JM 241
Samstag, den 18. Oktober 1890.
Fuldaer Zeitung
Für die Redaction verantwortlich: Ludwia Deibel in Fulda. — m „ Art ha«* CHuOtAAV ÖT /CW X
Für die Redaction verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda.
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Laster geben? Hätt Unschuld und Keuschhl nicht die rohe Gewalt
* Der sozialdemokratische Parteitag in Halle soll nach der prahlerischen Versicherung des ,Berl. Vlkbl.' „einen gewaltigen Eindruck" auf die „Bourgeoisie" machen. Das können wir für unseren Theil doch nicht gelten lassen. Was uns Respekt eingeflößt hat, ist bisher nur die große Summe Geldes, über welche die Partei verfügt. Das Gesammtvermögen beläuft sich nach Bebels Bericht auf 171,800 Mark, die in Werthpapieren und Guthaben angelegt sind. So reich ist keine andere Partei. In den drei Jahren vom 1. September 1887 bis zum 30. September 1890 ergaben die Einnahmen 390,509 M., die Ausgaben 383,325 Mark. Opferwillig ist also die Partei sehr und aus dem Arbeitergroschen läßt sich ein hübsches Kapitälchen zusammenbringen, mit dem man dann von Parteiwegen an der Börse spekuliren kann. Herrn Bebel wurde Decharge ertheilt und der Dank des Parteitages für die gute Kassenführung ausgesprochen. Die Kassenführung mag gut gewesen sein, der Kassen- bericht aber, wenigstens soweit die Blätter ihn wiedergeben, ist nicht gut. Selbst der des ,Berl. VolkSbl.' ist höchst konfus und macht es vollständig unmöglich, ein klares Bild über die Einnahmen und Ausgaben zu gewinnen. Woher das vorhandene Vermögen stammt, ist vollends nicht zu erkennen, da die Einnahmen der drei letzten Jahre bis auf etwa 7000 M. wieder verausgabt sind, und nicht angegeben ist, ob aus früherer Zeit etwas übrig geblieben war. Mit wie vielen Kassen gerechnet werden mag und wie die verschiedenen Ziffern einmal über „alle diese Einnahmen und Ausgaben", das andere Mal über die „wirklichen Einnahmen und Ausgaben", ein drittes Mal über „die so zusammengebrachten Gelder" mit einander in Einklang zu bringen sind, dürfte auch dem gewiegtesten Kassenbeamten ein Räthsel bleiben. Die sozialdemokratische Presse soll gegenwärtig 104 Blät- ter mit 600,000 Abonnenten zählen gegen 56 Blätter mit 160 bis 170,000 Abonnenten im Jahre 1878 vor dem Sozialistengesetz. Diese Ziffern, wenngleich wohl etwas stark „abgerundet", flößen uns ebenfalls Respekt ein. Sonst aber haben wir bis jetzt von der „elementaren Wucht" des „Arbeiterparlamentes", des „wirklichen Volkshauses", wenig verspürt. Am ersten Tage ging es in Halle ziemlich her wie auf einem polnischen Reichstage. Es wurde krakehlt und geschimpft. Allerdings war die „Opposition" in der Minderheit, so daß die Fraktion nicht die mindeste Schwierigkeiten haben wird, alle ihre Wünsche glatt durchzubringen. Aber demokratisch geberdete sich dies „Volkshaus" ganz und gar nicht. Wer nicht zu allem, was „oben" für gut befunden wird, „Ja" sagt, muß sich die stärksten Grobheiten gefallen lassen, ja er wird kurzweg „nicht mehr als Parteigenosse angesehen",
Und da kommt ein Dodel und macht den Lesern eines Volkskalenders vor, „es sei keine Frage, es stehe außer Zweifel, daß der Mensch aus thierischen Vorfahren seinen Ursprung" Habel!
Hat Dodel wohl bedacht, was er anrichtet, wenn das Volk von seiner gefährlichen Idee erfaßt wird? Ist die thierische Abstammung des Menschen nicht ein Freibrief zu jeder Zügellosigkeit, Ausschweifung und Grausamkeit? Könnte es für die Nachkommen von Thieren noch Tugend, Pflicht und Recht, Sünde und Laster geben? Hätten Schamhaftigkeit, Ehrbarkeit, Unschuld und Keuschheit noch eine Bedeutung? Müßte nicht die rohe Gewalt „im Kampfe um's Dasein" zur Herrschaft kommen?
Ja, haarsträubend ist das Verderben, das jene Dodel'sche Unwahrheit, wenn sie geglaubt würde, im Gefolge haben müßte. Aber gerade das ist es, was die rothe Internationale, die Sozialdemokratie, erstrebt: Die Auflösung aller Bande der Sittlichkeit, die Entfesselung aller Leidenschaften, eine große Welt- Revolution, in der „im Kampfe um's Dasein" die Stärkeren das Bltit der Schwächeren trinken, durch welche der Atheismus den Gottesglauben, ein allgemeines Thierthum das Christenthum von der Erde vertilgen soll. — ■?--
leblosen Urschleim ableiten sollen, weder in der Beobachtung der Natur selbst, noch in den von ihren Freunden angestellten Versuchen irgend eine Bestätigung gefunden hat; daß die Darwinianer selbst in "wichtigen Punkten ihrer willkürlichen Voraussetzungen sich bekämpfen ; daß die berühmtesten Naturforscher der Gegenwart den gejammten Darwinismus vom rein wissenschaftlichen Standpunkte aus höchstens als eine der Bestätigung harrende Hypothese (Annahme) behandeln; daß endlich diese Annahme, sofern sie auch auf den Menschen ausgedehnt werden soll, nicht nur von allen christlichen Denkern, sondern selbst von einemProf. Dr. Virchow und allen vorurtheilslosen Forschern in die Rumpelkammer phantastischer Hirnge- spinnste geworfen wird.
(*) Der Sturmlauf
der Sozialdemokratie gegen den christlichen Glauben
wird nunmehr mit einer solchen Unverfrorenheit in Szene gesetzt, daß der Ruf derselben „Religion ist Privatsache", nicht sowohl als heuchlerische Maske, sondern vielmehr als Hohn und Spott aufgefaßt werden muß. Als Beweis kann der in einer süddeutschen, sozialdemokratischen Verlagshandlung pro 1891 erschienene Kalender gelten, der seinem Inhalte nach nicht nur die Unzufriedenheit in der Arbeiterwelt schüren, sondern auch den christlichen Glauben in seinen Fundamenten erschüttern soll.
Letzterem Zwecke dient namentlich ein von Prof. Dr. Dodel — berüchtigt durch seine Schrift „Moses oder Darwin" — verfaßter, mit höhnischen Einstreuungen mnd dreisten Unwahrheiten gespickter, wissenschaftlich sein sollender Artikel, der überschrieben ist: „Jrrthümer und Wahrheiten auf den Entwickelungswegen menschlicher Erkenntniß." Mit welcher Unverfrorenheit dieser Feind des christlichen Glaubens die Leser seines Machwerks zum Abfall vom Christenthum zu bringen, ja zur Gottesleugnung zu verführen sucht, ist nicht leicht mit Worten in gebührender Weise zu schildern. Wahrhaft ungeheuerlich ist die Ungenirtheit, womit der Genannte für die breitesten Schichten nuferes guten deutschen Volkes, die weder die Zeit noch die n'öthige Vorbildung haben, ernstere Studien zu machen, folgende Sätze niedergeschrieben hat:
„Es ist keine Frage, daß der Mensch aus thierischen Vorfahren seinenUrsprunghat."
„ Seine Abstamm ung steht heute Nutzer Zweifel. Wir wissen, daß es eine Zeit gab, da noch keines Menschen Fuß durch irdische Gefilde wandelte, weil auch Diejenigen, welche als unsere leiblichen Vorfahren den Kampf um's Dafein kämpften, Ihresgleichen eben nur in der damaligen Thierwelt vorfanden."
„Und als die Nachkommen unserer thierischen Vorfahren bereits schon menschliche Gestalt angenommen hatten, waren sie doch erst Halbmenschen rind zur Hälfte noch Thier" u. j. w.
Man traut seinen Augen kaum, wenn man diese Sätze liest, ist es doch jedem halbwegs Gebildeten bekannt, daß die sogenannte Entwickelungslehre, die von dem Engländer Darwin (1809—1882) Darwinismus genannt wird, nach welcher wir die jetzt lebende Pflanzen- und Thierwelt in ihrer ganzen Mannigfaltigkeit, Schönheit und Vollkommenheit als die (bis jetzt erreichte) Endwirkung blinder Naturkräfte von einigen wenigen und unvollkommenen Urformen oder gar vom
Deutsches Deich.
Berlin, 16. Oktober.
* 3" Potsdam fand heute Vormittag dieUkber- führung der Särge des Kaisers Friedrich und der Prinzen Waldemar und Sigismund von der Grabkapelle der Friedenskirche nach dem neuerbauten Mausoleum in feierlicher Weise statt.
* Der,Staatsanzeiger' veröffentlicht die Ernennung des Regierungs-Präsidenten v. Pommer-Esche zu Trier zum Ober-Präsidenten der Provinz Sachsen.
„Ave Maria."
Reiseerlebnisse aus dem „wilden Westen" Nordamerikas von Carl May.
(18. Fortsetzung.)
Der Richtung folgend, in welcher ich ihn hatte verschwinden sehen, näherte ich mich dem See. Eine etwas erhöhte Felsenplatte ragte über die dunklen Wasser hinein, und auf ihr sah ich die Gestalt des Gesuchten. Er saß hart am Rande, bewegungslos wie eine Statue. Mit leisem Schritte näherte ich mich ihm und ließ mich neben ihm nieder, wo ich in lautlosem Schweigen verharrte.
Es verging eine lange, lange Zeit, ohne daß er sich regte; endlich aber erhob er langsam den Arm, deutete auf das Wasser und sagte wie unter einem tiefen, sein ganzes Nachdenken in Anspruch nehmenden Gedanken:
„Ti pa-apu shi itchi — dieser See ist wie mein Herz."
Ich antwortete nicht. Er fiel wieder in sein Schwelgen zurück, und sagte erst nach einer sehr langen Pause:
„Ntch-nha Manitou naho; shi aguan t’enese — der große Geist ist gut; ich liebe ihn!"
Ich wußte, daß ich mit einer Antwort nur die Entwickelung seiner Gedanken und Gefühle stören
würde; darum schwieg ich auch jetzt. In Folge dessen fuhr er bald fort:
„Mein Bruder Schar-lih ist ein großer Krieger und ein weiser Mann im Rathe; meine Seele ist wie die {einige; aber ich werde ihn nicht sehen, wenn ich einst in die ewigen Jagdgründe gelange!"
Dieser Gedanke stimmte ihn traurig; er war mir ein neuer Beweis, wie sehr lieb mich der Apache hatte; aber mit gutem Grunde entgegnete ich jetzt:
»Mein Bruder Winnetou besitzt mein ganzes Herz; seine Seele lebt in meinen Thateu; aber ich werde ihn nicht erblicken, wenn ich einst in den Himmel der Seligen gelange."
„Wo ist der Himmel meines Bruders?" fragte er.
„Wo sind die Jagdgründe meines Freundes?" antwortete ich.
„Manitou besitzt die ganze Welt und alle Sterne!" erllärte er.
„Warum gibt der große Manitou seinen rothen Söhnen einen so kleinen Theil der Welt und seinen weißen Kindern Alles? Was sind die Jagdgründe der Indianer gegen die unendliche Herrlichkeit, in welcher die Seligen der Weißen wohnen werden ? Hat Manitou die Rothen weniger lieb? O nein! Meine rochen Brüder glauben an eine große, fürchterliche Lüge. Der Glaube der weißen Männer lagt: „Der gute Manitou ist der Vater über alle seine Kinder im Himmel und
auf Erden." Der Glaube der rothen Männer aber sagt: „Manitou ist nur der Herr der Rothen; er gebietet, die Weißen alle zu tobten." Mein Bruder Winnetou ist gerecht und weise; er denke nach! Ist der Manitou der Rothen auch der Manitou der Weißen? Warum betrügt er dann seine rothen Söhne? Warum läßt er sie von der Erde verschwinden und erlaubt den Weißen, zu Millionen anzuwachsen und die Erde zu beherrschen? Oder ist der Manitou der Rothen ein Anderer als der Manitou der Weißen? Dann ist der Manitou der Weißen mächtiger und gütiger als der Manitou der Rothen! Der Manitou der Bleichgesichter gibt ihnen die ganze Erde mit tausend Freuden und Wonnen, und dann läßt er sie herrschen über die Seligkeiten aller Himmel von Ewigkeit zu Ewigkeit. Der Manitou der Rothen aber gibt den ©einigen nur die wilde Savanne und die öden Berge, die Thiere des Waldes sammt einem immerwährenden Tödten und Morden, und sooann verheißt er ihnen nach dem Tode die finsteren Jagdgründe, in denen der Mord von Neuem beginnt. Die rothen Krieger glauben ihren Medizinmännern, welche sagen, daß in den ewigen Jagdgründen die Indianer alle Seelen der Weißen tobten werben. Wenn nun mein Bruder in diesen blutigen Gründen einst seinem Freunde Schar-lih begegnete, würde er ihn tobten?“
„Uff!" rief da der Apache laut und eiftig. „Winne-