JM 239
Donnerstag, den 16. Oktober 1890,
Druck u. »erlag der Fuldaer Actiendruckerei (A. Dillmann).
B
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Fuldaer Zeitung
Für die Redactton verantwortlich: Ludwig Deibel in Fulda. Druck u. »erlag der Fuldaer Acttendruckerei (A. Dillmannl
□ „Religion ist Privatsache."
Diesen Satz will auch das ,Offenbacher Abendblatt' unbedingt in dem sozialdemokratischen Programm beibehalten wissen, und zwar einerseits gegenüber den „in öffentlichen Volksversammlungen" laut gewordenen Stimmen, welche die Beseitigung dieses Satzes aus dem sozialdemokratischen Parteiprogramm gefordert haben, andererseits aber auch gegenüber den vom Staate anerkannten Religionsgesellschaften, die im sozialistischen Zuktmftsstaat nichts zu erwarten haben, als „Repressalien", d. h. Strafen und Gewaltmaßregeln gegen ihre „den Staatszweck vereitelnde Handlungen". Der Satz „Religion ist Privatsache" hat also in dem .Offenbacher Abendblatt' eine zweifache Spitze.
Die letztere ist gegen die katholische Kirche und die anderen christlichen Religionsgenossenschaften gekehrt und wir stimmen dem .Offenbacher Abendblatt' darin zu, daß weder die katholische Kirche noch eine andere christliche Religionsgesellschaft vom sozialistischen „Volksstaat etwas anders zu erwarten haben wird, als -- „Repressalien"': Verbote des Religionsunterrichtes in der Schule, Verbot der Predigt und Christenlehre, Verbot des Beichtstuhls und des geistlichen Zuspruchs am Krankenbette, Verbot der religiösen Bücher, Sonntagsblätter u. s. w. Denn alle diese „Handlungen" werden dem sozialistischen Staate gefährlich erscheinen müssen, weil sie den Materialismus, die Seele des „Volksstaats", verurtheilen. In diesem Sinne mag es uns vollkommen genügen, festgestellt zu haben, daß auch vom .Offenbacher Abendblatt' ein radikaler Kulturkampf des sozialdemokratischen Zukunftstaates gegen die christlichen Religionsgesellschaften signalisirt wird. Kommen wir daher zu der anderen Bedemnng des Satzes: „Religion ist Privatsache" nach dem .Offenb. Abendblatt'.
Dieselbe wendet sich gegen die „Jungen" der sozialdemokratischen Partei, die offen Farbe bekennen und den Atheismus (die Gottesleugnung) als Parteigrundsatz proklamiren möchten, dem von „Genosse" Bebel früher einmal verrathenen wirklichen Programm entsprechend: „Wir erstreben in religiöser Hinsicht den Atheismus, inpolitischer dieRe- pwblik, in wirthschaftlicher denKommunis- mus". Diese „Jungen" sollen das Maul halten. Sie haben schon zu viel „ausgeplaudert von dem inneren Wesen und den wahren Absichten der Sozialdemokratie". Den Redakteuren der sächsischen Arbeiterstimmen ist das gar schlecht bekommen. Der sozialdemokratische Kanzler Bebel hat ihnen gehörig die Köpfe gewaschen. Er hält es nicht für klug, jetzt schon die atheistische Fahne zu entfalten. Die ländlichen Arbeiter sollen nicht kopfscheu gemacht werden
durch offene Angriffe auf die Religion. Er sucht deshalb, im Widerspruch mit seiner früheren oben citirten Erklärung, auch „Religion" im öffentlichen Parteiprogramm festzuhalten, freilich nur als „Privatsache."
Die Offiziösen der Sozialdemokratie müssen ihm dabei sekundiren. Man will dem ländlichen Arbeiter und dem Kleinbauer zunächst nur von der wirthschaft- lichen Seite beikommen. Ist er erst einmal seiner Lage überdrüssig und von gieriger Sehnsucht nach dem Schlaraffenland der sozialdemokratischen Verheißungen erfüllt, dann wird er später ohne große Mühe auch zum völligen Unglauben „bekehrt" werden. Das jist der Plan, der in den letzten Tagen von den Sozialdemokraten selbst oft genug in öffentlichen Volksversammlungen ausdrücklich empfohlen worden ist. Und diesen Plan verfolgt auch das sozialdemokratisch-offiziöse ,Offenbacher Abendblatt' mit seiner Forderung: „Religion ist Privatsache".
Aber, verehrtester Privatreligionsprediger, wozu diese Leisetreterei, diese Feigheit und Heuchelei? Muß es Ihnen von ihrem Standpunkte nicht als eine Lieblosigkeit gegen die „Genossen" und „Brüder" erscheinen, denselben das Licht Ihrer Aufklärung geflissentlich vorzuenthalteu?! Nur die Wahrheit macht frei. Das ist auch Ihr Prinzip. Wenn Sie also, woran nicht zu zweifeln ist, den Glauben an Gott und somit jede Religion für eine Verirrung der menschlichen Vernunft erklären, warum wollen Sie die „Genossen" in den Fesseln des „Aberglaubens", in der Finsterniß „anerzogener Vorurtbeile" stecken lassen? Warum soll es nicht opportun fein, von den „Genossen" den Atheismus zu fordern, da sie doch „Anerkennung der durch vernünftiges Ueberlegen und gründliches Nachdenken findbaren und begreiflichen Thatsachen" verlangen und zu diesen „Thatsachen" ohne jeden Zweifel die thierische Abstammung des Menschen, die ewige Bewegung des ewigen Stoffes rechnen, „Thatsachen", welche bei vernünftigem Ueberlegen jedem gesunden Menschenverstände als höchste Grundsätze des atheistischen Materialismus, mit dem Begriff „Religion" aber schlechterdings unvereinbar erscheinen müssen?! Die Parole: „Religion ist Privatsache" muß demnach vom sozialdemokratischen Standpunkte aus verurtheilt werden. Die ehrliche Sozialdemokratie sagt: „Religion ist ein Unding, Religi on beruht auf Aberglauben und Vorurtheil." Wenn ein Sozialdemokrat anders redet, ist er ein Feigling oder — ein „Quatschkopf".
Deutsches Keich.
Berlin, 14. Oktober.
* Der Kaiser wird bei Eröffnung des preußischen
„Avr Maria."
Meiseerlebnisse aus dem „wilden Westen" Nordamerikas von Carl May. >
(16. Fortsetzung.)
Was war denn das? Das war ja mein eigenes Gedicht, mein Ave Maria! Wie kam dies hierher in die Wildnisse des Felsengebirges? Ich war zunächst ganz perplex; dann aber, als die einfachen, ergreifenden Harmonieen wie ein unsichtbarer Himmelsstrom vom Berge herab über das Thal hinströmten, da überlief es mich mit unwiderstehlicher Gewalt; das Herz schien sich mir ins Unendliche ausdehnen zu wollen, und es stoffen mir die Thränen in großen Tropfen von den Wangen herab.
In Chicago und vor einer Reihe von Jahren war es gewesen, daß mich ein Freund, welcher Musikdirektor war, um den Text zu einem dreistrophigen Ave Moria gebeten hatte. Ich war natürlich sofort bereit gewesen, diesen Wunsch zu erfüllen, und als ich später !^?lnem Konzerte seine Kompositionen fingen hörte, oafj er ein Meisterstück geliefert hatte. Die Zuhörerschaft bAghute den Vortrag, mit einem solchen Applaus, daß das Ave, Waxia noch" zweimal da Capo gegeben wurde. . ...
Und jetzt hörte ich diese Komposition "des Freundes nach Jahren zum zweiten' Male, und zwar an einem
Orte, an welchem ich kaum die Gegenwart eines Indianers, noch viel weniger aber die Anwesenheit eines so gut geschulten Doppelquartetts vermuthen konnte! Als ich die letzten Töne über dem Thale verklingen hörte, riß ich die Büchse von der Schulter, feuerte die beiden Läufe schnell hintereinander ab und gab dem Schwarzschimmel die Sporen. Ich sauste über das Thal hinüber, in das Flüßchen hinein, drüben wieder heraus und dann auf die Blockhütten zu, ohne mich ein einziges Mal umzufeheu, ob mir die Gefährten auch folgten.
Die beiden Schüsse hatte» nicht nur das Echo des Thales geweckt, sondern auch anderes Leben herbeige- rusen. Die Thüren der Blockhäuser öffneten sich und es erschienen Leute, welche besorgt ausschauten, was das Schießen zu bedeuten habe. Als sie einen Weißen in halbwegs civilisirtem Kostüm erblickten, beruhigten sie sich und traten mir erwartungsvoll entgegen.
Bor der Thür des mir nächstliegenden Blockhauses stand ein altes Mütterchen. Ihr Gewand war einfach und sauber; ihr ganzes Aeußere zeugte von fleißiger Arbeit und über ihr Angesicht, welches von schneeweißen Haaren eingefaßt wurde, lag jener selig lächelnde Frieden ausgebreitet, welcher nur das Eiaenthum einer Geqle fein kann, die mit ihrem Gotte m unwandelbarem .^Vertrauen lebt.
„Good ev'ening, grand-mother — guten Abend,
Landtages, wie die ,Börsenzeitung' wissen will eine hochbedeutsame Thronrede verlesen, welche auf die Ziele der kaiserlichen Politik in Steuer-, Wirthschasts- und anderen Fragen von aktueller Wichtigkeit Hinweisen wird.
* Der Berliner OsterstLkgermeißer Dr. v. Forckeu- beck hat die Bürgermeister aller derjenigen deutschen Städte, die über 50,000 Einwohner haben, zu einer großenBersammluug eingeladen, die am 18. d. M. im hiesigen Rathhause stattfindet, und in welcher fest- gestellt werden soll, in welcher Weise sich die bezeichneten Städte an den Ovationen für ben Feldmarschall Grasen Moltke zu betheiligen gedenken.
* Zwischen den Kabinetten der europäischen Großmächte hat, tote der .Post' aus Paris gemeldet wird, hinsichtlich der Mae-Kmleh-Bill ein Meinungsaustausch ftattgefunben. Deutschland hat noch keinen bestimmten Vorschlag formulirt.
* Die Gesetzentwürfe, betr. Abänderung des Pateut- und Musterschutzgesetzes, welche dem Reichstage zugehen sollen, werden von einer Konferenz vorberatheu, die am 17. d. M. im Reichsamt des Innern zusammentritt.
* Das preußische Kriegsministemum hat angeordnet, daß in den Königlichen Militärwerkstätten zu Spandau künftig größere Entlassungen von Arbeitern thunlichst vermieden werden sollen.
* Der König der Belgier trifft am 28. d. M. zum Besuche der kaiserlichen Majestäten hier ein.
* Der Fast Forstes wird immer schöner. Die ,Neue Bayerische Landeszeitung' gibt rundweg zu, daß der betreffende Brief zuerst von ihr veröffentlicht worden fei, fährt jedoch fort: „Aber wir haben nicht gesagt, daß der Bries von P. Fordes sei. Dies haben die andern Zeitungen, die den Bries ohne Quellenangabe mit der Bezeichnung „höchst interessantes Aktenstück" abgedruckt haben, von sich aus erfunden und hinzugefügt. Sie hatten dazu gar kein Recht; denn bet uns hieß es bloß „Brief eines Jesuiten". An dem Lütticher Kongreß nahmen noch mehr französisch sprechende Jesuiten Theil. Herr P. Fordes hat deswegen ganz Recht, wenn er sich von den Zeitungen, die unsere Artikel ohne Quellenangabe abspicken und falsche Namen als Verfasser zitiren, nicht einen Artikel aufhalsen läßt, den er nicht geschrieben hat." Frage: Wer hat denn den P. Fordes als Verfasser des famosen Brieses erfunden, und wer ist der wirkliche Verfasser?
* Gotha, 11. Oktober. Der (protestanten-vereinliche) Protestanteutag hat einstimmig folgende bezeichnende Resolution angenommen:
„Angesichts der Thatsachc, daß für die große Mehrzahl der evangelischen Christen die altprotestantische Dogmatik ihre Geltung und Bedeutung mehr und mehr verloren hat und auch von Großmutter! Ich bitte, nicht zu erschrecken; wir sind ehrliche Backwoodsmen! Wird es uns erlaubt fein, abzusteigen?"
©ie nickte lächelnd und antwortete:
„Welcome, Sir.' Steigt in Gottes Namen ab! Ein ehrlicher Mann ist uns hier stets willkommen. Da seht meinen Alten und meinen Willy; sie werden Euch behilflich sein!"
Die Sänger waren durch meine Schüsse aufmerksam gemacht worden und schleunigst von der Höhe herabgestiegen. Jetzt hatten sie die Wohnungen erreicht, voran ein rüstiger Greis und neben ihm ein prächtiger, junger Mann, hinter ihm noch sechs ältere oder jüngere Männer und Burschen, Alle in der festen, haltbaren Tracht des Hinterwaldes. Auch diejenigen Personen, welche ich vor den anderen Gebäuden hatte stehen sehen, waren herzugetreten. Der Alte streckte mir mit biederer Miene die Rechte entgegen und begrüßte mich:
„Willkommen, Sir, in Helldorf-Settlement! Das ist eine Freude, einmal Menschen zu sehen! Willkommen abermals!"
Ich sprang vom Pferde und erwiderte seinen Handschlag:
>Thank you, Sir! Es gibt keinen schöneren Anblick im Leben, als ein freundliches Menschen-Angesicht. Habt Ihr ein Nachtlager für drei müde Reiter?"