V 243.
Dienstag, den 21. Oktober 1890.
17. Jahrgang
uldaer Zeitung
Druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).
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* Der sozialistische ZuKuuftsstaat.
Der sozialistische Zukunftsstaat könnte jetzt von der sozialdemokatischen Presse ungestraft in allen Einzelheiten geschildert werden. Kein Sozialistengesetz hindert es mehr. Man sollte auch glauben, die Führer hätten selbst ein Interesse daran, den Genossen das Bild der Zukunft in den sattesten Farben auszumalen. Aber gar nichts geschieht. Vielmehr wird jeder, der sich über den sozialistischen Staat näher erkundigt, mit Grobheiten überschüttet. „Narren", „krasieIgnoranten", „dogmatische Dickköpfe", „Idioten" werden alle genannt, welche die „naive Frage" stellen: Warum mögen denn die Sozialdemokraten sich so sorgfältig an der Antwort vorbeidrücken?
Das ,Berliner Volksbl.' erklärt unumwunden: Wir wissen es selbst nicht, wie es im Zukunftsstaate aussehen und wie alles gemacht werden wird, ebensowenig, wie wir das Wetter im Zukunftsstaate prophezeien können. Aber man hat sich doch sonst nicht so gescheut, den Zukunftsstaat auszumalen. Bebel z. B. in seinem Buche über „die Frau" weiß sehr viel davon mitzutheilen. Schäffle und Bellamy müssen ebenfalls ein mehr oder minder zutreffendes Bild entworfen haben. Warum arbeitet man das Vorhandene nicht näher aus, verbessert es und so weiter. Man verweist uns jetzt auf die Zukunft, die uns schon alles lehren werde. Aber wenn diese Zukunft morgen einträfe, wenn morgen die Sozialdemokraten die Mehrheit in der Gesetzgebung erlangten, wie denken sie sich daun die Aache? Sie behaupten ja stets, alsdäün werde sofort die goldene Zeit anbrechen. Wo ist das Programm dafür? Jetzt bestreitet das ,Berl. Volksbl.' sogar, daß die Führer jemals erklärt hätten, der sozialistische Staat sei schon jetzt möglich; nie habe ein Sozialdemokrat daran gedacht, solchen Unsinn zu behaupten, nie würde ein Sozialdemokrat solchen Unsinn geglaubt haben. Wir sind im Gegentheil der Ueberzeugung, daß die Partei ihre fanatischsten Anhänger nur deshalb gewonnen hat, weil diese der Ansicht waren, daß der sozialistische Staat schon jetzt zu verwirklichen sei. Für Zukunftsmusik, für Dinge, die nach einigen hundert Jahren kommen sollen, von denen er aber selbst nichts genießen soll, ist unser Arbeiter schwerlich zu begeistern. Solchen Fragen stehen sogar die gebildeten Klassen meist apathisch gegenüber, wievielmehr der von den Sorgen des Tages erdrückte Arbeiter.
Fürchten die Sozialdemokraten vielleicht die Kritik, der ihr Programm begegnen würde? Nun, der „Bourgeois"-Kritik könnten sie ja leicht mit Erfolg die Schimpfereien entgegensetzen, in denen das „Berl. Volksbl." seit Liebknechts Eintritt in die Redaktion so stark ist. Mit Schimpfworten antwortet es ja auch
„Ave Maria."
Reiseerlebnisse aus dem „wilden Westen" Nordamerikas von Carl May.
(20. Fortsetzung.) ,
„Der Kolonel ist einer Schaar von Railtroublern nach?"
„Ja."
„Wie viele Leute hat er mit?"
„Müßt Ihr das wissen?"
„Nun, nothwendig ist es nicht. Wie viele Männer habt Ihr noch hier?"
„Müßt Ihr das auch wissen?"
Während dieser Frage rückte er immer mehr zur Seite.
„Jetzt noch nicht, eigentlich," antwortete ich. „Wann ist der Oberst fort?"
„Müßt Ihr auch dieses wissen?" frag er immer ängstlicher."
„Nun, ich werde Euch erkären warum---"
Ich hielt inne, denn ich hatte Niemand mehr, zu dem ich sprechen konnte. Der kleine Master Ohlers war nämlich mit einigen ganz unbeschreiblichen Angstsprüngen an uns vorüber und zum Eingänge hinaus geflogen. Im nächsten Augenblicke warf er die Thür zu; die langen Eisenstangen flirrten; der Riegel in dem mächttgsten Borlegeschloffe schrillte — wir waren gefangen.
auf die Kritik des Programms durch die ,Freis. Ztg.", eine Kritik, die allerdings auch uns recht vorsündfluth- lich anmuthet und die etwa vor 25 oder 30 Jahren noch Eindruck machen konnte, heutzutage aber trotz der vielen Zahlen nicht mehr ausreicht. Wir müssen annehmen, daß die Furcht vor der Kritik der eigenen Parteigenossen der sozialdemokratischen Presse Schweigen über das Programm auferlegt. Man will Spaltungen vermeiden, die schob jetzt allüberall auszubrechen drohen. Man hat jetzt in der Partei schon soviel Stoff zu Zänkereien, Nörgeleien und Schimpfereien, daß man ihn durch Entwicklung des Zukunftsprogramms nicht noch vermehren will. Namentlich gilt es, die „Jungen" im Zaum zu halten; vielleicht lassen sie sich von dem wilden Vorwärtsstürmen abbringen, wenn man. ihnen einredet, die Zeit für den sozialistischen Staat ist noch nicht gekommen, weitere Entwicklung der Technik u. s. w. müsse ihn sozusagen von selbst herbeiführen u. s. w.
Sodann fürchtet man jedenfalls g^oße Anhängermassen kopfscheu zu machen, wenn man ihnen allerlei utopistische Schilderungen entwirft, denen der nüchterne Verstand Zweifel entgegensetzen muß, oder wenn man ihnen all den Zwang und all die Tyrannei enthüllt, die nothwendig in dem „Freistaate" der Zukunft walten müssen. Noch mehr dürfte für das Schweigen die Erwägung maßgebend sein, daß die immense Mehrheit deS sozialistischen Anhanges gar nicht sozialdemokratisch gesinnt, sondern nur unzufrieden ist und eine Besserung der politischen oder wirthschastlichen Verhältnisse anstrebt. Von den sozialdemokratischen Wählern weiß jedermann, daß sich zu ihnen hunderttausende unzuftiedener Anhänger anderer Parteien gesellt haben. Der übrig bleibende Rest hat sicherlich in seiner Mehrheit keine Ahnung davon, was die Sozialdemokratie eigentlich will. Bezeichnend hiefür ist das Geständniß des „Berl. Volksbl.", daß die Partei ihre bisherigen Erfolge zum großen Theil dem nicht fozialistischen Theil ihres Programms verdanke. Das Blatt mag an dieser Thatsache noch so viel herumdeuteln, das Bekenntniß bleibt, daß eine Unzahl angeblicher Sozialdemokraten gar keine Sozialdemokraten sind. Die Partei hat kein Interesse daran, diese aufzullären, darum wird die Frage nach dem sozialistischen Programm grob ab- gewiesen.
Deutsches Keich.
Berlin, 18. Oktober.
* Heute Vormittag 11 Uhr fand in Potsdam die feierliche Einweihung des Mausoleums für weiland S. M. den Kaiser Friedrich bei der Friedenskirche statt.
Ich drehte mich um und blickte die beiden Gefährten an. Der ernste Winnetou zeigte seine prachtvollen Elfenbeinzähne; der dicke Fred zog ein Gesicht, als ob er Zucker und Alaun verschluckt, und ich — lachte laut und herzlich auf über die nette Ueber- raschung.
„Gefangen, aber nicht Jsolirhaft!" rief Walker. „Das Männchen hält uns für Spitzbuben, hihihi!"
Draußen erscholl der laute Ton einer Signalpfeife, und als ich an die schießschartenartige Fensteröffnung trat, sah ich die draußen beschäftigten Arbeiter zum Thore hereinspringen, welches sogleich geschlossen wurde. Ich zählte sechzehn Mann. Sie standen mit dem Zahlmeister draußen an der Umfassungsmauer und schienen ihre Instruktionen zu erhalten; dann zerstreuten sie sich in die einzelnen Blockhütten, jedenfalls, um ihre Gewehre zu holen.
„Die Exekution wird bald beginnen", meldete ich den Andern. „Was thun wir bis dahin?"
„Wir stecken uns eine Cigarre an," meinte Fred.
Er langte nach einem geöffneten Cigarrenkistchen, welches auf einem der Ballen stand, nahm eine Cigarre heraus und brannte sie an. Ich folgte feinem Beispiele; Winnetou aber that es nicht.
Bald darauf wurde die Thür vorsichtig geöffnet, und die dünne Stimme des Zahlmeisters ermahnte uns bereits von draußen:
An Kaiserin Friedrich ist von vielen Personen, welche das Andenken des unvergeßlichen Kaiser Friedrich am Sarge desselben feiern möchten, die Bttte gerichtet worden, Zutritt zu dem heute geweihten Mausoleum bei der Friedenskirche zu Potsdam zu erhalten. Der .Reichsanzeiger' theilt nun mit: „Ihre Majestät ist tief gerührt über die bei diesem Anlaß hervorgetretenen Zeichen der Anhänglichkeit und Verehrung für den hohen Entschlafenen; sie hegt keinen heißeren Wunich, als diese Gefühle zu pflegen und zu erhalten. Für jetzt ist es jedoch nicht möglich, den Besuch des Mausoleums zu gestatten, weil noch Arbeiten in demselben ausgeführt werden müssen. Sobald diese aber zum Abschluß gediehen sind, wird die Stätte, wo Kaiser Friedrichs sterbliche Hülle ruht, den weitesten Kreisen der Bevölkerung zugänglich gemacht werden. — Der Kaiser verlieh dem Erbauer des Mausoleums an der Friedenskirche zu Potsdam, Geheimrath Professor Raschdorff, den Kronenorden 2. Klaffe.
* Die Eröffnung des preußischen Landtages ist Mitte November zu erwarten, die Meldung eines früheren Termins erweist sich als unrichtig.
* Vertreter der größeren Städte Deutschlands bildeten heute unter Vorsitz des Berliner Oberbürgermeisters ein neues Count« zur Förderung der gemeinschaftlichen Adresse der deutschen Städte an Maltke. Auch die Weimar'sche Staatsregierang hat eine Schulfeier zu Moltke's 90. Geburtstage angeordnet. — Graf Moltke, der am 23. Oktober in Berlin eintrifft, wird während seines hiesigen Aufenthalts im Generalstabsgebäude wohnen.
* Zu Neuordnung der Handelspalitischen Beziehungen mit Oesterreich sind die betheiligten Ressorts mit Vorstudien beschäftigt. Nach der ,N. A. Z.' beginnen muthmaßlich schon im November gemeinsame Besprechungen in Wien.
* lieber eine Unterredung der Centrumsabgeordneten v. Schorlemer und v. Huene mit dem Kultusminister v. Goßler, betreffend die Stellung der Regierung zu dem Verband katholischer Lehrer, hatte die ,Schles. Schulztg.' einen Bericht gebracht, der die Runde durch die Blätter macht. Der Minister sollte danach erklärt haben, daß er dem Verbände, wenn er sich der Form nach auflöse und einen neuen Verein bilde, unter den von den genannten Abgeordneten bezeichneten Voraussetzungen seine Unterstützung angedeihen lassen wolle. Der ,Reichsanzeiger' erklärt nun, daß die behauptete Unterredung niemals stattgefunden habe.
* Der sozialdemokratische Parteitag zu Halle hat das Organisations-Statut in der von der Kommission vorgeschlagenen Fassung angenommen, auch den Partei- Vorstand nach den Vorschlägen der Kommission ge-
„Schießt nicht, Ihr Hallunken, sonst erschießen wir Euch!"
Er trat an der Spitze seiner Leute ein, welche mit bereit gehaltenen Gewehren an der Thür postirt blieben, während er sich hinter ein mächtiges Faß stellte und von diesem verschanzten Lager aus uns drohend seine lange Vogelflinte zeigte.
„Wer seid Ihr?" fragte er mit zuversichtlicher Stimme, da er sich unter dem Schutze seiner Leute und des Faffes für unangreifbar hielt.
„Dummheit!" lachte Walker. „Vorhin nanntet Ihr uns Hallunken, und jetzt fragt Ihr uns, wer wir sind. Geht hinter Eurem Fasse hervor, dann werden wir mit Euch reden!"
„Fällt mir nicht ein! Also, wer seid Ihr?" „Prairiejäger."
Da Waller die Antworten Übernehmen zu wollm schien, so hielt ich mich schweigend.
Der Zahlmeffter frag weiter.
„Wie ist Euer Name?"
„Thut nichts zur Sache!"
„Also renitent! Ich werde Euch noch die Zunge lösen; darauf könnt Ihr Euch verlaffen! WaS wollt Ihr hier in Echo-Cannon?"
„Euch warnen."
„Warnen? Ah! Vor wem?"