Deutsches Keich.
®erlin, 20. Oktober.
* Das geftem kurz erwähnte päpstliche Rundschreiben an die Bischöfe, die Geistlichkeit und das Volk Italiens trägt das Datum 15. Oktober. Von der Höhe des Apostolischen Stuhles wirft Leo XIII. seinen väterlichen Blick auf das ihm so theuere Italien, welches ihm stets neue Bitterkeit bereitet. Nach dem Beispiel des hl. Gregor des Großen würde der Papst die Beschimpfungen seiner Person mit Schweigen übergehen; aber der Glaube eines ganzen Volkes ist in Gefahr, und deshalb ist es ihm unmöglich, zu schweigen. Wie man weiß, führen allerwärts die geheimen Gesellschaften Krieg gegen die Religion und die Kirche Jesu Christi. Aber in Italien trägt dieser Krieg einen besonders ausgeprägten Charakter des Hasses und der Verwegenheit. Um die Bevölkerung zu täuschen, gab man vor, es handele sich lediglich um eine politische Frage, und unter diesem Vorwand stürzte man die weltliche Herrschaft. Heute scheut man nicht mehr vor der Erklärung zurück, daß man es auf die geistliche Gewalt selbst abgesehen hat. „Die Wege bereiten zur vollständigen Beseitigung des Papstthums, Italien von seinem unversöhnlichen Todfeinde befreien, aus Rom den Mittelpunkt der allgemeinen Verweltlichung machen, dort die magna charta der menschlichen Freiheit proklamiren," das sind die Beschlüsse der steimaurerischen Gesellschaften, und Italien gehört zu den Ländern, in welchen sie ihre Thätigkeit am kühnsten betreiben. Auch hat der italienische Gewalthaber (Crispi) es offen verkündet. „Der wahre und wirkliche Kampf st^sich ab zwischen dem Kirchenglauben auf der einen, der Vernunft und freien Prüfung auf der andern Seite. Die Regierung hat das Verdienst, dies zu verstehen, und hat sich für die Vernunft entschieden." Leo XIII. beschwört die Bischöfe und die Geistlichkeit Italiens, sich nicht ent- muthigen zu lassen. Er erinnert sie an die Unterweisungen seiner früheren Rundschreiben (Humanum genus und Sapientiae Christianae), welche für Italien eine besondere Bedeutung haben. Dann zu Betrachtungen politischen und sozialen Charatters überleitend, erörtert der Papst, wie der von den geheimen Gesellschaften gegen die Religion geführte föieg nothwendig mit der Vernichtung aller Sittlichkeit, Sicherheit und Ruhe, allen nationalen Gedeihens und Reichthums enden müsse. Die Thatsachen liegen übrigens vor und sprechen beredter als alle Worte. Richten wir" die Blicke auf den Papst, so ist es unzweifelhaft, daß der Ruhm und die Größe Italiens untrennbar sind von der Religion, welche die Seele nicht nur feiner kriegerischen Unternehmungen, sondern auch seiner berühmten Schulen und Universitäten war. Der gegenwärtige Krieg gegen die
„Ave Maria."
Reiseerlebnisse aus dem „wilden Westen" Nordamerikas von Carl May.
(21. Fortsetzung.)
„Habe die Ehre, Sir," sagte er, ebenfalls mit einer Verbeugung gegen mich. Dann fuhr er fort: „Also Ihr glaubt, daß der Colonel den Zettel gesehen hat und schleunigst kommen wird."
„Ich vermuthe es."
„Das würde mir lieb sein, außerordentlich lieb; Ihr könnt es mir glauben!"
Ich glaubte ihm auch ohne Versicherung und Schwur. Er aber erklärte uns:
„Ich habe nur vierzig Mann zur Verfügung, von denen die Meisten jetzt draußen auf der Strecke beschäftigt sind. Würde es nicht am Besten sein, Echo- Cannon sofort vollständig zu räumen und uns auf die nächste Station zurückzuziehen?"
„Wo denkt Ihr hin, Sir! Seid Ihr ein Hase? SBaS sollen Eure Vorgesetzten von Euch denken! Es wäre ja sofort um Eure Stellung gesehen!"
„Wißt Ihr was, Sir? Mein Leben ist mir lieber als meine Stellung. Verstanden!"
»2ch .glaube es Euch! Wie viele Leute hat der Oberst bei sich?" v
»Gerade hundert, und zwar die tapfersten."
Religion und das Papstthum hat Italien in zwei Lager getheilt und ist für die Gesammtheit der Katholiken ein ständiger Grund, es für einen Feind zu halten. Italien würde indessen seine Spaltungen schwinden sehen und sein Name würde wieder, wie einstens, von allen Christen geachtet und geehrt werden an dem Tage, wo den gerechten Ansprüchen des Papstes Genugthuung widerführe und Rom wieder die Hauptstadt nicht nur einer besonderen Nation, sondern der ganzen Welt würde. Das Rundschreiben endet mit einer rührenden Aufforderung zum Gebet und zur Anrufung der Jungfrau Maria, der siegreichen Königin des Rosenkranzes.
* Bei der bevorstehenden Steuerreform in Preußen soll der Abschluß der Veranlagungs-Organisation burdi Errichtung einer obersten Berufungsinstanz beabsichtigt sein als Garantie gegen einen wesentlich vom fiskalischen Gesichtspunkte geleiteten Vollzug der Steuergesetzgebung. In Berlin hat sich eine Gruppe von Geschäftsleuten des Textil-Gewerbes zufammengethan, die sich mit einer Bittschrift an den Fiuanzminister zu Gunsten der Selbsteinschätzung bei der Einkommensteuer wenden will. Darin soll auf die Ungleichheiten bei dem jetzigen Einschätzungs-Versahren hingewiesen werden. In einer Versammlung wurde unter Nennung von Namen erörtert, daß ein Berliner Geschäft, dessen Einkommen 3 Millionen Mark betragen soll, nur mit 1 Million zur Einkommensteuer heraugezogen ist; andere mit 100—200,000 Mk. Einkommen versteuern nur 54,000 Mk., 42,000 Mk. ober gar nur 25,000 Mk., während Geschäfte mit mittlerem Einkommen von 20—40,000 Mk. weit über diese Stuse veranlagt feien.' Es würde die Selbsteiüfchätzung gewünscht auf Grund des Durchschnittseinkommens der letzten drei Jahre. — Wie die „Lib. Corr." aus durchaus zuverlässiger Quelle hört, werden dem Landtage nicht nur die Vorlagen, betr. Reform der Einkommensteuer und der Gewerbesteuer, sondern auch die Vorlage, betr. die Aenderung der Erbschaftssteuer uud die Ueberweisung der Grund- und Gebäudesteuer an die Communalverbände alsbald zugehen.
* Eine definitive Bestimmung über die Organisation der Verwaltung des ostafrikanischen Schutzgebiets kann erst erfolgen' nachdem die bezüglichen Vorschläge des Freiherrn von Soden eingegangen sind. Vorher werden schwerlich auch die damit zusammenhängenden Personenfragen endgiltig entschieden werden. Schon seit längerer Zeit ist die Rede davon, daß der bisherige Gouverneur von Kamerun, Frhr., von Soden, Gouverneur des deutschostafrikanischen 'Schutzgebiets werden soll. Dieser Plan wurde mit den widerspruchsvollen Meldungen in Zusammenhang gebracht, die hinsichtlich des Verbleibens des Majors von Wißmann im Reichsdienst vor einiger Zeit circulirten. Jetzt soll
„Das merke ich!"
„Und wie viele Jndsmen waren es?" „lieber zweihundert mit den Railtroublers." „O weh! Sie schießen uns in Grund und Boden! Ich kenne keine andere Hilfe als die Flucht!"
„Pshaw! Welches ist die bevölkertste Station von hier?"
„Promontory. Es werden dort jetzt gegen dreihundert Arbeiter sein."
„So telegraphirt hin und laßt Euch hundert bewaffnete Männer schicken!"
Er sperrte den Mund auf und starrte mich an; dann sprang er empor, schlug die Hände freubiq zusammen und rief:
„Wahrhaftig, daran hätte ich nicht gedacht!"
„Ja, Ihr seid ein ganz gewaltiges, strategisches Genie, wie es scheint! Diese Leute mögen Proviant und Munition mitbringen, wenn es Euch daran fehlen sollte. Und merkt Euch die Hauptsache: es muß Alles so geheim wie möglich gehen, da sonst die rothen Späher merken, daß sie verrathen sind. Telegraphirt das mit! Wie weit ist es von hier bis Promontory?"
„Einundneunzig Meilen."
„Wird eine Maschine mit Wagen dort sein?" „Stets."
„Gut, so können, wenn Ihr jetzt telegraphirt, die Hilfsmannschastm bereits morgen vor Tagesanbruch
es in der Absicht liegen, die Verwaltung Deutsch- Ostafrika's zu theilen und Major von Wißmann, der am 25. d. M. nach Ostaftika zurückkehrt, zum Gouverneur des Gebiets der großen ostaftikanischen Binnen- seeen zu ernennen. Major von Wißmann wurde zum Kaiser befohlen.
* Die weißen Kleider der „Konfirmandinnen" waren Gegenstand einer sehr hitzigen und tumultuari« schen Erörterung in einer Versammlung der Berliner Gemeinde zum h. Kreuz, in welcher der Fall der Zurückweisung eines weißgekleideten Mädchens von der „Einsegnung" vorgekommen war. Der stark besuchten Versammlung wohnten auch Frauen und junge Personen beiderlei Geschlechtes, selbst Kinder bei. Die überwiegende Mehrheit der Erschienenen gehörte der liberalen Partei an; auch Sozial-Demokraten hatten sich eingefunden, nahmen aber nicht an den lärmenden Verhandlungen Theil. Es wurde schließlich eine Resolution angenommen, in welcher „gegen bas ungerechtfertigte, das evangelische Bewußtsein verletzende Vorgehen des Konsistoriums", welches Unwillen in der Gemeinde erregt und Aergerniß hervorgerufen habe, protestirt wird. Superintendent Krückeberg, der Leiter der Stadtmission, vermochte mit einer dem Konsistorium günstigen Resolution, eine Art motitiirte Tagesordnung nicht durchzudringen. Die Freunde der Verfügung des Konsistoriums wurden in ihren Reden vielfach durch lärmenden Widerspruch unterbrochen ober mit Hinauswerfen bebroht. Auch Gemüsehänbler Hartmann, „ber Vater von bet Kind, wo et sich hier brum handeln dhut", ergriff bas Wort, um im reinsten Berliner Dialekt seine Meinung über den Fall vorzutragen, würbe babei aber so erregt, baß seine Frau es für angezeigt hielt, ihm bas Wort zu entziehen unb ihn mit sanfter Gewalt vom Pobium herunterzuzerren.
* Würzburg, 20. Okt. Domvikar Georg Hem- merich würbe als Kanbibat für ben Reichstag seitens bes Centrums aufgestellt.
* Dresden, 19. Oktober. Die Einfuhr lebenber Schweine aus Oesterreich-Ungarn ist, ebenso wie nach Dresden, Leipzig, Chemnitz unb Zittau, von jetzt an bis auf Weiteres auch nach ben Stäbten Pirna, Meißen, Meerane, Frankenberg unb Dobel unter gewissen Bebingungen gestattet.
* Darmstadt, 19. Okt. Das hessische Konsistorium hat kürzlich ein Schreiben an bie evangelische Geistlichkeit Hessens erlassen, in welchem bie antisemitische Agitation für „nicht vereinbar mit den Christenpflichten unb Amtspflichten eines Geistlichen" erklärt wirb. Schon! Aber wie steht es benn mit ber bei gewissen Prebigern sportmäßig betriebenen Agitation unb Hetze gegen bie „Ultramontanen" unb „Römlinge" ? Wir haben noch nie gehört, baß irgenb ein Konsistorium jier eintreffen. Morgen Abend werden wohl die Späher kommen; bis dahin haben wir Zeit, den Camp noch mehr zu befestigen. Laßt jetzt Eure vierzig Mann zusammengreifen, um die Berfassungsmauer um drei Fuß zu erhöhen! Die Leute von Promontory werden morgen mithelfen. Sie muß so hoch werden, damit die Jndsmen nicht hereinsehen und bemerken können, wie viele Männer hier anwesend sind."
„Sie werden es vom Berge aus sehen, Sir!"
„Sie werden es nicht sehen. Ich werde den Spionen >er Ogellallah entgegenziehen und Euch, sobald ich sie bemerke, ein Zeichen geben. Dann verstecken sich Eure Leute in die Blockhäuser, und die Jndsmen werden glauben, daß sie es nur mit Wenigen zu thun haben. ’ ioch heut schlagen wir rundum an ber Innenseite ber Imfassungsmauer Pfähle in die Erde und nageln Bretter ober Bohlen darauf. So entstehen Bänke, auf welche sich beim lieberfalle unsere Leute stellen, um über die Mauer hinausschießen zu können. Wenn ich richtig vermuthe, so ist der Colonel bereits morgen um die Mittagszeit hier. Dann find wir mit den Leuten aus Promontory über zweihundertvierzig gegen zweihundert Feinde. Wir stehen hinter den Mauern gebest; bie Rothen aber haben keine Deckung und erwarten keine Gegenwehr; eS wäre also eine Unglaublichkeit, wenn wir sie nicht gleich mit ber ersten Salve so heimschickeu, daß sie das Wiederkommen vergeffen."
JV 244.
Mittwoch, den 22. Oktober 1890.
17. Jahrgang
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