohenfriedberger Marsches vor dem entblößten Hauptes auf dem Balkon weilenden Feldmarschall defiliren, eine Ehre, die einzig in der Geschichte dasteht. Darauf stieg der Kaiser die Treppe empor und begrüßte die glänzende Festversammlung, worauf er den Grafen Waldersee und den General v. Wittich ersuchte, den Jubilar in den Saal zu geleiten. Der Kaiser trat auf Moltke zu und beglückwünschte ihn mit einer zu Herzen gehenden Ansprache. Er dankte ihm, als dem Schöpfer der Siegeskrast unserer Armee, als dem Mitbegründer des deutschen Reiches. Die Moltke von seinem Großvater, Kaiser Wilhelm I., erwiesenen Ehren ließen ihm in seinen jungen Jahren nichts anderes übrig, daher begebe er sich mit besonderem Stolze des Vorrechtes des Monarchen, die Fahnen bei sich zu haben, er bitte, den bereits erworbenen Marschallstab nochmals anzunehmen. Der Kaiser forderte auf, um die Dankbarkeit auszudrücken, daß Moltke verstanden, in Größe nicht allein dazustehen, sondern Schule zu bilden, auszurufen, Feldmarschall Graf Moltke Hurrah! Dann reichte er dem Gefeierten die Hand. Graf Moltke dankte tiefgerührt in kurzen gehaltvollen Worten. Daran schloß sich die Beglückwünschung Seitens der übrigen Fürstlichkeiten. Eine halbe Stunde etwa verweilte der Kaiser im Generalstabsgebäude; als er dasselbe verließ, geleitete ihn Graf Moltke entblößten Hauptes Die Treppe hinab. Auch der Kaiser bedeckte sein Haupt erst beim Verlassen des Hauses. Bald nach dem Kaiser erschien auch der Kronprinz, rnr Matrosenanzng, mit ferne Glückwünsche abzustatten. Dann folgte Deputation auf Deputation. Ungemein zahlreich waren selbstverständlich auch die eingegangenen Glückwunsch- Telegramme. Bereits am Morgen lagen deren nicht weniger als 1000 vor, darunter von nahezu särnrnt- lichen europäischen Fürsten, so von den Kaisern von Rußland und Oesterreich, vorn Sultan, vorn Könige von Schweden rc. rc. Auch vom Fürsten Bismarck war ein in ungemein warmen Worten gehaltenes Glückwunsch-Telegramm eingelaufen, welches Graf Moltke sofort in gleich verbindlicher Weise beantwortete. Der Tag schloß mit einer Festtafel bei den Majestäten im Neuen Palais zu Potsdam ab, an welcher die sämmt- lichen Fürstlichkeiten, welche zur Beglückwünschung her- g kommen waren, theilnahmm und bei welchem der Kaiser den Toast auf den Grafen Moltke ausbrachte. Wenn es eines Beweises bedurft hätte, daß die Verehrung Moltke's eine allgemeine und tiefgehende ist im deutschen Reiche nicht nur, sondern weit über deffen Grenzen hinaus, er hätte nicht glänzender geliefert werden können, als durch, den gestrigen Tag, der zugleich ein hellleuchtendes Beispiel deutscher Dankbarkeit ist.
von diesen aber sollten sich dreiviertel Stunden nach unfern Fortgänge auf die Pferde werfen und in einem Bogen um den Berg herum nach Osten reiten, um weit draußen einige Feuer anzuzünden, doch fo, daß die Prairie nicht anbrannte; dann aber feilten sie schleunigst zurückkehren.
Als es vollständig dunkel geworden war, traten wir die beschwerliche Wanderung an. Wir brauchten länger als eine Stunde, bis wir den Rand des Kraters erreichten. Unten brannte ein mächtiges Feuer, und bei dem Scheine desselben sahen wir die Gefangenen und ihre Wächter liegen. Kein Wort, kein Laut drang herauf zu uns.
Wir befestigten zunächst das Seil, welches lang genug war, an einem Steinblock und warteten dann auf das Erscheinen der Feuer. Es dauerte nicht lange, so erschienen dort im Osten nach einander drei, vier, fünf Flammen, welche den Feuern eines Lagers ganz ähnlich sahen. _ Jetzt blickten und horchten wir gespannt nach dem Kessel hinab. Wir sollten uns nicht getäuscht haben, denn bereits nach kurzer Zeit sahen wir einen Wilden aus einer Spalte erscheinen, der den Andern einige Worte sagte. Diese erhoben sich sofott und verschwanden mit ihm durch die Spalte.
Jetzt war es Zeit für uns. Ich ergriff den An-
Deutsches Keich.
Berlin, 27. Oktober.
* Beim Berliner Haupttelegraphenamt sind am Sonntag für den Grafen Moltke 2099 Gltickwmtsch- telegromme mit 84,484 Worten aus allen Ländern Europas und aus fremden Welttheilen eingelaufen. Auch heute gingen deren noch zahlreiche ein.
* Am Schluffe der letzten Landtagssession (13. Juni 1890) saßen im preußischen Abgeordnetenhause 426 Mitglieder und zwar 118 Konservative, 68 Freikonservative, 85 Nationalliberale, 28 Freisinnige, 99 Zentrumsmitglieder, 15 Polen, 13 Wilde (keiner Fraktion angehörig). Erledigt waren 7 Mandate. Weitere 7 Mandate gelangten seitdem zur Erledigung, während andererseits eine ganze Reihe von Ersatzwahlen stattfand. Augenblicklich sind von den 433 Landtagsmandaten nur 5 nicht vergeben, so daß dar Hans der Abgeordneten zu Beginn der neuen Session einen Effektivbestand von 428 Mitgliedern aufweisen wird. Die Veränderungen in der Stärke der Frattionen im Vergleich zur Mitgliederzahl in der vorigen Tagung sind selbstverständlich nur unwesentlich. Es treten in die neue parlamentarische Kampagne ein die Konservativen mit 116, das Zentrum mit 98 (Abg. Dr. Virnich ist gestorben und Ersatzwahl steht noch aus.), die Nationalliberalen mit 85, die Freikonservativen mit 66, die. Freisinnigen mit 28 und die Polen mit 15 Mitgliedern. Die Zahl der „Wilden" beläuft sich nach wie vor auf 13.
* Die ,Kreuzzeitung* spricht in einer ihrer letzten Nummern ihr Bedenken darüber aus, daß in Preß- brleidiguugsklagen neuerdings häufig zu Gefängniß- ftrafen verurtheilt, und daß der schützende § 193 immer mehr eingeengt wird. Es heißt in dem Artikel: „Klagen wegen Beleidigung durch die Presse haben fast stets einen politischen Hintergrund. Es sind politische Vergehen, um die es sich in den meisten Fällen handelt. Die Majestätsbeleidigung ist außer mit Gefängniß mit Festungshaft bedroht, und unter Umständen wird auch darauf erkannt. Die Privatbeleidigung ist mit Geldstrafe und Gefängniß bedroht, nicht mit Festnngs haft. Offenbar hat der Gesetzgeber an politische Beleidigungsprozesse entweder gar nicht gedacht, obir er hat angenommen, daß in solchen Fällen Geldsttafen zur Anwendung gelangen werde. Das war früher auch vorwiegend der Fall. Neuerdings sind Verurtheilungen zu mehr oder weniger langdauernden Gefängnißstrafen nicht selten. Das ist weder billig noch zweckmäßig. Es begünstigt das Sttohmännerwesen. Vor allem aber kommen durch solche Verurtheilungen Leute ins Gefängniß, die nicht hinein gehören. Man muß das erlebt haben. Wenn ein Redakteur im Gefängniß sitzt, wirkt das auf die ---— ------------ W---
fang der Seiles, um den Ersten zu machen, jedoch Winnetou nahm ihn mir aus der Hand.
„Der Häuptling der Apachen ist der Führer", sagte er. „Mein Bruder komme hinter ihm."
Es war ausgemacht worden, daß die Unserigen uns in solchen Zwischenräumen folgen sollten, daß, nachdem da? Seil den Boden erreicht habe, sich nur je Vier auf einmal an demselben befanden. Winnetou trat an. Ich ließ ihn bis zum ersten Vorsprunge kommen und folgte dann. Mir folgte Fred. Es ging viel schneller bergab, als wir gedacht hatten, da wir uns kaum erhalten konnten. Zum Glücke hielt das Seil, welches von oben langsam herab- und uns nachgelassen wurde.
Natürlich rissen wir eine Menge Steine und Geröll zur Tiefe hinab; es war ja so dunkel, daß wir dies gar nicht vermeiden konnten. Einer dieser Steine mochte ein Kind getroffen haben, denn es begann zu schreien. Sofort erschien der Kopf eines Indianers in der vom Feuer erleuchteten Spalte. Er hötte und sah das Niederprasseln des Gerölls, blickte in die Höhe und stieß einen lauten Warnungsruf aus.
„Vorwärts, Winnetou!" rief ich. „ES ist sonst Alles verloren!"
Die Männer oben merkten, was unten vorging und ließen das Seil schnell laufen. Eine halbe Minute