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JW 248.

Sonntag, den 26. Oktober 1890.

17. Jahrgang

ulsaer Zeitung

Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).

Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.

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Aus der Keichs-SauMM?)

N. Berlin, 23. Oktober.

Die Leute haben plötzlich an Umfang und an Frische der Gesichtsfarbe erheblich gewonnen. Das machen die Wintermäntel, die plötzlich aus dem Dunkel der Kleider- spinde aufgetaucht sind, und die winterliche Luft, welche die Wangen roth schminkt. Berlin steckt nämlich seit einigen Tagen im richtigen Winter; es fehlt nur noch der Schnee. Seit dem Jahre 1848 ist es hier niemals am gleichen Datum so kalt gewesen, als dieser Tage. Die Schneider schwitzen trotz der Kälte, denn nun sollen im Nu alle Lücken im Bestände der Winterüberzieher ausgefüllt werden. Die Kohlenhändler reiben sich ver­gnügt die schwärzlichen Hände; wenn's so dabei bleibt, können sie sich zu Weihnachten einige Dreiprozentige kaufen, vorausgesetzt, daß sie unter 87 stehen. In den Pferdebahnen, Restaurants u. s. w. hört man wieder viel Wettergespräche, meist mit der geistreichen Wen­dung : Die Kälte ist doch viel schöner, als das scheuß­liche Schmutzwetter! Freilich, die Leute haben Recht, aber aller Wahrscheinlichkeit nach werden wir um die hergebrachte Schmutztreterei doch nicht herum kommen. An der Nordsee ist ja heute schon wieder ein „Theil- minimtim" mit Regen eingetroffen. Es wäre jammer­schade, wenn der Moltke-Fackelzug am Sonn­abend Abend vom Regen leiden würde. Denn nach den Vorbereitungen läßt sich etwas wirklich Groß­artiges erwarten. Es wird ja auch wohl Niemanden geben, der nicht dem alten Moltke die herrlichste Be­günstigung der Festfeier gönnte und wünschte.

Der alte Moltke ist wirklich populär int besten Sinne des Wortes. Auch der Umstand, daß er als Reichstagsabgeordneter in die politische Arena herab­gestiegen ist, hat die Allgemeinheit der Verehrung nicht beeinträchtigt. Seine wenigen und fast ausschließlich auf das militärische Gebiet beschränkten Reden haben ihm nicht den Ruhm des „großen Schweigers" ge­raubt, und gerade dieser Titel trägt wesentlich zu seiner Volksthümlichkeit bei. Die Schweigsamkeit gibt einen effektvollen Hintergrund für die großen Thaten des Jubilars. Die Gestalt des schweigenden Schlachten­denkers gewann noch an Reiz durch den Gegensatz zum redseligen Fürsten Bismarck. Fürst Bismarck war in der That von jeher eine mittheilsame Natur. Das er­gibt sich schon aus den reizenden Briefen seiner Jugend und ersten Manneszeit, in denen er den abwesenden Familiengliedern und Freunden recht behaglich und witzig von allen großen und kleinen, privaten und öffentlichen Ereignissen Mittheilung macht. Zum kunst­gerechten Parlamentsredner fehlte ihm manche Eigen­schaft; aber man hatte immer den Eindruck, daß ihm die öffentlichen Reben mit Schmerzen abgingen. Aber doch ließ er sich gerne gehen, wenn er 'mal zur Theil- nahme an einer Debatte veranlaßt war. Die rechte Redelust erwachte aber erst im kleinern Kreise, in der häuslichen Geselligkeit, an den parlamentarischen Abenden. Bei diesen Gelegenheiten seine reichen Erfahrungen und seinen Witz glänzen zu lassen, machte ihm augenschein­lich herzliches Vergnügen. Diesen Charakterzug muß man mit in Betracht ziehen, wenn man seine Zugäng­lichkeit für allerhand Reporter nach feiner Entlassung beurtheilen will. Es stak hinter dieser Interview- Redseligkeit nicht bloß die Absicht, auf die öffentliche Meinung politisch einzuwirken, sondern auch das rein persönliche Bedürfniß, sich vor einem weiteren Publikum, als den nächsten Angehörigen, mal wieder ordentlich auszusprechen über den Lauf der Welt. Er bezeichnete bekanntlich einmal Lafsale als einen „inter­essanten Gutsnachbarn". Es wäre ihm gewiß nichts lieber und nichts gesünder, als wenn er jetzt in seiner unfreiwilligen Muße alle Tage ein halbes oder ganzes Dutzend von solchen „Gutsnachbarn" zum Frühstück bei sich hätte, um sich die Grillen vom Herzen zu reden.

Ein anderer Unterschied zwischen Moltke und Bis­marck ist der, daß sich Graf Moltke aus freien Stücken vom Amte zurückgezogen hat, als er die Einwirkungen des Alters fühlte, während Fürst Bismarck, wenn es :bto6 nach seinem Willen gegangen, zweifellos au seinem

*) Nachdruck nicht gestattet.

Grundsatz festgehalten hätte, daß ein gutes Pferd in den Sielen sterben müsse. Graf Moltke glaubte, daß er ersetzt werden könne; Fürst Bismarck wird auch heute noch der festen Ueberzeugung sein, daß es ein­fach zu den Unmöglichkeiten gehört, für ihn einen Ersatz zu finden. Und dabei kst es noch sehr die Frage, ob wir nicht im Falle einer großen Krisis den alten Strategen mehr vermissen würden, als den alten Diplo­maten.

In die freudige Erregung, welche die Vorbereitungen zur Moltkefeier in Berlin Hervorrufen, fällt leider ein Schatten durch die Kunde von einem abermaligen „Familienmord". Das Wort ist auch wieder so eine traurige Bereicherung des Sprachsatzes. Die Opfer des gräßlichen Familienvaters, der kürzlich seine Frau und seine vier Kinder durch Beilhiebe tödtete, sind noch nicht einmal begraben, und schon hat ein zweiter Familienvater sich und seine Kinder durch Arsenik ver­giftet, bei drei Kindern ist der Tod eingetreten, zwei sind gerettet worden. Es liegt die Vermuthung nahe, daß das schreckliche Beispiel des ersten eingewirkt hat auf den Willensentschluß des zweiten Mörders. In beiden Fälleil lagen zerrüttete Bermögensverhält- nisse vor; aber in beiden Fällen war eine wohlhabende oder doch leidlich gestellte Verwandtschaft vorhanden, so daß sich die Mörder nicht etwa damit entschuldigen können, sie hätten ihre Angehörigen vor dem Verkommen in äußerster Roth bewahren wollen. Von dem letzteren Mörder und Selbstmörder heißt es, er sei früher Oekonom und dann Gastwirth gewesen, habe in Ber­lin eine Stellung als Schreiber oder'Verwalter ge­sucht und wegen Vergeblichkeit dieser Bemühungen sich der Verzweiflung ergeben. In dem ersteren Falle scheint der Mörder, der sein Vermögen verspekulirt hatte und in Schulden gerathen war, gar nicht erst Anstalten gemacht zu haben, um sich eine Brodstelle zu suchen. In beiden Fällen zeigt sich eine krankhafte Scheu vor dem Heruntersteigen in die niedere soziale Schicht, wo man froh ist, wenn man irgend eine Ar­beit hat, sei es welche es wolle, die das tägliche Brod einbringt. Es wird glaubhaft versichert, daß sich unter den Dienstmännern, Straßenkehrern, Erdarbeitern rc. in Berlin Leute befinden, die einst durch Besitz und Bildung den höheren Ständen angehörten. Wie groß stehen diese Charaktere da im Vergleich zu dm Schwäch­lingen, welche lieber zum Mordbeil als zur Arbeits­hacke greifen und lieber sich und die Ihrigen vergiften, ehe sie die „Schande" einer schweißtreibenden Dienst­leistung auf sich nehmen.

Obschon wir im Zeitalter der Sozialreform leben, hat die richtige Werthschätzung aller ehrlichen Arbeit noch längst nicht überall Platz gegriffen. Der eine der Mörder war u. A. Gastwirth gewesen. Als solcher hat er sich jedenfalls hoch erhaben gefunden über den Fabrikarbeiter ober den Knecht. Mit welchem Rechte? Ist es nicht ebenso erhaben und für das Wohl der Menschheit mindestens ebenso nützlich, Zeug zu weben und den Acker zu bestellen, als den trinklustigen Leuten Bier oder Schnaps zu kredenzen? Aber — so wendet man ein — der Gastwirth betreibt ein selbstständiges Gewerbe, der Fabrikarbeiter aber und der Knecht stehen im Solde eines Andern. Dieser äußerliche Unterschied ändert nichts an dem Wesen der Sache. Der Eine arbeitet und der Andere arbeitet auch; der Eine erhält den Lohn für seine Thätigkeit von beit Gästen, bie er bebient, ber Andere von den Leuten, die er bekleiden ober nähren hilft. Ob in letzterem Falle ber Arbeit­geber als Kassirer unb Ertragsvertheiler zwischen bie Masse ber Produzenten und Konsumenten tritt, ist Nebensache. Die Geringschätzung ber „unselbststänbigen" Erwerbsthätigen wäre nur dann gerechtfertigt, wenn bas Kapital einen höheren Rang einnähme als bie Arbeit. Tatsächlich setzen ja auch viele „Selbst- stänbige" gerabe barin ihren Stolz, baß sie Kapital in ihrem Geschäfte stecken haben, währenb ber „Ar­beiter" nichts besitzt, als seine körperliche und geistige Kraft. Aber was ist denn besonders Ehrenvolles darin zu finden, wenn man durch Erbschaft oder Pump in ben Besitz von so vi l Gelb gekommen ist, um sich ein „eigenes Geschäft" zu begründen? Ist der Mann, der keine wohlhabenden Eltern gehabt ober keine Gelb­

verleiher gefunben hat unb also ohne bie Krücken des Kapitals auf eigenen Füßen sich durch das Erwerbs- lebm schlägt, nicht ein ebenso vollgiltiger Mensch und Bürger? Wer'ist denn höher zu achten — der Kapi­talist, welcher ein „feines Herrengarderobe - Geschäft" begründet, ohne etwas gelernt zu haben, oder der ge­schickte und fleißige Zuschneider, der das Geschäft in Gang hält und mit höflicher Verbeugung sein Gehalt aus den Händen des „Chefs" in Empfang nimmt? Wir müssen uns abgewöhnen, bie Augen vom Glanze bes Gelbes blenben unb für bie einfache Erscheinung ber ehrwürbigen Arbeit abstumpfen zu lassen. Der Ruf nach „Gleichberechtigung auf gesetzlichem Gebiete" zwischen Arbeitgebern unb Arbeitern muß unterstützt werben burch eine vorurtheilslose unb gerechte Würdi­gung der wirthschaftlichen und sozialen Unterschiede Seitens der öffentlichen Meinung. Wir müffen lernen, uns alle als Arbeiter zu fühlen, die nach ihrer eigenen Tüchtigkeit und Bravheit und nach nichts Anderem zu schätzen sind. Ob der Eine mit der Feder und der Andere mit der Kelle thätig ist, ob der Eine den Er­trag seiner Arbeit wöchentlich oder ber Anbere erst bei ber Jahres-Bilanz einstreicht, ob ber mit Glücks- oder Geistesgaben reicher Beschenkte so viel verdient, daß er zweiter Klasse fahren kann, während der dürftiger von ber Natur Bedachte trotz seines Fleißes nicht mehr als den Fahrpreis 4. Klasse ausbringen tarnt, ob der Eine weiche Hände in Glacehandschuhen und der Andere eine schwielige Faust in ber Rocktasche stecken hat, ob der Eine in beut groß n unb ber Andere in dem kleinen Leichenwagen herausgefahren wird, das Alles wird vor Gottes Gericht keimten Rang-Unterschied begründen und sollte also auch fei ten Unterschied in der menschlichen Werthschätzung begründen. Armuth und harte Arbeit schänden nicht. Mir dem Munde bekennt man oft diese Wahrheit; es kommt nur darauf an, sie auch überall und immer in Gedanken unb That festzuhalten, in das Fleisch und Blut des Volkslebens überzuführen.

Deutsches Keich.

Berlin, 24. Oktober.

* Die Zusammenkunft zwischen Caprivi unb Crispi findet zwischen dem 5. unb 9. November in Mailand statt. Auf ber Reise dorthin wird Caprivi München berühren.

* Die Prüfungskommission für die Reform des höheren Unterrichts ist unter dem Vorsitz des Mini­sters Dr. v. Goßlcr eröffnet worben. Theilnehmer sind auch ber Geh. Oberregierungsrath Dr. Hinzpeter unb Dr. Güßfeld.

* Ein neuer Marschallstab von besondrer Pracht unb Schönheit wirb das besondere Geschenk sein, welches ber Kaiser bem Grafen Moltke zum 90. Geburtstage barbringen, wirb. Der Stab besteht aus einem etwa 60 Zentimeter langen silbernen Rohr, Welches im Durchmesser 3—4 Zentimeter hält. Dieser eigentliche Stab ist mit dunkelblauem Sammet über­zogen, welcher von oben bis unten abwechselnd mit goldenen Reichsadlern unb Königs-Kronen besetzt ist. Am oberen unb unteren Enbe umsäumen ben Stab abwechselnd Ringe und Perlen, Diamanten unb Ru­binen, sowie bie Widmung des Kaisers: „Kaiser Wil­helm II. bem Generalfeldmarschall Grafen Molktc zum 90. Geburtstage", dazwischen ist eine Guirlande von Lorbeer unb Eichenlaub in Gold eingelegt. Den oberen Deckel der Röhre bildet ein Adler mit Kaiserkrone von Diamanten auf weißem Emaillegrunde, umgeben von einem Kranz von Rubinen, während den unteren Schluß eine weiße Emailleplatte bildet, welche das verschlungene W. R. und Krone, ebenfalls in Diamanten mit Edel­steinumrahmung enthält, auf dieser unteren Platte sind besonders bie Rosen von Saphiren mit befonberer Kunst ausgeführt unb von seltenem Farbenglanz. Die ganze ben Marschallstab bilbeube Röhre ist zur Auf­nahme eines Dokuments bestimmt, in welchem bem Jubilar bie besonbere Gunst des Monarchen ausge­brückt wirb. — Gemualfelbmarschall Graf Moltke ist heute Nachmittag in Berlin eingetroffen.

* Hinsichtlich ber Vieheinfuhr aus Oesterreich-Ungarn sinb seitens des Reichs sowohl, wie seitens ber Einzel-